greenpeace magazin 5.97

"Wir sorgen vor"

Peter Schlüter vom Mineralölwirtschaftsverband über die Haltung der Branche zum Klimaschutz

GPM: Herr Schlüter, Greenpeace hat den Twingo „SmILE“ entwickelt, der im Vergleich zum Serienfahrzeug von Renault die Hälfte Benzin verbraucht. So ein Auto muß Ihnen doch ein Dorn im Auge sein.

 

Schlüter: Sparsame Fahrzeuge sind Teil eines technischen Fortschrittes, den wir im Grundsatz begrüßen.

 

GPM: Sind Sie sicher? Halber Spritverbrauch bedeutet doch halber Gewinn für Sie.

 

Schlüter: Wir stellen uns der technischen Entwicklung, auch wenn das unseren Absatz mindert. Beispielsweise unterstützen wir auf dem Wärmemarkt den Einsatz von Heizungen mit hohem Energiewirkungsgrad.

 

GPM: Die Ölkonzerne gehen davon aus, daß der Weltenergiebedarf in den nächsten Jahrzehnten drastisch wächst – und damit auch der Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2). Sind der Branche die gefährlichen Folgen für das Weltklima egal?

 

Schlüter: Die sind der Branche nicht egal. Wir befassen uns seit etwa zehn Jahren sehr intensiv mit den Klimaschutzfragen und haben uns schon 1990 sehr klar geäußert, daß wir dieses Problem vorsorglich angehen wollen.

 

GPM: Die schon erschlossenen Ölreserven reichen für 42 Jahre. Warum hört die Ölwirtschaft nicht auf, immer neue Vorkommen anzuzapfen, deren Verbrennung das Klima nicht mehr vertragen würde?

 

Schlüter: Energieversorgung ist kein Selbstzweck. Sie dient der wirtschaftlichen Entwicklung. Das Energieangebot orientiert sich am Bedarf. Im kommenden Jahrhundert muß eine im Vergleich zu heute verdoppelte Weltbevölkerung mit Energie versorgt werden. Dafür benötigt man auch Mineralöl. Deshalb fördern wir zusätzliche Vorkommen. Ein Förderstopp ist aus meiner Sicht kein geeigneter Weg.

 

GPM: Und die Folgen fürs Klima?

 

Schlüter: Anhand der Prognosen des UN-Klimagremiums IPCC und dem Bewertungsmaßstab der Enquete-Kommission des Bundestages läßt sich schlußfolgern, daß bis zum Ende des kommenden Jahrhunderts eine Überschreitung der zulässigen Klimaerwärmung um ein halbes Grad droht – wenn es zu einem linearen Anstieg der CO2-Emissionen kommt und die Modellrechnungen zutreffen.

 

GPM: Wir kennen ganz andere Zahlen. Erleben wir zur Zeit eine bloße CO2-Hysterie?

 

Schlüter: Mit solchen Begriffen möchte ich nicht hantieren. Die Frage ist, wie man energiewirtschaftliche Strukturen klimaverträglicher gestalten kann. Wir halten diese Aufgabe für lösbar.

 

GPM: Energie-Verbrauchssteuern sind ein mögliches Instrument für einen schnelleren Strukturwandel des Energiemarktes. Warum stemmt sich die Branche gegen eine ökologische Steuerreform?

 

Schlüter: Ich bin der Überzeugung, daß Energiesteuern nicht geeignet sind, zum globalen Klimaschutz wirksam beizutragen.

 

GPM: Warum denn nicht?

 

Schlüter: Es gibt viele Gründe. Ich will hier nur einen nennen: Nationale Energiesteuern führen zu einer globalen Energiepreisspaltung mit der Folge, daß einem national geringeren Energieverbrauch ein internationaler Anstieg entgegensteht. Zudem erschweren starke internationale Energiepreisunterschiede den Technologietransfer, der ein wesentlicher Schlüssel zur Lösung globaler Probleme ist.

 

GPM: Was wirkt besser als höhere Energiesteuern?

 

Schlüter: Die Strategie, die wir in Deutschland fahren: ein Klimaschutzprogramm und freiwillige Selbstverpflichtungen. Wenn wir den Stand der Technik aus Deutschland international einsetzen würden, könnte das den globalen CO2-Ausstoß nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung um 17 Prozent vermindern. Das wäre ein riesiger Beitrag.

 

GPM: BP will in den kommenden zehn Jahren eine Milliarde Dollar in die Produktion und Vermarktung von Solarzellen stecken. Das klingt enorm, aber eine einzige Großanlage wie die neue „Mars“-Bohrplattform im Golf von Mexiko kostet bereits genauso viel. Warum investiert die Mineralölwirtschaft nicht alles verfügbare Kapital in erneuerbare Energien?

 

Schlüter: Die Mineralölindustrie deckt 40 Prozent der globalen Energieversorgung. Das ist eine gewaltige Aufgabe und erfordert erhebliche Investitionen. Ich halte es aber für vernünftig, wenn man beginnt, die Zukunft vorzubereiten, und sich an der Entwicklung regenerativer Energien beteiligt. Denn im kommenden Jahrhundert wird es einen stärkeren Anteil an regenerativen Energieträgern geben als heute.

 

GPM: Schwellenländer wie Indien oder China setzen auf das heute bereits sehr hohe Niveau von Klimabelastung und Umweltverschmutzung nochmal einen großen Brocken drauf. Diesen Staaten könnte die Energiewirtschaft doch im großen Maßstab umweltverträgliche Energietechnologien anbieten.

 

Schlüter: Im Jahr 2020 werden die Entwicklungsstaaten und die heutigen Schwellenländer aufgrund des Nachfragewachstums nach fossilen Energien den größten Teil der globalen CO2-Emissionen verursachen. Insofern liegt eine große Aufgabe darin, beim Aufbau der Energiewirtschaft in diesen Ländern Technologien mit hoher Effizienz, aber auch erneuerbare Energien stärker einzusetzen.

 

GPM: Vor allem müßten doch wohl die Industriestaaten mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Schadstoffausstoß deutlich senken. Der New Yorker Umweltgipfel hat im Juni das Gegenteil gezeigt.

 

Schlüter: Die Industriestaaten tragen eine besondere Verantwortung. Ob wir aber in Deutschland bis 2005 eine 15- oder eine 25prozentige Reduktion des CO2-Ausstoßes erreichen, ist für das Weltklima unerheblich. Es kommt darauf an, welche globalen Leistungen Deutschland auf Dauer bringt.

 

GPM: Die Emissionen des drittgrößten Industriestaates der Welt sind unerheblich?

 

Schlüter: Deutschland trägt mit rund vier Prozent zu den globalen CO2-Emissionen bei. Im internationalen Maßstab können sich die klimaschutzpolitischen Erfolge Deutschlands sehen lassen, weil wir anders als die meisten anderen Industriestaaten bereits eine Trendwende bei den CO2-Emissionen erreicht haben.

 

GPM: Nach den Berechnungen des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie müßte Deutschland zehnmal weniger CO2 als heute ausstoßen, um das Klima nicht nachhaltig zu belasten.

 

Schlüter: Das Wuppertal Institut ist nicht unbedingt Maßstab meines Denkens. Wir sollten im Rahmen einer globalen Strategie die CO2-Minderungen dort erschließen, wo es wirtschaftlich am vorteilhaftesten ist. Industrie- und Entwicklungsstaaten müssen sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen.

 

GPM: Welches Ergebnis sollte also beim Klimagipfel im Dezember in Kyoto herauskommen?

 

Schlüter: Ich bin skeptisch, ob man international verbindliche Ziele vereinbaren sollte. Es sollte vielmehr darum gehen, wie man zu handlungsfähigen Strategien gelangt, um ökonomisch sinnvolle Wege zur Begrenzung der CO2-Emissionen zu erreichen. Das halte ich für wichtiger, als auf Konferenzen über Minderungszahlen zu streiten.

Der Politologe Peter Schlüter ist seit 1990 Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Hamburg. Der Verband vertritt die Interessen von 18 Unternehmen der Mineralölwirtschaft in Deutschland.



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