greenpeace magazin 1.99

Wer war noch mal Cindy?

Das Gallowayrind mit dem schwarzen Zottelfell begann um die Jahreswende vor zwei Jahren zu torkeln und stakste auf unsicheren Beinen über einen Öko-Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern. Vier Wochen später starb das Tier an Rinderwahnsinn BSE. Wochenlang herrschte Hysterie in der Republik. Dann wuchs Gras über die Sache, wie bei Skandalen so üblich. Cindy war kein in Deutschland geborenes Rind, sondern hieß „Scottish Queen“ und war ein Import. Die Schottenkönigin aus dem Vereinigten Königreich gab den Anlaß für das Importverbot von britischem Rindfleisch auf das EU-Festland. Das soll jetzt wieder aufgehoben werden. Aber nicht nur deshalb müssen Verbraucher sich Sorgen machen, wenn sie an der Fleischtheke einkaufen.

 

Denn nach den Recherchen unserer Reporterin Kirsten Brodde (ab Seite 10) kommt man zu dem Schluß, deutschen Behörden sei mehr am Schutz des Fleischmarktes als am Verbraucherschutz gelegen: Beängstigend ist die laxe Haltung, die bei der Prüfung von Rindfleisch in den vergangenen zwei Jahren seit Cindys BSE-Tod in der Bundesrepublik Praxis ist. Ein Schweizer Testverfahren, mit dem neuerdings eindeutig und schnell BSE-Verseuchung von Rindfleisch nachgewiesen werden kann, wird bei uns nicht angewandt. Lediglich in Nordrhein-Westfalen soll auf Initiative der grünen Ministerin Bärbel Höhn jetzt das Testverfahren aus der Schweiz probeweise eingesetzt werden. Im Rest der Republik bleibt der Verzehr ein Vabanque-Spiel, wie der Bericht beweist.

 

Wie war er denn nun, der Start der rot-grünen Bundesregierung in Bonn? Ein glatter Fehlstart? Das wohl nicht, aber blaß und matt begann Rot-Grün in Bonn allemal. Von Aufbruchstimmung nach 16 Jahren Lethargie keine Spur. Die vielbeschworene Wende ist bisher nicht zu erkennen. Offenbar fehlt der Mut zu einem Zukunftsentwurf, für dessen Gelingen oder Scheitern die Regierung haftbar gemacht werden könnte. Das Weiter-so-wie-bisher will niemand, vermutlich nicht einmal die, die im Herbst nicht rot-grün gewählt haben. Umso enttäuschter sind alle, denen der Wahlsieg von Grünen und SPD wichtig war. Sie hoffen nach der schlappen Ouvertüre auf ein grünes Finale, ein rot-grünes Rondo mit dem Paukenschlag. Wir haben versucht, in Bonn herauszufiltern, wohin die Reise geht (ab Seite 20). Am Horizont läßt sich nur ein schwacher grüner Schimmer erkennen, der — so hoffen wir — in den kommenden Monaten nicht noch weiter verblaßt.

 

In diesem Sinn wünscht Ihnen die Redaktion ein glückliches neues Jahr.

 

Ihr Jochen Schildt, Chefredakteur

Von JOCHEN SCHILDT



greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de