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Der usbekische Patient

Die Menschen am austrocknenden Aralsee leben inmitten eines sterbenden Landes. Ruinöser Baumwollanbau hat ihre Umwelt im Nordwesten Usbekistans zerstört. Als einzige Hilfsorganisation arbeiten vor Ort die „Ärzte ohne Grenzen“. Vordringlich bekämpfen sie die grassierende Tuberkulose. Mit langfristigen Untersuchungen wollen sie aber auch herausfinden, wie vergiftete Böden, Wasser und Luft die Gesundheit der Anwohner zerstören.

Morgens um sechs, die Sonne hat sich noch nicht entschieden, rollt eine weiße „Wolga“-Limousine durch die kalte Luft vor das Haus, um den Arzt Raul Bonifacio zur Arbeit abzuholen. Der usbekische Fahrer grüßt den Filipino freundlich. Raul würde sich gerne mit ihm unterhalten, über seinen Alltag, das Land und die Menschen, für die er seit November hier arbeitet. Viel aber werden sich die beiden nicht zu sagen haben auf dem Weg, der Fahrer spricht nur ein paar Brocken Englisch und Raul weder Russisch noch den turkmenischen Dialekt der Region.

 

Über staubige Straßen geht es vorbei an graubraunen Häusern, an Hühnern, Ziegen und Autowracks, die hinter Lattenzäunen verrosten. Im Morgengrauen laufen träge und warm verpackt die ersten Passanten zur Arbeit. Sie blicken dem Wolga nach. Man kennt die Wagen mit dem roten Schriftzug der „Ärzte ohne Grenzen“, hier, im Norden der autonomen usbekischen Teilrepublik Karakalpakstan, denn sie fahren Hoffnung durch ein trostloses, von der Welt vergessenes Land.

 

Eine Stunde ist Raul unterwegs von der Regionalhauptstadt Nukus zur Kleinstadt Kungrad. Der Wagen überquert eine der Brücken über den Fluß Amudarya, der sich in einem schmalen Bett nordwärts windet. Die alten Ufer sind noch zu erkennen, kaum ein Drittel seiner mächtigen Breite ist geblieben. Viel zuwenig, um den Aralsee zu speisen, dessen wichtigster Zulauf der Amudarya früher war. Seit Jahrzehnten graben die Menschen dem Fluß das Wasser ab; ein weitverzweigtes Kanalsystem leitet es auf Baumwoll- und Reisfelder. Mit Tonnen von Kunstdünger und Pestiziden – darunter das dioxinhaltige DDT – wurden zu Sowjetzeiten immer neue Rekordernten aus den Böden gepreßt; nun sind sie ausgelaugt, und die Menschen leiden unter Armut und den giftigen Rückständen der Monokulturen.

 

Endlos liegen die Äcker in ihrer Winterstarre. Über das erdige Braun zieht sich ein weißer Schleier wie Morgentau. Mittags wird er immer noch dort liegen und auch am Abend. Es ist Salz, Reste von Kunstdünger, Salz aber auch aus dem trockenfallenden Aralsee, das der Wind über Hunderte Quadratkilometer verteilt hat. „Die Menschen haben das Land ruiniert, jetzt ruiniert das Land die Menschen“, sagt Raul, während die Ödnis vorbeizieht.

 

Die Umweltorganisation der Vereinten Nationen erklärte die Aralsee-Region 1992 zum Katastrophengebiet. Raul kam als Arzt hierher, um Menschen in Not zu helfen, aber auch, um zu lernen, wie die miserablen Umweltbedingungen die Gesundheit der Einheimischen schädigen. Jeden Montag und Dienstag besucht er die kleine Tuberkulose-Klinik von Kungrad. Bei den armseligen, aber penibel gefegten Steinhäusern wird er schon erwartet. Der Chefarzt und seine Mitarbeiter empfangen ihn in blütenweißen Kitteln. Visiten stehen auf dem Plan. 68 Menschen werden derzeit in der Klinik behandelt. Neue Patienten warten auf Diagnosen, und bei denen, die schon länger in der Klinik liegen, will Raul die Entwicklung möglichst genau verfolgen.

 

In den düsteren, schwülwarmen Zimmern riecht es nach Desinfektionsmitteln. Sechs bis acht klapprige Eisenbetten mit dünnen Gestalten stehen in den kleinen Räumen. Raul setzt sich zu einer Frau, sie ist 55 und sieht aus wie 70. Tage zuvor brachten Verwandte sie hierher. Der Chefarzt hält ein Röntgenbild ihrer Lunge gegen das Licht, schwarze Flecken verraten die Tuberkulose. Raul schiebt vorsichtig ihre Strickjacke hoch und drückt sein Stethoskop auf ihren Rücken. Die Patientin hustet feucht und schwer, sie hat ihre Infektion verschleppt. Gefiltert durch eine Schutzmaske und eine Übersetzerin, fragt Raul, ob sie schon einmal gegen Tuberkulose behandelt wurde. Die Frau verneint. Hätte sie früher bereits Medikamente gegen die Krankheit genommen, wäre sie womöglich resistent gegen die Wirkstoffe. Eine neue Behandlung könnte ihren Tod hinauszögern, aber die Medikamente sind teuer; Raul und der Chefarzt müssen entscheiden, welche Patienten in die Therapie aufgenommen werden.

 

Der Chefarzt kämpft länger gegen die heimtückische Krankheit als sein junger philippinischer Berater, doch die neuen Zeiten erfordern neue Methoden. Fast 70 Jahre lang war Usbekistan eine Republik der Sowjetunion. Der Staat kümmerte sich um die Gesundheit seiner Untertanen, Geld spielte keine Rolle. Regelmäßig wurden Massenuntersuchungen abgehalten, Infizierte bekamen ihre Medikamente und ihr Bett im Krankenhaus gratis, wenn nötig ein Jahr lang. Der Große Bruder ist seit 1991 verschwunden. Zurück blieb ein unabhängiges und verarmtes Usbekistan. Die öffentliche Gesundheitsversorgung sinkt gegen Null, und gerade hier, rund um Kungrad und im nahen Muynak am Aralsee, explodiert die Zahl der Tuberkulose-Infektionen.

 

Die Krankheit läßt sich nur heilen, wenn die Patienten ihre Medikamente monatelang diszipliniert einnehmen. Das Team von Ärzte ohne Grenzen ist im Land, um den einheimischen Medizinern in einem langfristig angelegten Projekt das sogenannte DOTS-Programm zu vermitteln. Das englische Kürzel steht für eine sorgfältig kontrollierte Therapie. Verläuft die Heilung gut, werden die Patienten nach zwei Monaten entlassen. Krankenschwestern und -pfleger besuchen sie zu Hause und überwachen dort die weitere Einnahme der Medikamente.

 

Die Ausrüstung der Klinik ist spärlich, die Verpflegung der Patienten einseitig; Brot, Reis und Nudeln gibt es reichlich, Vitamine in Form von Gemüse und Obst dagegen kaum. Aber auch das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten zeugt von Mangel. Auf den Fluren und in den Zimmern herrscht traurige Stille.

 

Radiomusik, Kartenspielen, selbst das Reden in Zimmerlautstärke sind verboten. So war es damals, warum sollte man es ändern, meint der Chefarzt. Raul konnte ihn noch nicht überzeugen, daß Lachen die beste Medizin der Welt ist. „Manche, die dem alten System und ihrem Status nachtrauern, mißtrauen uns“, sagt er. „Dem Chefarzt versichere ich immer wieder, daß unser DOTS-Programm genauso effektiv, aber viel billiger ist als die frühere Langzeit-Behandlung.“

 

Vieles trennt die Einheimischen und die Fremden, nicht allein die Sprache. Doch gelegentlich kommt man sich näher. Nach der Visite trifft im Krankenhaus Besuch aus Nukus ein. Der Landeskoordinator für das Tuberkulose-Programm, ein stämmiger kleiner Arzt mit Echsenaugen, ist mit fünf Mitarbeitern zur Inspektion angereist. Der Rundgang dauert nicht sehr lange, denn der Chefarzt des Krankenhauses hat die hohen Gäste nach Hause zum Mittagessen eingeladen.

 

Im Wohnzimmer drängen sich an einer langen Tafel 14 Gedecke um Berge von Fladenbrot, schwere Schüsseln voller Salat und Plow – Reis mit Karotten und Hammelfleisch –, das Nationalgericht. Ein üppiges Festmahl, angesichts der Armut im Land. Zwischen Coca-Cola-Flaschen ragen unauffällig kleinere Behältnisse hervor, und Raul ahnt, was auf ihn zukommt. Der oberste Chef aus Nukus beginnt auf Russisch den ersten Trinkspruch, während sich der Gastgeber beeilt, rund um die Tafel die bereitstehenden Wodka-Schälchen zu füllen. „Auf unsere Freunde von Ärzte ohne Grenzen, auf das DOTS-Programm und unsere hervorragende Zusammenarbeit“, prostet der Wortführer und ermahnt die Gäste, ihre Schalen in einem Zug zu leeren.

 

Fünf dieser Wodka-Angriffe muß Raul mit gerötetem Gesicht überstehen. Er, der keinen Alkohol mag und verträgt, müht sich redlich, während der Reden nicht unkontrolliert zu grinsen. Mit einer Ausrede versucht er, sich dem Ritual zu entziehen. Doch echte Männer, erfährt er vom Tischende kategorisch, trinken immer aus. Zu allem Überfluß werden dem Vegetarier auch noch die größten Hammelstücke auf den Teller gelegt. Schließlich erscheint auf einem silbernen Tablett der gekochte Kopf des Hammels. Der Landeskoordinator schneidet kleine Hautlappen ab und reicht sie herum. Wer will, kann nein sagen, aber wer will schon die junge Zusammenarbeit gefährden? Raul beißt widerwillig in die rauhe, süßliche Haut und spült mit Wodka nach.

 

Abends will Raul ins Zentralbüro nach Taschkent fliegen, doch der Flug fällt aus. Terroristen haben am Morgen in Taschkent sechs Bomben gezündet. Eine sollte den usbekischen Präsidenten zerreißen; der blieb unversehrt, aber 15 Menschen starben, und mehr als 150 wurden verletzt. Die Regierung verhängt ein Flugverbot, Raul sitzt in Nukus fest. Angst hat er nicht, jedenfalls zeigen seine großen Augen und die sanften Gesichtszüge keine Aufregung. Während seiner Einsätze für Ärzte ohne Grenzen hat er Schlimmeres gesehen. Im benachbarten Afghanistan erlebte er die Machtübernahme der Taliban-Milizen und den brutalen Rückfall des Landes ins Mittelalter.

 

Ob ihn solche Erinnerungen bedrängen, gibt Raul nicht zu erkennen, Fragen danach weicht er aus. An diesem Abend ärgert ihn vor allem, daß er mit seiner Arbeit in Taschkent nicht weiterkommt. Aus Mangel an Personal arbeitet er seit Wochen in dreifacher Funktion: Als Arzt betreut er Patienten, als Epidemiologe sammelt er Daten für langfristige Studien, und als medizinischer Koordinator des Projektes ist er in Taschkent zuständig für die Beschaffung der Arzneimittel.

 

Das Attentat auf den Präsidenten hat Folgen auch für Ärzte ohne Grenzen. Hunderte Verdächtige und politische Oppositionelle werden verhaftet. Vermutlich haben islamische Fundamentalisten den Anschlag verübt. Am nächsten Morgen statten Beamte des Innenministeriums von Karakalpakstan dem Büro von Ärzte ohne Grenzen in Nukus einen unfreundlichen Besuch ab und monieren Verstöße gegen die Meldebestimmungen. „Wahrscheinlich wegen der Bomben in Taschkent“, sagt Raul. „Der Hang zur Überwachung hat sich hier seit Sowjetzeiten nicht geändert. Daran werden wir öfter erinnert.“ Auch Trinksprüche und warmherzige Verbrüderungen bei Festessen ändern nichts an den alten Gewohnheiten.

 

Am nächsten Mittag trifft Raul nach einem zweistündigen Flug in Taschkent seinen Chef Ian Small. Sie besprechen die politische Lage, den Nachschub der Medikamente, die Stimmung vor Ort in Karakalpakstan. Und sie streiten sich, wie so oft, halb ernst-, halb scherzhaft, ob die Arbeit für Ärzte ohne Grenzen eine Lebensaufgabe ist. Im Sommer will Raul in den USA seine medizinische Ausbildung vertiefen, später vielleicht für die Weltgesundheitsorganisation arbeiten, in festeren Strukturen, mit einem echtem Gehalt – statt monatlich mit gut 2000 Mark, die er jetzt bekommt. Die Organisation betrachtet die Entlohnung eher als Aufwandsentschädigung denn als Gehalt. Ian indes zeigt für solche Karrierepläne wenig Verständnis, obwohl er weiß, daß die spärliche Honorierung bei Ärzte ohne Grenzen Rauls Engagement nicht schmälert. „Söldner“, knurrt er seinen Kollegen an.

 

Der studierte Geograph und Umweltwissenschaftler Ian Small scheint genau jenes Image zu verkörpern, das Ärzte ohne Grenzen berühmt gemacht hat: als furcht- und selbstlose Samariter meist als erste, oft als einzige und möglichst immer als letzte dort Menschen zu retten, wo Kriege und andere Krisen wüten. Während der US-Luftbrücke für die Kurden im Nordirak hatte Ian 1991 seinen Einstand; in Ländern wie Kambodscha, Tadschikistan, Rußland und Georgien war er dabei, zum Anpacken, Helfen, Aufbauen in extremer Lage. Die Topographie seines Gesichtes erinnert an einen mittelschweren Bürgerkrieg, den des Weltbürgers Ian Small gegen sich selbst. Mehr als einmal hat er im Einsatz seine Gesundheit attackiert, vielleicht kommt er deshalb mit seinen 32 Jahren daher wie ein junggebliebener Mittvierziger.

 

Ausgerechnet Ian allerdings, der Draufgänger, hat das komplizierte Projekt am Aralsee erfunden, seine Vorgesetzten in der holländischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen davon überzeugt und im Frühjahr 1997 mit dem Aufbau des Büros begonnen. „Etliche Studien befassen sich mit der ökologischen Lage am Aralsee, aber kaum jemand fragt, wie es den Menschen dort geht und was man für sie tun kann“, sagt Ian in seinem Büro und zieht an einer Zigarette, obwohl er das Rauchen längst aufgeben wollte. „Wir helfen, die Tuberkulose einzudämmen, und wir wollen herausfinden, wie das Gift in den Böden und im Wasser die Leute krank macht. In der Sowjetzeit hat das niemanden und nach der Unabhängigkeit nur sehr wenige interessiert. Daten gibt es praktisch nicht. Für Ärzte ohne Grenzen ist das ein echtes Pilotprojekt. Davon kann die gesamte Aralsee-Region profitieren.“

 

Rund fünf Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet des Aralsees in Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan. Warum ist die Tuberkulose-Rate in der Region so hoch wie nirgends sonst in Zentralasien? Achtmal mehr Menschen als im weltweiten Durchschnitt sind in der Kleinstadt Muynak am früheren Seeufer an Tuberkulose erkrankt, die Zahl der Neuinfektionen steigt weiter. Und warum leiden in keiner anderen Ecke des ehemaligen Sowjetreiches so viele Frauen und Kinder an Blutarmut wie am ehemaligen Aralsee? Ist mangelhafte Ernährung der Grund, bedingt durch die Armut der Menschen und die Unfruchtbarkeit der Äcker? Oder sind die Ursachen eher in der Belastung durch Pestizide und Kunstdünger zu suchen, die über die Felder ins Grundwasser und von dort in den Nahrungskreislauf der Menschen gelangen? „Wir wissen noch nicht genau, welche Pestizide sie früher dort benutzt haben und welche sie heute einsetzen“, sagt Ian. „Die Recherchen sind schwierig und die Bürokratie nicht unbedingt hilfreich. Bevor wir mit unseren Studien nicht ganz sicher sind, werden wir nicht öffentlich spekulieren.“

 

Mit Umfragen in den Haushalten, durch langwierige Recherchen bei staatlichen Stellen will Ians Truppe möglichst viel über die täglichen Lebensumstände, die Ernährung, die hygienischen Verhältnisse der Menschen in Karakalpakstan herausfinden. Die Grundlage für diese Arbeit, die Vertrauensbasis für kritische und intime Fragen, schaffen vor allem Leute wie der Arzt Raul und die Krankenschwestern mit ihrem Einsatz an der Tuberkulose-Front.

 

Gelächter, selbst Radiomusik ist in der Tuberkulose-Klinik von Muynak zu hören, und niemand hebt den Finger, wenn die Männer in den Krankenzimmern Karten spielen. Die Stimmung ist offener, freundlicher als in der Kungrader Klinik. Ein weißer Wolga fährt auf den Hof, er bringt die kanadische Krankenschwester Kathleen Skinnider und die usbekische Übersetzerin und Krankenschwester Tanzyla Bekimbetova. Am Morgen hat das Team in Muynak und Umgebung Hausbesuche absolviert. Kathleen ist sehr zufrieden mit den Patienten. Sie haben ihre Anweisungen genau befolgt, die Medikamente ordentlich geschluckt und die Einnahme dokumentiert.

 

Im Krankenhaus bespricht Kathleen mit den Ärzten und Schwestern den Fortgang der Therapien. Vor allem bei den Schwestern ist ihr Rat gefragt. Sie haben Vertrauen gefaßt und neuen Mut, daß sie der Tuberkulose selbst hier, im ärmsten Winkel Usbekistans, etwas entgegensetzen können.

 

In sechs Wochen läuft Kathleens Einjahresvertrag aus, dann will sie nach Kanada zurückkehren und in ihrer Heimat Ontario als Krankenschwester weiterarbeiten. Ein Jahr unter diesen Bedingungen, weit weg von Familie und Freunden, sei genug. „Ich wollte helfen, und ich wollte meinen Horizont erweitern“, erzählt sie über ihre Motivation. „Und jetzt freue ich mich auf zu Hause.“ Sie sei stolz auf die gemeinsame Arbeit, sie werde die Menschen vermissen, die sie hier getroffen hat. Und sie wird, wenn sie heimkehrt, noch immer nicht verstehen, „warum man dieses Land derart zugrunde gerichtet hat“.

 

Nur einen kurzen Spaziergang von der Klinik entfernt liegt der Hafen von Muynak. Im Sand rosten Schiffswracks und erinnern daran, daß dies früher eine wohlhabende Gemeinde war. Die örtliche Fischfabrik exportierte ihre Spezialitäten aus dem Aralsee in die gesamte Sowjetunion und in andere Länder. Tanzyla, die Übersetzerin, erinnert sich, wie sie mit ihren Kindern Anfang der 70er Jahre im Erholungsheim von Muynak auf Staatskosten Urlaub machen durfte. Die Häuser waren komfortabel, und der Fisch für die Kantine kam frisch vom Kutter.

 

Die Fischfabrik verarbeitet heute Importfisch von weither, das Erholungsheim ist verfallen und der See weit weg, zwölf Stunden mit dem Geländewagen durch die Wüste. Am Ortsende ragt auf einer schmalen Klippe ein Mahnmal für die Toten des Zweiten Weltkrieges auf. Vom schnurgeraden Horizont weht ein salziger Wind heran. Am Fuß der Klippe haben irgendwelche Menschen mit rostigen Deckeln von Fischdosen ihre Namen in den Sand gelegt: Danko, Muktat, Jukie und Jangeldi grüßen von dort unten, wo der endlose Strand des Aralsees beginnt.

Von OLAF PREUSS
Fotos: IMKE LASS

Erste Hilfe für die Welt

 

Französische Ärzte, die für das internationale Rote Kreuz im Biafra-Krieg gearbeitet hatten, gründeten 1971 die Organisation „Médecins sans Frontières“ — Ärzte ohne Grenzen. In Afrika waren sie Zeugen von Menschenrechtsverletzungen geworden, durften diese aber nicht öffentlich anprangern, da sich das Rote Kreuz zu strikter Verschwiegenheit verpflichtet hat. Bei den Ärzten ohne Grenzen hingegen zählt die öffentliche Kritik von Gewalt und Greuel zu den Grundprinzipien. Ärzte ohne Grenzen ist heute die größte private medizinische Nothilfeorganisation der Welt, mit Sektionen in 19 Ländern, darunter Deutschland. Fünf Sektionen — Frankreich, Belgien, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz — führen Auslandseinsätze durch. Die übrigen Büros rekrutieren vor allem medizinisches und logistisches Personal und werben um Spenden. 1997 waren die Ärzte ohne Grenzen mit rund 2400 internationalen Mitarbeitern in 80 Ländern tätig, meist im Gefolge von Bürgerkriegen und Naturkatastrophen, aber auch bei der Bekämpfung von Aids oder der Hilfe für Straßenkinder. In der usbekischen Aralsee-Region hilft die Organisation seit 1998 bei der Bekämpfung der Tuberkulose; zudem untersuchen die Mitarbeiter, wie die katastrophale Umweltsituation die Gesundheit der Menschen schädigt. Ärzte ohne Grenzen arbeitete 1997 weltweit mit einem Etat von 231 Millionen US-Dollar. Dem Landesbüro in Taschkent — betrieben von der niederländischen Sektion — stehen mit seinen neun internationalen und 25 einheimischen Mitarbeitern jährlich eine Million US-Dollar zur Verfügung. Erneut wurden die Ärzte ohne Grenzen dieses Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert.

 

 

Leben mit dem Erbe der Sowjetunion

 

Usbekistan, vormals Republik der Sowjetunion, ist seit 1991 ein unabhängiger Staat. Das Land hat rund 23 Millionen Einwohner und ist etwa so groß wie Schweden. Präsident Islam Karimov, früher KP-Chef der usbekischen Republik, regiert mit diktatorischen Vollmachten. Zur Sowjetzeit diente Zentralasien als wichtigster Lieferant für Baumwolle. Umfangreiche Bewässerungssysteme und eine extreme Überfrachtung mit Pestiziden und Kunstdünger haben das ökologische Gleichgewicht am Aralsee ruiniert, vor allem in der usbekischen Teilrepublik Karakalpakstan, aber auch in Teilen des benachbarten Turkmenistans und in Kasachstan. Usbekistan muß heute Grundnahrungsmittel importieren. Der Aralsee schrumpfte seit Mitte der 70 Jahre auf etwa ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche. Seine einst rund 40 Fischarten sind wegen des zu hohen Salzgehaltes komplett ausgestorben. Baumwolle indes blieb auch nach der Unabhängigkeit die Haupt-Devisenquelle des Landes, Usbekistan ist derzeit der fünftgrößte Produzent der Welt.



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