greenpeace magazin 5.97

Öl-Krise

Die hemmungslose Verbrennung von Öl und Gas bedroht unser Klima. Doch die Öl-Multis setzen unbeirrt auf Expansion.

Grössenwahn

 

Wie ein Monument der Maßlosigkeit ragt eine Ölplattform turmhoch aus der Nordsee. In den Südstaaten der USA fängt es Mitte des vergangenen Jahrhunderts bescheiden an. Doch binnen Jahrzehnten entwickelt sich die Ölindustrie zur mächtigsten Branche der Welt. Ihr Expansionsdrang kennt bis heute keine Grenzen. Mit ihren gigantischen Bohrplattformen dringen die Konzerne in unberührte Gebiete wie die Arktis und den Atlantik vor, wo Erdöl- und Gasfelder 1000 und mehr Meter unter dem Meeresspiegel liegen.

 

 

Terror

 

Stehen die Interessen der Ölwirtschaft höher als die Wahrung der Menschenrechte? Ende 1995 wird in Nigeria der zum Tode verurteilte Ken Saro-Wiwa gehenkt. Der Schriftsteller, Politiker und Träger des alternativen Nobelpreises hatte gegen das Militärregime des Generals Abacha für die Rechte seines Volkes, der Ogoni, gekämpft. In deren Siedlungsgebiet im Nigerdelta fördern der Shell-Konzern und andere Multis seit Jahrzehnten Erdöl und verwüsten das Land. Auch BP gerät in die Kritik: Gestützt auf kolumbianische Regierungsdokumente, wirft der Europaabgeordnete Howitt dem britischen Ölkonzern 1996 vor, seine Förderung in einem kolumbianischen Bürgerkriegsgebiet von Militär und Todesschwadronen sichern zu lassen.

 

 

Rohrbruch

 

Bei der nordrussischen Stadt Usinsk brechen im Oktober 1994 marode Pipelines und die Dämme von Rückhaltebecken. Rund 200.000 Tonnen Erdöl – achtmal soviel wie bei der Havarie des Supertankers „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska – laufen in die Tundra und die Flüsse. Seit dem Ende der Sowjetunion – einst größter Mineralölproduzent der Welt – verrotten in Rußland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken Pumpstationen und tausende Kilometer Pipelines. Der bankrotte Staat leugnet die katastrophalen Zustände oder nimmt sie tatenlos hin.

 

 

Kahlschlag

 

Eine ökologisch besonders schädliche Form der Ölförderung betreibt die Branche in Südamerika, vor allem in Venezuela, Brasilien, Kolumbien und Ecuador. Der tropische Regenwald – unersetzbar wegen seines Artenreichtums und seiner Fähigkeit, CO2 zu binden – wird von den Konzernen kahlgeschlagen, die Böden werden mit Erdöl verseucht. Die U‘wa-Indianer, rund 5000 Menschen im Nordosten Kolumbiens, drohen seit Frühjahr 1997 mit kollektivem Selbstmord, falls auf ihrem Siedlungsgebiet an der Grenze zu Venezuela nach Öl gebohrt wird.

 

 

Untergang

 

Am 5. Januar 1993 strandet der Supertanker „Braer“ vor den Shetland-Inseln und verliert rund 85.000 Tonnen Rohöl. Der Kapitän wollte seinen Weg über den Atlantik um 80 Seemeilen abkürzen. Kaum ein Jahr vergeht ohne die Havarie eines Supertankers – meist mit verheerenden Folgen für Meere und Küsten. Hinzu kommen ungezählte Fälle, bei denen Erdöl mit voller Absicht ins Meer fließt: Viele Besatzungen spülen ihre Tanks während der Fahrt auf See aus, damit ihre Reederei die Kosten für die Reinigung im Hafen spart.

 

 

Krieg

 

Am Persischen Golf wird im Frühjahr 1991 der bislang härteste Krieg ums Öl geführt. Der Irak hatte das Nachbarland besetzt, um dessen Ölreserven zu kontrollieren. Irakische Soldaten setzen beim Rückzug rund 700 Ölquellen in Brand und öffnen Pipelines. Millionen Tonnen Öl verbrennen, fließen in den Persischen Golf oder versickern durch den Wüstenboden ins Grundwasser. Die Verteilung der großen Ölvorräte wird die Militärstrategen auch in Zukunft beschäftigen. Besonders bei der Ölförderung und dem Transport rund um das Kaspische Meer sind militärische Spannungen programmiert. Industriestaaten und Anrainer – vor allem Rußland – konkurrieren dort um die Erschließung reicher Vorkommen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird die Vielvölker-Region permanent von Krieg erschüttert, etwa in Tschetschenien, Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Die Gier nach Öl schmiedet fragwürdige Koalitionen: Um Erdöl aus Turkmenistan per Pipeline ungehindert an den Indischen Ozean transportieren zu können, unterstützen die USA im afghanischen Bürgerkrieg den Vormarsch der radikal-islamistischen Taliban-Milizen. Im südchinesischen Meer streiten China, die Philippinen und Vietnam um die Territorialrechte an den Spratly-Inseln. Rund um die Inselgruppe werden große Ölvorkommen vermutet.

 

 

Klima-Chaos

 

Wenn Öl verbrennt – egal, ob in Heizungen, Fabriken, Flugzeugdüsen oder in Automotoren – entsteht Kohlendioxid (CO2). Jährlich entweichen mehr als 20 Milliarden Tonnen des Gases in die Atmosphäre. In solch riesigen Mengen wirkt CO2 wie das Fenster eines Treibhauses: Es läßt zwar die Sonnenstrahlung herein, aber die Wärmeabstrahlung der Erde nicht wieder heraus. Durch diesen „Treibhauseffekt“ wird es auf der Erde wärmer, nach Prognosen des „International Panel on Climate Change“ (IPCC), dem führenden Klima-Wissenschaftlergremium der Vereinten Nationen, um 2,5 Grad bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts – sofern bis dahin alle heute erschließbaren Vorräte an fossilen Energien verbrannt werden.

 

Die 2,5 Grad Erwärmung sind ein globaler Durchschnittswert, regional können die Temperaturschwankungen drastisch ausfallen. Klimawissenschaftler und Versicherungen verzeichnen bereits eine auffällige Zunahme von Wirbelstürmen und Sturzregen, Dürren und Rekord-Sturmfluten – Katastrophen, die Milliardenschäden verursachen.

 

Durch die Erwärmung der Atmosphäre wachsen tropische Feuchtgebiete; dadurch droht eine Zunahme von Epidemien wie Malaria. Zudem steigt der Meeresspiegel an und gefährdet flachgelegene Küstengebiete wie Bangladesch und zahlreiche kleine Südseeinseln. Auf Dauer könnten sich ganze Klimagürtel in Richtung Polkappen verschieben: Ländern wie Spanien und Italien würde dann Wüstenklima drohen.

 

In den vergangenen 10.000 Jahren hat die Erde keine Phase mit einer so schnellen Erwärmung erlebt. Zahlreiche Ökosysteme sind vom Niedergang bedroht, weil sie sich nicht schnell genug an den Klimawandel anpassen können. Wirtschaftlich werden vor allem Entwicklungsländer unter dem Treibhausklima leiden: Ihnen fehlt das Geld, um sich – etwa mit dem Bau höherer Deiche – auf die Folgen einzustellen.

 

Rund 60 Prozent des weltweit geförderten Erdöls werden im Verkehrssektor verbraucht. Gegen den Treibhauseffekt helfen aber weder Filter noch Katalysatoren – CO2 läßt sich technisch nicht binden. Um eine Klimakatastrophe zu verhindern, muß der Verbrauch von fossilen Energieträgern drastisch gesenkt werden. Rund 225 Milliarden Tonnen Kohlenstoff dürfen bis zum Jahr 2100 ausgestoßen werden, damit der Temperaturanstieg in ökologisch vertretbaren Grenzen bleibt. Das entspricht der Verbrennung von höchstens einem Viertel der heute bekannten Vorräte an Gas und Öl.



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