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Bahnreisen, sehen.

Von Sten Nadolny

Wenn mein Zug die Stadt verlassen hat und in die grüne Landschaft taucht, spiele ich oft, wie als Kind bei der ersten Bahnfahrt, das Spiel „Wettrennen“, ich bin ihm geradezu ausgesetzt. Es ist also nicht wirklich ein Spiel, eher ein Film, dessen rasante Handlung vom Zuschauer durch blitzartige Entschlüsse zu beeinflussen ist. So etwas soll jetzt auch per Computer zu machen sein, ich glaube aber, er würde sich an meinem Spiel heiß rechnen.

 

Da läuft nämlich in Riesensätzen ein Hund, ein Windhund, der sich mächtig strecken kann, neben dem Zug her! Oder es ist ein Pferd mit Reiter (und der bin ich – selbstverständlich kann ich gleichzeitig hier sitzen und dort reiten!). An besonderen Tagen ist es sogar ein Leopard (der bin ich, trotz der ungewohnten Flecke im Fell, ebenfalls). Immer sind sie direkt neben meinem Abteil und versuchen mit dem Zug mitzuhalten, ja ihn zu überholen. Das gelingt sogar, wenn weite Wiesen Raum dafür bieten. Aber es gibt Gefahren: Jäh können Strommasten, Zäune und Wäldchen auftauchen. Bei Tunneleinfahrten wird es besonders schwer, dann muß das treue Tier über mir hoch ins Gebirge, springt dort über Felsen und durch Wälder und versucht Anschluß zu behalten, nur damit ich meine Wette nicht verliere. Noch nie ist mir mein rasender Begleiter zerschellt. Das liegt an der Fähigkeit kindlicher Gehirne, Ungelungenes blitzschnell rückgängig zu machen und sich die Sache anders zu denken.

 

Das Kino sei von Optikern und Feinmechanikern erfunden worden? Das glaube, wer will. Das war ein Kind im Schnellzug, Fensterplatz. Zumindest wurde so der Filmschnitt, weil erlebt, erfunden. Totale des Bahnhofs. Cut. Detail Stationsschild „Baden-Oos“. Cut. Halbnah: Person, männlich, wahrscheinlich Mario Adorf oder ein halbnaher Verwandter, mit Dackel und rauchend. Cut. Supertotale der Rheinebene, aus dem Off eine helle Stimme (Text bestimmt nicht: „Zahllose Völker haben hier im Lauf der Jahrhunderte...“, sondern: „Mami, sind wir bald da?“). Cut. Das ist die Schnitttechnik der Bahn, zugleich das Urkino. Die Kutschen haben es nie so weit gebracht, sie rüttelten zu arg am Geiste, und in den Autos sind wir mit der Rettung unseres Lebens beschäftigt.

 

Was die Bahn für uns sein kann und ist, erkennen wir daran, wie wir selbst in der Bahn sind: etwas sympathischer als in anderen Verkehrsmitteln. Nicht nur, weil die Rücksichtslosigkeit der Straße wegfällt. Hier sind Gespräche zumindest möglich, und es gibt Zeit zum Zuhören, auch bei den verzweigteren Geschichten, und für Bücher. Ich beobachte gern Menschen, die lesen oder wenigstens nachdenklich von Büchern aufblicken. Vor allem sind wir hier dem Sehen, dem selbstvergessenen Staunen und Träumen aufgeschlossen. Die Pupille ruckt und zuckt weiter, erfaßt immer anderes ganz nah, ganz fern, ein Flanieren in „Sakkaden“ – so heißen diese Augenbewegungen. Bei jemandem, der aus dem Zugfenster schaut, sieht es wie ein heftiges Zittern der Pupillen aus und fasziniert mich immer neu. Kein Wunder: Da ist nicht eine gleichbleibende Umgebung zu erschließen, sondern ein ständiger Wechsel der Welten – von den Disteln und Schmetterlingen am Fuß eines Signalmastes ansatzlos der Sprung in die Vogelschau. Oft erfaßt der staunende Sekundenblick mehr als jedes erlernte Kennen und Benennen, zumal die Beflackerung des Auges mit zusammenhängenden Bildern für besonders lebhafte Denktätigkeit sorgt. Vielleicht weil aller Zusammenhang unserer Gedanken erst nachträglich hergestellt werden muß und nichts als pfiffige Behauptung ist – sein Ursprung liegt in einem Chaos von Eindrücken, Begriffsfetzen und Erinnerungen, aus dem das Hirn unverdrossen Brauchbares und Vertretbares zimmert.

 

Die Gedanken entfernen sich ins selbstvergessene Schauen und Fragen. Der Blick hoch vom Bahndamm in die Hinterhöfe, in den Obstanger mit spielenden Kindern, in die Baustofflager und Schrebergärten, er findet zuverlässig Sonderbares. Wieso jagt der Bussard in unmittelbarer Nähe der Bahn – ist das für ihn vielleicht sogar günstig, weil die Mäuse auf den Zug achten? Was wird unter den großen weißen, mit Autoreifen beschwerten Plastikplanen ausgebrütet? Warum steht neben „Cottbus“ geschrieben: „Cho- sebuz“ – ist das polnisch und eine Geste guter Nachbarschaft? Was ich sehe, ist immer auch mein Unwissen. Das bedrückt aber nicht, sondern beflügelt. Reichtum an Fragen ist auch ein Reichtum. Was würde die vorsokratische Philosophie zum Regional Expreß sagen, und zwar wegen des auf allen Schildern stehenden, glänzend problematisierbaren Satzes „Hält nicht überall“?

 

Beiläufig tauchen auch alte Fragen wieder auf – ungelöste Fragen lassen keinen los: Warum hatten Dampflokomotiven diese großen blechernen Scheuklappen vorne oben? Zu meinem Vergnügen stelle ich fest, daß die Bahnleute es nicht wissen. Ihre Antworten sind einleuchtend, aber äußerst unterschiedlich, sie reichen von der Strömungslehre bis zur sichtklärenden Spaltung des Nebels oder sprechen vom Schutz des Kessels gegen urplötzlich umbrechende Bäume auf Waldstrecken. Es ist selten, daß sich über einer schwer zu beantwortenden Frage Bürger und Beamte menschlich näherkommen, hier geschah es.

 

Aber nun ist es genug mit dem Loben. Selbstverständlich ist die Bahn eine Härte des Lebens, eine mitleidlose Erzieherin und somit eine der sieben Plagen der Menschheit!

 

Sie fährt pünktlich ab, also müssen wir pünktlich sein. Dann die Angst, das Wichtigste zu Hause vergessen zu haben, von der Zahnbürste angefangen. Und sind wir sicher, daß wir den Zuleitungshahn der Waschmaschine zugedreht haben? In keinem Fall fahren Züge kurz zurück und lassen uns nachsehen, sie sind da uneinsichtig. Und sitze ich denn auch garantiert im richtigen? War da nicht eine unverständliche Durchsage, daß dieser oder jener Intercity heute von einem anderen Bahnsteig abfahre? Eisiger Schrecken nach dem Umsteigen: Habe ich mein Manuskript unter den Zeitungen in der Ablage gelassen? Wen ruft man da an? Erster Gedanke: Mit dem Taxi hinter dem Zug herfahren! Alles wegen eines einzigen Wörtchens, das ich streichen wollte.

 

Disziplin, vor allem Realismus, fordert auch das Kofferpacken. Jedesmal nehme ich zu viele Bücher mit, vergesse dafür den Adapter des Computers. Zwar stellt sich zum hundertsten Mal heraus, daß ich den Computer gar nicht brauche – wer schreibt auf Reisen etwas anderes als Postkarten? Aber das Ergebnis dieser und anderer Fehler ist stets dasselbe: Ich komme vor Koffern und Taschen kaum durch die Waggontür.

 

Um ehrlich zu sein: Ein besonderer Freund der sogenannten Bahn-Nostalgie bin ich nicht. Der Kult um historische Dampfbahnen und Modellzüge (die meist in allzu putzigen Spielzeuglandschaften kreisen) erscheint mir oft wie die Verniedlichung einer von mir ernsthaft verehrten Freundin. Aber darin steckt etwas Legitimes: Die Lokomotiven, die alten Waggons, die verzweigten Bahnstrecken gehören zum Netzwerk unseres Gedächtnisses, und die Bahnhöfe, sei es der palastartige von Bremen oder die hinter Bretterstapeln versteckte Hütte in Matzing an der Traun, sind Merkzeichen biographischer Rückschau: Hier begann die letzte Reise, die ich vor seinem Tod mit X gemacht habe, dort stieg ich um, bevor ich meiner späteren Freundin Y begegnete.

 

Die Bahn ist ein öffentliches „Gedächtnisbauwerk“, das größte überhaupt. Millionen von Menschen schlendern darin herum und finden wieder, was sie persönlich oder in Gruppen, ja als ganze Generation, früher dort abgelegt haben. An jeder Ecke Geschichten zuhauf.

 

Zu den nötigen Geschichten gehören auch die traurigen. Zwei Weltkriege in einem doch verzweifelten, gewalttätigen Jahrhundert. Kein Wunder, daß die Bahn-Nostalgie sich eher auf das neunzehnte richtet, beim zwanzigsten muß sie mächtig aussparen. Schweres aber schon am Anfang: Da sorgten ganze Heere entwurzelter Bauern und Handwerker mit Pickel und Schaufel für die Erdbewegungen, denen wir so viele hübsche Tunnel und Bahntrassen verdanken. Im Lauf der Jahrzehnte verbanden sich mit dem Massenverkehrsmittel Eisenbahn immer erschreckendere Bilder und Geschichten. Truppentransporte. Die Güterwagen waren anfangs mit kriegslüsternen Kalauern bekritzelt, das gab sich. Lazarettzüge, Flüchtlingsströme an Knotenpunkten wie Bebra. Massenhafter Tod in Unterführungen bombardierter Bahnhöfe wie Treuchtlingen. Nicht zu vergessen die Szenen auf den Stationen, von denen Züge in die Mordfabriken fuhren – nicht alle älteren Menschen haben dasselbe vor Augen, wenn sie einen Güterzug sehen.

 

Nun zu etwas ganz anderem. Die Bahn fährt nicht nur durch Landschaften, sondern auch mitten durch die Sprache. „Weichenstellungen“, „Stationen“, der „abgefahrene Zug“, das „Dampfmachen“, die „Signalwirkung“ , die „ausgefahrenen Gleise“ (was immer das sein mag), die rechtzeitig zu ziehende „Notbremse“ – im Hochdeutschen ist „allerhöchste Eisenbahn“. Gewiß, es gibt auch „Geisterfahrer“, „Schleuderpartien“ und nur allzu oft ein „Abheben“. Man braucht eben auch Wörter für Dummheiten. Wenn aber Politiker ihren „Fahrplan“ so beschreiben wollen, daß das Volk zu ihm Vertrauen faßt, dann greifen sie zu Eisenbahnwörtern. Das ist auch angebracht. Denn wie hätte sich eine halbwegs funktionierende Massendemokratie (besser als halbwegs funktioniert sie nie) ohne die Bahn entwickelt? Mobilität, Ausdehnung des Horizonts, Chancenvermehrung für Nichtprivilegierte und Mittellose; die Versorgung und Ernährung der Millionen in den Städten und letztlich: Was wären Sport- und andere Feste, revolutionierende Ereignisse, was wären Kongreßwesen und Parlamentarismus ohne die Bahn bis zum heutigen Tag? Mit ihr verbinden sich immer auch alle Traditionen der Freiheit. Und wenn mir zu dem Begriff „Fortschritt“ nach wie vor die Entwicklung der Lokomotiven und Züge einfällt (und nicht die digitale Vernetzung, die vielgeliebte, unvermeidliche), dann heißt das zwar, daß ich von der Vergangenheit zu beeindrucken bin, aber keineswegs, daß ich dabei bin, die Zukunft zu verpassen. Vielleicht sitzen wir eines Tages alle wieder in den Zügen, den besten, die es je gegeben hat, und zwar aus Überzeugung.

 

Und weil sie nun einmal dieses mächtige und imposante Schicksalsding ist und bleibt, wenden wir uns ihr immer von neuem zu, mit Genuß oder Neugier oder Ernst. Die jungen Leute mit Spraydosen, die nachts unterwegs sind, um bunte Spuren ihrer Kunst und Frechheit zu hinterlassen, bewegen sich so gut wie ausschließlich in der Sphäre der Bahn, verzieren jedes Stück senkrechter Fläche, das von der Bahn aus gesehen werden kann und träumen davon, einmal im Leben einen Zug zu bemalen. Der Grund ist sicher nicht, daß sie die Bahn hassen. Und Wände zum Besprühen gäbe es auch anderswo. Da ist noch etwas wie Verehrung und eine – begreiflicherweise sehr unerwiderte – Liebe. Der Sprayer nimmt nur die Bahn wirklich ernst.

 

Auch der Kinofilm liebt, auf ganz andere Weise, seit jeher die Eisenbahn, vielleicht weil er – siehe oben – in ihr erfunden worden ist. Vielleicht aber auch wegen ihres vorteilhaften Äußeren. Diese elegante, zielbewußte Schlange, die nicht schwankt und nicht wackelt! Die wunderbaren Oberleitungen, Strommasten, Lampen und Isolatoren, die in den noch bläulichen Abendhimmel Chiffren zeichnen. Die Pracht der großen Bahnhöfe, die Ruhe der kleinen. Aber die Liebe des Mediums Film zu den Zügen ist fast so seltsam wie die der Graffiti-Writer. Der Film verläßt sich nämlich nicht auf Schönheit, sondern träumt sich unzählige Geschichten zusammen, die mit der Bahn oder in ihr passieren könnten. In Filmen werden Züge überfallen, Reisende ausgeraubt, Män- ner kämpfen auf Wagendächern (den gemeinsamen Liegestütz im Tunnel nicht zu vergessen). Mörder, einander kaum bekannt, tauschen ihre zu Ermordenden aus, damit die Polizei beim Motiv im Dunkeln tappt. Killer suchen ihr Opfer in jedem einzelnen Abteil, dabei müßten sie eigentlich wissen, daß es stets im Gepäckraum sitzt, und zwar in einem der Schrankkoffer. Oft und gern wird abgesprungen, manchmal sogar zu zweit und in Handschellen. Ich genieße das alles schon deshalb, weil ich weiß, daß es mir auch beim exzessivsten Bahnreisen nicht passieren wird.

 

Da es mir nun überwiegend doch mißlungen ist, die Bahn originell als Landplage darzustellen, werde ich zum Schluß vollends ehrlich und nennen einige Freunde und Bekannte, die sie genauso lieben wie ich:

 

Die meisten kreativen Menschen; die bildenden Künstler, von William Turner angefangen. Fast alle Musiker, wenn auch nicht explizit – man hört es bei vielen aber deutlich heraus. Bevor es die Bahn gab, war mit der Musik für meinen Geschmack wenig los (um diese Theorie zu retten, behaupte ich, die ganz großen Musiker hätten das Phänomen vorausgehört und -geahnt und vielleicht insgeheim sogar die Eisenbahn erfunden). Was wären Rossini, Wagner oder Tschaikowsky ohne die Bahn? Gut, daß wir es nicht wissen.

 

Literaten: Sie können unter dem Vorwand, ihr Romanheld sitze in einem Zug und sinne vor sich hin, endlos Gedanken aus ihren Zettelkästen aneinanderreihen, und nichts tun sie lieber.

 

Physiker: keine Relativitätstheorie ohne den Blick aus dem Zugfenster, harmlos beginnend bei der Erkenntnis, daß Eindrücke wie „langsam“ oder „schnell“ eine Frage von Perspektive und Entfernung sind.

 

Botaniker, weil zwischen den Gleisen, etwa auf dem alten Anhalter Bahnhof in Berlin, die seltensten Pflanzen wachsen: Steinklee, Blaue Wegwarte, Sichelmöhre (die zwischeneiszeitliche Vorform der Karotte), Heilpflanzen wie Blasenstrauch und Tutenrispe und das Kanadische Berufskraut, bei dem ich vergessen habe, wogegen es hilft.

 

Utopisten und Revolutionäre: nicht, weil die Bahn sie zu den Demonstrationen bringt, sondern weil das Kursbuch einen Gesamtentwurf symbolisiert, an den sich alle halten müssen und der zu allem Überfluß auch noch funktioniert.

 

Last not least: Gott und Teufel. Daher sollten sie ausnahmsweise gemeinsam und ohne die üblichen Empfindlichkeiten dafür sorgen, daß der Eisenbahn nichts passiert.

Von STEN NADOLNY

Sten Nadolny,

geboren 1942, beschäftigte sich schon in seinem ersten Roman „Netzkarte“ (1981) mit dem Bahnfahren. 1983 erschien „Die Entdeckung der Langsamkeit“, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Weitere Romane: „Selim oder die Gabe der Rede“ (1988), „Ein Gott der Frechheit“ (1994).



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