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Bildung ist die wirksamste Waffe gegen AusbeutungInterview mit den Kinderarbeit-Experten Pins Brown und Mike Dottridge von der britischen Organisation Anti-Slavery International
BROWN: Häufig ja, zum Beispiel im Fall der Schuldknechtschaft. Dabei versetzen Eltern die Arbeitskraft ihres Kindes, und es muss so lange arbeiten, bis die Schuld abgetragen ist. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Ein Kind, das zur Schule geht und nebenher arbeitet, um das Familieneinkommen aufzubessern, seinen Job aber aussuchen kann, ist mit Sicherheit kein Sklave.
Sie sind nicht gegen jede Form von Kinderarbeit?
BROWN: Natürlich ist unser Fernziel eine Welt, in der kein Kind arbeiten muss, wenn es eigentlich in der Schule sein sollte. In der Realität aber sind viele Familien vom Einkommen ihrer Kinder abhängig. Einem solchen Kind seine Arbeit zu nehmen, wäre verhängnisvoll für die ganze Familie.
Wo verläuft die Grenze zwischen akzeptablen Jobs und Ausbeutung?
BROWN: Entscheidend sind die Arbeitsbedingungen. Kinderarbeit ist Ausbeutung, wenn Gesundheit, Sicherheit und Moral gefährdet sind. Die UN-Konvention über die schlimmsten Formen der Kinderarbeit von 1999 definiert diese Extreme.
Können Sie Beispiele nennen?
BROWN: Sehr gefährlich und gesundheitsschädlich ist etwa die Herstellung von Feuerwerkskörpern in indischen Fabriken oder die Arbeit in den schlecht belüfteten Diamantenschleifereien. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist, ob die soziale Entwicklung der Kinder Schaden nimmt, weil sie keine Ausbildung bekommen.
Schulbesuch ist also eine notwendige Bedingung?
DOTTRIDGE: Zumindest dort, wo es angemessene Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Menschen, die nie gelernt haben, dass sie anders leben könnten, sind am leichtesten zu versklaven – sie gleichen Pferden mit Scheuklappen.
Gibt Arbeit Kindern nicht auch die Chance, etwas zu lernen?
BROWN: Das Argument hört man oft, es berücksichtigt aber nicht den Teufelskreis der Armut. Sicher erwirbt ein Kind gewisse Fertigkeiten, wenn es zum Beispiel Diamanten schleift. Aber wenn es nicht auch lesen und schreiben lernt, wird es nie seine eigene Diamantenschleiferei betreiben.
Wie viele Kinder arbeiten weltweit?
DOTTRIDGE: Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind es 250 Millionen Kinder unter 14 Jahren. Etwa die Hälfte von ihnen arbeitet Vollzeit, und 80 Millionen fallen unter die Definition der schlimmsten Formen von Kinderarbeit.
BROWN: Allerdings sind die Schätzungen unsicher, weil viele Kinder aus armen Familien nirgendwo registriert sind. Und weil die allermeisten Kinder im Verborgenen arbeiten, im „informellen Sektor“.
Was bedeutet das?
BROWN: Zum informellen Sektor zählen etwa Hausarbeit und Landwirtschaft. Über 70 Prozent der Kinderarbeiter weltweit sind allein in der Landwirtschaft beschäftigt.
Das erscheint harmloser als die Schufterei in finsteren Fabriken.
BROWN: Die Verhältnisse auf Kaffee- oder anderen Plantagen sind um nichts besser als in den Fabriken. Die Kinder müssen oft mit Pestiziden hantieren. Übrigens gibt es dieses Problem nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in den USA, wo vor allem Einwandererkinder in der Landwirtschaft unter miserablen Bedingungen schuften. Sie erhalten oft nicht den gesetzlichen Mindestlohn, arbeiten viel zu lange und ohne Trinkwasser oder sanitäre Einrichtungen.
DOTTRIDGE: Ein krasses Beispiel aus der Landwirtschaft ist die Parfümherstellung in Ägypten. Dort pflücken zehn bis zwölf Jahre alte Jungen nachts Blumen, weil die Blüten nur dann aromatisch genug sind. Die Kinder werden auf überfüllten Pick-up-Lastern im Dunkeln zu den Feldern gekarrt, wobei oft Unfälle passieren. Kinder sind eben leicht zu lenken: Sie bilden keine Gewerkschaften, protestieren nicht gegen Pestizide oder andere Gefahren, auch weil sie kein Gespür für die Gefahr haben.
Und welche Gefahren drohen Kindern, die als Hausangestellte arbeiten?
BROWN: Das sind fast immer Mädchen. Viele leben von ihrer eigenen Familie getrennt in fremden Haushalten. Sie stehen vor allen anderen auf, gehen als letzte zu Bett, schlafen in der Küche, essen Reste und müssen zusehen, wie die Kinder ihrer Herrschaften in die Schule gehen. Die psychologische Misshandlung, unter der diese Dienstmädchen leiden, ist vielleicht nicht so sichtbar, hinterlässt aber bleibende Spuren. Und immer wieder werden Hausmädchen Opfer sexuellen Missbrauchs, niemand weiß, wie viele.
DOTTRIDGE: Generell ist Kinderarbeit umso gefährlicher, je unsichtbarer sie ist. Auf die Lage von Dienstmädchen in Haushalten können wir viel weniger Einfluss nehmen als auf die Verhältnisse in Fabriken.
Gibt es regionale Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen?
DOTTRIDGE: In Lateinamerika geht ein vergleichsweise großer Teil der Kinderarbeiter zur Schule. Vor allem in Brasilien ist ihre Zahl insgesamt gesunken. Dort haben nationale Kampagnen Druck auf die Regierung ausgeübt, und zwar nicht bloß Verbote auszusprechen, sondern den Kindern auch Alternativen zu bieten.
Wie können Regierungen Kinderarbeit aus der Welt schaffen?
BROWN: Costa Rica zum Beispiel hat kürzlich gleiche Mindestlöhne für Erwachsene und Jugendliche vorgeschrieben, so dass der Anreiz schwand, Minderjährige zu beschäftigen.
DOTTRIDGE: Kinderarbeit ist eine logische Folge rein marktwirtschaftlichen Denkens – ebenso wie Umweltverschmutzung. Wenn man mit möglichst niedrigen Kosten produzieren will, greift man zu den billigsten Arbeitskräften. Das sind die Kinder.
Gleiche Mindestlöhne für alle könnten das Problem lösen?
DOTTRIDGE: Theoretisch ja. Aber was in Costa Rica funktioniert, ließe sich in Indien wohl nicht durchsetzen. Man kann nicht von der untersten Sprosse einer Leiter nach oben springen, dann stürzt man ab.
Das klingt deprimierend.
DOTTRIDGE: Es ist deprimierend. Weil die Weltbevölkerung wächst, wird auch die Zahl der Kinderarbeiter steigen – selbst wenn wir extrem erfolgreich sind. Aber als Organisation, die seit 200 Jahren gegen Sklaverei kämpft, hat man einen anderen Zeithorizont.
Was müsste denn Indien konkret für Schritte einleiten?
DOTTRIDGE: Dort gilt es zunächst, die übelsten Auswüchse der Kinderarbeit zu bekämpfen, wie es die neue Konvention vorsieht, die Indien noch nicht ratifiziert hat. Letztlich lässt sich das Problem nicht mit Gesetzen lösen. In einer Gesellschaft, welche die Unberührbaren als eine Art Untermenschen ansieht, ist ein tief greifender kultureller Wandel nötig.
BROWN: Das Beispiel des indischen Bundesstaates Kerala zeigt aber, was sich erreichen lässt, wenn der politische Wille da ist. Obwohl Kerala ebenso arm ist wie die benachbarten Staaten Tamil Nadu oder Andhra Pradesh, arbeiten dort viel weniger Kinder. Stattdessen gehen sie zur Schule.
Was kann der Westen tun, um diesen politischen Willen zu fördern?
DOTTRIDGE: Zum einen Druck auf die Regierungen ausüben, die entsprechenden internationalen Abkommen zu ratifizieren. Weiter können sie durch Entwicklungshilfe Einfluss nehmen. Seit langem gibt es auch Bemühungen, soziale Mindeststandards in die WTO-Vereinbarungen zu integrieren. Beim Punkt Kinderarbeit aber neigen Staaten wie Indien dazu, dies als Imperialismus aufzufassen.
Hat die Globalisierung die Lage der arbeitenden Kinder verschlimmert?
DOTTRIDGE: Die Globalisierung hat mehr Ungleichheit in die Welt gebracht – und damit mehr Ausbeutung. Aber es hat keinen Sinn, gegen eine Flutwelle anzuschimpfen. Stattdessen müssen wir schnell für soziale Standards sorgen. Im übrigen hat die Globalisierung viele Menschenrechtsverletzungen erst sichtbar gemacht, die sich sonst im Verborgenen abgespielt hätten.
Fordern Sie Importbeschränkungen für Produkte aus Kinderarbeit?
DOTTRIDGE: Ich wünsche mir ein Handelsverbot für Produkte, die von Sklaven hergestellt wurden. Was Kinderarbeit im weiteren Sinne angeht, bin ich eher skeptisch. Es gibt Beispiele, dass Kinder in exportorientierten Branchen gefeuert wurden und dann im informellen Sektor landeten, wo die Bedingungen noch übler waren. Zum Glück haben Menschenrechtsorganisationen ihren Schwerpunkt verlagert – von der Forderung nach Handelsbeschränkungen hin zur Bekämpfung besonders gefährlicher Kinderarbeit. Das hat sich als erfolgreicher erwiesen.
Was halten Sie von Boykott-Aktionen?
DOTTRIDGE: Boykotte können unter gewissen Umständen nützlich sein. Allerdings sind sie eine Waffe, die man vorsichtig einsetzen muss, weil sie auch kontraproduktiv sein kann. Das Beispiel des Teppich-Siegels „Rugmark“ (siehe Seite 82/83) zeigt, dass eine Garantie für sozial verträgliche Herstellung mitunter mehr bewirkt als Boykottdrohungen.
BROWN: Man darf nicht vergessen, dass nur drei bis fünf Prozent aller Kinderarbeiter Produkte für den Export herstellen. Viele Leute glauben, wenn sie, nur als Beispiel, Produkte der Firma Nike boykottieren, haben sie etwas gegen Kinderarbeit getan. Aber das geht am Kern des Problems vorbei.
Können denn westliche Verbraucher gar keinen Einfluss nehmen?
BROWN: Die wirksamste Waffe gegen Ausbeutung von Kindern ist Bildung. Wer etwas gegen Kinderarbeit tun will, sollte Bildungsprojekte unterstützen.
Seit 200 Jahren gegen Sklaverei
Anti-Slavery International gilt als die älteste Menschenrechtsorganisation der Welt. Schon vor mehr als 200 Jahren entstanden in Großbritannien Gesellschaften gegen die Sklaverei; 1839 wurde die Organisation formal als British and Foreign Anti-Slavery Society gegründet. Sie trug wesentlich zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire, in den USA und Brasilien bei. Obwohl Sklaverei heute überall auf der Welt verboten ist, existiert sie in der Praxis weiter, etwa in Form von Schuldknechtschaft oder Zwangsehen. Seit 1975 beschäftigt sich Anti-Slavery International auch mit dem Thema Kinderarbeit. Mike Dottridge, 47, leitet die Londoner Organisation seit 1996; Pins Brown, 26, ist Expertin für Kinderarbeit.
Kontakt: www.antislavery.org; Tel. 0044/20/75018920 |
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