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Öl-Krise

Die Abhängigkeit der Industriestaaten von billiger Energie sichert Förderländern und Mineralölkonzernen Milliardengewinne. Werner Meyer-Larsen erklärt, wie „Big Oil“ den Aufbau einer solaren Energiewirtschaft blockiert.

Cornelius Herkströter, Chef des Ölmultis Royal Dutch Shell, ist ein Feind wolkiger Sprüche. Besonders wenn es ums Ökologische geht, rettet sich der mächtigste Ölmanager der Welt gern in knorrige Verlautbarungen. „Es liegt in unserer Pflicht“, bemerkte er zur Verwüstung des Nigerdeltas durch die Ölförderung von Shell, „die Verschmutzung wieder zu beseitigen. Das tun wir auch.“

 

Ähnlich karg wie Herkströters Umwelt-Bekenntnis ist das Interesse der Ölindustrie an einer ökologischeren Energiepolitik. Konsequent und zunehmend verbissen hält sich „Big Oil“ saubere Energieträger wie Windgeneratoren und Solarzellen vom Hals. Sie stören die eingefahrenen Systeme des Ölgeschäfts und vor allem ihren Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit.

 

Verständlich ist das schon. Mineralöl und Erdgas sind nach wie vor preiswert zu haben, flächig abzusetzen und praktisch für die Kundschaft. Kein anderes Energie-Medium paßt so genau in die technologische Landschaft der Gegenwart, keine so gut in ihre weltumspannende Logistik. Trotz begrenzter Reserven stammen noch immer 85 Prozent des Welt-Energieverbrauches aus den fossilen Rohstoffen Kohle, Mineralöl und Erdgas. Rund 60 Prozent kommen allein aus Öl und Gas, deren Märkte fast ausschließlich von wenigen multinationalen Konzernen beherrscht werden.

 

Über ihr globales Netzwerk binden die Multis mittlere und kleinere Firmen des Öl- und Gasgeschäfts ein. Damit schafft sich Big Oil ein de-facto-Monopol am Energiemarkt. Alternativen passen in dieses Konzept nicht hinein. Sie werden bespöttelt, behindert und im besten Falle ignoriert.

 

Elegant bekennen sich die Ölkonzerne zu ökologischen Details und zu Umweltinvestitionen in die gute alte Verbrennungstechnologie. Damit tun sie sich nicht schwer, denn es sichert ihr Geschäft. Da folgen sie den jeweiligen staatlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Strömungen. Anpassungen dieser Art gehören in den Katechismus pragmatischer Unternehmensführung. Er zerfällt in die Kapitel „Aktionäre“, „Kunden“, „Beschäftigte“ und „Gesellschaft“ – letzteres enthält die Umweltpolitik. Diese Matrix schafft den Rahmen für das wirkliche Unternehmensziel, die Maximierung des Gewinns. Big Oil visiert dabei langfristig rund 15 Prozent Kapitalrendite an.

 

Dieses Unternehmensziel wird durch konventionelle Umweltpolitik, die zudem ja auch ein gefälliges Image verschafft, nicht gestört. Als erheblichen Störfaktor dagegen haben die Öl-Strategen alternative Energien ausgemacht. Sie sind gefährlich, weil sie artfremd sind. Außerdem haben sie Chancen am Markt. Die Ölmanager rechnen damit, daß in den nächsten 50 bis 60 Jahren Solarsysteme bereits den größten Anteil am Energiemarkt besitzen werden. Das bringt sie in ein Dilemma. Erneuerbare Energieträger könnten die Investitionen der Konzerne gefährden, noch bevor diese sich rentiert haben.

 

Die Ölindustrie, voran multinationale Konzerne wie Shell, Exxon, Mobil, BP, Texaco oder Chevron, repräsentiert ein Anlagevermögen von einigen tausend Milliarden Mark. Ihre Investitionsplanungen reichen jahrzehntetief hinein ins nächste Jahrhundert: Supertanker, Geräte für Offshore- und Ultratiefbohrungen, Konzessionen und Beteiligungen an Ölfeldern in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie in China.

 

Die Laufzeit solcher Projekte reicht oft über ein halbes Jahrhundert hinweg. Investitionen und Abschreibungen wollen da verdient sein, dazu noch ein Aufgeld für Wiederbeschaffungen und Dividenden. Das alles aber steht zur Disposition, sobald alternative Energien, und hier besonders die Photovoltaik, zu populär und rentabel werden.

 

Das wiederum trifft nicht nur die Konzerne allein. Es trifft auch die Mitgliedsländer der OPEC (Organisation erdölfördernder Länder) mit ihren teuren Förder- und Transportanlagen. Unter dem Boden der OPEC-Länder ruhen gut drei Viertel sämtlicher Ölreserven der Welt. Sie sind die Lebensgrundlagen vor allem der Wüstennationen.

 

Saudi-Arabien, Kuweit, Irak und Iran besitzen mehr als die Hälfte der gesicherten Welt-Rohöl-Reserven, Saudi-Arabien allein gut ein Viertel (als „gesichert“ gelten Vorkommen, die nach dem jeweiligen Stand der Fördertechnik und der Rohölpreise wirtschaftlich auszubeuten sind). Überwiegend aus diesen Quellen versorgen sich die großen industriellen Verbrauchernationen, deren eigene Rohölreserven nur dürftige fünf Prozent vom Ganzen ausmachen.

 

Auf dieser Basis ist die Ölversorgung der Welt gegenwärtig auf mindestens 40 weitere Jahre gesichert. Das ist der höchste Wert seit Jahrzehnten: Die Fördertechnik ist billiger, der Zugang zum Geld einfacher und der Mineralölpreis höher geworden als noch zehn Jahre zuvor. Bisher unzugängliche Quellen in der einstigen Sowjetunion bis hinauf zum nördlichen Eismeer und in China kommen hinzu.

 

Die Sache läuft wie geschmiert. Seit etwa zehn Jahren sind Verbraucher- und Erzeugerländer ein Interessenkartell eingegangen, das trotz politischer Disharmonien eisern funktioniert: Die westlichen Industriestaaten hängen vom OPEC-Öl ab, die OPEC-Staaten von dessen Verkauf. Im Vollrausch ihres plötzlichen Reichtums haben vor allem die arabischen Nationen ihre Staatsbudgets und ihre technische Zivilisation so weit aufgebläht, daß die Einnahmen aus dem Ölgeschäft auf keinen Fall sinken dürfen.

 

Das OPEC-Kartell und die Ölkonzerne sind in ihrer langfristigen Politik folglich stark daran interessiert, daß Mineralöl und Erdgas so lange wie möglich die Energiemärkte beherrschen. In diesem Interessengeflecht haben die Ölkonzerne, deren Macht die OPEC-Staaten 1973 und 1981 zweimal durch Boykott, Enteignung und Preisschübe hatten zerstören wollen, längst wieder die Nase vorn.

 

Wenn es brenzlig wird, kann die Ölwirtschaft auch auf das Militär zählen – auf das der Erzeuger- und das der Verbraucherstaaten. Umfangreiche Land-, Luft- und Seeverbände aus aller Herren Länder stehen bereit, die Ölinteressen der industrialisierten Welt zu schützen. Schon ein Ausfall von fünf Prozent der Ölhandelsmenge kann solche Händler-Hysterien auslösen, daß der Ölpreis steil nach oben schießt, im Extremfall bis auf das Doppelte. Das Lehrbuch-Beispiel war der Golfkrieg. (Fortsetzung S. 34)

 

Natürlich war es skandalös, daß der Iraker Saddam Hussein den Nachbarstaat Kuweit im Handstreich vereinnahmen wollte. Doch der Krieg um die Befreiung Kuweits war ein Ölkrieg. Saddam wollte Angebots-King auf dem Ölmarkt werden, zum Herrn über die ergiebigsten Ölvorräte der Welt. Erst Kuweit und dann gleich Saudi-Arabien, hatte er sich in den Kopf gesetzt.

 

Die Streitmacht der USA samt einer großen Koalition von Produzenten- und Verbraucherländern behoben den Schaden. Sie stellten ein neues Gleichgewicht am Ölmarkt her und trugen die Verteidigungskosten für das System Big Oil. In den Bilanzen des Ölgewerbes tauchen sie nicht auf. Staatliche Spritsteuern werden, wenn überhaupt, anders begründet.

 

In der Welt nach Gorbatschow sind Big Oil und Cheap Oil, sind Multis und Ölländer mit der Führungsmacht USA zur Harmonie zurückgekehrt. Big Oil sorgt wieder für globalen Absatz, für geräuschlose Logistik, für beste Regierungskontakte und vor allem für angemessen stabile Preise. Bei Rohöl und dessen Produkten liegen sie permanent unterhalb jener Preisgrenze, von der an Investitionen in alternative Energien lohnen. Die jeweiligen Regierungen spielen in ihrer Steuerpolitik brav mit. Sie besteuern Benzin hoch, denn dafür gibt es keine sanfte Alternative. Heizöl und Erdgas besteuern sie dagegen niedrig.

 

Jedes zusätzliche Jahr verzögert die notwendige Umstellung der Elektrizitäts-, Transport- und Heizungssysteme auf alternative Energien weiter. Zeitgewinn ist für die Konzerne alles. Denn es winken Geschäfte von beispielloser Dimension: der Aufbau einer neuen Zivilisation in den früheren kommunistischen Großregionen. In diesen Räumen, wo es noch keine ausreichende Logistik gibt, wären alternative Energieträger weitaus wettbewerbsfähiger als im alten Westen. Big Oil aber will nicht teilen. Es will seine Technik, seine Logistik auch dort dominieren lassen. Zumal kräftige Umweltgesetze zunächst nicht drohen. Grund genug also, die sichtbaren Fortschritte vor allem in der Photovoltaik mit einer groß angelegten Verhinderungsstrategie zu bremsen.

 

Das ist eine rauhe und langfristig riskante Strategie. Geballte Verbrennungstechnologie in Riesenräumen wie China, Indien, Malaysia und Rußland kann rasch in die ökologische Katastrophe führen, und zwar weltweit. Unentrinnbar treibt die Ölbranche in eine Art Bermuda-Dreieck von Reservenschwund, Nachfragerausch und Umweltzerstörung.

 

Die Ölindustrie weiß, daß sie sich auf ein Wettrennen mit der Zeit einläßt. Doch je länger sie die Wirtschaftlichkeit alternativer Energieformen verzögern kann, desto perfekter kann sie ihre letzte große Expansions-Chance wahrnehmen. In dieser Lage greift Big Oil die Entwicklung alternativer Energien an gleich vier Fronten an:

 

• Durch Unterstützung konventioneller Umwelttechniken, die zu besseren Verbrauchs- und Abgaswerten führen;

 

• durch Austrocknen eigener Versuche, ins Solargeschäft einzusteigen und dadurch Nachahmer zu ermuntern;

 

• durch die Propagierung von Erdgas als ökologisches Wundermittel;

 

• durch eine breitangelegte Preis- und Medienpolitik.

 

Kartell-Absprachen sind da nicht notwendig. Das Know how der Ölunternehmen im weltweiten Energiegeschäft ist nahezu unbeschreiblich. Exxon und Shell etwa sind in jeweils 130 Ländern dieser Welt vertreten. Ihre strategischen Stäbe planen unbeschwert durch jede politische Opposition für Jahrzehnte. Das Top-Management der Konzerne ist jedem Planungsteam irgendeines Staates meilenweit voraus. Es kann den Welt-Energiemarkt auch auf lange Sicht ökonomisch und ökologisch nahezu autonom steuern. Big Oil achtet dabei peinlich genau darauf, die Regeln seiner vielen Gastländer einzuhalten und noch peinlicher, sie für sich zu nutzen. „Government Relations“ ist mehr als nur ein Türschild.

 

Selbstverständlich – doch für manche unverständlich – unterstützt Big Oil in Europa, besonders in Deutschland, das sogenannte Drei-Liter-Auto. Im großen Amerika ist die Begeisterung für solche Technik schon weit geringer. Natürlich auch finden die Konzerne in Europa harte Umweltvorschriften für den Verbraucher gut. Sie verschaffen ihnen die notwendige Hygiene. Bei Umweltvorschriften für die eigenen Raffinerien zeigen sie sich schon sperriger. Da wandern sie lieber aus. Als strategische Generallinie aber gilt, mit den verschiedenen Regierungen „konstruktiv zusammenzuarbeiten“. Die Bekenntnisse zur Umwelt retten das Geschäft wie Sozialreformen den Kapitalismus. Diesen Trend will Big Oil zumindest so stark sichtbar halten, daß die Regierungen eine künftige Solarwelt nicht allzu nachhaltig fördern.

 

Zunehmend stellt sich die Mineralöl-Industrie deshalb auch auf Erdgas um. Gesetzesmacher und Öffentlichkeit erfahren, daß Erdgas weniger Rückstände hinterlasse als Öl. Erdgas ist tatsächlich umweltschonender. Ein Teil dieser Wahrheit geht allerdings darauf zurück, daß es im Gegensatz zum Öl oft in großen Zentralanlagen verbrannt wird. Für die Konzerne und die Ölstaaten aber besitzt Erdgas den unwiderstehlichen Charme, ihre Vorräte zu strecken. Denn die Multis beherrschen auch diesen Markt. Erdgas ist ihr zweitgrößter Geschäftsbereich. Selbst in Sonnenstaaten wie Kalifornien ist das Heizungs- und Belüftungsgewerbe so unter den Druck der Gas-Lobby geraten, daß es sich weigert, Solaranlagen einzubauen. Die Erdgasvorräte wiederum sind vorwiegend in den Wüstenstaaten und im devisenhungrigen Rußland konzentriert. Sie reichen, auf der Basis gegenwärtiger Verbrauchswerte, für mindestens 150 Jahre.

 

Physisch und moralisch abgesichert, wollen die Konzerne von Wind- und Solarenergie nun erst recht nichts mehr hören. Bevor sie ihre neue Politik definierten, hatten sich Öl-Unternehmen, wie etwa Amoco und Atlantic Richfield („Arco“), immerhin noch selbst an der Entwicklung von Solartechnologie beteiligt. Arco hatte sogar die weltgrößte Fabrik für Solaranlagen aufgebaut. Dann aber verkaufte der kalifornische Ölkonzern sie an den Elektro-Multi Siemens, dessen Beiträge zur Entwicklung sanfter Energieträger eher verhalten sind.

 

Das schärfste Mittel der Konzerne, eine zu rasche Entwicklung von Alternativen zu bremsen, ist indes ein Preismechanismus, den sie selbst steuern. Er ist in großen Zügen mit den Erzeugerländern abgestimmt, gelegentliche Preisüberraschungen an den Rohölmärkten ändern daran nichts. Rohöl- und Produktpreise sind so manipuliert, daß sie den Konzernen durch zunehmendes Massengeschäft genug Geld in die eigenen Kassen spülen, um hohe Gewinne zu erwirtschaften, die Märkte anderer Energieträger aber nachhaltig verengen. Es ist eine klassische monopolistische Verhaltensweise. Daß dadurch auch die Marktreife der Alternativen weiter verzögert wird, gilt als willkommener Seiteneffekt. Wer will schon Geld für eine aussichtslose Sache spendieren?

 

Marktwirtschaft? Nun ja. Doch was kann böse sein an einem Kartell, das seine Ware billiger verkauft als jede Konkurrenz? Es zerstört ja keine Wettbewerber, es verdrängt sie nicht einmal – es läßt sie nur nicht groß werden. Das ist die innere Logik von Big Oil.

Immer tiefer, immer teurer

Seit Beginn der Offshore-Förderung dringt die Ölindustrie stetig in die Meere vor. Mit Spezialschiffen bohren die Konzerne heute in mehr als 1000 Metern Tiefe. In flacheren Gewässern wie der Nordsee sind die Öl- und Gasvorkommen allmählich erschöpft. Jetzt wird der Atlantik erobert.



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