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Aus fünf Kilo Fisch wird ein Kilo Zuchtlachs

Auf Kosten der Peruaner decken wir unseren Tisch.

Lachsfilet ist längst kein Luxus mehr, sondern mittlerweile billiger als gute Leberwurst. Jährlich verzehren deutsche Verbraucher mehr als 70 Millionen Kilo des beliebten Fisches, der von seiner Natur her eigentlich ein Wanderer ist, heute aber in großen Massen in den engen Käfigen von Zuchtfarmen gehalten wird. Führend in der Lachszucht sind Norwegen, Großbritannien und Chile. Damit die Lachse in nur 18 Monaten auf ihr Schlachtgewicht von vier Kilo heranwachsen, brauchen die Fischfarmer preiswerte und hochwertige Futtermittel. Vor allem vor der südamerikanischen Pazifikküste fangen Industriefischer den Rohstoff für das Turbofutter: Fisch in gigantischen Mengen.

 

Peru ist der größte Fischmehlproduzent der Welt, und Chimbote ist die dreckigste Stadt Perus. 60 Prozent des peruanischen Fischmehls werden hier hergestellt. Der Reiseführer empfiehlt dringend, diese Stadt zu meiden. Die Abgase von 60 Fischmehlfabriken hüllen Chimbote in einen dichten, graugelben Nebel. Tranige Dämpfe liegen schwer über der Stadt, kriechen in jede Ritze, brennen in den Augen und lassen den Magen rebellieren. 11.000 Tonnen Stäube, Fettpartikel und Eiweiße werden in Chimbote jährlich aus Fabrikschloten ausgestoßen. 80 Prozent der Kinder sind chronisch krank: Ekzeme, Asthma, Bindehautentzündungen. Immer wieder brechen Seuchen aus. Die letzte Choleraepidemie liegt erst sieben Jahre zurück.

 

Die Fischmehlfabriken sind von hohen Mauern umgeben, auf denen bewaffnete Wachen stehen. Flutlicht sichert die Gelände nachts. Der Zorn der Bürger darf die Produktion nicht stören. Die Abwässer der Fabriken, ein Konzentrat aus Fischöl, Gewebewasser und Blut, laufen aus maroden Rohren direkt ins Meer. Ein paar junge Männer haben hier eine Einkommensmöglichkeit entdeckt: Sie stauen die Abwässer und schöpfen den ölhaltigen Schaum ab. Über dem Feuer wird der Abschaum zu Fischöl gekocht und wieder an die Fabriken verkauft, die damit ihre Trokkenöfen betreiben. Acht Männer arbeiten vier Tage für ein 200-Liter-Faß. Das bringt 20 Mark – den Gegenwert eines Pfundes Räucherlachs in deutschen Kühltheken.

 

Am Strand von Chimbote stolpert man über Müllberge und Tierkadaver. Das Meer – eine sterile, übelriechende Flüssigkeit. Kein Fisch lebt mehr direkt vor der Küste. Fährt man jedoch weiter hinaus, ist der Pazifik äußerst fruchtbar. Jeder fünfte Fisch, der weltweit gefangen wird, geht hier ins Netz. Im ganzen Südostpazifik sind es jährlich 20 Millionen Tonnen – noch.

 

Täglich laufen mehr als 200 Industrie-Trawler von Chimbote aus und kehren mit silbrigen Bergen von Anchovis in ihren Bäuchen zurück, eine schimmernde Fracht, die mit Gummirüsseln direkt in die Kessel der Fischmehlfabriken gepumpt wird. Fangquoten werden hier ganz offensichtlich überschritten. Romulo Loayza Aguilar, Meeresbiologe in Chimbote, berichtet: „Die FAO (Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, d. Red.) hat vorgeschlagen, die Trawlerflotten auf 25 Prozent zu reduzieren, das hat man ignoriert. Was hier geschieht ist Überausbeutung“. An der Universität in Antofagasta/Chile beobachtet Professor Marcello Oliva die Folgen der hemmungslosen Überfischung mit Sorge: „Man kann 30 Prozent der Fische abfangen, die restlichen 70 Prozent reichen aus, um den Bestand zu erhalten. Aber in Peru passiert das Gegenteil: Man holt 70 Prozent raus und läßt nur 30 drin.“ Schon jetzt sterben hier die in Küstennähe lebenden Seevögel und Seelöwen in Massen, weil sie nicht mehr genügend Futter finden. Und auch die Zeit der Pinguine ist vorbei. Zu Beginn dieses Jahrhunderts gab es in Chile und Peru mehrere Millionen Humboldt-Pinguine. Heute sind es noch 13.000.

 

José arbeitet auf einem Industrieschiff. Mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet mehr als 20.000 Mark ist er in Peru ein Spitzenverdiener. Dafür nimmt er täglich 18 Stunden schwerster Arbeit in Kauf, froh, einen Job zu haben: „Früher hatte ich mein eigenes, kleines Boot. Das lohnt sich nicht mehr, als Küstenfischer fängt man hier nichts mehr.“ Die „Bolicheras“ fischen alles leer. Ihre Ringwadennetze sind feinmaschig und riesig: 400 Meter lang und 70 Meter hoch. Das macht fast 30.000 Quadratmeter Netz. Groß genug, um einem ganzen Schwarm Anchovis einzuwickeln. Außerdem sind sie mit allen möglichen High-Tech-Instrumenten ausgestattet. Da können die Küstenfischer mit ihren kleinen Booten nicht mithalten. Wer keinen Job auf einem Trawler findet, flüchtet sich in die Illegalität: Harpunenfischerei, Delphinfang. Auf dem Schwarzmarkt von Chimbote wird Delphinfleisch angeboten, das Kilo zu sechs Mark. Viele ehemalige Fischerfamilien ziehen weg und landen nicht selten in den Slums der Hauptstadt Lima, wo ihnen kaum etwas anderers bleibt als Diebstahl, Drogenhandel oder Prostitution.

 

Jeder zweite Peruaner ist unterernährt – das eiweißreiche Fischmehl geht indes auf dem Seeweg in alle Welt. In die Länder, die billiges Kraftfutter für die Massenviehhaltung benötigen: Europa, Mittelamerika, Südostasien. Und auf die Lachsfarmen in Chile, Irland oder Schottland. Fünf Kilogramm Wildfisch sind nötig, um ein Kilo Fischmehl zu erzeugen, mit dem wiederum ein Kilo Zuchtlachs produziert wird. Mit der Eiweißmenge, die weltweit allein an Lachse verfüttert wird, könnten 80 Millionen Menschen ihren Proteinbedarf decken.

Von NICOLA VON OPPEL



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