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Grüner Kaufrausch

In Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart hat Europas größtes Umwelt-Erlebnis-Kaufhaus eröffnet.

Auf den ersten Blick kann man den „1000 Körner“-Öko-Supermarkt für eine Keimzelle der alternativen Bewegung halten: Das Crunchy-Nut-Müsli ist im Sonderangebot, die Packungen Moltex-Öko-Windeln stapeln sich, und das Öko-Nutella Marke Samba gibt es im Familienglas. In der Tiefkühltruhe an der Kasse aber zeigt sich, daß hier nicht nur die gute alte Vollkorn-Gemeinde umworben wird: Den biologisch angebauten Demeter-Spinat gibt’s tiefgefroren auch in der Single-Packung.

 

Ein paar Meter weiter stehen Möbel – schön, aber nicht ganz billig. Der Küchenstuhl für 720 Mark in Rotbuche, das Sofa für rund 6000 Mark. Ein Stockwerk höher sind Islandpullover im Angebot; die Wolle stammt aus artgerechter Tierhaltung. Im dritten Stockwerk wäscht der Öko-Friseur und angehende Heilpraktiker Uwe Volz nicht nur im Liegen und bei meditativer Musik die Haare, auf Wunsch entschlackt er auch die Kopfhaut und diagnostiziert die Haare am Mikrosichtgerät.

 

Ende September eröffnete im schwäbischen Bietigheim-Bissingen laut Eigenwerbung das größte Umwelt-Erlebnis-Kaufhaus Europas. 20 Einzelhändler teilen sich die 6500 Quadratmeter Verkaufsfläche der 100 Jahre alten Rommelmühle. 22 Millionen Mark Umsatz pro Jahr wollen sie erwirtschaften. Hier werden alle wichtigen Produkte angeboten, die man auch in einem konventionellen Kaufhaus findet.

 

„Wir wollen raus aus der Müsli-Nische. Wir wollen zeigen, daß öko chic und trendy sein kann, daß hohe Qualität sich mit gutem Design verbinden läßt, und daß man damit mehr Kunden ansprechen kann“, meint Hans Kahlau, Geschäftsführer der Betreiberfirma Archy Nova. Der Kreisverband Ludwigsburg des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) wacht darüber, daß das Öko-Kaufhaus sein Image auch wirklich verdient. Er hat alle Einzelhändler auf die ökologische Qualität ihres Angebotes geprüft.

 

Ökologisch mondän und schwäbisch geschäftstüchtig geht es zu in dem denkmalgeschützen Backsteinbau. Stolz führt Hans Kahlau durch das helle Treppenhaus mit Blick auf die vorüberfließende Enz und die alten Weinberge. „Das Haus kommt ohne Klimaanlage aus, den Strom erzeugen wir mit den alten Wasserturbinen“, schwärmt er. „Allein die Abwärme der Turbinen reicht für die Warmwasserversorgung.“ In und rings um die alte Mühle sind 42 Wohnungen entstanden, mit Gemeinschaftsräumen wie Sauna, Werkstätten und Partykeller. Außerdem stehen den Bewohnern Gemeinschaftsautos von Daimler-Benz zur Verfügung.

 

Daß Öko-Produkte im Trend liegen, zeigt auch eine Studie der CMA (Centrale Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft): Danach bekunden 72 Prozent der Verbraucher, daß sie mehr Bio-Produkte kaufen möchten. Experten schätzen, daß Öko-Produkte im Jahr 2005 zehn Prozent des Lebensmittelumsatzes bringen werden. Mittlerweile träumen Planungsgruppen in 20 deutschen Städten davon, mit Öko-Wohn- und Einkaufszentren nachhaltig und ökologisch neue Kundenkreise zu erobern und Geld zu verdienen. Eine Erfahrung kann ihnen Hans Kahlau bereits mit auf dem Weg geben: „Die 200 Parkplätze reichen längst nicht mehr. Wenn wir dürften, würden wir noch mehr bauen.“

Von FRANK H. GRIESEL



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