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greenpeace magazin 1.99
Für die Eisbären an der kanadischen Hudson Bay geht es ums Überleben – die globale Erwärmung setzt ihnen zu.
Wenn einem in der Tundra eine halbe Tonne Polarbär entgegenkommt, ist das ziemlich beunruhigend. Aber dann, der Bär ist nur noch etwa 200 Meter entfernt, wird er langsamer. Er schüttelt sich, schwankt und wankt und bricht schließlich mit blinzelnden Augen zusammen. Als ich ihn erreiche, liegt er platt auf dem Eis.
Im kanadischen Churchill, an der Südwestküste der Hudson Bay, zahlen Touristen 800 kanadische Dollar (ca. 880 Mark) pro Stunde, um von einem Helikopter oder einem Spezialbus aus die Eisbären zu beobachten. Mit Nick Lunn und Dennis Andriashek vom „Canadian Wildlife Service“ kommt man sehr viel näher an die Tiere heran. Hubschrauberpilot Steve Miller hat mich als überflüssiges Gewicht auf dem Eis abgesetzt. Größte Präzision beim Fliegen, 10 Milliliter Telazol und ein gutes Auge sind nötig, um einen Polarbären aus der Luft zu betäuben, aber für diese Männer ist das ein alltäglicher Job.
Seit mehr als 30 Jahren läuft an der Hudson Bay eine der umfangreichsten Untersuchungen einer Wildtierpopulation überhaupt. Zweimal im Jahr, im März und September, ziehen Lunn, Andriashek und andere los, um Eisbären zu kennzeichnen. Seit einigen Jahren geben ihre Daten Anlaß zur Beunruhigung: Die Tiere verlieren immer mehr Gewicht, und es gibt immer weniger Junge. Die Forscher machen dafür Veränderungen im Eis verantwortlich und fürchten, daß den Bären durch den Klimawandel eine Katastrophe droht.
Churchill nennt sich „die Eisbär-Hauptstadt der Welt“. Die Tiere kommen hier jeden Sommer an Land, weil in diesem Teil der Bucht das Meereseis – ihr natürlicher Lebensraum – zuletzt schmilzt. Vom späten Juli bis in den frühen November treiben sie sich in der Tundra und an der Küste herum, mit gelegentlichen Abstechern nach Churchill, bevor sie dann wieder hinaus auf das neugebildete Eis wandern. Die etwa 1200 Tiere sind hier den Menschen gegen-über in der Überzahl. In Churchill leben nur noch 6oo Menschen, seit die Raketenbasis der Armee geschlossen wurde.
„Wir haben Unterlagen von etwa 80 Prozent der Bären,“ sagt Andriashek. „Wir kennen ihr Alter und ihre Größe, wir wissen meist, wer ihre Mütter waren und wo sie geboren wurden. Wir haben ihnen Blutproben abgenommen, haben Proben ihres Fettes und ihrer Haut, von manchen einen Zahn, sogar eine Phiole mit ihrem Atem. Wir hoffen, daß wir innerhalb der nächsten zehn Jahre mit Hilfe von DNS-Analysen der Blutproben genaue Stammbäume all dieser Bären aufstellen können. Wir werden über sie mehr wissen, als über die Leute, die in Churchill leben.“
Die meisten Jungtiere werden während ihres ersten oder zweiten Sommers mit einer Plastikmarke am Ohr und einer Tätowierung auf der Innenseite ihrer Oberlippe gekennzeichnet. Die erwachsenen Tiere werden in regelmäßigen Abständen wie-der eingefangen, gemessen und gewogen. Manche bekommen einen Sender umgelegt, so daß sie vom Helikopter aus zu orten sind. Einige wenige werden so ausgerüstet, daß ein Satellit sie lokalisieren kann.
Manche Bären laufen davon, wenn sie einen Hubschrauber sehen. Erfahrene Männchen bleiben stehen und schauen – offenbar ist es ihnen wichtiger, Energie zu sparen als zu entkommen. Die Wissenschaftler betäuben alle Tiere, die sie entdecken. Nur wenn die Temperaturen allzuweit absinken, lassen sie Familien in Ruhe, damit die Jungen keinen Schaden nehmen, bevor die Muttertiere wieder richtig zu sich kommen.
Alle Tiere reagieren unterschiedlich. Bär „11875“ hat 15 Minuten gebraucht, um das Bewußtsein zu verlieren. Seine Lider flattern noch, während die Wissenschaftler ihm Blut abnehmen, einen Backenzahn entfernen, um sein Alter festzustellen, den Betäubungspfeil entfernen, ihn messen und seinen Atem analysieren. Nach einer halben Stunden liegt er immer noch platt und unbeweglich auf dem Eis. Ein Weibchen dagegen fällt schon nach zwei Minuten um, ist aber schon bald wieder halbwach, öffnet das Maul und hebt den Kopf, wäh-rend das Team die Arbeit schnell beendet.
Einige Bären haben ungewöhnliche Geschichten hinter sich. Die DNS-Analysen seines Blutes zeigten ganz deutlich, daß „12342“, ein zwei Jahre altes Männchen, ein „Wurf-Wechsler“ war – ein Junges, daß aus irgendwelchen Gründen von seiner Mutter verlassen und von einem anderen weiblichen Tier angenommen worden war. Als ich mit dem Forscherteam unterwegs bin, ist „10626“ der größte Bär, den wir fangen: ein zehn Jahre altes Männchen, das von der Nase bis zur Schwanzspitze 248 Zentimeter mißt. Das älteste Tier ist ein 21 Jahre altes Weibchen.
Im Churchill Northern Studies Center, das in der ehemaligen Raketenbasis untergebracht ist, treffen sich die Wissenschaftler später mit Piloten, Reiseleitern und Touristen. Sie reden über knappes Entkommen in der Tundra, von Bären, die in Zelte eindringen, weil sie nach Eßbarem suchen und solchen, die gelernt haben, eine Autotür zu öffnen.
Die Bewohner von Churchill haben ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihren vierbeinigen Besuchern. Die Bären sind eine der größten Einnahmequellen des Ortes. Doch vor nicht allzu langer Zeit wurde ein Einwohner Churchills getötet, als er einen Bären überraschte, der in der Ruine eines abgebrannten Hotels herumwühlte. Jetzt haben sich die Einwohner zusammengetan, um etwas zu unternehmen. Bären, die in die Stadt kommen, um nach Nahrung auf der Müllkippe zu suchen, werden in einem fensterlosen, alten Lagerhaus in Einzelhaft genommen.
„Sie bekommen Wasser, aber nichts zu fressen. Sie bekommen auch keine Menschen zu sehen, bis sie im Herbst auf das Eis hinaus verfrachtet werden,“ sagt Lunn. „Auf diese Weise scheinen sie zu verstehen, daß sie nicht erwünscht sind.“ Bären und ihre Jungen, die rückfällig werden, kommen häufig in Zoos. Der Geschäftsführer der Tierschutzorganisation „Zoocheck Canada“, Rob Laidlaw, kritisiert, daß bisher niemand überprüft hat, was aus diesen abgeschobenen Tieren geworden ist. Einer tauchte in einem japanischen Bärenpark auf, ein anderer in einem mexikanischen Zirkus. Doch laut Behörden wäre die einzige Alternative, die Bären zu töten.
Trotz der scheinbaren Brutalität dieser Maßnahmen sind Eisbären die einzige Art, die ein eigenes, maßgeschneidertes internationalesVertragswerk schützt. Das 1973 unterzeichnete Abkommen über den Schutz und die Erforschung der Polarbären hat dazu geführt, daß die Population seitdem von rund 5000 auf etwa 25.000 Tiere weltweit angestiegen ist.
Norwegen und Rußland verbieten heute die Jagd ganz, Kanada erlaubt den Bewohnern der nördlichen Landesteile den Abschuß von jährlich 600 Tieren (im ganzen Land leben rund 15.000 Eisbären). In Churchill selbst wird nicht gejagt, doch knapp 300 Kilometer weiter im Norden, in Arviat (früher Eskimo Point), sieht das anders aus. „Dort erfüllen die Leute ihre Quote meist schon innerhalb weniger Wochen im Herbst, sobald die Eisbären aus Churchill auf das Eis zurückkehren,“ sagt Lunn. Ein großes Fell bringt bis zu 2000 kanadische Dollar.
Die Wissenschaftler haben in Kanada 14 voneinander unabhängige Bärengruppen ausmachen können, die sich offenbar untereinander nicht paaren. Die Gruppe von Churchill überwintert auf ihrem eigenen Eisfeld am Westende der Hudson Bay und hat keinen Kontakt zu ihren nächsten Nachbarn in der James Bay, dem südöstlichen Teil der Hudson Bay.
Draußen auf dem Packeis ist das Leben leicht. Die Bären warten in der Nähe eines Atemloches, um junge Robben zu fangen, ihre Hauptnahrung, und leben gesellig mit ihren Artgenossen während der Paarungszeit im Frühling. Doch wenn das Eis zu schmelzen beginnt und die Bären aufs Land ziehen müssen, wird das Dasein härter. Es gibt dort wenig zu fressen, und so kommt es vor, daß ein erwachsenes Tier den Sommer über bis zu einem Drittel seines Gewichts verliert. Polarbären können zwar kurze Strecken bis zu 40 Stundenkilometer schnell laufen, schnell genug, um Gänse und mal ein Karibu zu erwischen. „Aber das tun sie sehr selten,“ sagt Lunn, „weil sie dabei mehr Energie verlieren, als sie durch ihre Beute bekommen würden.“
Die Forscher in Churchill wollen mit ihren Langzeituntersuchungen herausfinden, wie sich die Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere über die Jahre entwickelt. Es sieht nicht gut aus für sie: „In den letzten 20 Jahren haben wir einen deutlichen Verfall der körperlichen Kondition und der Gebärfähigkeit beobachten können,“ berichtet Lunn. Ein Index für den körperlichen Zustand, errechnet aus dem Verhältnis Körpergewicht zu -länge, sank in nur rund zehn Jahren von 55 auf 49. Gleichzeitig fiel die durchschnittliche jährliche Geburtenrate pro Bärin von 0,99 auf 0,84.
Eine Theorie führt diesen Trend auf die höhere Belastung der Tiere durch Umweltgifte, besonders polychlorierte Biphenyle (PCBs), zurück. Die Giftstoffe kommen mit der Luft in die Polarregion und reichern sich dann in der Nahrungskette an. Im vergangenen Jahr entdeckten norwegische Forscher mehrere hermaphrodite Eisbärenjunge, die besonders hohe PCB-Werte aufwiesen. Die Tiere um Churchill sind allerdings weniger mit PCBs belastet als anderswo. Ian Stirling, der Leiter des Untersuchungsprogramms, nimmt an, daß der seit zwei Jahrzehnten anhaltende Temperaturanstieg in der Region für den gesundheitlichen Verfall der Eisbären verantwortlich ist.
Die letzten Wochen im Frühjahr und Sommer, bevor das Eis in der Hudson Bay schmilzt, sind für die Bären besonders wichtig – und der Schlüssel für ihr weiteres Überleben. Die erwachsenen Tiere nehmen jetzt den größten Teil ihrer jährlichen Nahrung auf. Vor allem die Muttertiere, die den Winter mit ihren neugeborenen Jungen in einer Höhle an Land verbringen und erst im März abgemagert aufs Eis zurückkehren, sind auf diese Zeit angewiesen. Wenn das Eis früher als sonst schmilzt, können sie nicht so viele Seehundjunge fangen – und das könnte verheerende Auswirkungen auf die gesamte Population der Polarbären dieser Region haben.
Ian Stirling schätzt, daß durchschnittliche Bärinnen bis zu zehn Kilogramm leichter an Land kommen und mit bis zu 34 Kilo Körpergewicht weniger im Frühjahr auf das Eis zurückkehren, wenn das Eis der Bucht auch nur eine Woche früher als normal schmilzt. Gleichzeitig würden sie weniger Jungtiere zur Welt bringen und großziehen. An der Hudson Bay steht das Überleben der Eisbären vermutlich bereits auf Messers Schneide.
Wenn Lunn und Andriashek das nächste Mal wieder auf Bärenjagd gehen, werden sie noch vorsichtiger sein als sonst. Wenn sich die Arktis weiter so schnell erwärmt, könnten die Tiere ihr Verhalten ändern. Stirling befürchtet, daß hungrige und gestreßte Bären in größerer Zahl nach Churchill kommen könnten als bislang, Tiere die so verzweifelt auf Nahrungssuche sind, daß sie auch Menschen töten würden. Eine Begegnung mit so einem Tier wäre dann mehr als nur beunruhigend.
Von FRED PEARCE
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