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Zum Kaffee an den Südpol

Eine australische Reiseagentur bietet Rundflüge über der Antarktis an - mit ökologisch höchst fragwürdigen Folgen.

Wir haben den 55. südlichen Breitengrad überflogen und werden den Antarktischen Kontinent in etwa 45 Minuten erreichen. Wenn die Wolkendecke aufbricht, können wir in etwa einer halben Stunde das Eis sehen.“ Qantas-Chefpilot Ray Heiniger hat nicht zuviel versprochen: Um 13.30 Uhr erkennen wir die ersten driftenden Eisberge. Zehn Minuten später schwebt unser Jumbo, jetzt in nur 3080 Metern Höhe, über der Antarktis.

 

Rund 350 Passagiere und 20 Besatzungsmitglieder sind an Bord der australischen Boeing 747-438, die am Sonntagmorgen kurz vor zehn in Melbourne gestartet ist und elfeinhalb Stunden später ohne Zwischenstopp wieder dort landen wird. „Wir fliegen an einem Tag über die Antarktis. Das bietet außer uns kein Reiseveranstalter auf der Welt“, sagt Tony Harrington von der Reiseagentur Croydon.

 

Inzwischen hat der Jumbo die französische Antarktis-Station Dumont d’Urville erreicht und umfliegt sie. Deutlich sind die Reste der Landebahn zu erkennen, die gegen internationale Proteste gebaut und 1994, kurz vor der Fertigstellung, von einer Flutwelle zerstört wurde. Leider eignet sich die B 747-438 mit zwei Fensterplätzen auf jeweils zehn Sitze kaum als Aussichts-Plattform. „Ein Flugzeug, das höher als breit ist, wurde noch nicht konstruiert“, erklärt der Reiseveranstalter launisch über Bordfunk.

 

Die Flüge von Australien aus werden ab 850 Mark angeboten. Aber wer das ewige Eis und die transantarktische Gebirgskette wirklich sehen will, muß 1. Klasse (3500 Mark) oder Business Class (2900 Mark) fliegen. In der billigsten Economy-Stufe sitzt man in der Mittelreihe über der Tragfläche und bekommt gar nichts mit, es sei denn, man steht im Gang und beugt sich über die Passagiere in Fensternähe.

 

Die Antarktis gewinnt als Reiseziel an Beliebtheit. 1956 startete der erste Touristenflug von Chile aus, 1958 die erste Kreuzfahrt. Gut 100.000 Schaulustige haben den sechsten Kontinent seither besucht. Die meisten kommen per Schiff:

 

Jedes Jahr buchen zwischen 7000 und 9000 Menschen eine Kabine auf einem der schwimmenden Luxushotels, vor allem US-Amerikaner, zahlenmäßig gefolgt von den Deutschen. Nun kommt auch der Kurztrip per Flugzeug in Mode – wieder: 1979 wurde der damalige Aufschwung bei den sogenannten „Champagnerflügen“ jäh unterbrochen, als ein Flugzeug gegen den knapp 3800 Meter hohen Mount Erebus prallte und alle 257 Passagiere und Besatzungsmitlieder umkamen.

 

Warum aber geben Touristen für ein paar kurze, wenn auch eindrucksvolle Momente so viel Geld aus? Die besten Bilder der Antarktis können sie mittlerweile schließlich auch im Imax-Großformat-Kino sehen. Die meisten Mitreisenden begründen ihren Ausflug in der klimatisierten Kabine mit dem Wunsch, ein „Abenteuer“ erleben zu wollen. Reisebegleiter Tony Harrington fällt dazu ein besonders schräges Beispiel ein: „Eine Amerikanerin kam am Samstag nach Australien, flog am Sonntag mit uns und reiste am Montag zurück in die USA. Sie hatte Anfang des Jahres bereits die Arktis überflogen und wollte beide Pole im selben Jahr sehen.“

 

Unterwegs hören die Antarktis-Touristen Vorträge, sehen Videos, und erfahren, daß ihr Flug der Umwelt angeblich nicht schade. „Eine Studie zu den Auswirkungen ist erstellt und genehmigt worden“, heißt es in einem Prospekt. Und in einem anderen: „Qantas hat bei der Planung mit zahlreichen Organisationen zusammengearbeitet.“ Die erwähnte Studie ist später allerdings trotz wiederholter Nachfrage nicht zu bekommen. Und Greenpeace Australien zeigte sich überrascht, daß sein Namen in der Liste angeblicher Unterstützer auftaucht: „Wir haben Croydons ‘Antarctica Flights’ keine Genehmigung gegeben, sich auf uns zu berufen“, sagt Lyn Goldsworthy vom Greenpeace-Büro in Canberra. Welche Wirkung die Flugzeug-Abgase in der relativ geringen Flughöhe von rund 3000 Metern entfalten, wisse man noch nicht, bislang habe das niemand gemessen. Aber: „Jede Abgasemission schadet der unberührten Natur der Antarktis. Als unbelastetes Vergleichsgebiet ist die Region von unschätzbarem Wert bei der Erforschung der globalen Umweltverschmutzung.“

 

Flugzeug-Emissionen wurden im Protokoll des Klimagipfels von Kyoto nicht erwähnt, weil man sich über die Wirksamkeit nicht einigen konnte – die über der Antarktis besonders schwerwiegend ist. Ein Jumbo verbraucht in niedriger Höhe sieben Liter auf 100 Passagierkilometer. Und die tatsächliche Belastung der Stippvisiten ist noch höher, als das, was Qantas vorgibt – die Fluggesellschaft beschränkt ihre Angaben auf das Überfliegen des antarktischen Kontinents. Das Antarktis-Protokoll aber schützt alle Gebiete südlich des 60. Breitengrades.

 

Welchen Sinn hat eine Flugreise, die fast zwölf Stunden dauert, aber sich davon nur zwei Stunden und 50 Minuten über dem Zielgebiet aufhält? Kurz vor der Landung des Qantas-Charterflugs QF 2901 in Melbourne verabschiedet sich Chefpilot Ray Heiniger und gibt bekannt: „Unser Kraftstoffverbrauch betrug 134 Tonnen.“

Von JÜRGEN CORLEIS



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