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Gentechnik: Monopoly mit dem Erbgut

Eine neue EU-Richtlinie erlaubt die „Patentierung des Lebens“. Finanzkräftige Biotech-Konzerne teilen die Beute – kommerziell interessante Gene – unter sich auf.

Zum ersten Mal seit der Abschaffung der Sklaverei werden wieder Eigentumsrechte am Menschen oder Teilen des Menschen erhoben.“ Für Hiltrud Breyer, Europaabgeordnete der Grünen, ist die Patentierungsrichtlinie, die Mitte Juli in einer ersten Abstimmung im Straßburger Parlament überraschenderweise mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen wurde, ein „ethischer Dammbruch“, denn nichts geringeres als der Ausverkauf des Lebens stehe auf der Tagesordnung der Europäischen Union (EU). Seit Jahren schon drängt die Gentech-Industrie darauf, die Vergabe von Patenten auf „biologische Erfindungen“ in Europa rechtsverbindlich zu machen. Die Investitionen der Firmen lohnen sich nur, wenn sie auch die alleinigen Nutzungsrechte für ihre genmanipulierten Lebewesen und deren Nachkommen zugesichert bekommen. Patentierbar sollen künftig nicht nur manipulierte Bakterien, Pflanzen und Tiere sein, sondern auch Zellen und Gene des menschlichen Körpers.

 

„Ignoriert wird dabei“, so der Tierarzt Christoph Then, der in München die Kampagne „Kein Patent auf Leben“ koordiniert, „daß Gene als Entdeckungen anzusehen sind“, die im Gegensatz zu Erfindungen nicht patentfähig sein können. Nutznießer der neuen Richtlinie werden allein die großen Biotech-Konzerne sein, die es sich leisten können, die weltweite Suche nach „kommerziell interessanten“ Genen zu finanzieren. „Einen Besitzanspruch auf Erbmaterial darf es nicht geben“, fordert Susanne Billig vom Gen-ethischen Netzwerk (GeN) in Berlin. Mit der Patentierungsrichtlinie, kritisiert die Biologin, „werden Erbinformationen, die sich in Jahrmillionen Evolution entwickelt haben, zu einer Handelsware“.

 

Wohin das führen kann, zeigt die Praxis der Patentvergabe. Die US-Firma „Biocyte“ etwa verfügt über ein heftig umstrittenes Patent auf Blut aus der Nabelschnur von Neugeborenen. Über 30 Verbände und Einzelpersonen haben beim Europäischen Patentamt (EPA) in München Einspruch dagegen erhoben. Das Patent schützt nicht nur die Blutzellen selbst, sondern auch die Verfahren der Gewinnung und Tiefkühlung sowie deren therapeutische Verwendung – etwa bei Leukämiekranken. Die amerikanische Firma kann jetzt darüber bestimmen, wo und wann ihre „geschützte Erfindung“ eingesetzt wird.

 

Obwohl das derzeit noch gültige Patentrecht Pflanzensorten und Tierrassen ausdrücklich vom Patentschutz ausnimmt, ist das EPA in der Vergangenheit eigenmächtig vorgeprescht und hat Monopole für Gentech-Lebewesen vergeben. Nur den Einsprüchen von einigen hundert Umwelt- und Tierschutzgruppen ist es zu verdanken, daß das Krebsmaus-Patent und mehrere Pflanzenpatente immer noch in der Revisionsabteilung des EPA liegen. „Wir werden unsere Patente gemäß der EU-Richtlinie vergeben“, sagt EPA-Sprecher Rainer Osterwalder.

 

Voraussichtlich im November wird der EU-Ministerrat entscheiden, ob der Patentschutz für „biologische Erfindungen“ ausgeweitet wird. Die EU-Kommission ist zwar schon einmal damit gescheitert, ein industriefreundliches Patentgesetz zu verabschieden. Doch diesmal könnte sich die Gentech-Lobby durchsetzen. „Es sei denn“, so Stefan Flothmann, Gentechnik-Campaigner bei Greenpeace, „die Minister zeigen, daß sie die Interessen der Verbraucher und nicht die der Industrie vertreten.“



Von WOLFGANG LÖHR



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