greenpeace magazin 3.98
Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden in den USA mittlerweile großflächig angebaut, in Europa wird um die Aussaat nach wie vor heftig gestritten. Was wiegt schwerer – die ökonomischen Chancen für Agrarkonzerne und Landwirte oder die bislang nicht kalkulierbaren Risiken für Verbraucher und Umwelt? Ein Streitgespräch.
Jens Katzek(34) wechselte im März vom BUND zur „KWS Kleinwanzlebener Saatzucht AG“. Beim BUND hatte sich der studierte Biochemiker Katzek als Kritiker der Gentechnologie einen Namen gemacht. Bei KWS, einem der größten deutschen Saatguthersteller, ist er für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das Unternehmen will demnächst gentechnisch veränderte Nutzpflanzen vermarkten.
Jan van Aken (36) arbeitet seit Juli 1997 als Gentechnik-Experte bei Greenpeace. Bereits zuvor beschäftigte sich der promovierte Biologe – Schwerpunkt Zellbiologie – an der Hamburger Universität mit den ökologischen Risiken bei der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen.
GPM: Herr Katzek, im August 1996 mahnten Sie, damals noch als Sprecher des BUND, die Verbraucher würden gegen ihren Willen zu Versuchskaninchen für genmanipulierte Massennahrung gemacht. Heute arbeiten Sie bei einem der größten deutschen Saatguthersteller, der ebenfalls im Geschäft mit gentechnisch veränderten Pflanzen aktiv ist. Gilt das, was Sie gestern kritisiert haben, heute nicht mehr?
Katzek: Eine Reihe von Kritikpunkten gelten heute genauso wie damals. Allerdings haben sich bei mir aufgrund vieler Gespräche und neuer Fakten auch Positionen geändert. Ich finde es langweilig, zehn Jahre zu diskutieren und hinterher dasselbe zu denken wie am Anfang. Und um Gerüchten gleich vorzubeugen: Der Lockruf des Geldes spielte bei dem Wechsel keine Rolle.
GPM: Wo sehen Sie denn heute die Risiken der Gentechnologie?
Katzek: Die Frage der allergischen Reaktionen ist nach wie vor nicht endgültig geklärt. Es gibt mittlerweile eine Reihe guter Untersuchungen, aber ich denke, eine endgültige Aussage über das Allergiepotential transgener Pflanzen kann erst nach dem Vermarkten getroffen werden. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, auch mit noch sovielen Tests nicht. Das gilt aber genauso bei konventionellen Lebensmitteln wie Milch, Erdnüssen oder Kiwi. Die Frage ist: Akzeptieren wir bestimmte Restrisiken oder nicht?
van Aken: Nutzen und Risiken der Gentechnik sind allerdings ungleich verteilt. Den Nutzen haben ausschließlich Lebensmittel- und Gentechnikkonzerne. Das Risiko tragen allein die Verbraucher. Allergien haben in den vergangenen Jahren als Folge steigender Umweltbelastungen massiv zugenommen. Ein zusätzliches Risiko sollten wir nicht zulassen.
Katzek: Ich glaube mittlerweile, die Wahrscheinlichkeit, daß ein Schaden eintritt, ist wesentlich geringer als bisher angenommen. Umweltverbände haben eine ganz klare Funktion: Sie müssen Finger auf Wunden legen. Deshalb war es völlig korrekt, ein erhöhtes allergenes Potential zu problematisieren. Man muß sich dann aber auch darüber unterhalten, ist diese Befürchtung reell oder nicht. Es gibt viele natürliche, konventionelle Lebensmittel, gegen die Menschen Allergien ausbilden. Deshalb kommt niemand auf die Idee, sie zu verbieten. Für mich ist das eine Frage der Gewichtung und des Vergleichs.
van Aken: Wollen Sie damit sagen, daß es nichts ausmacht, wenn Lebensmittelallergien zunehmen, weil es ohnehin schon Allergien gegen Lebensmittel gibt? Nach dem gleichen Prinzip könnten wir ungehindert Schadstoffe in die Nordsee einleiten, weil das Meer eh schon verschmutzt ist.
Katzek: Das ist billige Polemik. Wir sollten differenzieren und den Einzelfall betrachten. Wenn wir uns fragen, ist der Gentransfer ein ökologisches Risiko, muß man den Raps sicher näher betrachten. Bei Mais oder Soja sieht das schon wieder ganz anders aus, jedenfalls in Europa und Nordamerika, weil es da schlicht und einfach keine verwandten Wildpflanzen gibt, mit denen sich transgener Mais oder Soja kreuzen kann.
van Aken: Beim Anbau von gentechnisch verändertem Raps und Zuckerrüben in Europa sehen Sie also, wenn ich Sie richtig verstehe, ein Risiko?
Katzek: Das habe ich nicht gesagt. Der Gentransfer an sich ist kein ökologisches Risiko, wenn die Informationen, die dabei übertragen werden, keine ökologische Relevanz haben. Wenn sie eine haben, dann ist es ein Risiko.
van Aken: Niemand, auch Sie nicht, kann bestimmen, welche ökologische Relevanz jede einzelne biologische Eigenschaft besitzt. Wer sagt Ihnen denn zum Beispiel, daß es keinen ökologischen Unterschied macht, ob Rapsblüten gelb oder grün sind?
Katzek: Die Risikoabschätzung ist – trotz intensiver Begleitforschung – immer lückenhaft. Da sind wir uns sicher einig. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, eine Projektion über 20 oder 50 Jahre zu machen. Wenn wir ein Produkt auf den Markt bringen, müssen wir mit dem besten Wissen herangehen. Aber kein Unternehmen kann bei der Risikoabschätzung vorhersehen, was in den nächsten 50 Jahren passiert, und die Wissenschaft kann es auch nicht.
van Aken: Das ist doch der Punkt. Sie wissen sehr genau, daß ein Riesenunterschied zwischen den gentechnischen Methoden und der klassischen Züchtung besteht. In der klassischen Züchtung überträgt man Phänotypen, also Eigenschaften, die zum Beispiel im genetischen Pool einer Pflanze seit Jahrhunderten, Jahrtausenden oder Jahrmillionen vorhanden sind. Die Gentechnologie bringt aber in Pflanzen ein neues Gen hinein, das vorher in dem bestehenden Genpool nicht vorhanden war, das also von der Natur und vom Ökosystem nicht kontrolliert werden konnte, das sich nicht in einem langwierigen Selektionsprozeß durchsetzen mußte und sich vielleicht auch gar nicht nicht durchgesetzt hätte. Und dabei soll kein Problem entstehen?
Katzek: Ich sage gar nicht, es ist kein Problem. Aber dafür gibt es ja eine intensive Risikoabschätzung. Daß Gentechnik eine neue Qualität hat, weil sie in der Lage ist, Informationen aus völlig unterschiedlichen Organismen zu mischen, das ist mir auch klar.
van Aken: Welche intensive Risikoabschätzung meinen Sie? Nur bei einem Prozent der Freisetzungen wird ökologische Begleitforschung betrieben. Die herkömmliche Züchtung kann Merkmale einbringen, die sich im Rahmen der Evolution bewährt haben, das Ökosysteme hat diese Eigenschaften getestet. Mit der Gentechnik bringen Sie ganz neue Eigenschaften in das Spiel des Lebens herein. Das kann zur Störung, gar Zerstörung von Ökosystemen führen. Das können Sie einfach nicht bestreiten.
Katzek: Nehmen Sie das Beispiel Virusresistenz: Eine gentechnisch veränderte Zuckerrübe überträgt ihre Virusresistenz auf ein Unkraut. Glauben Sie im Ernst, es interessiert das Unkraut oder das Ökosystem drumherum, ob die Resistenz der Zückerrübe aus der gentechnischen Übertragung oder aus der klassischen Züchtung stammt? Da hat die Gentechnik keine neue Qualität.
van Aken: Sehen die da wirklich keinen Unterschied? Wozu brauchen wir dann eigentlich die Gentechnik?
Katzek: Die Gentechnik ist eine zusätzliche Methode im Gesamtrepertoire der Züchtung. Ich erkenne aber an, daß die Gentechnologie immer noch eine relativ neue und frische Technologie ist – obwohl wir 25 Jahre Erfahrung damit haben, obwohl wir mittlerweile zigtausende Tonnen Produkte aus gentechnisch veränderten Organismen, Mikroorganismen und Pflanzen gegessen haben. Wenn etwas konkret gefährlich ist, dann gehört es nicht auf den Markt. Das ist relativ einfach.
van Aken: Wenn die KWS, Ihr Arbeitgeber, verantwortlich mit den Risiken umgeht, dann müßte sie die Entwicklung ihrer virusresistenten Zuckerrübe stoppen. Sogar die US-Landwirtschaftsbehörde – und das ist nun wirklich eine gentechnikfreundliche Behörde – sagt jetzt: Virusresistenzen sind sehr, sehr heikel. Vor zehn Jahren wurde das Risiko einer Übertragung auf andere Viren wegdiskutiert. Mittlerweile ist klar, es können neue Viren entstehen.
Katzek: Das ist genau das, was ich mit Polemik meine. Ich kenne die Daten der US-Landwirtschaftsbehörde im Moment nicht, von denen Sie gesprochen haben. Geben Sie mir die Daten, ich werde es prüfen und Sie wissen lassen, was unsere Position dazu ist. Lassen Sie uns in diesen konstruktiven Diskurs gehen, damit habe ich überhaupt kein Problem.
GPM: Monsanto-Chef Robert Shapiro verkauft die Expansion seines Unternehmens als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung: Nur mit Hilfe der Gentechnologie in der Landwirtschaft lasse sich das globale Ernährungsproblem lösen. Achten Umweltschützer zu sehr auf die Risiken der Gentechnologie und zuwenig auf die Chancen?
Katzek: Ich glaube, Shapiro übertreibt, und ich glaube, die Forschung der letzten zehn Jahre hat bewiesen, Hunger ist vor allem ein Verteilungsproblem. Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Nahrungsmittel müssen produziert werden. Dabei kann die Gentechnik helfen, aber sie ist kein Allheilmittel. Und wenn bestimmte Firmen sich das groß auf die Fahne schreiben, ist das eher destruktiv. Zum zweiten Teil der Frage: Chancen werden regelmäßig negiert. Ich glaube, daß man mit dieser Einseitigkeit langfristig seine Glaubwürdigkeit verliert – was ich fatal finden würde. Auf seiner letzten Jahreshauptversammlung hat der BUND seine radikale Ablehnung der Gentechnik bestätigt. Das geht so weit, daß nachweisbar gesundheitlich und ökologisch bessere Produkte nicht eingesetzt werden sollen, wenn sie mit Hilfe der Gentechnik hergestellt werden.
van Aken: Sie vertreten genau die Haltung, die ich von Gentechnik-Befürwortern seit Jahren kenne. Sie betonen den Nutzen und verschweigen das Risiko. Das Vorsorgeprinzip interessiert Sie nicht. Nur wenn eine Gefahr eindeutig nachweisbar ist, wollen Sie handeln. In der Chemiepolitik waren wir vor 20 Jahren an dem Punkt, an dem Sie in der Gentechnik jetzt wieder beginnen wollen. Vor nicht allzu langer Zeit behaupteten die Befürworter, es bestehe kein Risiko in der Aufnahme genmanipulierter Erbinformationen, sie würden schon im Magen zersetzt. Neue Untersuchungen zeigen, daß Erbmaterial die Darmpassage unbeschadet übersteht. Ebenso leugneten vor wenigen Jahren Gentechniker, daß genmanipulierter Raps Erbinformationen auf Wildpflanzen übertragen kann. Auch hier ist der Nachweis mittlerweile gelungen. Um in einem dritten Beispiel ein wenig abzuschweifen: Wer hätte gedacht, daß Mercedes ein fahruntaugliches Auto produziert? Die Freisetzung transgener Pflanzen ist ein riesiges Experiment, das man nicht mehr stoppen kann. Ihre Meinung hat sich da aber offenbar geändert in den letzten zwei Jahren.
Katzek: Meine Meinung hat sich tatsächlich weiterentwickelt. Ich lasse allerdings den Vorwurf nicht stehen, ich würde nicht differenzieren. Ihr Argument, das Vorsorgeprinzip steht über allem, wir wissen nicht, was in 50 Jahren passiert, das ist sozusagen ein „Totschlagargument“, denn mit diesem Argument können Sie praktisch jedes neue Produkt killen.
van Aken: Sie haben recht, das müssen wir differenziert betrachten. Wenn man ein Produkt, zum Beispiel ein Auto, neu auf dem Markt einführt und dann feststellt, daß es einen Schaden aufweist, kann man es jederzeit zurückziehen, den Schaden beheben. Wenn eine gentechnisch manipulierte Pflanze freigesetzt wird, ihr manipuliertes Erbgut auf Wildpflanzen überträgt und dann tritt plötzlich ein Problem auf, was machen Sie dann? Die Pflanzen sind nicht rückholbar, sie vermehren sich sogar. Deshalb muß bei der Freisetzung von gentechnisch manipulierten Organismen das Vorsorgeprinzip ein Totschlagargument sein. Denn wer vorsorglich handelt, darf nicht freisetzen.
GPM: Wie wird die Zukunft der Gentechnologie in der Landwirtschaft aussehen?
Katzek: Wir sollten nach 20 Jahren Diskussion über die Risiken der Gentechnik endlich mal aufhören, diese Technologie zu dämonisieren und uns fragen, wie wir sie lösungsorientiert nutzen können. Bei der Risikodiskussion sollte man viel stärker als bisher konkrete Produkterfahrungen einbeziehen und nicht immer nur über hypothetische Risiken sprechen. Vor allem sollten die Kritiker und die Anwender im Gespräch bleiben, um diese Technologie noch sicherer zu machen oder klar zu identifizieren, welche Produkte nicht auf den Markt gehören. Dafür braucht es eine offene Kultur in Unternehmen und auch bei den Umweltverbänden. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, bei der KWS besteht diese Kultur.
van Aken: Die Entwicklung in Europa ist an einem entscheidenden Punkt. In Frankreich soll demnächst transgener Mais kommerziell angebaut werden. Greenpeace versucht, das zu verhindern. Andere europäische Länder haben mittlerweile Import- und Anbauverbote ausgesprochen. Ich bin sicher, daß in Europa der Anbau transgener Pflanzen stark eingeschränkt werden wird. Ich kann mir nicht vorstellen, daß etwa KWS irgendwann virusresistente Zukkerrüben an den Markt bringen kann, oder daß transgener Raps kommerziell in Europa angebaut wird. Das Risiko ist einfach zu groß.
GENTECHNOLOGIE - SPIEL MIT VIELEN UNBEKANNTEN
Transgene Pflanzen sind der Oberbegriff für Pflanzen, deren Erbgut mit Hilfe der Gentechnologie verändert wurde. Die Pflanzen erhalten auf diesem Weg bestimmte Eigenschaften, die mit klassischen Züchtungsmethoden nicht übertragbar sind, beispielsweise Widerstandsfähigkeit gegen bestimmte Insekten oder Viren. In den Verkauf gelangten – hauptsächlich in den USA – bisher Soja, Mais, Raps, Gemüse und Kartoffeln.
Allergische Reaktionen treten bei vielen Menschen nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel auf, etwa bei Erdnüssen, Milchprodukten oder Soja. Allergiker können sich durch Verzicht auf solche Produkte schützen. Erbinformationen von Nahrungsmitteln mit hohem allergenen Potential können jedoch in anderen Lebensmitteln auftauchen, wo sie nicht ohne weiteres auszumachen sind. Beispielsweise werden Soja- oder Erdnußproteine häufig – chemisch umgewandelt – verwendet, um als Aromastoff Salami- oder Speckgeschmack vorzutäuschen.
Freisetzung Beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen auf dem Acker können Erbinformationen der manipulierten Organismen nachgewiesenermaßen auf verwandte Wildpflanzen übertragen werden – mit unabsehbaren Folgen für das Ökosystem.
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