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Die Dosen-Überdosis

Dosendrinks sind in der Offensive — zum Schaden der Umwelt

So könnte es bald in deutschen Supermärkten aussehen: Ultraviolette Lampen bestrahlen Getränkedosen, die im UV-Licht leuchten, wie in schrille Discofummel verkleidet. Die Marketing-Gags der Dosenhersteller sind damit noch nicht ausgereizt. Schließlich soll so ein Softdrink ja nicht nur schräg aussehen, sondern sich auch gut anfühlen. Die Frucht muß beim Griff zur Orangenlimonade quasi in der Hand zu spüren sein. Also geben neue Oberflächenbeschichtungen dem Tastsinn das Signal: Apfelsine. Der britische Bierdosenmarkt ist schon weiter. Beim Öffnen wird das Bier mit CO2 aus einer zweiten Kammer aufgeschäumt. Fast wie frisch gezapft.

 

Gegen derartig hochdosierte Effekte hat die Mehrwegflasche in punkto Coolness klar das Nachsehen. Immerhin hält der BUND mit seiner Kampagne „Overdose“ (Überdosis) gegen die Ex-und-hopp-Mentalität: mit einer Hip-Hop-CD, einer jung getexteten Internet-Seite (www.over-dose.de) und Klamotten mit dem Overdose-Logo. Bei Vorführungen mit Skating-Stars waren Jugendliche begeistert. „Die haben ihre Fanta-T-Shirts gegen unsere mit dem Overdose-Logo getauscht“, freut sich Olaf Bandt, Leiter der Overdose-Kampagne.

 

Trotz solcher Überzeugungsarbeit boomt die Dose enorm. Mehr als sechs Milliarden Dosen kippen die Deutschen sich jährlich erst hinter die Binde und dann in den Müll. Der Anteil der Mehrwegflaschen am Getränkemarkt ist unter die gesetzlich vorgeschriebene Grenze von 72 Prozent gesunken. Sollte das so bleiben, fällt im Jahr 2001 ein Zwangspfand von 50 Pfennig pro Dose an. Othmar von Diemar, Vorstand des Dosenherstellers Schmalbach-Lubeca, einer Tochter des bayerischen Atom- und Mischkonzerns Viag, läßt das kalt: „Wenn ein Pfand kommt, greift der Verbraucher zu den leichteren Verpakkungen und unterscheidet nicht mehr zwischen Einweg und Mehrweg.“

 

Eine entlarvende Äußerung, hatten die Hersteller im Streit um Pfandsysteme doch immer Lobby-Overkill betrieben und über milliardenteure Belastungen beklagt. Thomas Elsner, Sprecher des Bundesumweltministeriums, konstatiert nüchtern: „Im Zuge der politischen Diskussion kommt es sicherlich auch hier zu Drohgebärden der Wirtschaft.“ Er sieht Handlungsbedarf, denn obwohl Dosen immer leichter werden – die „Ultra-Light-Can“, die Schmalbach-Lubeca im Jahr 2000 auf den Markt werfen will, wiegt mit 20 Gramm rund 40 Prozent weniger als gleiche Dosen vor zehn Jahren –, bleiben die Ökobilanzen des Umweltbundesamtes von 1995 im Prinzip gültig: Von der Herstellung bis zur Entsorgung verbrauchen Dosen rund dreimal soviel Energie wie Pfandflaschen, tragen fünfmal mehr zum Treibhauseffekt bei und produzieren fast zehnmal so viel Müll. Die Branche schert sich nicht drum: Mit Joghurt in der Dose oder Milchkaffee, der sich in der Dose erwärmen und aufschäumen soll, will sie jungen Leute weitere „Convenience“-Produkte auftischen – Fertiggerichte, die auch die Umwelt fertig machen.



Von KARSTEN SCHÄFER

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