greenpeace magazin 5.97

Grossbritannien: Ein Maulwurf kommt nach oben

Der 23jährige Umweltschützer Daniel „Swampy“ Hooper, der Bauprojekte durch Untertunnelung verhindern will, hat es in England zum Nationalhelden gebracht.

Er rieche ein bißchen muffig, befanden die Gäste nach einer BBC-Talkshow, an der auch „Swampy“ teilgenommen hatte. Der müffelnde junge Mann mit dem Spitznamen „der Sumpfige“ war nämlich gerade dem Erdreich entstiegen. Er gehört zu jenen 30 bis 40 Umweltschützern, die sich überall in Großbritannien in die Erde einbuddeln, um Bauprojekte wie Straßen oder Flughafenerweiterungen durch ihre Wohntunnel unter der geplanten Trasse zu verhindern. In Swampys Fall war es die Umgehungsstraße A 30 in der südwestenglischen Grafschaft Devon, die einen Wald durchschneiden soll.

 

Die britische Zeitung „Guardian“ entdeckte an seiner Geschichte sogar etwas Biblisches: „Als er in den Tunnel hinabstieg, war er nur Daniel Hooper, ein etwas schmuddeliger 23jähriger Umweltschützer“, schrieb das Blatt. „Am siebenten Tage wiederauferstanden als Swampy, Nationalheld.“ Das war im Januar. Berühmt wurde er, weil er länger als alle anderen unterirdisch ausgeharrt hatte. Als er aus seinem dunklen Loch hervorkroch, reckten sich ihm die Mikrofone entgegen, kaum daß sein Kopf zu sehen war. Ob er noch alle Tassen im Schrank habe, wollten Reporter wissen. „Hätte ich einen Brief an meinen Abgeordneten geschrieben“, erwiderte er, „würdet ihr mich dann auch interviewen?“

 

Die Medien wollten mehr als ein Interview. Mitarbeiter des „The Express“ steckten den Sumpfhelden in Designer-Klamotten, fotografierten ihn und brachten das Bild auf der Titelseite. Der „Sunday Mirror“ engagierte ihn als Kolumnisten: „Die Welt durch die Augen von Swampy gesehen.“ Eine Mädchenzeitschrift brachte einen Swampy-Starschnitt. Und im Frauen-Magazin „Cosmopolitan“ sinnierte die Herausgeberin Mandi Norwood: „Frauen wissen, daß man mit Typen flirten und Bier trinken kann, aber Swampy hat so viel mehr Sex-Appeal. Vielleicht muß man ihm den Dreck unter den Fingernägeln herauskratzen, aber er ist so mutig und will die Welt verändern.“ Als Swampy dann am 1. April verkündete, daß er fürs britische Unterhaus kandidieren wolle, glaubte man ihm aufs Wort.

 

Swampy ist inzwischen so bekannt, daß die Polizei ihn abfängt, wenn er nur in die Nähe eines Bauzaunes kommt. Es müssen neue, unbekannte Swampys her. Bauprojekte konnten die Tunnelbauer bislang zwar nicht verhindern, höchstens verzögern, aber eine abschreckende Wirkung auf Bauherren haben sie trotzdem: Zusammen mit den anderen Demonstranten, oft hunderten, die wochenlang in Hüttendörfern und Camps protestierten, haben sie die Kosten erheblich in die Höhe getrieben.

 

Wie wird man ein erfolgreicher Maulwurf? Swampy schreibt gerade ein „Handbuch für Öko-Terroristen“, so der Titel. Auf alle Fälle braucht man Seile, eine Hacke, einen Spaten und eine Plane. Die kann man über Haselnußzweige spannen – und fertig ist das Zelt zum Übernachten, bis der Tunnel ausgehoben ist.

 

Das Graben ist mühsam: Die Erde muß mit einer Hacke gelockert, in eine Tüte gefüllt und nach oben weitergegeben werden. Alle zwei Meter wird der Tunnel mit Holzplanken abgestützt. Wenn der Haupttunnel fertig ist, schaufelt sich jeder seinen eigenen „Wohntunnel“, der mit einer Stahlplatte abgeschlossen werden kann.

 

Wichtig sind auch Kekse, Nüsse, ausreichend Wasser – und leere Flaschen sowie Plastiktüten. „Die Flaschen zum Reinpinkeln, die Tüten für den Rest“, erklärt Andy (27), der eine Weile unter einer geplanten Startbahn in Manchester gelebt hat. Er ist in regelrechtes Tunnelfieber verfallen. „Jeder, der mein Wohnloch besucht hat, fand es richtig gemütlich“, sagt er stolz.

 

Seine Freundin Denise (29), hatte sich zwei Bücher mitgenommen: Seamus Heaneys Gedichte und „Watership Down“ – die Geschichte mit den Karnickeln. Nur Kondome hatte sie vergessen – und wurde schwanger, zehn Meter unter der Erde. „Wenn es ein Junge wird“, sagt Andy, „nennen wir ihn Clay. Das heißt Lehm.“ Weil sich Denise aufgrund ihrer Schwangerschaft andauernd übergeben mußte, sind die beiden nach elf Tagen schließlich ans Tageslicht gekommen.

Von RALF SOTSCHEK



greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de