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Zeugen der Anklage

Die Affäre um den gefeuerten britischen Biochemiker Pusztai verstärkt die Skepsis gegenüber Gentech-Lebensmitteln. Deutsche Supermärkte ziehen daraus bislang keine Konsequenzen.

Als Arpad Pusztai diesen Satz in die surrende Kamera der BBC-Reporter sprach, ahnte er nicht, welch drakonisches Urteil er damit über sich selbst fällte: „Ich würde keine genmanipulierten Kartoffeln essen, und es wäre auch nicht akzeptabel, wenn Menschen als Versuchskaninchen mißbraucht würden.“ Er forderte aufwendigere Testmethoden, um zu garantieren, daß gentechnisch veränderte Le- bensmittel sicher seien. Zwei Tage später verlor er seinen Job und seinen guten Ruf als Wissenschaftler, einige Wochen später erlitt er einen Herzinfarkt.

 

Obwohl das Interview mit seinem Arbeitgeber, dem „Rowett Research Institute“ im schottischen Aberdeen, abgesprochen war, wurde der renommierte Forscher von heute auf morgen entlassen. Das war im August 1998. Und hätten nicht 21 Experten seine Ergebnisse überprüft, seine Methode für seriös befunden und seine Rehabilitation gefordert, Pusztai wäre als verkalkter Gentechnik-Gegner in die Annalen eingegangen. Nun aber entfaltet seine Aussage verspätet ihre Sprengkraft und erschüttert die Grundfesten der Gentech-Industrie.

 

Während der öffentlichen Debatte um Pusztais Entlassung stellte sich unter anderem heraus, daß Tony Blairs Wissenschaftsminister Lord David Sainsbury nicht nur Teilhaber der britischen Supermarktkette „Sainsbury“ ist, sondern auch Anteile an Biotechnologiefirmen besitzt. Damit wurde aus der Pusztai-Affäre eine hand-feste Kabinettskrise, mit der sich nun auch ein parlarmentarischer Untersuchungsausschuß befaßt. Der Skandal zeigt, daß die Wissenschaft als Kontrollinstanz versagt hat und daß die Interessen von Wissenschaftlern, Gentechnik-Industrie und Supermarktketten eng miteinander verknüpft sind. Pusztai bezweifelt mittlerweile gar die Objektivität der Experten, von denen sich die britische Regierung in Fragen der Gentechnik beraten läßt.

 

Pusztai hatte Ratten mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gefüttert. In den Pflanzen hatte er ein Gen des Schnee- glöckchens eingebaut, welches das Lektin Galanthus Nivalis Agglutinin, kurz GNA, produziert. Damit sollten die Knollen widerstandsfähiger gegen Insekten werden. Pusztai hatte das GNA-Lektin ausgesucht, weil es als ungiftig galt. Er selbst hatte es für den Einbau in Reis, Sonnenblumen oder Blumenkohl empfohlen. „Ich war überzeugt, daß ich nichts finden würde“, sagte er. Schließlich wollte er die Harmlosigkeit GNA-haltiger Kost beweisen. Nach zehn Tagen aber schrumpften bei den Nagern Hirn, Milz und Niere, das Immunsystem und die Darmwand wurden angegriffen.

 

Mittlerweile streiten Fachleute darüber, welche Schlüsse man aus Pusztais Daten ziehen muß. Für die Biologin Beatrix Tappeser vom Freiburger Öko-Institut beweisen die Ergebnisse eindeutig die Unberechenbarkeit von Gentech-Kost: „Ich vermute, daß der Einbau des GNA-Gens in die genetische Struktur der Kartoffel eine Veränderung von Zellinhaltsstoffen ausgelöst hat.“ Die Versuche, die Pusztai durchgeführt hat, sind nirgends vorgeschrieben. Die gefährlichen Genkartoffeln wären nach den üblichen Tests als Lebensmittel zugelassen worden. Tappeser verlangt deshalb, alle zugelassenen genmanipulierten Pflanzen nachträglich Fütterungstests zu unterwerfen: „Nur so lassen sich langfristige Gesundheitsprobleme erkennen.“

 

Greenpeace-Experte Christoph Then fordert, die Zulassung für Gen-Food gänzlich zu stoppen. „Es ist nicht vertretbar, für Gentech-Lebensmitteln ähnlich umfangreiche Tierversuche oder gar klinische Studien am Menschen durchzuführen, wie bei Arzneimitteln. Derartige Studien wären zwar notwendig, um die nötige Sicherheit zu schaffen, sie sind aber ethisch nicht vertretbar.“ Auch das Europäische Parlament verlangt jetzt schärfere Zulassungskriterien für gentechnisch veränderte Nahrung. Die Abgeordneten votierten für ein Verbot von Freilandversuchen und der Vermarktung von Organismen mit antibiotika- und herbizid-resistenten Genen.

 

Beatrix Tappeser ist überzeugt, daß auch Wissenschaftler in Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen wie Pusztai gekommen sind. „Jeder Forscher weiß: Wer solche Daten veröffentlicht, dem versiegen ganz schnell die Gelder. Da wird lieber still und heimlich das Projekt gestrichen.“ Angelika Hilbeck und Franz Bigler von der Züricher Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau hatten keine Angst, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Sie wiesen nach, daß genmodifizierter Mais Auswirkungen auf die Gesundheit von Tieren haben kann. Sie untersuchten Larven der Grünen Florfliege und stellten fest: Larven, die sich von Insekten ernähren, die zuvor an genmanipuliertem Mais fraßen, sterben häufiger.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Nicolas Birch vom Scottish Research Institute. Er untersuchte Marienkäfer, die sich von Läusen ernähren, die an Gen-Kartoffeln gesaugt haben. Ergebnis: Die Tiere leben nur halb so lange wie ihre Artgenossen. Selbst das staatliche Robert-Koch- Institut in Berlin warnt vor gentechnisch verändertem Mais und Kartoffeln, denen Gene für Antiobitikaresistenzen eingebaut wurden. Wird solche Nahrung verzehrt, können Darmbakterien schnell immun gegen Antibiotika werden, die dann wiederum im medizinischen Notfall versagen. In England fordern Umweltschützer und Verbraucherverbände daher, alle Arten von „Frankenstein-Food“ vom Markt zu nehmen. Selbst Seine Königliche Hoheit, Prinz Charles, warnt vor genmanipulierter Kost.

 

1996 umfaßte der Markt für Gentech-Lebensmittel weltweit rund eine Milliarde Mark. Im Jahr 2010 soll sich der Umsatz auf 37 Milliarden Mark erhöhen. Sowohl in Deutschland als auch in Europa verdoppelte sich zwischen 1995 und 1997 die Zahl der Biotechnologie-Firmen. Mit aller Macht will die britische Regierung Unternehmen der Boom-Branche ins Land holen, denn sie versprechen Arbeitsplätze.

 

Der Skandal in Großbritannien ist womöglich nur der Vorbote einer gefährlichen Entwicklung. Immerhin ist das Gentechnik-Recht der EU die derzeit weltweit strengste Richtlinie. In den meisten Ländern der Welt gibt es nur lasche oder keine gesetzlichen Regelungen. So lieferte etwa Monsanto Anfang 1997 mindestens 130 Tonnen genmanipulierte Kartoffeln nach Georgien – getarnt als Hilfslieferung, bezahlt aus der EU-Kasse. Die Kartoffeln hatten keine EU-Zulassung und waren nicht auf Gesundheitsrisiken untersucht worden.

 

„Damit sich so etwas nicht wiederholt, brauchen wir unbedingt ein Biosafety-Protokoll“, meint Ulrike Riedel vom Bundesgesundheitsministerium. Mitte Februar führte sie als EU-Delegationsleiterin die Verhandlungen im kolumbianischen Cartagena. Fast alle Staaten wollten dort ein Abkommen unterzeichnen, um weltweite Sicherheitsstandards für den Handel mit Gentechnik-Produkten zu garantieren.

 

Doch die USA blockierten das Protokoll „damit die US- Industrie einen freien Markt hat“, wie Joseph Gopo meint, Direktor am Biotechnik-Forschungsinstitut in Simbabwe. Vor allem die Entwicklungsländer fühlen sich von den Gentech-Produkten überrollt. Die USA aber lehnten die Verankerung eines Vorsorgeprinzips, ein Vetorecht gegen ungewollten Import und die Einbeziehung von Lebensmitteln und Agrarprodukten ins Protokoll ab. Außerdem sollte sich das Biosafety-Protokoll den Bestimmungen der Welthandelsorganisation (WTO) unterordnen (siehe auch Seite 10). US-Agrarlobbisten gehen davon aus, daß in zehn Jahren 90 Prozent der Agrarexporte gentechnisch verändert sein werden. Bereits heute sind in den USA 40 Prozent allen Sojas und 20 Prozent allen Maises gentechnisch manipuliert.

 

Im Zuge der britischen Anti-Gentechnik-Proteste treten sechs große Supermarktketten in Irland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und der Schweiz die Flucht nach vorn an. In England sind es gar neun der zehn großen Ladenketten. Sie alle wollen unter eigenem Markennamen keine gentechnisch veränderten Produkte mehr in ihren Regalen anbieten. Ironischerweise führt in England gerade die Supermarktkette Sainsbury die Front der Gentech-Gegner an: Noch vor drei Jahren hatte sie voller Stolz die erste Gentech-Kost in ihren Regalen feilgeboten. Ein Unternehmenssprecher erklärt die plötzliche Wandlung: „Unsere Kunden haben uns deutlich gemacht, daß sie keine gentechnisch veränderten Zutaten wollen.“

 

In Deutschland haben lediglich einige Hersteller angekündigt, auf Gen-Zutaten zu verzichten. Würde auch die deutschen Supermärke nach den Wünschen ihrer Kunden handeln, müßten auch sie Gen-Ingredenzien aus ihren Filialen verbannen. Schließlich lehnen laut einer Umfrage der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 75 Prozent der Deutschen gentechnisch veränderte Lebenmittel ab.

 

 

„Mein Fall ist doch nur die Spitze des Eisberges“

 

Arpad Pusztai wollte mit seinen Versuchen die Ungefährlichkeit von Gentech-Nahrung zeigen, dabei fand er Gegenbeweise.

 

GPM: Was dachten Sie, als Sie von Ihrer Entlassung erfuhren?

 

Arpad Pusztai: Ich konnte einfach nicht glauben, daß das Rowett-Institut die Frechheit besaß, meine Forschungen einfach so zu beenden und mich rauszuwerfen – nach 35 Jahren Dienst und 270 wissenschaftlichen Erstveröffentlichungen.

 

Was, glauben Sie, war der wahre Grund für Ihre Entlassung?

 

Ich muß der Gentechnik-Industrie auf die Füße getreten haben, und das Institut entschied, daß es mich loswerden wollte.

 

Hat sich das Institut mittlerweile bei Ihnen entschuldigt?

 

Sie würden sich niemals entschuldigen, selbst wenn sie ihre Fehler einsehen. Ganz im Gegenteil: Die Beziehung zwischen mir und dem Institut ist auf dem niedrigsten Niveau angekommen.

 

Wie groß ist der Einfluß der Gentech-Industrie auf die Forschung?

 

Ich war ein naiver Wissenschaftler. Ich hätte niemals gedacht, daß meine Forschungsberichte eine unverzeihliche Sünde gegen die Gentechnik-Industrie darstellen würden.

 

Können Forscher unter solchen Bedingungen objektiv arbeiten?

 

Wie Sie wissen, haben Wissenschaftler immer zuwenig finanzielle Mittel. Die Gentechnik-Industrie ist in der Lage, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen, aber dann ist man auch gebunden und sehr in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt. Aber so etwas macht jede Industrie, nicht nur die Gentechnik-Branche.

 

Sollte man eine unabhängige Kommission einrichten?

 

Ich bin alt genug, um mich an die Zeit zu erinnern, als Forscher noch unabhängig waren. Damals brauchten wir keinerlei Kommissionen – heute geht es nicht mehr ohne, denn ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob wir wirklich unabhängig genug sind. Politiker erkennen nicht, daß es keinen Raum mehr für wirklich unabhängiges Handeln gibt.

 

Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Forschungen zu Ende zu führen?

 

Daß ich meine Forschungen abschließen kann, ist höchst unwahrscheinlich. Ich hätte zwar ein Labor, aber leider kein Geld, und Forschung ist teuer. Ich würde deshalb nicht sehr weit kommen.

 

Wie kann man die Freiheit der Forschung zukünftig sicher stellen?

 

Schauen sie zurück in die 60er – die goldenen Jahre der Wissenschaft. Damals zählte allein, ob man gut war oder nicht. Wir waren wie öffentliche Wachhunde. Wir konnten es uns leisten, ehrlich zu sein und unsere Ergebnisse zu veröffentlichen, weil Politik und Wirtschaft sich kaum in die Wissenschaft einmischten.

 

Wie werden wir uns in 20 Jahren ernähren?

 

Ich denke, die meisten werden genmanipulierte Nahrung essen. Die Wohlhabenderen werden sich mit natürlichem Essen versorgen. Auch Politiker und Industrielle werden „gute“, gentechnikfreie Lebensmittel essen. Im britischen Parlarment wurden kürzlich genmanipulierte Gerichte von der Speisekarte verbannt.

 

Ist Ihr Fall eine Ausnahme oder eher die Spitze eines Eisberges?

 

Ich bin sicher, das ist nur die Spitze des Eisberges.

Von FRANK H. GRIESEL
Fotos: MANFRED JARISCH

Ein unbeugsamer Wissenschaftler

 

Dr. Arpad Pusztai, 68, studierte in Budapest Chemie und arbeitete dort als Assistent. Nach dem Ungarnaufstand 1956 mußte er das Land verlassen. Von der Ford Foundation erhielt er ein Stipendium, mit dessen Hilfe er in London Biochemie studieren konnte. Von 1963 - 1998 arbeitete er für das Rowett Research Institute. Weltweit zählt er zu den führenden Experten, was den gentechnischen Einbau von Lektinen in Pflanzen betrifft.

 

 



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