greenpeace magazin 1.99

Schöner Wohnen fängt ganz unten an

In den Kellern der Republik liegt ein Energiespar-Potential brach, das ein neuer Berufszweig bergen will - der Contractor

Ein Umsturz ist im Gange in den Kellern der Republik: die Effizienz-Revolution. Aus Schwimmbädern, Schulen und Krankenhäusern fliegen alte Heizkessel heraus und werden durch effiziente Anlagen ersetzt. Auch ganze Siedlungen sind nicht mehr sicher vor einem Berufszweig, der Umweltschutz aus knallhartem Kostenkalkül betreibt – der „Contractor“ geht um.

 

Axel Czaja ist einer dieser Spezialisten für Energie-Kontrakte. Der Ingenieur soll eine neue Siedlung in Bonn mit 100 Wohnungen so planen, daß alle davon profitieren: die Bewohner, der Betreiber – und die Umwelt. Im Stadtteil Tannenbusch wird Czaja die Neu-Siedler mit Strom, Gas, Wärme und Wasser versorgen. Der Clou: Anders als die Stromversorger und Wasserwerke hat der Jungunternehmer ein Interesse daran, daß seine Kunden möglichst wenig verbrauchen. Je geringer der Verbrauch, desto kleiner – und günstiger – können die Anlagen sein, die er für die Versorgung der Siedlung anschaffen und unterhalten muß.

 

„Geld verdiene ich durch Planung und Verwaltung und durch einen leicht erhöhten Preis für Heizung und Warmwasser“, erklärt Czaja das Prinzip. Aber auch die Bewohner sparen Geld: Die Preiserhöhung wird durch einen geringeren Energieverbrauch mehr als wettgemacht.

 

Noch stehen die Häuser erst halbfertig auf dem Papier. Doch schon auf den Blaupausen mischt Czaja mächtig mit: „Wer sich um Effizienz erst Gedanken macht, wenn der Bagger anrollt, hat schon verloren.“ Deshalb plant er nicht nur Sonnenkollektoren, Blockheizkraftwerk und Brunnen samt eigenem Strom- und Wasserleitungsnetz mit ein. Czaja ist auch zuständig für Abwasser und Straßenbeleuchtung, Telefonnetz und Kabelfernsehen. Dann muß das Gelände nur einmal aufgebaggert werden, was Geld und Energie spart. Bonbon für die Neubürger: Sie können im eigenen Netz kostenlos miteinander telefonieren.

 

Vorbild ist die Bielefelder Siedlung „Waldquelle“. Auch dort werden Strom und Warmwasser im eigenen Blockheizkraftwerk erzeugt und durch Privatleitungen verteilt, auch dort wurden sämtliche Leitungen auf einmal – und durch die Fundamente – verlegt. Statt 2500, wie beim städtischen Anschluß, zahlten sie nur 1200 Mark. Weiteres Plus: Das Mauerwerk isoliert die Leitungen, was den Energieverlust im Nahwärmenetz der Siedlung von 15 auf sieben Prozent senkt.

 

„Normale Anlagen für Wasser und Strom sind überdimensioniert“, erklärt Siedler Volker Arends die hohen Preise von Stadtwerken und Co. Schuld daran seien zum Beispiel Wassertoiletten und die Angst, daß alle Stromkunden gleichzeitig die E-Herde einschalten könnten. Für Trinkwasser reicht in der Waldquelle eine kleine Pumpe, weil es statt Wasserspülungen geruchsfreie Komposttoiletten gibt. Auch die Küchenabfälle enden dort, wodurch die Bewohner nicht nur Wasser, sondern auch Müllgebühren sparen. Den Strombedarf deckt ein eigenes Mini-Kraftwerk mit billigeren, dünner ausgelegten Leitungen. Die Ersparnis steckten sie ins Gasnetz fürs Kochen.

 

Auch der laufende Betrieb ist günstig: Kochen mit Gas kostet sechs Pfennig pro Kilowattstunde (KWh), mit Strom würde es viermal teurer. Wasch- und Spülmaschinen verbrauchen 80 bis 90 Prozent weniger Strom, weil sie direkt an das Warmwassernetz angeschlossen sind. Auch der eigene Strom ist theoretisch billiger als Stadtstrom, weil er bei der Wärmeerzeugung als „Abfall“ anfällt. Trotzdem zahlen die Bewohner 30 Pfennig pro KWh in die Gemeinschaftskasse. „Ein politischer Preis, der zum Sparen motivieren soll“, sagt Arends. „Von der Rücklage können wir später eine Solaranlage anschaffen.“

 

„Mehr Ökologie führt zu mehr Ökonomie“, faßt Hans-Friedrich Bültmann zusammen, der als Architekt die Waldquelle entworfen hat. „Deshalb wird sich das Modell auch durchsetzen.“ Mit dem finanziellen Vorteil werden auch die Bonner werben: 3965 Mark gibt ein Durchschnittshaushalt jährlich für Strom, Kochen, Wärme, TV und Telefon aus. In Tannenbusch sollen es nur 2868 werden. Noch eindrucksvoller ist die Kohlendioxid-Bilanz: Statt der „normalen“ 313 Tonnen stoßen die Tannenbuscher nur rund 80 Tonnen pro Haushalt aus. Dabei sind die Bewohner keine asketischen Überzeugungstäter, sondern komfortbewußte Durchschnittsfamilien. „Was bringt’s auch, wenn wir alle Ökos in einer Siedlung zusammenfassen“, begrüßt Architekt Bültmann den Trend, „Ökosiedlungen haben nur Sinn, wenn sie irgendwann mal normale ersetzen.“

 

Der Widerstand gegen sein Modell ist noch groß, hat Czaja erfahren. Daß es trotzdem zukunftsträchtig ist, liest er an den Panikreaktionen der konventionellen Stromversorger ab. „Die raten erst mit unseriösen Berechnungen von dem Modell ab oder senken, wenn gar nichts hilft, plötzlich die Anschlußgebühren um 250.000 Mark. Da können wir zwar nicht mitbieten. Aber die halten das auch nicht lange durch.“

Von FLORIAN KLEBS



greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de