greenpeace magazin 1.99

Am Brunnen des Planeten

Der Journalist und Rußlandkenner Klaus Bednarz über sein Buch "Ballade vom Baikalsee"

Der Baikal, das Heilige Meer Sibiriens. Kein Sibiriake würde es wagen, ihn zu kränken, indem er ihn einen See nennt. Das hatte ich schon gelernt, als ich zum ersten Mal dort war, vor genau 20 Jahren. Und seither hatte ich einen Traum: irgendwann einmal einen Film und ein Buch über dieses einzigartige Naturwunder zu machen. Denn schon damals im tiefsten sibirischen Winter, hatte mich der Baikal in seinen Bann geschlagen, hatte ich etwas von dem gespürt, worüber mir meine russischen Freunde schon so häufig berichtet hatten: daß nämlich der urgewaltigen Schönheit des Baikal eine magische Kraft innewohnt, die niemanden losläßt, der ihn einmal gesehen hat. Seine Kraft und Reinheit bewegt auf wundersame Weise die Seele der Menschen, auch wenn sie ihm längst wieder den Rücken gekehrt haben.

 

Mit seinen fast 25 Millionen Jahren ist der Baikal nicht nur der älteste See der Erde, sondern auch der tiefste, wasserreichste, sauberste und wohl auch schönste und geheimnisvollste. Sichelförmig erstreckt er sich über eine Länge von 636 Kilometern von Süden nach Norden, seine Breite reicht bis zu 80 Kilometern und seine tiefste Stelle mißt etwa anderthalb Kilometer, genauer: 1637 Meter. Er enthält mehr Wasser als die fünf großen nordamerikanischen Seen zusammen und tausendmal mehr als der Bodensee – ein Fünftel des gesamten Süßwasservorrates der Erde. Gut ein halbes Jahrhundert könnte er allein die Weltbevölkerung mit Trinkwasser versorgen, der „Brunnen des Planeten“, wie ihn die Russen nennen.

 

Seit 1996 steht der Baikalsee in der Liste des Weltnaturerbes der UNESCO und damit unter dem Schutz der gesamten Menschheit. Doch ob ihm dieser Schutz wirklich hilft – das zu erkunden war eines der wichtigsten Ziele unserer Reise. Mehr als drei Monate waren wir unterwegs. Mit einem umgebauten russischen Armeelastwagen fuhren wir im Winter kreuz und quer über das Eis des Baikalsees. Mit einem Kutter, der zum Glück auch die mörderischen Stürme überstand, gelangten wir im Sommer auch in die entlegensten Buchten, in die sich sonst kein Touristenschiff verirrt. Wir sprachen mit Fischern , Jägern und Bauern, Pionieren des Eisenbahnbaus und Baikal-Kapitänen, Förstern und Meteorologen, Politikern, Wissenschaftlern und Umweltschützern. Wir beobachteten die einzigartigen Baikalrobben und verfolgten mit angehaltenem Atem, wie Didier Noirot, der einstige Chefkameramann von Jacques Cousteau, für uns außergewöhnliche Unterwasseraufnahmen unter dem Eis des Sees machte. Und wir nahmen Anteil am verzweifelten Kampf der russischen Umweltschützer, allen voran der Moskauer Sektion von Greenpeace und der Ökologischen Baikal-Welle in Irkutsk, um den Erhalt des Weltwunders Baikal.

 

Kommunale, industrielle und landwirtschaftliche Abwässer, Schadstoffemissionen, unkontrollierter Holzeinschlag im Einzugsgebiet der Zuflüsse, wilder Tourismus und vor allem das unmittelbar am Ufer gelegene Zellulose- und Papierkombinat von Baikalsk stellen seit Jahrzehnten eine ernsthafte Bedrohung des Baikalsees dar. Doch am Ende unserer mehrmonatigen Reise zum Brunnen des Planeten hat uns vorsichtiger Optimismus erfaßt: Der Baikal ist in Gefahr, aber noch nicht verloren – wenn rasch und konsequent gehandelt wird. Die Chancen stehen, so scheint es, nicht schlecht.

 

„Ballade vom Baikalsee“, Europa Verlag, 39,80 Mark, ISBN 3-203-75504-1

Von KLAUS BEDNARZ



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