greenpeace magazin 1.99

Sintflut in der Savanne

Der Meteorologe Mojib Latif über das katastrophale Wetter 1998 und die Entwicklung des Weltklimas

Stürme, Dürren, Hochwasser, Waldbrände – seit mehr als einem Jahr tobt eine Serie von Wetterkatastrophen um die Welt, verwüstet ganze Länder, tötet Tausende Menschen und verursacht Milliardenschäden, zuletzt in Mittelamerika. Die GPM-Redakteure Frank H. Griesel und Olaf Preuß sprachen mit dem Klimaforscher Mojib Latif über die Ursachen und die Konsequenzen für die Klimapolitik.

 

GPM: Sind die Unwetter des vergangenen Jahres die Vorboten eines Klimawandels?

 

MOJIB LATIF: Nein, die globale Erwärmung ist bislang zu gering, um das Klima so stark durcheinanderzubringen, daß Katastrophe auf Katastrophe folgt.

 

Ursache der meisten verheerenden Unwetter des vergangenen Jahres sind für Sie die Phänomene El Niño und La Niña.

 

Ende 1997 und Anfang 1998 waren stark durch den extremen El Niño geprägt. Auf sein Konto gingen unter anderem die Dürre in Südostasien und die Überschwemmungen in Südamerika. Auch die Fluten in Kalifornien, in Florida und im äquatorialen Ostafrika gehörten dazu. Meist folgt einem El Niño eine La Niña. Das bedeutet eine Abkühlung des Pazifiks, während El Niño eine Erwärmung des Pazifiks ist. Wir wissen aus der Vergangenheit, daß die Anzahl tropischer Wirbelstürme im atlantischen und im pazifischen Raum eng gekoppelt ist an die Veränderungen der Meerestemperatur im Pazifik – also eng gekoppelt an die beiden Phänomene El Niño und La Niña.

 

Werden El Niño und La Niña durch menschengemachte Treibhausgase verstärkt?

 

Im Moment gehen wir noch davon aus, daß El Niño und La Niña weitgehend durch natürliche Veränderungen bestimmt sind. Wir hatten 1982/83 einen sehr starken El Niño. Wir dachten, so etwas kommt nur einmal im Jahrhundert vor. Dann hatten wir 1997/98 wieder einen, was uns doch irgendwo überrascht hat. Wir können heute noch nicht sagen, ob das schon der Anfang einer veränderten El-Niño-Statistik infolge des Treibhauseffektes ist. Wir rechnen aufgrund unserer Modelle damit. Aber auf einen wirklichen Nachweis muß man noch mehrere Jahrzehnte warten.

 

Heizt der Mensch die Erdatmosphäre auf?

 

Das meint jedenfalls die Mehrheit der Klimawissenschaftler, und diese Meinung ist gesichert. Die Leute, die immer wieder das Gegenteil vertreten, arbeiten erstens gar nicht auf dem Gebiet der Klimaforschung, zweitens werden sie von der Erdöl- oder der Kohleindustrie bezahlt. Es herrscht ein extremes Mißverhältnis zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Einigkeit der Klimaforscher.

 

Hat die Klimaerwärmung heute schon einen Einfluß auf das Wetter in Deutschland oder in Mitteleuropa?

 

Ich gehe davon aus. Aber wir können es schlecht nachweisen. Daß bei uns die Winter deutlich wärmer geworden sind, deckt sich mit dem, was unsere Klimamodelle voraussagen. Wir sind ziemlich sicher, daß die globale Erwärmung, die wir in den vergangenen 100 Jahren beobachtet haben, den Bereich der natürlichen Schwankungen überschritten hat.

 

Wie hat sich der globale Mittelwert in den vergangenen 100 Jahren verändert?

 

Die globale Temperatur ist um etwa 0,6 bis 0,7 Grad gestiegen, davon ungefähr die Hälfte allein innerhalb der letzten 30 Jahre. Speziell der rasante Anstieg in dieser kurzen Zeit kann kein natürlicher Einfluß mehr sein. Das ist mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit menschengemacht.

 

Ist das ein Beweis für den Klimawandel?

 

Man muß zwei Fragen voneinander trennen. Erstens: Was kann man jetzt schon sehen? Und zweitens: Was passiert in Zukunft? Es gibt einen gewissen Spielraum bei der Beurteilung der Frage: Was kann man heute sehen? Davon aber völlig unabhängig ist die Frage: Was passiert in 100 Jahren? Und darüber gibt es überhaupt keinen Dissens. Außer von diesen sogenannten Skeptikern, die aber eigentlich gar nicht aus dem Feld kommen. Was wir heute verursachen, bekommen wir erst in 30 oder 40 Jahren zu sehen. Das bedeutet andererseits, daß wir noch etwas tun können. Natürlich ist es schwierig, Politiker zu überzeugen, wenn man den Beweis nicht knallhart auf den Tisch legen kann.

 

Wie wird die Zukunft aussehen?

 

Wir gehen davon aus, daß es zu einer weiteren Erwärmung kommt, abhängig davon, wie sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre künftig verändert. Schlimmstenfalls steigt die globale Mitteltemperatur bis zum Jahr 2100 um drei Grad. Das ist sehr viel.

 

Drei Grad mehr sind gefährlich?

 

Drei Grad im globalen Mittelwert bedeuten, daß es sich über Land deutlich stärker erwärmt als über dem Meer. Das Meer kann ja die Wärme in tiefere Schichten transportieren, das kann das Land nicht. Deswegen wird über Land im Jahresmittel eine Temperaturänderung von bis zu fünf Grad möglich sein. Wir gehen davon aus, daß in Mitteleuropa künftig häufiger Westwindlagen auftreten werden und damit auch häufiger Stürme und mehr Niederschlag.

 

Wie kann man diesen Trend aufhalten?

 

Der weltweite CO2-Ausstoß muß langfristig reduziert werden, bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts etwa auf die Hälfte.

 

Sind wir dabei jetzt noch im Fahrplan?

 

Man muß nicht 50 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre reduzieren, aber innerhalb der nächsten 50 Jahre. Wir brauchen dafür keinen Crashkurs, das wäre auch nicht gut für die Wirtschaft. Es ist aber wichtig, daß man jetzt mit der Reduzierung anfängt. Insofern haben wir die Vereinbarung von Kyoto als Erfolg gesehen, weil man da zumindest einen Einstieg gefunden hat.

 

Wie bewerten Sie die Ergebnisse des jüngsten Klimagipfels in Buenos Aires vergangenen November?

 

Es ist gut, daß das Thema immer noch ganz oben auf der Agenda der Weltpolitik steht. Aber das ist dann auch das einzige, was man positiv bewerten kann. In Buenos Aires wurde wieder nichts Konkretes beschlossen. Insbesondere die USA wollen sich weiterhin nicht verpflichten, ihren CO2-Ausstoß deutlicher zu reduzieren.

 

US-Wissenschaftler haben kurz vor dem Klimagipfel eine neue Studie veröffentlicht, wonach der Waldbestand der USA mehr als ausreicht, um die Kohlendioxid-Emissionen des Landes zu absorbieren.

 

Das ist natürlich Blödsinn, denn man muß das Ganze immer global sehen. Egal, wo man ein Kohlendioxid-Molekül entläßt, es ist immer global wirksam, weil es eine so lange Lebensdauer hat. Von Menschen freigesetztes CO2 hat eine Lebensdauer von mindestens 50 Jahren. Die Idee, steigende CO2-Emissionen durch verstärkte Aufforstung auszugleichen, ist keine dauerhafte Lösung. Langfristig wird ja auch jenes CO2 wieder in die Atmosphäre freigesetzt, das man durch Aufforstung bindet.

 

Was halten Sie vom Handel mit Emissionsrechten?

 

Dieser Handel darf auf keinen Fall dazu führen, daß sich Industriestaaten wie die USA freikaufen können. Allerdings ist es unter Umständen günstiger, Geld in Entwicklungsländern anzulegen als in Industriestaaten. Wenn ich 100 Mark in Indien investiere, kann ich für den Umweltschutz mehr erreichen, als wenn ich 100 Mark in Deutschland anlege.

 

1998 war das wärmste Jahr seit Beginn der globalen Temperaturaufzeichnungen. Welche Rolle spielt das für Ihre Arbeit?

 

Wir haben vor etwa drei Jahren erklärt: Wir glauben, daß man jetzt die globale Erwärmung nachweisen kann. Jedes weitere Rekordjahr verringert die Wahrscheinlichkeit, daß wir uns irren.



Von FRANK H. GRIESEL und OLAF PREUSS

Zwei Geschwister verändern die Welt

 

Anhand von Klimadaten errechneten Meteorologen die typischen globalen Veränderungen von El Niño und La Niña: Die Klimaanomalie El Niño ereignet sich alle zwei bis sieben Jahre. Dann kommt es zu Umkehrungen des normalen Wetters, und die Passat-winde im Pazifik, die sonst warmes Oberflächenwasser vor die Küste Asiens und Australiens treiben, bleiben aus. Die Folge: Das warme Wasser schwappt zurück nach Amerika. Dort bilden sich aufgrund der feuchtwarmen Luft, die über dem warmen Wasser aufsteigt, Wolken. Es kommt zu sintflutartigen Regenfällen. An anderen Orten der Welt — wie z.B. in Südostasien — sorgt El Niño dagegen für starke Dürren, Mißernten und Waldbrände. La Niña dagegen wirkt El Niño genau entgegengesetzt. Meist tritt sie deshalb auch im Anschluß an einen El Niño auf. Bei einem La-Niña-Phänomen wird vor der südamerikanischen Küste vermehrt kaltes Wasser an die Oberfläche transportiert. In Südostasien fallen dann heftigere Monsunregen als in normalen Jahren. Klimaforscher Latif ist sich sicher: Nach dem heftigen El Niño vor einem Jahr folgt nun in den nächsten Wochen eine starke La Niña. Zwischen April 1997 und Juni 1998 hat El Niño den Tod von 21.700 Menschen verursacht und Schäden in Höhe von rund 60 Milliarden Mark angerichtet.



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