greenpeace magazin 3.99

Atomausstieg privat

Jetzt geht’s los: Die erste Firma bietet echten Ökostrom.

Das Telefon wollte in der ersten Woche gar nicht still stehen“, freut sich Jens Peters. „Allein in den ersten fünf Tagen haben sich über 200 Interessenten gemeldet.“ Peters ist Geschäftsführer der Hamburger „Ökostrom Handels AG“, die als erstes Unternehmen in Deutschland ein Ökostrom-Angebot für Privathaushalte machen kann. Wer in Hamburg wohnt, muß nur bei Peters anrufen (Tel. 040/2840630) und drei Unterschriften leisten, um zum nächsten Monatsersten von Atom- auf Windstrom umzusteigen.

 

Seit der gesetzlichen Liberalisierung der Strommärkte im vergangenen April gelang es den Stromkonzernen bis Anfang 1999, Privathaushalte mit Schikanen und hohen Gebühren von der neuen Wahlfreiheit auf dem Strommarkt auszuschließen. Doch nachdem zum ersten Februar die ersten zwei Privatkunden den Wechsel schafften, kann jetzt alles sehr schnell gehen. „Da ist richtig Musik drin“, sagt Stromhändler Peters, „der private Atomausstieg ist kein Problem mehr.“ Zumindest in Hamburg.

 

Alle anderen deutschen Netzbetreiber weigerten sich bis zum Redaktionsschluß Ende März, den Wechsel zu ermöglichen. Deshalb können die meisten Anbieter von Ökostrom bisher nur „Sparschweinmodelle“ anbieten: Dabei wird der Liefervertrag mit dem Gebietsmonopolisten nicht gekündigt, das Geschäft der Atomkonzerne wird also nicht geschmälert.

 

Vorreiter bei der tatsächlichen Strom-Durchleitung sind auch die Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) nicht aus freien Stücken geworden: Von „Greenpeace Magazin“-Redakteur Timm Krägenow, dem ersten Stromwechsler in der Hansestadt, hatten die HEW zunächst den Einbau eines 2000 Mark teuren Computer-Stromzählers und absurd hohe Netznutzungsgebühren verlangt (siehe GPM 2/99).

 

Erst nachdem sich Greenpeace an das Bundeskartellamt gewandt hatte, gab der einstige Strommonopolist seine Blockadepolitik auf: Jetzt geht es auch mit dem normalen Haushaltsstromzähler, und die Gebühren für die Netznutzung wurden auf 10,5 Pfennig pro Kilowattstunde gesenkt. Aufgrund dieser Durchleitungsgebühren müssen Ökostrom-Kunden künftig mit einer etwa 15 Prozent höheren Stromrechnung rechnen.

 

„Auch die neuen Gebühren der HEW sind noch zu teuer, denn die Konzerne berechnen sich selbst für den Transport des eigenen Stroms mit Sicherheit deutlich weniger“, sagt Greenpeace-Energie-Experte Jörg Feddern. Greenpeace hat jetzt alle 900 deutschen Stromnetzbetreiber aufgefordert, ihre tatsächlichen Kosten für den Netzbetrieb offenzulegen. Firmen, die nicht antworten oder überteuerte Tarife verlangen, wird Greenpeace anzeigen.

 

Ende März kündigte außerdem auch das Hamburger Greenpeace-Büro dem Stromlieferanten HEW. Per Ausschreibung wird jetzt ein Unternehmen gesucht, das bundesweit rund um die Uhr einwandfreien Ökostrom liefern kann. Dieses Unternehmen soll künftig nicht nur die Zentrale der Umweltschützer versorgen, sondern auch jenen 60.000 Haus-halten ein Angebot unterbreiten, die bei der Greenpeace-Aktion Stromwechsel (Tel. 040/30618-0) mitgemacht haben.

Tips zum Stromwechsel:

Bisher gibt es nur in Hamburg ein einfach zu bestellendes Ökostrom-Angebot. Überall sonst in der Republik blockieren die Gebietsmonopolisten die Durchleitung. Wer in seiner Region einen Präzedenzfall schaffen will, muß sich zuerst einen Anbieter von ökologischem Strom suchen. Ist die Versorgung mit dem Betreiber des Wind- oder Blockheizkraftwerks geklärt, schreibt man einen höflichen Brief an den regionalen Netzbetreiber, daß man „jetzt die Möglichkeiten des neuen Energiewirtschaftsrechts nutzen“ und künftig seinen Strom vor dort und dort beziehen will. Verlangt der Netzbetreiber zunächst den Einbau eines neuen Stromzählers und überhöhte Gebühren, sollte man sich nach Möglichkeit darauf einlassen. So können Präzedenzfälle geschaffen werden, an denen die Blockadehaltung der Netzbetreiber deutlich wird.



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