greenpeace magazin 5.97

Staatsterror gegen Umweltschützer

Gefängnis oder Schlimmeres droht Öko-Aktivisten in vielen Staaten, wenn sie sich gegen die Zerstörung von Lebensräumen wehren.

Noch immer sitzen in Nigeria 19 Mitglieder der „Bewegung für das Überleben der Ogoni“ in Haft – eineinhalb Jahre nach der Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa und acht Gleichgesinnten. Das Vergehen der Farmer und Fischer: Widerstand gegen die Ölförderung im Nigerdelta, gegen massive Umweltverschmutzung. Ihre Lage sei prekär, sagt Ulrich Delius von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“: Katastrophale hygienische Verhältnisse hätten die Gesundheit der Häftlinge angegriffen, ein Mann sei erblindet, und die Hoffnung auf Freiheit schwinde mehr und mehr. In der Militärdiktatur Nigeria droht ihnen die Todesstrafe.

 

In vielen Ländern laufen Menschen täglich Gefahr, ihren Einsatz für die Umwelt mit dem Leben, zumindest aber mit der Freiheit zu bezahlen. Nicht nur die Ogoni in Nigeria, nicht nur Alexander Nikitin, der ehemalige russische Offizier, der auf die Bedrohung durch verrottende Atom-U-Boote aufmerksam machte, zum Lohn zehn Monate im Verlies verbrachte und jetzt erneut mit einem Prozeß rechnen muß. Präzise Daten über die Zahl der inhaftierten Umweltschützer existieren nicht. Die großen Menschenrechts-Organisationen wie „amnesty international“ (ai) oder „Human Rights Watch“ führen keine gesonderte Statistik über Personen, die wegen ihres Engagements für Wald, Wasser oder Luft verfolgt werden. Ebenso schwierig ist es herauszufinden, welche Umweltschützer zur Zeit in Haft sind; die Informationen fließen unregelmäßig. Ute Sautmann von der ai-Pressestelle hat jedoch den Eindruck, daß Übergriffe gegen Umweltrechtler zunehmen. Schließlich könnten Aktionen für die Natur häufig zugleich als Aktionen gegen Staatsorgane oder gegen Firmen ausgelegt werden – oder als Aktionen gegen wirtschaftliche Interessen, die Staat und Industrie verbinden.

 

Das Gefängnis ist ein wundervoller Platz zum Meditieren“, sagte der thailändische Mönch Pra Prachak in einem Interview. Den Platz hatte er sich allerdings nicht selbst ausgesucht. Als Anführer der „Pluck-and-Plant“-Bewegung setzte er sich für Kleinbauern ein, die dem staatlichen Eukalyptusanbau entgegentraten. Etwa ein Fünftel der Landbevölkerung sollte für das Projekt vertrieben werden. „Pluck and Plant“ reagierte: Die Bauern rissen Eukalyptussetzlinge aus der Erde und pflanzten dafür einheimische Baumarten. Buddhistenmönch Pra Prachak wurde dafür zur Verantwortung gezogen, verhaftet und verurteilt.

 

Prachak war 1989 in die Region Dong Yai gereist und hatte festgestellt, daß zwölf Dörfer dort die nächsten waren, die die Regierung entvölkern und entwalden wollte. Er erklärte den Wald zur buddhistischen Meditationszone. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort wickelte er beispielsweise die heiligen gelben Bänder seiner Religion um die größten der bedrohten Bäume. Die Holzfäller schreckten davor zurück, diese geheiligten Bäume anzurühren. Außerdem stellte Prachak Waldpatrouillen zusammen, organisierte ökologische Führungen und Workshops.

 

Im Lauf der Zeit sammelten sich verschiedene Beschuldigungen gegen Prachak an. So habe er etwa „den Wald zerstört“ und tote Bäume mitgenommen, um einen Tempel zu bauen – was allerdings mit den Forstbehörden abgesprochen gewesen sei, hebt das „Internationale Netzwerk engagierter Buddhisten“ hervor. Wegen Verschwörung zum öffentlichen Aufruhr und Behinderung der Behörden wurde er zu einem Jahr Haft verurteilt, wegen Eingriffs in den Wald zu sechs Monaten. In der Berufungsverhandlung wurden die Strafen zur Bewährung ausgesetzt. Nachdem Prachak unbeirrt weiter gegen Abholzung und für Menschenrechte stritt, ordnete der Regierungschef der Region im Nordosten Thailands die Vollstreckung der Strafe an.

 

Derzeit ist Prachak, der inzwischen die Mönchsrobe abgelegt hat und sich Prachak Pethsing nennt, wieder auf freiem Fuß und erwartet die Fortsetzung der Gerichtsverfahren. Das Buddhisten-Netzwerk unterstützt ihn mit Rat und Geld. Für seinen Einsatz zur Bewahrung des Regenwaldes erhielt Prachak im August 1997 den Ehrenpreis der buddhistischen Organisation „Sarvodaya“.

 

Auch andere asiatische Länder verfolgen Umweltschützer. Im malaysischen Gliedstaat Sarawak werden nach Auskunft des Vereins „Urgewald“ immer wieder Penan-Nomaden inhaftiert, die den Regenwald gegen Holzeinschlag und Plantagenbau verteidigen, zuletzt im März dieses Jahres. Vier Männer wollten mit der Holzgesellschaft verhandeln – jetzt sitzen sie wegen verschiedener Anschuldigungen im Gefängnis. Die „Sarawak People’s Campaign“ berichtet, erst sei ihnen vorgeworfen worden, sie hätten einen Lastwagen zerstört. Die Anklage wurde später geändert in „Bildung einer illegalen Versammlung“. Die vier Männer wurden zwischenzeitlich gegen Kaution freigelassen, doch kurz darauf erneut verhaftet: wegen des angeblichen Diebstahls einer Motorsäge.

 

Einer von vielen gefangengenommenen Widerständlern in Malaysia, Mutang Urud, wurde 1992 wegen „Beteiligung an einer illegalen Vereinigung“ verurteilt. Er hatte mit anderen Penan auf einer Weltreise über die Lage in Sarawak informiert: über Gefechte mit der Polizei, über Blockaden, über das Siechtum der Protestler in den Gefängnissen. Nach zwei Monaten in Haft zwang die Regierung Mutang Urud, das Land zu verlassen. Er brachte den Kampf gegen den Holzeinschlag in seiner Heimat vor den UN-Umweltgipfel in Rio.

 

Harrison Ngau, prominentester malaysischer Waldschützer, büßte zuerst im Gefängnis, danach mit zwei Jahren Hausarrest dafür, daß er Proteste organisierte. Ngau ist Mitglied der „Sahabat Alam Malaysia“, eines Ablegers der Organisation „Friends of the Earth“ und Träger des Goldman-Umweltschutzpreises; mittlerweile hat er ein Mandat im malaysischen Parlament.

 

Den Goldman-Preis gewann auch die chinesische Journalistin Dai Qing (55). Sie saß zehn Monate im Gefängnis, weil sie ein kritisches Buch über den von der chinesischen Regierung geplanten Drei-Schluchten-Staudamm veröffentlicht hatte. Der weltgrößte Stausee soll 600 Kilometer lang werden und mehr als eine Million Menschen vertreiben. Dai Qing darf nicht mehr in Massenmedien und nicht mehr außerhalb Chinas publizieren. Ihr Buch wurde von der Regierung verboten.

 

„Die Lösung heutiger Probleme liegt in der Wiederherstellung eines harmonischen Verhältnisses zwischen Natur und Mensch“, sagt der indische Philosoph und Öko-Aktivist Sunderlal Bahuguna. Der 71jährige saß mehrfach in Haft, weil er gegen den Bau des Tehri-Staudammes in einer Erdbebenregion protestierte. Mit zwei siebenwöchigen Hungerstreiks 1992 und 1996 erzwang er, daß nun eine unabhängige Kommission das Projekt überprüfen soll.

 

In Burma läßt das Militärregime einen riesigen Nationalpark einrichten und zwingt die Bevölkerung, das Eine-Million-Hektar-Gebiet zu verlassen – mit unmißverständlichen Mitteln: Protestierende Dorfbewohner werden erschossen, ihre Siedlungen niedergebrannt. Menschen werden gefangengenommen und müssen als Sklaven der Regierung Straßen bauen.

 

Die Kenianerin Wangari Maathai (57) ist eine der erfolgreichsten Umweltschützerinnen; für ihr Engagement erhielt sie den alternativen Nobelpreis und wurde in die „Unabhängige Arbeitsgemeinschaft zur Zukunft der Vereinten Nationen“ berufen. Sie ist zugleich eine der am meisten verfolgten Aktivistinnen: Mehr als zwölfmal sei sie ins Gefängnis gesteckt worden, berichtet die amerikanische Umweltorganisation „Sierra Club“. Kenianische Polizisten hätten wiederholt ihr Haus umstellt und sie bei Auseinandersetzungen bewußtlos geschlagen.

 

1977 hatte Wangari Maathai am Tag der Umwelt sieben Bäume in ihren Garten gepflanzt – und dann das „Green Belt Movement“ gegründet. Die Organisation setzte allein in Kenia mehr als 15 Millionen Bäume, die das Land nach vielen Jahren unkontrollierter Abholzung wieder fruchtbar machten und zigtausend Menschen ein Einkommen verschafften.

 

Green Belt“ ist inzwischen in 30 Nationen vertreten, doch Wangari Maathai hat nicht nur Freunde. „Der kenianischen Regierung ist sie ein Dorn im Auge“, berichtet Heffa Schücking von „Urgewald“. Sie sei wiederholt verhaftet, unter Hausarrest gestellt und überfallen worden, als sie sich mit Kenias Präsident Daniel arap Moi anlegte. Der Staatschef wollte für 200 Millionen Dollar den größten Wolkenkratzer Afrikas im Uhuru-Nationalpark von Nairobi errichten lassen. Maathai erlaubte sich die Frage: „Wir können Parks für Nashörner und Elefan- ten schützen; warum können wir keine Freiflächen für Menschen schützen?“ Moi nannte sie daraufhin eine „Wahnsinnige“ und eine „Bedrohung für Ordnung und Sicherheit“. Andere Politiker betitelten Maathai als „einmalige Ungeheuerlichkeit“, klagten sie an, die Menschen gegen die „Regierung der Männer“ aufzubringen und riefen „Schande!“ im Sitzungssaal des Parlaments.

 

Wangari Maathai antwortete, sie habe die Haut eines Elefanten. Die hatte sie bereits, als sie und ihre drei Kinder vom Ehemann verlassen wurden, einem früheren Parlamentarier. Offizielle Scheidungsgründe: Die Frau war „zu gebildet, zu stark, zu erfolgreich, zu störrisch und zu schwer zu kontrollieren“. Auch Frauengruppen bezichtigten Maathai, sie verletze die afrikanische Tradition. Das nimmt die Kenianerin, die als erste Frau in Ost- und Zentralafrika einen Doktortitel erhielt und unter anderem an der Münchner Universität studierte, als „gottgesandten Ärger“ hin. Sie sagt: „Wir sind geneigt zu denken, daß der Schutz der Wälder in der Verantwortung der Regierungen und Förster liegt.“ Doch das sei ein Irrtum: „Es ist auch unsere persönliche Aufgabe.“

 

Amnesty international machte 1995 auf María Elena Foronda und Oscar Diaz Barboza von der gewaltfreien peruanischen Umweltorganisation „Institut Natura“ aufmerksam. Beide waren verhaftet worden, weil sie Dokumente über die Verschmutzung des Meeres und der Luft durch peruanische Fischmehlfabriken bei sich hatten (GPM 3/95). Ein Gericht verurteilte sie als „Terroristen“ zu lebenslanger Haft; auf internationalen Druck wurden sie wieder freigelassen – und neuerdings soll es in Peru sogar Umweltverträglichkeitsprüfungen für Fischmehlfabriken geben.

 

Mit Verfolgung und Bedrohung müssen nicht nur Umweltschützer in Entwicklungsländern rechnen. Die Regierung der kanadischen Provinz British Columbia brachte rund 1000 Teilnehmer einer Blockade gegen den Kahlschlag auf Vancouver Island vor Gericht. Einige Hundert mußten ins Gefängnis, unter ihnen auch Großmütter von über 70 Jahren. Im vergangenen Jahr blockierten Nuxalk-Indianer das Ista-Tal in British Columbia gegen die Holzfirmen. Das Tal ist ihnen heilig als Ort, an dem die Menschheit ihren Ursprung hat. Obwohl die Indianer das Land nie offiziell abgetreten haben, verkaufte die kanadische Regierung Einschlaglizenzen an das Unternehmen „International Forest Products“. Zwei Mitglieder der traditionellen Stammesführung wurden wegen ihres Widerstands verhaftet: Ed Moody (Chief Qwatsinas, er ist Mitte 40) und Lawrence Pootlas (Chief Nuximlayc, etwa 70 Jahre alt). Gegen Umweltaktivisten des „Forest Action Network“ sind in British Columbia noch Verfahren im Streitwert von 500.000 Dollar anhängig. Im Juni 1997 gab es dort erneut eine Blockade gegen die Abholzung, unter anderem mit Beteiligung von Greenpeace.

 

Mitunter müssen auch Greenpeacer für ihre Aktionen hinter Gitter. Hans Guyt beispielsweise landete 1987 in einem Londoner Gefängnis, weil er ein Abwasserrohr der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield (siehe auch Seite 12) erst durchbohrt und dann mit einem Ballon blockiert hatte.

 

In der Auseinandersetzung zwischen Umweltschutz und Wirtschaftsinteressen fallen auch Menschen auf, die nicht ins Gefängnis kommen: etwa die Mörder von Martin Apa. Der Stammeschef der Pavuvu auf den Salomoninseln im Westpazifik war im Oktober 1995 erschlagen worden, offenbar weil er den Widerstand gegen die Abholzung des Regenwaldes anführte. Die Regierung unternahm trotz harscher internationaler Proteste nichts, um die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

Von THOMAS STILLBAUER



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