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Minen: Augen zu und durch

Auf die abgeschobenen Bosnier aus Deutschland lauern sechs Millionen Minen.

Gelangweilt lehnt der französische Legionär beim Flughafen an seinem Panzer und schaut ein paar Jungen zu, die Fußball spielen. Das Leder steigt in die Luft und landet auf einer Wiese. Das reißt den Soldaten aus seiner Lethargie. „Stop“, brüllt er dem Jungen zu, der losgerannt ist, um den Ball zu holen, „Les mines!“ Die Kinder verstehen kein Französisch. Aber das Wort kennen sie. Das Spiel ist vorbei, wieder ein Ball weg. „Besser als die Beine“, sagt der Soldat.

 

Während der Belagerung von Sarajevo fanden hier am Flughafen die heftigsten Kämpfe statt. Straßen und Häuser wechselten dauernd den Besitzer. Noch heute hängen zerschossene Stahlplatten von den Balkonbrüstungen. Granaten haben Breschen in die Wände geschlagen. Und wahllos um die Häuser vergraben lauern Millionen Tretminen.

 

Obwohl die Siedlung am Flughafen lebensgefährlich für die Mieter ist, sind schon wieder zehn Prozent der Wohnungen belegt. Die meisten Bewohner sind Flüchtlinge, die aus Deutschland zurückgekommen sind. Kurz nach Ostern starb hier ein 12jähriger Junge. „Die Minen“, empört sich Klaus Mock vom „Deutschen Beratungsbüro für rückkehrfördernde Maßnahmen“ in der bosnischen Hauptstadt, „waren mal wieder schneller als die Bürokratie.“

 

Mock hat allen Grund zum Zorn. Insgesamt fast zwei Millionen Menschen wurden von dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben. Rund 400.000 von ihnen fanden Aufnahme in der Bundesrepublik, aber inzwischen will Bonn sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Es reicht noch nicht einmal für Aufklärungskampagnen für das Leben in einem verminten Land. Die werden der reichen Bundesrepublik von privaten Hilfsorganisation wie der „Norwegian People’s Aid“ (NPA) finanziert.

 

„So sehen Minen aus; so klingt ihre Explosion, das sind ihre Folgen“, erzählen Minen-erfahrene Bosnier ihren Landsleuten in Schnellkursen. Den Rest lehrt dann vor Ort das Leben. „Bitte entfernen Sie die Mine in meinem Gemüsegarten“, wurde Mock von einer Frau gebeten, die zuvor aus Deutschland in ihr Haus mitten in Sarajevo zurückgekehrt war. Bundesinnenminister Manfred Kanther war zwar noch nie in Bosnien. Dennoch besteht er darauf, daß es dort keine großen Probleme gibt. Augen zu und durch, lautet das Arbeitsmotto der deutschen Diplomaten in Sarajevo: „Wir haben keine Ahnung, wo und wie die Flüchtlinge nach ihrer Rückkehr leben.“

 

Fast 30.000 Menschen sind seit dem Ende des Kriegs allein aus der Bundesrepublik in ein Land zurückgekehrt, in dem Experten des „Mine Action Center“ (MAC) der Vereinten Nationen bis zu sechs Millionen Minen vermuten. Daß so gut wie nichts geschehen ist, liegt vor allem am Geldmangel. Einen Dollar kostet der Bau einer Mine. Ihre Beseitigung bis zu 1000 Dollar. 35 Millionen Dollar hat das MAC nach zähen Verhandlungen zusammengekratzt. Damit können, so die UN, im besten Fall drei Prozent aller Minen geräumt werden.

 

Jetzt endlich haben die Arbeiten an der Siedlung beim Flughafen begonnen. Wolfgang Nierwetberg von der Hilfsorganisation „Help“ weiß, daß seine Mannschaft unter dem Kommando des Dresdner Sprengmeisters Dietmar Höhne gute Arbeit leisten. Immer einsatzbereit ist der Krankenwagen. Denn die Arbeit ist auch für Experten gefährlich. Pro 5000 entschärfte Sprengkörper rechnet man mit einem toten und zwei verletzten Minenräumern. Weil sie als Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten dürfen, wollen 370 Roma so schnell wie möglich aus Stuttgart und Berlin zurück in ihr Dorf Stavo Selo bei Tuzla. Aber obwohl der Ort auf der Frontlinie lag, ist von Minenräumung keine Rede. „Sie werden trotzdem kommen“, fürchtet Mock. „Zuerst hat Deutschland sie vor dem Krieg gerettet. Jetzt wird nichts dagegen getan, daß diese Menschen den Tod riskieren.“

Von GERMANA VON DOHNANYI



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