greenpeace magazin 1.99

BSE: Deutsches Rind ist nicht so sicher, wie behauptet wird

Rindfleisch hat einen Haken: Keiner kann garantieren, daß Deutschland BSE-frei ist, weil nicht getestet wird.

Die beste und die schlechteste Nachricht für Europas Rindfleischesser kommt aus Zürich: Die Schweizer Molekularbiologen Markus Moser und Bruno Oesch entwickelten einen Rinderwahnsinn-Test, der die Frage, ob ein Tier BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) hat oder nicht, binnen weniger Stunden beantworten kann. Fleischesser könnten künftig sicher sein, ein gesundes statt eines krankmachenden Steaks auf den Tisch zu bekommen – wenn getestet würde.

 

Die schlechte Nachricht daran: Bei einem Feldversuch in der Schweiz an mehr als 3000 gesund wirkenden Kühen spürten die beiden Forscher und Gründer der Firma Prionics – benannt nach den Prionen, den Erregern des Rinderwahnsinns – im September mit dem Schnelltest prompt ein infiziertes Tier auf. Die vierjährige Kuh wäre unbemerkt auf dem Teller gelandet.

 

In einer früheren Testreihe mit 2200 Tieren aus 20 Schlachthöfen fanden sie sogar sechs BSE-Fälle. Kein Tier, bestätigte das Berner Bundesamt für Veterinärwesen, zeigte die typischen Symptome wie Stolpern und Torkeln – als optisch gesunde Tiere wären sie verkauft und geschlachtet worden. Markus Moser konstatiert kühl: „Allen Beteuerungen von Wissenschaftlern und Politikern zum Trotz essen ahnungslose Bürger weiter infizierte Tiere. In der gesamten EU.“

 

Nüchterne Arithmetik verdirbt nun Europas Freunden von Braten, Wurst und Buletten endgültig den Appetit: Selbst wenn tatsächlich nur eins von 3000 Tieren jährlich unerkannt in die Nahrungskette gelangte, so verspeisten die Schweizer allein jährlich rund 66 BSE-Kühe. In Deutschland könnten es sogar mehr als 3000 sein, denn hierzulande werden jährlich zehn Millionen Rinder geschlachtet.

 

Mosers Hiobsbotschaft verhallte nicht ungehört: die EU-Kommission schickte flugs Spezialisten zu Prionics, die nun die Empfindlichkeit und Zuverlässigkeit des Schweizer Schnelltests – sowie möglicher Konkurrenten – prüfen sollen. Erweisen sich die Tests als tauglich, soll der Einsatz allen Mitgliedsstaaten ab Mitte 1999 zwingend vorgeschrieben werden.

 

Die Prionics-Gründer wittern ein Riesengeschäft: „Wir haben die Nase vorn.“ 63 Millionen Tieren werden pro Jahr europaweit die Kehle durchschnitten. Bei 60 Mark pro Tier würde der Schweizer Sicherheitsnachweis allein in Deutschland 600 Millionen Mark kosten, falls die Preise nicht rasch sinken. Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, stellvertretender Vorsitzender des Agrarausschusses im Europaparlament, plädiert in jedem Fall für die Methode: „Vielleicht wäre der Wahnsinn dann endlich vom Tisch.“

 

Gut 13 Jahre ist es her, seit in Südengland der erste Wiederkäuer von einem Tag auf den anderen verrückt spielte und schließlich starb. Der britische Biologe Roy Anderson von der Universität Oxford schätzt, daß seitdem rund 729.000 erkrankte Tiere in die Nahrungskette gelangt sind. Die Gefahr ist trotz umfassender Schlachtprogramme nicht gebannt: Noch immer werden in Großbritannien pro Monat rund 200 BSE-Rinder gemeldet. Aber auch in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz, Frankreich und Irland grassiert der Wahnsinn – in Portugal wurden 1998 70 infektiöse Tiere registriert.

 

Als Auslöser des Hirnschwamms gilt bislang verseuchtes Tiermehl. Dessen Produzenten garten in ihrem Tierkadaver-Brei unter anderem Schafe, die an der Gehirnkrankheit Scrapie verendet waren – seit 1980 allerdings nur bei geringeren Temperaturen, die zwar Kosten sparen, dafür aber die Erreger nicht zerstörten. Eigentlich sind Kühe Pflanzenfresser. Durch das Tiermehl wurden sie zu Kannibalen – und zu einer Gefahr für den Konsumenten.

 

Denn inzwischen hält es eine wachsende Fraktion von Wissenschaftlern für wahrscheinlich, daß der Verzehr von BSE-infiziertem Beef bei Menschen zu einer neuen Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) führen kann, die die Hirnrinde wie einen Schwamm durchlöchert und selbst junge Menschen in hilflose Gestalten verwandelt. 29 Briten sind in den letzten Jahren an CJK erkrankt und gestorben. Seit März 1998 soll eine Untersuchungskommission klären, warum in Großbritannien das Leben der Konsumenten so lange aufs Spiel gesetzt wurde. Die erschütternden Aussagen der Zeugen, etwa von Familien, deren Kinder an der Seuche starben, sind täglich im Internet (www.bse.org.uk) nachzulesen.

 

„Deutschland ist BSE-frei“, erklärt kategorisch Udo Wiemer, Tierseuchenreferent im Bundeslandwirtschaftsministerium. Der deutsche Vertreter im Veterinärausschuß der EU verweist auf zahlreiche Schranken gegen BSE: Einfuhrverbot von britischem Rindfleisch, Importkontrollen an den Grenzen, scharfe Richtlinien für Tiermehlproduktion und so weiter.

 

Auch die Centrale Marketinggesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft (CMA) tritt selbstbewußt auf. In seitengroßen Zeitungsanzeigen werben sie für „leckeres Rindfleisch mit Prüfsiegel“. Zwar sei in Europa noch hier und da ein „BSE-Feuerchen am Brodeln“, spielt Manfred Heuser, Pressesprecher der CMA, Sorgen herunter, aber hierzulande hätten sich alle BSE-Fälle als „verkleidete Tiere“ entpuppt, die zwar auf deutschen Felder weideten, aber aus ausländischen Ställen stammten.

 

Diese zur Schau getragene Arroganz ist den Nachbarländern ein Dorn im Auge. Zumal sie eher auf Wunschdenken als sicheren Daten beruht. „In Deutschland werden viel zu wenig verdächtige Tiere untersucht“, sagt der Schweizer Neuropathologe Marc Vandevelde von der Universität Bern: „Die Behauptung, wir haben kein BSE, ist Schönfärberei.“ Er kritisiert vor allem die deutsche Praxis, Risikoorgane wie Hirn, Rückenmark, Milz, Därme und Lymphknoten zu verarbeiten – denn die enthalten am ehesten BSE-Erreger.

 

Auch Markus Moser moniert das Blinde-Kuh-Spiel der Deutschen: „Wenn sie tatsächlich BSE-frei sind, sollen sie testen.“ In Bonn ziehen sich die Beamten vorerst darauf zurück, die Verläßlichkeit des Tests anzuzweifeln. Hellseherisch kritisiert Referent Udo Wiemer bereits jetzt „zuviele falschpositive Befunde des Schweizer Tests“ – dafür gibt es aber nach den Schweizer Feldversuchen und Kontrollen durch die Uni Bern keinen Beleg.

 

Den Titel „BSE-frei“ haben sich die Deutschen großzügig selbst verliehen. Die Juristin Dagmar Roth-Behrendt, bis Ende 1997 Vorsitzende des BSE-Ausschusses im EU-Parlament, attestiert ihnen deshalb die Haltung „kleiner Sonnenkönige“. Erst im Oktober dieses Jahres stellte der Bundeslandwirtschaftsminister bei der EU einen offiziellen Antrag auf BSE-Freiheit. Dafür gelten aber die strengen Kriterien des Internationalen Tierseuchenamtes in Paris.

 

„Die Latte hängt sehr hoch“, räumt ein Wissenschaftler der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere ein. Der Tübinger bezweifelt – wie auch seine Bonner Dienstherren –, daß die EU-Kommission deutsche Rindersteaks für sicher erklären wird. Zu nachlässig sei mit der Überwachung von verdächtigen Tieren umgegangen worden. Sieben Jahre rückwirkend fordere die EU lückenlose Buchführung über solche Kontrollen, die fehle aber. Der Streit mit Brüssel über solche Schlampereien ist programmiert.

 

Angesichts derart laxer Kontrollen ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Bauern dies auch ausgenutzt haben. Wie deutsche Politiker haben natürlich auch die Viehzüchter kein Interesse daran, daß BSE-Rinder bei ihnen entdeckt werden. Auf dem Fleischmarkt hätten sie dann keine Chance mehr. „Deutsche Bauern haben vermutlich zahllose verdächtige Tiere zum Abdecker geschafft, ohne daß sie je ein Veterinär gesehen hat“, argwöhnt Dagmar Roth-Behrend. Sie empfiehlt, jedem Viehhalter eine Prämie zu zahlen, der ein BSE-infiziertes Tier ehrlich meldet.

 

Von Selbstkritik sind die Deutschen dennoch weit entfernt. Im EU-Agrarrat hat der deutsche Landwirtschaftsminister Funke als einziger gegen eine Aufhebung des seit 1996 geltenden Banns von britischem Rindfleisch gestimmt. Dagmar Roth-Behrendt ärgert sich: „Dieses Votum dient dem Schutz des eigenen Rindfleischmarktes, nicht dem Schutz des Verbrauchers.“ Der deutsche Fleischabsatz sank von 1992 bis 1997 von 67 auf 60 Kilo. Der deutsche Fleischer-Verband schätzt den Umsatzrückgang bei Rindfleisch wegen der BSE-Krise auf mindestens 300 Millionen Mark.

 

Da sorgt der Plan von Nordrhein-Westfalens Landwirtschafts- und Umweltministerin Bärbel Höhn für Unruhe, 5000 Schlachtrinder mit dem Prionics-Verfahren testen zu lassen. Der Vorstoß – eigentlich zur Abwehr britischer Importe gedacht – könnte sich als Bumerang erweisen: Stimmen die Hochrechnungen der Schweizer Experten, wird mindestens ein BSE-Rind darunter sein, die Mär vom sicheren deutschen Steak löste sich in Luft auf.

 

Ohnehin ist es trotz Embargos sicher, daß britisches Rindfleisch die Grenzen passiert. Angelika Michel-Drees von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände in Bonn weist auf Schmuggel und dunkle Machenschaften der internationalen Beef-Dealer hin. „Noch im Juli diesen Jahres sind in einem belgischen Kühlhaus 50 Tonnen geschmuggeltes Rindfleisch aus Großbritannien entdeckt worden.“

 

Sorgen bereitet international renommierten Wissenschaftlern überdies die Hartnäckigkeit der Prionen. Das rätselhafte Eiweiß scheint sich unbemerkt in fremden Wirten, etwa Schweinen und Geflügel, einnisten zu können und dort als tückische Infektionsquelle zu überdauern.

 

Metzgermeister Klaus Berchtold aus Rotkreuz im Schweizer Kanton Zug schneidet derweil wieder frohgemut ins Fleisch, das er in seiner Schlachterei anbietet. Bevor das selbstgeschlachtete Vieh etwa als Lendensteak in der Ladentheke landet, passiert es den Prionics-Schnelltest. „Meine 200 bis 250 Kunden, die täglich kommen, vertrauen mir wieder“, erzählt Berchtold. Die Kosten trägt der Chef selbst.

Von KIRSTEN BRODDE

Welche Produkte sind noch sicher?

 

Die Produktempfehlungen der Verbraucherverbände zu BSE müssen im Lichte neuer Erkenntnisse kritisch betrachtet werden, da deutsche Rinder bislang möglicherweise nicht ausreichend getestet werden. Mehr denn je gelten deshalb zunächst zwei Grundregeln:

 

1. Inhaltsstoffe prüfen: Auf Lebensmittelverpackungen ist zwar nicht die Herkunft, aber die Art der Inhaltsstoffe deklariert. Kontrollieren Sie also Würzen, Brühwürfel usw. auf Rinderbestandteile.

 

2. Wege verkürzen: Kaufen Sie Fleisch und Wurst in der Region, möglichst direkt beim Erzeuger oder Händler Ihres Vertrauens. Größte Sicherheit bieten Bio-Betriebe.

 

Brühwürfel etc: Rohstoffe für Fleischextrakte, Rinderbrühen und Würzen in Deutschland kommen laut Herstellern ausschließlich aus Argentinien, Brasilien und Uruguay — bislang BSE-freie Staaten.

 

Fertiggerichte, Konserven: Die Zutaten, z.B. Rindfleisch, müssen auf jeder Lebensmittelverpackung stehen, leider nicht zwingend mit Herkunftsangabe. Viele Hersteller bescheinigen, daß sie nur Rindfleisch deutscher Herkunft verarbeiteten.

 

Fleisch: Kaufen Sie kein Rindfleisch aus Großbritannien, der Schweiz und Nordirland oder Fleisch ohne Herkunftsnachweis. Öko-Verbände (etwa Bioland, Biopark, Naturland und Demeter) und spezielle Markenfleischprogramme belegen die Herkunft ihres Fleisches und schreiben strenge Richtlinien für Erzeuger vor. Deutsches Lamm-, Schafs- und Ziegenfleisch gilt als ungefährlich. Geflügel und Schweine zeigen keine BSE-artigen Symptome, offenbar können sie aber als Wirt fungieren (siehe Seite 15).

 

Gelatine: In Deutschland verarbeitete Gelatine stammt nach Angaben der Industrie zu 90 Prozent aus Schweineschwarten. Der Rest wird aus Rinderbestandteilen gewonnen. Zunehmend werden auch pflanzliche Verdickungsmittel eingesetzt. Nach bisherigem Wissen vermindern Auswahl der Rohstoffe und Produktionsverfahren hierzulande das BSE-Risiko. Gelatine wird eingesetzt in: Getränken, Gewürzen, Fleischartikeln, Backwaren, Fischwaren, Feinkostsalaten, Süßwaren und Milchprodukten.

 

Innereien: Gebratenes oder gebackenes Hirn, Knochenmark, Markklößchen und gebackenes Bries stellen nur dann keine Gefahr dar, wenn die Rindbestandteile aus garantiert BSE-freien Ländern stammen.

 

Milch und Käse: Der Verzehr von Milch und Milchprodukten (Quark, Käse, Joghurt etc.) stellt nach heutigem Wissen keine Gefahr dar.

 

Säuglingsnahrung: Deutsche Hersteller müssen vermerken, daß verarbeitetes Rindfleisch aus BSE-freien Beständen stammt. Milchlieferanten dürfen kein Tiermehl verfüttern.

 

Wurstwaren: Kaufen Sie nur Wurst mit Herkunftsnachweis für die Rinderrohstoffe. Vermutlich problematische Sorten: Hirnwurst, Bregenwurst, Briespastete, Lungenwurst, Kümmelwurst, Fleischwurst, Rinderwurst, Hannoversche Weiße, Mengwurst, Mischwurst. Dagegen werden Leberwurst, Leberkäse, Zwiebelwurst, Grützleberwurst meist mit Schweineleber hergestellt.

 

Für Arzneimittel und Kosmetika gelten strenge Sicherheitsauflagen.

 

Quellen: Rinderwahnsinn. Welche Produkte sind noch sicher? Verbraucherzentralen, 1996.

 

Risiko Rindfleisch. Der BSE- Ratgeber. Südwest Verlag, 1996

 

 

13 Jahre BSE — die Chronik des Schreckens

 

1981

Die britische Futtermehl-Industrie senkt aus Kostengründen die Standards bei der Tiermehl-Produktion.

1985

Ein englischer Tierarzt beschreibt den ersten Fall von neurologischen Störungen bei einem Rind — das „mad cow“-Syndrom.

1986

Ein Labor identifiziert die Rinderkrankheit als Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE).

1988

Die Briten verbieten das Füttern von Wiederkäuern mit Tiermehl.

1989

Die Ausfuhr von lebenden Rindern aus Großbritannien wird verboten. Deutschland verbietet den Import von britischem Tiermehl.

1990

Der britische Landwirtschaftsminister John Gummer zwingt seine vierjährige Tochter vor laufenden Kameras, einen Beef-Burger zu essen — trotz des Verdachtes eines gesundheitlichen Risikos.

1993

England registriert den 100.000. Fall von BSE. Zwei britische Bauern sterben an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), erster Verdacht eines Zusammenhangs zwischen beiden Krankheiten.

1996

Der britische Gesundheitsminister verkündet, es gebe wahrscheinlich eine Verbindung zwischen BSE und nvCJK (der neuen Variante von Creutzfeldt-Jakob). Die EU verbietet den Export von britischem Tiermehl und Rindfleisch.

1997

In Großbritannien sind 171.000 BSE-Fälle offiziell gemeldet.

1998

In London startet der BSE-Untersuchungsausschuß. 29 Briten sind bislang an nvCJK erkrankt und gestorben. Die Firma Prionics aus Zürich stellt einen BSE-Schnelltest vor. Die EU hebt den Bann für britisches Rindfleisch auf, obwohl in Großbritannien noch immer bis zu 200 „mad cows“ pro Monat registriert werden.



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