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Sägen am Siegel

Europäische Waldbesitzerverbände wollen mit einem neuen Holzzertifikat das Öko-Siegel "FSC" unterlaufen.

Es rumort im deutschen Wald. Die Förster sind sich nicht mehr grün. Der Grund: Europäische Waldbesitzerverbände wollen ein neues Holzzertifikat auf den Markt werfen und damit dem vom Weltforstrat (Forest Stewardship Council) vergebenen FSC-Siegel Konkurrenz machen. Vorerst heißt das neue Siegel PEFC (Pan European Forest Council).

 

Obwohl die Richtlinien frühestens Ende April entwickelt werden, fürchten Umweltschützer bereits jetzt, daß mit dem PEFC-Siegel das bei den privaten Waldbesitzern ungeliebte FSC-Siegel unterlaufen werden soll. „Bisher wird mit dem neuen Label nur versucht, FSC auf niedrigem Niveau zu kopieren. Außerdem werden die Umweltverbände nicht in die Entwicklung integriert“, sagt Greenpeace-Waldexperte Martin Kaiser. Auch Heiko Liedeker vom World Wide Fund for Nature (WWF) glaubt, daß ein zweites Siegel den Verbraucher nur verwirrt und den Markt beeinträchtigt.

 

„Das FSC-System ist für große Betriebe geeignet, seine Kriterien wurden zur Rettung der tropischen Wälder entwickelt, es paßt nicht für Europa“, meint hingegen Michael Lammertz, Geschäftsführer des „Deutschen Forstwirtschaftsrates“. „In Europa wirtschaften Waldbesitzer seit Jahrzehnten nachhaltig, weil sie sonst ihre ökonomischen Grundlagen verlören.“ „Diese Art von Nachhaltigkeit ist selbst bescheinigt und wurde nie überprüft“, kontert Martin Kaiser. Statt Betriebe einzeln zu prüfen, wie es der FSC plant, will PEFC die Forstwirtschaft über größere Regionen kontrollieren, etwa Bundesländer.

 

„Bei solchen großen Flächen macht das Zertifizieren überhaupt keinen Sinn. Wenn das PEFC-Siegel jeder kriegen kann, ist es nichts mehr wert“, wettert Sebastian von Rotenhan, Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft“. „Der wahre Grund ist, daß denen beim FSC-Siegel zuviele Umweltschützer mitbestimmen.“ Jahrzehntelang entschieden Förster allein über die Bewirtschaftung. Mittels des FSC bestimmen Umweltgruppen bei der Forstwirtschaft mit. Das ist vielen Waldbesitzern ein Dorn im Auge.

 

Michael Lammertz verteidigt sich: „Die Waldbesitzer tragen für den Wald die wirtschaftliche Verantwortung, aber beim FSC haben sie ein zu geringes Mitspracherecht.“

 

Laut einer EMNID-Umfrage würden 86 Prozent der Deutschen am ehesten einem Holz-Ökosiegel vertrauen, das von den Umweltverbänden empfohlen wird. 82 Prozent fänden ein Siegel glaubwürdig, hinter dem die Verbraucherzentralen stehen, wäh-rend ein von den Waldbesitzern empfohlenes Siegel nur 52 Prozent befürworten.

 

Auch Volker Skrzypek, Umweltbeauftragter der zum „Bertelsmann“-Konzern gehörenden „Mohndruck GmbH“, hält wenig vom PEFC-Label: „Für uns ist es wichtig, daß wir mit einem weltweit vergleichbaren Standard arbeiten. Dessen Ausführung muß neutral geprüft sein, und unsere Kunden und die Umweltgruppen müssen es akzeptieren. Beides ist beim PEFC momentan nicht der Fall.“

 

Bei der Baumarktkette „OBI“ beäugt man PEFC ebenfalls kritisch. Das Unternehmen will kein Holz mit dem Zertifikat verkaufen, zumal OBI auch Teak aus Indonesien oder Eukalyptus aus Brasilien anbietet. Und Christian Reith von „Praktiker“-Baumarkt ergänzt: „Unser Favorit ist FSC, weil das Siegel weltweit vergeben wird und die Umweltverbände dahinterstehen.“

 

Repräsentanten der schwedischen Volksgruppe der Samen rufen ebenfalls dazu auf, FSC-Holz zu kaufen. Denn nach FSC-Standards müssen Ureinwohnern wie den Samen traditionelle Rechte zugestanden werden. Ein Teil der schwedischen Privatwaldbesitzer verweigert den Samen jedoch das uralte Recht, Rentiere in ihren Wäldern weiden zu lassen. „Wir sind sicher, daß das PEFC-Siegel auf die Rechte der Ureinwohner keine Rücksicht nehmen wird“, meint Olof Johansson, Rentierzüchter und Sprecher der Samen. „Wenn wir unsere Rentiere nicht mehr in die privaten Wälder treiben dürfen, bedeutet das das Ende unserer jahrhundertealten Kultur.“

Von FRANK H. GRIESEL

PEFC-Siegel:

 

Die Richtlinien für das Siegel des „Pan European Forest Council“ (PEFC) basieren auf den sogenannten Helsinki-Kriterien der europäischen Forstminister:

 

- Erhaltung bestehender Waldflächen und der Holzproduktion;

- Gesundheit von Ökosystemen;

- Schutz der Artenvielfalt;

- Verbesserung der natürlichen Schutzfunktion von Wäldern.

 

FSC-Siegel:

Das internationale „Forest Stewardship Council“ (FSC) wurde 1993 gegründet, um weltweit eine soziale und ökologische Forstwirtschaft zu etablieren und dafür ein Gütesiegel zu vergeben. Die deutschen FSC-Kriterien lauten u.a.:

 

- keine Kahlschläge;

- Entwicklung naturnaher Wälder;

- kein Einsatz von Chemikalien;

- Totholz verbleibt im Wald;

- 5 Prozent der Fläche bleibt ungenutzt;

- Personal wird ganzjährig beschäftigt;

- Nutzung möglichst dicker Stämme.



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