greenpeace magazin 5.97

Sellafields Spaltfabrik

Für die einen spaltet Sellafield einfach Atomkerne und verheißt einer zurückgebliebenen Region im Nordwesten Englands eine bessere Zukunft. Für die anderen bedroht der Atomkomplex Gesundheit und Zukunftschancen der Region – und spaltet die Menschen in zwei Lager: einige Gewinner und viele Verlierer. Die höchst umstrittene Anlage, in der auch Atommüll aus Deutschland wiederaufgearbeitet wird, ist der größte Arbeitgeber von Cumbria – und der schlimmste Verschmutzer der Irischen See, die Jahr für Jahr durch radioaktive Abwässer verseucht wird. Fünf Menschen präsentieren ihre Sicht von Sellafield.

ANGST

 

JUNE MALLON: Die Mutter von fünf Kindern sorgt sich um die Gesundheit ihrer Familie - und wehrt sich gegen Sellafield

 

Die Stadt, in der June Mallon lebt, dehnt sich wie grauer Häuserbrei über die Hügel nahe der Küste. „Ghost-Town“, Geisterstadt, sagen sie anderswo in West Cumbria zu Cleator Moor. Die Menschen ziehen in Scharen weg. Und die „For Sale“-Schilder, die an jedem zweiten Haus prangen, locken keine neuen an. „Es ist schon deprimierend hier“, sagt die Mutter von vier Kindern. Sie will trotzdem bleiben.

 

Leicht war ihr Leben nie, hier im Nordwesten Englands, fast an der schottischen Grenze. Die meisten Männer sind früher untertage in die Kohle- und Erzminen eingefahren, und viele sind nicht mehr raufgekommen. Die anderen haben als Fischer oder Schafzüchter um den Lebensunterhalt gerungen. Als Anfang der 80er Jahre die letzten Zechen schlossen, sollte Sellafield alles richten – der Atomkomplex, acht Kilometer entfernt, direkt an der Irischen See. Dort hatte „British Nuclear Fuels“ (BNFL) gerade mit dem Bau von „Thorp“ begonnen, der Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll. „Man hat uns viel versprochen“, erinnert sich June, „billigen Strom und reichlich Arbeit. Wenn du den Leuten hier einen Job anbietest, ist das, als ob du einem Hund eine Wurst hinhältst.“ Fast alle Männer haben sich bei der Atomfabrik beworben, die seit den 50er Jahren nuklearen Brennstoff herstellt. „Gegen das bißchen Strahlung“, sagen jene, die eine Stelle fanden, „sind wir immun.“

 

Längst ist die Hoffnung auf Wohlstand verflogen und die Arbeitslosigkeit die höchste in England. BNFL ist mit 6500 Beschäftigten zwar immer noch der größte Arbeitgeber. „Aber“, sagt June, „viele Firmen sind wegen Sellafield fortgegangen, und neue siedeln sich nicht an.“ Etwas anderes quält sie noch mehr: „Hier haben mehr Menschen Krebs als anderswo. Die Fabrik leitet radioaktive Abwässer ins Meer. Früher bin ich an den verseuchten Stränden mit meinen Kindern schwimmen gegangen.“

 

Als sie auch noch ein Endlager für schwach- und mittelaktiven Atommüll in der Nähe bauen wollten, war für June das Maß voll: „Ich bin eine einfache Hausfrau und Mutter. Aber da habe ich mich im Leichenkostüm auf die Straße gelegt und protestiert.“ Obwohl ihre Kinder sich geschämt haben und ihr Mann bis heute über sie lacht, weil er noch nie „so ein dickes Skelett“ gesehen hat.

 

Doch der Protest hatte Erfolg. Nirex, die Endlager-Firma, darf nicht bauen, wurde im März entschieden, weil sich radioaktive Gase ihren Weg ins Grundwasser hätten bahnen können. „Manchmal braucht es nur ein paar Leute, um den Lauf der Geschichte zu ändern,“ sagt June. Zufrieden wird sie erst sein, „wenn Sellafield dicht gemacht wird“. Erst neulich, hat sie gehört, wurden südlich der Anlage Stellen entdeckt, an denen radioaktives Tritium emporquillt. Auch am Strand von Braystone, wo ihre Schwester lebt. „Ich habe es ihr noch nicht erzählt. Wo soll sie denn hingehen?“

 

SKEPSIS

 

HAROLD BOLTER: Früher war er Propaganda-Chef des Atomkomplexes - heute prophezeit er ihm eine düstere Zukunft.

 

Harold Bolter ist kein Atomkraftgegner. Das ist ihm wichtig. Schließlich stand der frühere Reporter der „Financial Times“ 17 Jahre in Diensten von BNFL, zuletzt als PR-Chef. „Doch“, sagt der 60jährige und legt die manikürten Fingerspitzen sorgfältig aneinander, „die ökonomischen Fakten sprechen gegen die Wiederaufarbeitung.“

 

Zehn Millionen Pfund hatte er als Chef-Propagandist einst jährlich ausgeben können, um die Öffentlichkeit von Thorp, vom Segen der Plutoniumproduktion für Atomwaffen und von den Vorzügen radioaktiver Abwässer in der Irischen See zu überzeugen. Erhebliche Teile seines Budgets warf er in die publizistische Schlacht gegen Mütter, deren Kinder im Umfeld von Sellafield an Leukämie erkrankt waren und die deshalb – erfolglos – gegen BNFL klagten. Daß nun ausgerechnet Bolter der Atomindustrie bescheinigt, sie sei „eine sterbende Industrie“, schmerzt die Ex-Kollegen mehr als die Kritik der üblichen Verdächtigen.

 

„Ich glaube, daß Thorp eine gigantische Fehlinvestition ist“, sagt der Branchen-Insider und lächelt amüsiert. Seit sich Bolter 1994 aus der Atomindustrie zurückgezogen hat, profiliert er sich als Bücher schreibender Kritiker, der mal vom Feriendomizil auf Menorca, mal vom Luxus-Appartment im grünen Süden von Manchester gegen Thorp zu Felde zieht.

 

Schon jetzt, argumentiert Bolter, liege die Atomfabrik im Plan weit zurück. 7000 Tonnen Strahlenmüll, aus Deutschland, Frankreich, Japan und Großbritannien, sollen innerhalb zehn Jahren – bis 2004 – durch die Anlage geschleust werden. „Thorp läuft aber nicht richtig. In den zweiten fünf Jahren müssen sie doppelt so viel aufarbeiten wie in den ersten fünf“, erklärt er, „da bin ich nicht so optimistisch, daß dies gelingt.“ Darauf beruhte jedoch die Kalkulation für Thorp: Keine Einhaltung des Plans, kein Gewinn.

 

Das frühe Ende des Endlagers bringt BNFL zusätzlich in die Bredouille: Geplant war, daß nur hochradioaktiver Atommüll zurück in die Herkunftsländer geschafft wird, während der ganze schwach- und mittelaktive Abfall in Großbritannien bleiben sollte. Ohne ein Endlager muß alles zurück, was mehr Atomtransporte und damit mehr Kosten bedeutet. Daß sich in England noch ein Endlagerstandort finden läßt, bezweifelt der spätberufene Kritiker.

 

Was, fragt sich da der kühle Rechner, spricht dann noch für die Wiederaufarbeitung? „Die Schlacht um die Ökologie haben wir verloren“, sagt Bolter. Weil nun auch die ökonomischen Argumente ausgehen, werde die Politik reagieren müssen. „Ich glaube“, streut er zum Abschied ein, „wir sehen das Ende der Atomkraft in England.“ Bolter schaut es sich aus der Ferne an. Am nächsten Tag fliegt er wieder nach Menorca.

 

OPPOSITION

 

MARTIN FORWOOD: Im Widerstand ist er ergraut - aber erfolgreich. Der Atomkonzern ist in der Dauer-Defensive.

 

Die beiden Büros am Hafenrand von Barrow-in-Furness wirken, als sei die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben: Computer aus dem Neolithikum der EDV, Schreibtische aus der Nachkriegsära, Stühle mit zerfetzten Bezügen und schlackernden Lehnen. „Passend“, findet Martin Forwood. Nicht nur, weil sich der 57jährige für ein Fossil der Anti-Atom-Bewegung hält, das seit fast 15 Jahren gegen Sellafield opponiert.

 

Passend auch wegen der ständigen Finanzmisere von CORE. Mit 100.000 Mark Jahresbudget versetzt die Bürgerinitiative der milliardenschweren Staatsfirma BNFL mal Nadelstiche, mal rechte Haken. Der letzte Punktsieg von Forwood und der Kollegin Janine Allis-Smith: Der Konzern wurde verurteilt, weil er eine Pipelinebrücke nicht gewartet hatte. Der Abfluß für mehr als neun Millionen Liter radioaktiver Abwässer, die täglich in die Irische See gepumpt werden, drohte zu brechen. „An dieser Pipeline“, staunt der Aktivist, „hängt ihre Einleit-Lizenz. Man fragt sich, wie es sonstwo aussieht.“

 

Noch peinlicher für die Staatsfirma war, als die beiden 1994 eines Abends ungehindert mit zwei großen Magneten ins Terminal für die Atommüll- und Plutoniumfrachter von BNFL spazierten. Der kräftig gebaute Campaigner hatte sich in einen eigens gekauften Taucheranzug gezwängt. „Fürchterlich. Am Hintern war eine Luftblase, und ich konnte einfach nicht untertauchen“, grinst Forwood, „dafür wäre ich fast ertrunken, weil ich den Kopf kaum aus dem Wasser bekam.“ Die „Haftminen“ klebte er dennoch an den Atommüllfrachter „Pacific Pintail“ – und informierte die Presse. Die blamierte BNFL mußte Zäune, Lampen und Kameras installieren lassen.

 

So veröffentlichen die beiden Skandale und Skandälchen, Rechenfehler und Unfälle, und BNFL kommt nicht aus der Defensive. Zuletzt hat sich die Firma beim radioaktiven Gas Tritium „verrechnet“. Bei der Wiederaufarbeitung von Atommüll in Thorp entsteht davon mehr als geplant. BNFL beantragt nun, mehr Gas emittieren zu dürfen. Ohne diese Erlaubnis wird Thorp 30 Jahre für die Aufarbeitung des Atommülls brauchen, hat CORE errechnet, nicht die sieben Jahre, die es laut Vertrag nur noch hat. Für die öffentliche Anhörung schreiben die beiden ihren Einspruch gegen höhere Tritiumgas-Emissionen. Vielleicht, hoffen sie, versetzt das Sellafield den entscheidenden Schlag.

 

„Sie brüsten sich damit, daß sie nur noch ein Prozent dessen einleiten, was sie in den 70er Jahren nach dem Motto ,Verdünnen und Verteilen‘ in die Irische See gepumpt haben, das radioaktiv verseuchteste Meer der Erde“, sagt Forwood. „Sie sagen, es sei nicht wirtschaftlich, mehr rauszufiltern. Wir sagen, ihr könnt das Meer nicht als Mülleimer benutzen. Sie sagen, das schadet doch nicht. Wir sagen, was ist mit Plutonium, das eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren hat? Selbst wenn sie heute aufhören, der Schaden ist schon da.“

 

OPTIMISMUS

 

DR PETER MANNING: Für den leitenden Atommüll-Manager von Sellafield ist Radioaktivität im Meer kein Problem.

 

Wenn Dr. Peter Manning aus dem Fenster schaut, blickt er auf die gigantische Halle von Thorp. Wenn er schaut. Meist sitzt er jedoch am Schreibtisch und wendet dem braunen Klotz und der Irischen See dahinter den Rücken zu. Vor sich ausgebreitet seine Welt aus Papier: Statistiken und Dossiers, Unfallberichte und Blaupausen.

 

Kaum jemand steht mehr im Kreuzfeuer der Kritik als der hagere, hölzerne Physiker, der in Oxford studiert hat und zudem einen Doktor in Philosophie erwarb. Sein Studium hat BNFL finanziert, dafür trat er in dessen Dienste. Inzwischen ist er Direktor für „Müll- und Abwasserbehandlung“ und dafür verantwortlich, was bei Sellafield hinten raus kommt. Und das ist mehr als bei jeder anderen Atomanlage der Welt im Normalbetrieb. Die Mengen summieren sich alle fünf Jahre zu einem Tschernobyl, wie Greenpeace es einmal in eine griffige Formel faßte. „Die Kritik ist Teil des Jobs“, behauptet Manning tapfer. Und schaut dazu unendlich müde aus dem gestärkten Hemdkragen.

 

Gerade erst in diesen Tagen haben Wissenschaftler Caesium-137 und Iodine-129 aus Sellafield in der kanadischen Arktis gemeldet – zwei- bis dreimal mehr, als nach dem Super-Gau in Tschernobyl seinen Weg dorthin gefunden hat. Routiniert spult der 49jährige Atommüll-Manager sein Defensiv-Programm herunter: daß die Mengen dort nicht akut gesundheitsschädlich seien, daß das meiste aus den 70er und frühen 80er Jahren stamme, bevor neue Abwasserreinigungsanlagen in Betrieb gingen, und daß schon die Grenzwerte von damals „sicher“ gewesen seien.

 

Einmal in Fahrt, müht er sich um Optimismus. Produktionsrückstand bei Thorp? Anlaufschwierigkeiten, aber bis zum Jahr 2004 schaffen wir die 7000 Tonnen Atommüll! Mehr Tritium-Gas als erwartet? Ja, damit hätten sie nicht gerechnet, das sei eben „learning by doing“! Falls sie nicht mehr Tritium in die Luft blasen dürften, hätten sie zwar ein kleines Problem, aber man könne ja neue Verträge mit den Kunden aushandeln. Kein Profit durch Thorp? So schlimm, wie Harold Bolter behauptet, werde es schon nicht werden! Kein Endlager? Kein Problem, dann werde man eben neue oberirdische Hallen bauen, man könne ja noch ein Weilchen über Grund lagern!

 

Doch je länger er so redet, desto tiefer sackt der 49jährige wieder in sich zusammen. Es irritiert ihn sichtlich, daß er – als Mensch, der an Zahlen glaubt – ein ums andere Mal zugeben muß, daß die Dinge anders laufen als berechnet. Aber, verteidigt sich der BNFL-Direktor, immerhin habe Sellafield nicht vielen Menschen geschadet. „Vergleichen Sie doch“, sagt Manning und schaut auf seine Hände, „wie viele Leute auf der Straße oder zu Hause sterben. Sellafield tötet nur einen pro Jahr.“

 

MISSTRAUEN

 

DAVID PROUD: Der Fischer hat finanzielle Problleme, weil Fisch aus der Sellafield-Region nicht gern gekauft wird.

 

Was für eine elende Nacht: um drei Uhr aufgestanden, um vier das erste Mal das Netz ausgeworfen, weil man Garnelen nur ganz früh fängt. Oder gar nicht, wie diesmal. Die anderen Fangversuche – auf Scholle, Seezunge und Steinbutt – gingen ebenso schief. Zwölf Stunden Plackerei auf See und Fang für keine 200 Pfund, von denen der Lohn für den Maat und die Kosten für seinen 38-Fuß-Kutter „Syrinen“ und Diesel abgehen. Während er die spärlich gefüllten Kisten auf die Kaimauer des alten Kohlehafens von Whitehaven stapelt, fragt David Proud sich mal wieder, wie gut seine Idee war, als Textilmanager auszusteigen und Fischer zu werden. „Aber wenn alles gut geht“, lächelt er aus müden Augen, „ist es ein tolles Gefühl, das ich in der Fabrik nie hatte. Freiheit. Ich fahre nur raus, wenn ich will.“

 

Wenn er nicht will oder das Wetter nicht mitspielt – was oft der Fall ist -, arbeitet er im Garten, singt im Chor oder musiziert. Als Proud vor 15 Jahren mit der Fischerei anfing und noch viel lernen mußte, ist er abends, bevor er rausfuhr, in den Kneipen mit Kornett und Gitarre aufgetreten, hat auf Bällen den Conferéncier gegeben und Witze erzählt, um die Familie über Wasser zu halten. „Wenn ich in Sellafield arbeiten würde, hätte ich sicherlich mehr Geld“, gibt er zu, „aber mir geht es um den ,way of life‘.“

 

Vermutlich ist diese entspannte Haltung der Grund, warum der Skipper die Zähne auseinanderkriegt. Seine Kollegen verstummen, sobald Fremde nahen. „Ich mag Greenpeace und CORE, weil die dafür gesorgt haben, daß Sellafield nicht mehr so viel Dreck einleitet“, erzählt er. „Ich verstehe nicht, warum die anderen Fischer nicht das Maul aufmachen. Als sich rausstellte, daß die Irische See radioaktiv verseucht ist, haben sogar die Geschäfte hier in Whitehaven Schilder rausgestellt: ,Unser Fisch wurde vor der schottischen Küste gefangen.‘“ Proud sagt jedem, der es hören will, daß „Sellafield überhaupt nichts mehr in die Irische See einleiten“ soll. Die anderen Fischer wollen es vom Außenseiter nicht hören. Anstatt sich gegen den Atomkomplex zu wehren, weil ihr Fang sich schlecht vermarkten läßt, verwarnen sie bisher lieber den Quereinsteiger: „Don’t rock the boat!“ Ohne Sellafield, fürchten sie, wäre alles noch schlimmer.

 

Doch das Boot, merkt Proud, schaukelt auch, wenn alle den Mund halten: Jüngste Meßdaten zeigen, daß Hummer und Garnelen, Schellfisch, Krabben und sogar Seetang mit dem aus Sellafield stammenden radioaktiven Isotop Technitium-99 verseucht sind, das eine Halbwertszeit von 210.000 Jahren hat. Die Belastung liegt bis zu 40mal über dem Wert, ab dem die EU nach einem Atomunfall den Verzehr verbietet. „Greenpeace sagt, die radioaktive Verseuchung der See ist gefährlich. Die Regierung sagt, es ist harmlos. Wem kannst du glauben?“, fragt David Proud.

Text: Michael Friedrich
Fotos: Florian Jaenicke

Sellafield – eine Skandal-Geschichte

Der (heutzutage) zivil-militärische Atomkomplex Sellafield – zu 100 Prozent im Besitz der britischen Regierung – war ursprünglich ein typisches Produkt des Kalten Krieges: Großbritannien wollte – wie die USA – Atommacht werden und gründete Mitte der 40er Jahre die Anlage an der Küste von Cumbria (Nordwest-England), um das notwendige Plutonium für den Bomben-Bau zu produzieren. Die Explosion der ersten sowjetischen Atombombe im Jahr 1949 verschärfte die britischen Anstrengungen zusätzlich. Zu den beiden 1951 in Betrieb genommenen Plutonium-Reaktortürmen kam 1952 die Wiederaufarbeitungsanlage „Windscale I“ hinzu, die 1964 in eine Brennelemente-Fabrik umgebaut wurde. 1956 wurden auf dem Gelände außerdem vier Reaktoren der selbstentwickelten „Magnox“-Linie als erstes ziviles britisches Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Sie sind bis heute am Stromnetz.

 

Seit rund vierzig Jahren arbeitet der mittlerweile aus Dutzenden von Anlagen bestehende Komplex – 1981 von Windscale in Sellafield umbenannt – zudem Atommüll auf, wobei ebenfalls Plutonium abfällt. Zuerst in Windscale I; seit 1994 in der „Thermal Oxide Reprocessing Plant“ (THORP), die in wesentlichen Teilen von den ausländischen Kunden vorfinanziert wurde. Darunter auch die deutsche Atomindustrie, die – mangels eines Atommüll-Endlagers in Deutschland – für den Weiterbetrieb ihrer Kraftwerke die Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield und La Hague (siehe auch Seite 18) dringend als „Entsorgungsnachweis“ brauchte und bis heute braucht.

 

Die deutsche Stromkonzerne bringen ihre abgebrannten Brennstäbe seit 1988, als das Eingangslager eröffnet wurde, nach Sellafield. Sie haben Verträge über die Wiederaufarbeitung von mehr als 1500 Tonnen Atommüll (Stand April 1997), für die etliche Transporte nach Sellafield nötig sind. Die meisten per Schiff via Barrow-in-Furness in Cumbria. Ende 1996 lagerten in Sellafield 490 Tonnen hochradioaktiven deutschen Atommülls, von denen bislang rund 50 Tonnen wiederaufgearbeitet wurden. „Thorp“ soll innerhalb 30 Jahren rund 21.000 Tonnen britischen und ausländischen Atommüll verarbeiten.

 

Die Skandalchronik des Atomkomplexes ist lang – mehr als 1000 Pannen und Unfälle in 40 Jahren: Der bislang schlimmste war 1957 der Brand eines der Plutonium-Reaktortürme. Dabei wurden erhebliche Mengen Radioaktivität freigesetzt. Der Unfall wurde vor den Behörden tagelang geheimgehalten. Immer wieder werden Arbeiter bei Unfällen radioaktiv verstrahlt. Zuletzt – soweit bekannt – sechs Arbeiter im Dezember 1996.

 

Doch auch der „Normalbetrieb“ ist skandalös genug: Wenn Thorp mit voller Kapazität läuft, entläßt Sellafield pro Jahr ein Fünftel der Radioaktivität in die Umwelt, die beim Super-Gau in Tschernobyl freigesetzt wurde. Dabei rühmt sich die staatliche Betreiberfirma BNFL, daß heute nur noch ein Prozent dessen eingeleitet wird, was früher in die Irische See gelangte – unter anderem rund eine halbe Tonne Plutonium in vierzig Jahren.

 

Bis Anfang der 80er Jahre war „Verdünnen und Verteilen“ offizielle Politik der britischen Regierung. Kinderleukämie ist in der Umgebung des Werkes zehnmal so hoch wie im britischen Durchschnitt, Krebs bei Erwachsenen um das dreifache häufiger.



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