greenpeace magazin 1.99

Zurück in die Zukunft

Ein Aborigines-Clan im Norden Australiens wehrt sich gegen Uranminen auf seinem Land und gegen die Dominanz der Weißen.

Es ist ein komisches, ein unheimliches Gefühl, knietief im schlammigenWasser des Djarr Djarr Billabongs zu stehen. Nicht so sehr wegen des morastigen Grundes unter den Füßen. Auch nicht wegen der fetten Egel. Es sind die Krokodile, die hier überall im See lauern und meine Augen über das sumpfige Gelände fliegen lassen. Mit den Händen taste ich entlang des saftiggrünen Stengels einer Wasserlilie nach deren kartoffelgroßen Knollen mit der rauhen Oberfläche, wie ein Aborigine.

 

„Achte auf Luftblasen an der Wasseroberfläche“, ruft Yvonne Margarula in ihrem eigenwilligen Englisch, „daran erkennst du, wenn sich ein Krokodil anschleicht.“ Falls die Zeit nicht mehr für die Flucht aufs Trockene reicht, soll ich mit den flachen Händen aufs Wasser trommeln, rät sie mir noch, und ich bin mir einen Moment lang nicht sicher, ob sie Witze macht. Doch nichts in ihrem runden tiefschwarzen Gesicht verrät auch nur die Spur eines Lachens. Sie mache es auch so, wie alle vom Mirrar-Clan und den anderen Aborigines-Sippen hier im Kakadu-Nationalpark im äußersten Norden Australiens.

 

Mir reicht’s. Yvonnes kleine Nichten und Neffen, die auch Wasserlilien gesammelt haben, lachen sich schlapp über den „balanda“, den Weißen, der nur eine kümmerliche Knolle gefunden hat. Die „binninj“, die schwarzen Menschen, wie die Mirrar sich nennen, haben zu leben gelernt mit bis zu sechs Meter langen Salzwasserkrokodilen, mit tödlich giftigen Schlangen, mit Schwärmen von Moskitos, mit wilden Schweinen, mit ihren sechs Jahreszeiten, die das Land einmal in eine Wasserwüste verwandeln, wenn der Monsunregen die zahlreichen Flüsse meterhoch ansteigen läßt, und dann wieder in weites Grasland, das während der Hitzeperiode ständig brennt. Mit dem Mangel und dem Überfluß, mit Gefahren und Entbehrungen. Ein Lebensstil, den Yvonne Margarula als traditionelles Oberhaupt des Mirrar-Clans auch am Ende des 20. Jahrhunderts gegen die übermächtige weiße Zivilisation verteidigen will.

 

Deshalb auch wehrt sie sich gegen zwei Uranminen auf dem Land der Mirrar: Dem alkoholkranken Vater hatte die Regierung 1978 noch die Zustimmung zur 1982 eröffneten Ranger-Mine abgepreßt. Vor allem aber die geplante Jabiluka-Mine, nur wenige Kilometer von Ranger entfernt, die 90.000 Tonnen Uran liefern soll, lehnt Yvonnes ab. Seit vor zehn Jahren ihr Vater starb, ist es ihre Aufgabe als ältestes Kind, das Land – und damit ihren Clan – zu schützen und das Wissen über Natur und Kultur zu bewahren, das die nomadischen Vorfahren hier in mehr als 40.000 Jahren angesammelt haben. Die Kinder ihres Clans, will Yvonne, sollen später einmal ihren Lebensstil wählen können: binninj way oder balanda way – oder das beste aus beiden Welten, wie sie selbst. Doch die Folgen der Minen, fürchtet sie, könnten eine solche Wahl eines Tages unmöglich machen.

 

Sie selbst kennt jeden Baum, jedes Tier, jeden Stein auf dem Mirrar-Land, wurde hier im Busch geboren. Noch heute zieht sie tagelang los, um „bush tucker“ – Nahrung aus dem Busch – zu sammeln. „Es ist gutes Land mit viel Essen“, sagt die 38jährige und beißt ein Stück von einem Wasserlilienstengel ab, einer vitaminreichen Pflanze, die wie Staudensellerie schmeckt. Auch jetzt im „Wurrgeng“, der „kühleren“ Periode mit Tagestemperaturen bis 35 Grad Celsius mitten in der Trockenzeit im australischen Winter, ist die Tafel im Busch reich gedeckt.

 

Yvonne erklärt den Kleinen in Gunjehmi, der Sprache ihres Clans, jede Pflanze, jedes Insekt und sagt, wofür sie zu gebrauchen sind. Sie beschreibt, wie man eine Schlange packt und mit einem Biß ins Genick tötet. Sie zeigt ihnen zwei von Grünen Ameisen an den Rändern zusammengenähte Blätter, die voller Ameiseneier sind. Köstlich, sagt sie, zwischen den Händen zerrieben können sie roh oder gedünstet gegessen werden. Bei vielen Aborigines-Clans ist dieses Wissen schon fast verloren gegangen in den letzten 20, 30 Jahren.

 

2000 Generationen lang sind die Vorfahren der Mirrar durch das flache Land am East Alligator River gezogen, westlich eines Hochplateaus, dessen zerklüftete Felsstürze die Grenze zum Arnhemland markieren. In dieser unvorstellbaren Zeit haben sich die Aborigines, die älteste Kultur der Welt, dem Klima und der Umwelt perfekt angepaßt und mit einem hochdifferenzierten Regelsystem die Ressourcen äußerst intelligent genutzt und erhalten, wie westliche Wissenschaftler heute bewundernd feststellen.

 

Die 1000 Pflanzenarten, 300 Vogelarten, 75 Reptil-, 50 Säugetier- und 30 Amphibien- sowie zahlreiche Süßwasserfischarten haben alle ihren spezifischen Platz in diesem System. Denn für die Mirrar hat jeder Stein, jedes Lebewesen eine wichtige, manche auch eine mythische Bedeutung, die sie in dieser Region in röntgenbildartigen Felszeichnungen verewigt haben.

 

Yvonne zeigt uns einen Platz, wo noch ihre Urgroßeltern regelmäßig campierten. Der Felsvorsprung ist verziert mit weißen, roten, ockerfarbenen Bildern von Krokodilen und Barramundis, einem beliebten Speisefisch, mit Känguruhs, Schildkröten und Vögeln, mit Jagdszenen und rituellen Zeichen. Wegen dieses kulturellen und natürlichen Reichtums hat die Unesco den 20.000 Quadratkilometer großen Kakadu-Nationalpark, den einzigen, der ein ganzes Flußsystem schützt, zum „Natur- und Kulturerbe der Menschheit“ erklärt – als eine von nur 20 Stätten weltweit.

 

Vor rund 150 Jahren, als der erste Weiße das Gebiet erreichte, war der Mirrar-Clan noch 50 bis 100 Köpfe stark. In nur sieben Generationen ist die Zahl auf 27 geschrumpft, durch Seuchen und Alkohol vor allem, die die Weißen brachten. „Wir kämpfen ums Überleben, als Volk und als Kultur“, sagt Yvonne Margarula, „auch deshalb bin ich gegen Jabiluka. Ranger hat uns in 16 Jahren nichts Gutes gebracht.“ Im Gegenteil, ist die Clan-Chefin überzeugt, nachdem sie von Umweltschützern andere als die offiziellen Informationen bekommen hat. Abwässer aus den 40 Millionen Tonnen Abraum der Mine, die noch mehr als 80 Prozent der Radioaktivität des Urans, Schwermetalle und Säurereste enthalten, könnten langfristig ihr Land und die Flüsse verseuchen, von denen sie seit Urzeiten leben. „Was sollen wir später einmal essen, wenn hier alles radioaktiv ist“, fragt sie. „Uran?“

 

Wenn Philip Shirvington hingegen von Uran spricht, wird er gerne poetisch: In einen „Kokon“ sei der Erzkörper von Jabiluka 200 bis 400 Meter tief „eingesponnen“. Aus diesem „Nest“ werde seine Firma es bergen – „natürlich“ ohne Schaden für „das Paradies“ des Kakadu-Nationalparks. Zum Wohle einer sicheren Energieversorgung der Menschheit müsse das wahrscheinlich konzentrierteste Uranvorkommen der Welt gewonnen werden, findet der Chef der Minengesellschaft ERA (Energy Resources of Australia), die hier, 250 Kilometer östlich von Darwin, auch die offene Ranger-Mine betreibt. Und es würden doch auch die Mirrar und die anderen Aborigines-Clans am „top end“, dem Norden Australiens, in der „Lebenszeit“ der Mine mit 210 Millionen australischen Dollars (240 Millionen Mark) ihren Teil vom „yellow cake“ abbekommen, vom gelben Urankonzentrat-Kuchen.

 

Im makellosen blauen Hemd sitzt der Manager im klimatisierten Büro auf dem Ranger-Gelände und hebt genervt die Augenbrauen. Daß die Mirrar mit allen Mitteln gegen eine zweite Mine auf ihrem angestammten Land kämpfen, will Shirvington nicht in den Kopf. „Yvonne“, sagt er und senkt dabei verschwörerisch die Stimme, „will zurück zum einfachen Leben. Sie wird von den Grünen manipuliert.“ Anders kann sich der Minen-Boß aus Sydney den Widerstand des Mirrar-Oberhauptes nicht erklären – obwohl weder er noch seine Firma je direkt mit ihr gesprochen haben. „Ich hoffte, die Mirrar wollten bloß mehr Geld“, sagt er. Das könnte er ja noch verstehen. Doch die Motive Yvonne Margarulas sind dem Manager, der hier möglichst rasch einen Acht-Milliarden-Dollar-Schatz heben will, so fremd, wie sich Aborigines und weiße Australier nach 210 Jahren gemeinsamer Geschichte nur sein können.

 

„In dem Tal, in dem die Jabiluka-Mine entstehen soll, liegt eine der wichtigsten heiligen Stätten für uns“, sagt Yvonne, die zur Mittagszeit am Rande des Djarr Djarr Billabongs im Schatten eines Paperbark-Baums sitzt, aus dessen Rinde sie früher Hütten und Matten gefertigt haben. So heilig ist der Platz, daß sie mit niemandem außerhalb ihres Clans darüber sprechen darf.

 

Ich versuche mir vorzustellen, was los wäre, wenn neben dem Kölner Dom (ebenfalls Weltkulturerbe) ein Uranvorkommen entdeckt würde und die RWE-Tochter Rheinbraun (die an der ERA beteiligt ist) dort eine 700 Meter breite, 175 Meter tiefe Grube ausheben würde und 20 Millionen Tonnen Abraum in ein Absetzbecken neben dem Rhein kippen würde, aus dem regelmäßig radioaktives Wasser sickert.

 

Mit den Aborigines, denen man erst 1967 die Bürgerrechte gewährte, die man im Outback, den menschenleeren Weiten des Kontinents, noch bis vor zwei Jahrzehnten manchmal wie Wild abschoß, deren Existenz als erste Besiedler des Kontinents erst 1992 vom Obersten Gerichtshof formell anerkannt wurde, mit den Aborigines kann man es machen, scheinen Teile von Politik und Wirtschaft bis heute zu glauben.

 

Mit Yvonne Margarula nicht. „Wir müssen die Stätte nicht nur für uns beschützen“, erklärt das Mirrar-Oberhaupt, „sondern für alle binninj. Wir sind bis heute alle miteinander verbunden.“ Ihr war schnell klar, daß sie als Frau, die nicht lesen und schreiben kann, die alles im Kopf behalten und so lange fragen muß, bis sie etwas wirklich verstanden hat, gegen einen milliardenschweren Konzern mit einer Phalanx hochbezahlter Anwälte und mit politischer Rückendeckung der konservativen Regierungen Australiens und des Northern Territory alleine keine Chance hat. Beraten von juristisch ausgefuchsten und politisch erfahrenen Freunden hat die Clan-Chefin deshalb die „Gundjehmi Aboriginal Corporation“ gegründet, die von den Lizenzgeldern der ERA den Kampf der Mirrar gegen eben diese Minengesellschaft und für menschenwürdige soziale Verhältnisse vorantreibt.

 

Sehr zum Ärger vieler anderer der rund 3000 Aborigines in der Kakadu-Region. Denn die profitieren vom Geld der ERA, obwohl die Minen auf Mirrar-Land liegen. Sie bestreiten zwar nicht Yvonnes Pflicht, für ihre Leute und ihr Land zu sorgen, halten ihr aber vor, das „Wort ihres Vaters gebrochen“ zu haben – ein schwerer Vorwurf. Auch vom „Northern Land Council“, der die Interessen der Aborigines Nordaustraliens vertreten soll, fühlt sich Yvonne Margarula im Stich gelassen. Der NLC wurde von der Regierung eingesetzt, finanziert sich ebenfalls aus Lizenzzahlungen der Ranger-Mine und argumentiert lammfromm, die Uranförderung sei im Interesse der schwarzen Australier. Obwohl Studien belegen, daß sie in der Region trotz (oder wegen?) des Geldes tiefer in Alkoholismus und Verwahrlosung abgesunken sind.

 

Offiziell ist der NLC zu keiner Stellungnahme bereit, doch unter der Hand gibt ein Funktionär zu, daß die Organisation mächtig unter Druck steht: „Wenn wir die Minenverträge anfechten, werden wir von der ERA auf eine Milliarde Schadensersatz verklagt. Von Howard (Premierminister von der ,Liberalen Partei‘; die Red.) haben wir keine Unterstützung zu erwarten. Dessen Regierung ist so rassistisch wie der Ku-Klux-Klan.“

 

Jacqui Katona ist davon nicht so recht beeindruckt. „Sie versuchen ja nicht mal, sich zu wehren“, sagt die eloquente und charismatische Gundjehmi-Geschäftsführerin. „Das tun nur wir. Wobei wir uns nicht der Gegenwart verschließen, wie behauptet wird. Wir wollen uns nur nicht überrollen lassen, sondern selbst wählen, welche Balance wir zwischen Traditionen und Moderne halten. Eine Symbiose mit der westlichen Gesellschaft ist für uns nur möglich, wenn sie uns nicht dominieren will.“ Selbstverständlich nutzt sie alle modernen Kommunikationsmittel bis zum Internet, um über die Medien für ihre Ziele zu werben. Schon jetzt sind Umfragen zufolge 67 Prozent der Australier dagegen, weitere Uranminen zu eröffnen. „Wir wollen die Zahl auf 80 Prozent steigern, dann muß sich auch die Politik bewegen.“

 

Besser als mit Uranminen, ist Katona überzeugt, läßt sich der Lebensstil der Aborigines mit dem Tourismus unter einen Hut bringen. Vom Lizenzgeld haben sie gezielt in Hotels und andere Tourismus-Unternehmen investiert. 300.000 Besucher pro Jahr lockt der Nationalpark schon heute an. „Und die kommen nicht mehr, wenn hier zum Beispiel der Damm eines Absetzbeckens bricht“, sagt die Mirrar-Vertreterin.

 

Jacqui Katona hat das Clan-Oberhaupt auch davon überzeugt, gegen die Jabiluka-Minenlizenz vor Gericht zu klagen – notfalls bis in die letzte Instanz. Für die Verhandlungen zwängt sich Yvonne, die sonst immer barfuß läuft, in Schuhe, setzt sich in Flugzeuge, so unwohl ihr dabei ist. Sogar vor der Unesco in Paris hat sie schon gesprochen, obwohl sie öffentliche Auftritte haßt. Mit Erfolg: Eine Kommission prüft nun, ob das Menschheitserbe Kakadu-Nationalpark durch die Minen gefährdet ist.

 

Bei den weißen Arbeitern in Jabiru, der 1982 aus dem Boden gestampften Minenstadt, hat dies die beiden Frauen zu den bestgehaßten Personen weit und breit gemacht. Die Hälfte der Häuser steht leer, weil es mit Jabiluka nicht richtig vorangeht. 1500 Einwohner hat das Nest, davon rund 100 Polizisten. Sie sollen ein paar hundert weiße Unterstützer aus dem ganzen Land unter Kontrolle halten, die seit April von einem Protestcamp im Busch aus die Mirrar mit Aktionen gegen die Arbeiten an der Jabiluka-Mine unterstützen. Der kleine Knast von Jabiru ist überfüllt mit Protestlern, die sich immer wieder an Zäune ketten, die Minenzufahrt sperren oder bei Demos die Straßen blockieren. Auch Yvonne Margarula wurde auf ihrem eigenen Land schon verhaftet – wegen „unbefugten Betretens“.

 

Im „Sports & Social Club“, einer von zwei Kneipen des Ortes, herrscht blanke Langeweile an diesem Sonntagnachmittag. Ein paar Gestalten in Shorts hocken beim Dosenbier, in einem akustischen Inferno aus Glückspielautomaten und fünf Fernsehern, die Rugbyspiele, Pferderennen und Comics in den mit fleckigem Teppich ausgelegten Raum dröhnen. Mißtrauisch starren sie die Reporter aus Deutschland an. Erst nach langem Zureden sprechen sie mit uns, und das auch nur, ohne ihre Namen zu nennen: „Überall hängen diese zotteligen, verlausten Penner aus Sydney und Melbourne rum“, schimpft einer. „Die wollen wohl zurück in die Steinzeit wie diese Mirrar“, lästert ein anderer, der bei der ERA gutes Geld verdient. „Und wieso soll das hier deren Land sein, ich bin auch Australier. Das ist auch unser Land.“

 

Eine Aborigine steckt den Kopf durch die Tür des Nebenraums und verlangt nach Bier. „Raus hier“, pampt der Barkeeper sie an, „oder zieh’ dir Schuhe an.“ Wir folgen ihr, als sie sich wieder verzieht. Sie ist vielleicht 50 und ziemlich angetrunken, wie die sechs, acht anderen Aborigines im Raum. Deren Saal ist noch trostloser, mit billigem Steinfußboden, einer Musikbox und einem abgewetzten Billardtisch. „Wir dürfen in die Bar der Weißen nur rein“, klagt Hilda Maralngurra, „wenn wir Schuhe tragen.“ Das sei nur schlecht getarnter Rassismus, erklärt sie, denn die meisten binninj hier laufen barfuß oder in Latschen herum. „Was soll’s“, sagt Hilda sarkastisch. „Wir werden noch hier sein und von unserem Land leben, wenn eure Kultur längst untergegangen ist.“ Plötzlich wirkt sie nüchtern und nachdenklich: „Falls ihr bis dahin nicht alles zerstört habt.“

Von MICHAEL FRIEDRICH
Fotos: MATTHIAS ZIEGLER

Aborigines, Landrechte und Uran

 

Der riesige Kontinent sei unbesiedelt („Terra Nullius“), legte die britische Krone fest, als sie Australien 1788 in Besitz nahm — obwohl bei Ankunft der Europäer dort etwa 300.000 Aborigines lebten. Die Doktrin wurde erst 1992 vom obersten Gerichtshof annulliert. Doch die Frage der Landrechte bleibt bis heute ungeklärt, zumal sich besonders die einflußreichen Lobbys der Farmer und Minengesellschaften heftig dagegen wehren, über den Status ihres Besitzes zu verhandeln. Politisch unterstützt werden sie dabei von der erst im Oktober 1998 wiedergewählten konservativen Regierung unter John Howard. Besonders aggressiv gegen Landrechte von Aborigines agiert die Regierung des dünnbesiedelten Northern Territory, das vom Export von Landwirtschaftsprodukten und Bodenschätzen lebt — und vom Tourismus im Kakadu-Nationalpark. Sollten die Ureinwohner vom Mirrar-Clan das Recht an ihrem Land letztinstanzlich zugesprochen bekommen, hätte das nicht nur Signalwirkung für die anderen rund 250.000 Aborigines, die auch andernorts Musterklagen laufen haben. Es würde zudem wesentlich schwerer, die bis zu 26 anderen geplanten Uranminen in Australien in Betrieb zu nehmen, da auch an diesen Orten die Landrechte oft umstritten sind. Australien ist der zweitgrößte Uranexporteur der Welt und verfügt über die größten Vorräte. Hauptabnehmer sind die USA, Japan und Südkorea. Auch Deutschland importiert australisches Uran.

 

 

Weltkulturerbe in Gefahr

 

Der Kakadu-Nationalpark im Northern Territory ist eines der beliebtesten Touristenziele Australiens. Der enorme Artenreichtum und bis zu 20.000 Jahre alte Felszeichnungen haben ihn zu einer von 20 Stätten weltweit gemacht, die von der UNESCO als „Natur- und Kulturerbe der Menschheit“ geführt werden. 1978 wurde der 20.000 Quadratkilometer große Park eingerichtet, uranhaltige Gebiete — Ranger, Jabiluka und Koongarra — wurden formell ausgegliedert, was den Betrieb von Minen ermöglicht. Der Anspruch der Ureinwohner auf das Land wurde prinzipiell anerkannt, sie mußten es aber verpachten und erhalten es erst zurück, wenn die Minen ausgebeutet sind. Die Mirrar kämpfen für volle Kontrolle über ihr Land und gegen die Ranger-Mine, die im Tagebau betrieben wird, sowie die unterirdische Jabiluka-Uranmine, die im Jahr 2000 eröffnet werden soll.



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