greenpeace magazin 3.99

Ein Leben in schwindelnder Höhe

Seit eineinhalb Jahren hält die 25jährige Amerikanerin Julia Hill einen Mammutbaum besetzt — um ihn vor dem Abholzen zu bewahren.

Ein Einsiedlerleben führe ich hier oben wirklich nicht“, seufzt Julia Hill. Seit mehr als einem Jahr hält sie solo einen Baum besetzt, aber Ruhe hat sie nur selten. Während sie per Handy mit mir einen Besuchstermin verabredet, klingelt ihr zweites Telefon, und dann schlägt auch noch ihr Pieper Alarm. Sie würde gerne mehr Zeit zum Meditieren und zum Schreiben von Gedichten haben. Aber Julia ist nun einmal die prominenteste Kämpferin für die Rettung der letzten Urwaldstücke an der amerikanischen Pazifikküste. Nur knapp drei Prozent haben den radikalen Kahlschlag in diesem Jahrhundert überstanden.

 

Seit dem 10. Dezember 1997 bewohnt und bewacht die 25jährige im nordkalifornischen Küstengebirge einen rund 1000 Jahre alten Redwood-Mammutbaum. Umweltschützer tauften ihn „Luna“. Er steht auf einem Gelände im Bezirk Humboldt County, das dem Sägewerk Pacific Lumber Company (PALCO) gehört. Dieses Unternehmen hat rund um „Luna“ gründlich abgeholzt. Bis 1986 galt PALCO, mit heute 1600 Beschäftigten der größte Arbeitgeber der Region, als mustergültiger Betrieb. Jahrhundertealte „Old Growth“- Giganten wie „Luna“ blieben unberührt, und das Abholzen ganzer Hänge war verpönt. Die Firma bemühte sich um Nachhaltigkeit, und ihre Geschäftspolitik wurde von Umweltschützern gelobt. Dann kaufte der texanische Maxxam-Konzern das Traditionsunternehmen, und Maxxam-Chef Charles Hurwitz warf alle Regeln über Bord. Seit 14 Jahren wird für den ganz schnellen Profit gesägt – notfalls auch unter Bruch von Gesetzen. Über hundertmal haben staatliche Forstbehörden in den vergangenen drei Jahren PALCO verwarnt, unter anderem, weil sich nach Kahlschlägen die Lachsflüsse unterhalb von Steilhängen mit Schlamm füllten.

 

Der Weg zu Julia beginnt in der Ortschaft Stafford. Hier stehen Schilder, die daran erinnern, daß in den bescheidenen Häusern ganze Familien von der Holzwirtschaft leben – „This family supported by timber dollars“. Michael Van Broekhoven führt mich aus dem Ort heraus und dann auf einem Trampelpfad bergauf; der 24jährige ist einer von drei Unterstützern Julias, die ihr auf diesem Schleichweg durch PALCO-Privatland regelmäßig Vorräte und Besucher mitbringen.

 

Julia Hill wurde in den USA schnell zur Mediensensation. Anfangs galt sie noch als naiv, als sie aber länger und länger auf „Luna“ ausharrte, wurde sie immer häufiger interviewt. Die Reporter stellten fest, daß ihnen eine eloquente und energische Kämpferin antwortete. Geduldig ertrug sie die leicht spöttischen Formulierungen, mit denen man sich nach ihren Toilettengewohnheiten erkundigte. Nun weiß die Welt: Ein Eimer reicht. Ein Fernsehreporter der Gesellschaft ABC wollte Julia aus Anlaß des einjährigen Baumbesetzungs-Jubiläums in ein Gespräch über Hygienefragen verwickeln; die „Luna“-Bewohnerin gab zunächst freundlich Auskunft, lächelte mit ihren blendend weißen Zähnen und schmuggelte dann ihr eigentliches Anliegen in die Unterhaltung. Plötzlich ging es um einen durch Bodenerosion erzeugten Erdrutsch an einem kahlgeschlagenen Hang. Sieben Häuser in Stafford wurden von der Schlamm- und Geröllawine zerstört, „so hatten dann sieben Familien kein Badezimmer mehr“, erläuterte Julia ihren schnellen Gedankensprung von der eigenen Morgentoilette zu den katastrophalen Folgen der Holz-Mißwirtschaft.

 

Dichter Nebel rund um „Luna“ verzieht sich erst kurz vor unserer Ankunft; dann wird der 60 Meter hohe Stamm endlich sichtbar. Michael kündigt uns mit einem Wolfsheulen an, aus „Luna“ antwortet der gleiche Ton. Der Baum überragt alle Wipfel auf diesem Hügelkamm, aber überwältigend ist nicht so sehr die Länge, sondern der Umfang des Stammes: Er ist ein Koloß, mit mehr als vier Metern Durchmesser massiv wie ein in die Erde gerammter Bus. Redwood-Holz gilt als besonders edles und stabiles Material, die größten der uralten Waldriesen bringen PALCO pro Stück rund 100.000 Dollar ein.

 

Aus der Krone „Lunas“ hängt ein Seil. Michael schnallt mich daran fest und erklärt die Klettertechnik: „Du kannst unmöglich runterfallen, die Krallen gleiten nur aufwärts und sind mit dem Seil und deinem Bauchgurt fest verbunden.“ Milde lächelnd fragt er, ob ich lieber unten bleiben wolle, ich wäre ja nicht der erste, dem der Baum Angst macht. Das spornt an.

 

Die Hangelei endet an einer Plattform von der Größe eines Einzelbetts, Julias Wohnzimmer in 30 Metern Höhe. „Willkommen in meiner Welt“, sagt sie zur Begrüßung. Ihre Behausung wackelt heftig, wenn sich zwei Personen hineindrängeln. Von der Decken-Plastikplane hängen Möwenfedern als Erinnerung an das Meer, an klaren Tagen kann man aus der Baumkrone bis zum 20 Kilometer entfernten Pazifik sehen. An der Seitenplane befestigte Julia ein Schmetterlingsbild.

 

Die Frau mit dem Spitznamen „Butterfly“ war in ihrem Heimatstaat Arkansas zur Umweltaktivistin geworden. Als sie 1997 erstmals von der Arbeit der Gruppe Earth First! hörte, gab sie ihren Job auf, reiste nach Kalifornien und meldete sich als Freiwillige für Baumbesetzungen. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun“, begründet sie ihren radikalen Schritt.

 

„Julia setzt sich enorm für ihre Sache ein, aber ich wünschte, sie würde legale Wege gehen“, sagt PALCO-Sprecherin Mary Bullwinkel. Sie bestreitet, daß ihr Arbeitgeber unverantwortlich handele. Der Erdrutsch, der Stafford traf, sei nicht durch Kahlschlag, sondern durch starken Regen und Erdbeben verursacht worden.

 

PALCO hofft, daß die Besetzerin die Kraft verliert, im Baum zu überleben. Aber Julia hält sich fit. Sie ißt vegetarisch und bleibt in Form, weil sie ständig zwischen der Wohnplattform und einer höhergelegenen Vorratskammer hin- und herpendelt. „Ich habe vom Klettern starke Armmuskeln bekommen, aber meine Beine sind schwächer geworden.“ Julia befürchtet, daß ihr für den Fußweg ins Tal die Kraft fehlen würde.

 

Oben auf „Luna“ mischen sich vier Töne zu einem Geräuschakkord: Der Wind, der an stürmischen Tagen bis zu 150 Stundenkilometer erreicht und Julia mehrmals fast aus ihrem Nest geworfen hätte. Die Glöckchen, die Julia an ihre Fußgelenke hängte. Das Brummen der Holzlaster im Tal. Und das Knattern eines Hubschraubers, der frisch gefällte Stämme aus unwegsamem Gelände herausfischt. „PALCO behauptet immer, daß diese Hubschrauber umwelt- und tierfreundlicher sind als Straßen für Laster. Aber die Rotoren zerstören durch ihren Wirbel die Baumwipfel, also ausgerechnet die Zonen der Bäume, in denen viele Wildtiere überleben.“ Julia hat erlebt, wie schädlich die Helikopter sind. Um sie einzuschüchtern, umkreisten die Maschinen „Luna“ zu Beginn ihrer Baumbesetzung täglich, dabei brachen Äste, und Julia wäre beinahe abgestürzt.

 

„Aber trotzdem hasse ich sie nicht“, sagt Julia Hill über die Piloten des Sägewerks. Sie ist die Tochter eines Predigers und hat einen festen Glauben an das Gute im Menschen. Und deshalb sind PALCO-Arbeiter nicht ihre Feinde. „Als sie rund um ’Luna’ mit ihren Kettensägen zugange waren, habe ich ihnen ein Lied vorgesungen“, sagt Julia Hill, und läßt sich nach anfänglichem Zögern zu einer Kostprobe überreden. Sie schließt die Augen und ihre helle Stimme intoniert eine Melodie zu einem Text, der von der Kraft der Liebe erzählt.

 

Allein mit solchen Liedern lassen sich Männer, die Angst vor der Arbeitslosigkeit haben, nicht überzeugen, daß weiß auch Julia. „Ich habe hier oben ein Sprechfunkgerät, so kann ich mit den Fahrern der Holzlaster sprechen, und denen sage ich immer, daß es Möglichkeiten gibt, den Wald zu schonen, ohne daß PALCO den Betrieb einstellen muß.“ Earth First! hat einen Plan erarbeitet, nach dem selektiv gesägt werden soll – der zerstörerische Kahlschlag würde so vermieden. Damit bieten die Umweltschützer eine Alternative zu einem im kalifornischen Parlament beschlossenen Holzwirtschaftsplan. Der Staat erwirbt 3000 Hektar PALCO-Land mit „Old Growth“-Bäumen, die so gerettet werden, aber gleichzeitig wird auf über 80.000 Hektar das Abholzen sogar unter Umgehung von bestehenden US-Tierschutzvorschriften erlaubt.

 

„Dieser Plan ist kein Kompromiß, sondern eine Schande“, sagt Julia. Ihre Stimme wird schriller, als sie über die Entscheidung spricht. Aber im nächsten Moment fällt sie in einen sanfteren Tonfall zurück. „Du steigst jetzt besser wieder herunter“, sagt sie – der Helikopter kommt immer näher, es könnte zu schaukelig auf „Luna“ werden. Julia, die selbst ganz ohne Kletterausrüstung auskommt, schnallt meine Sicherungsgurte wieder an das Seil.

 

„Ist sie nicht toll?“ fragt Michael, als ich wieder unten bin. Julia ist seine Heldin, und wenn sie irgendwann ihre Heldentat beendet, würde Michael sofort nachrücken. „’Luna’ wird immer besetzt bleiben!“ sagt er beim Abstieg nach Stafford. In den Vorgärten einiger Holzfäller-Häuser sieht man Baumstümpfe. Auch hier standen früher Redwoods. Irgendwann wird Julia Hill wieder in dieses Leben im Tal zurückkehren. „Aber selbst dann werde ich in Gedanken immer auf ’Luna’ sein und ande-ren von meinen Erfahrungen auf dem Baum erzählen“, hatte sie mir zum Abschied gesagt.

Von THOMAS STRATMANN
Fotos: BERND AUERS



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