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Sarajevo/Debelo Brdo, 1. Projekt
Sjenina Rijeka, 2. Projekt
Podzvizd/Sumatac, 3. Projekt

Unsere Minenräumaktion - wie alles anfing

Alles beginnt mit einer unscheinbaren Zeitungsmeldung, die mein Chef in der FAZ entdeckt. Drei Kinder in Sarajevo von Minen getötet, steht da. Es ist der 10. April 2000.

 

Drei Monate später sitze ich im Flugzeug. Überall in Sarajevo sieht man noch die Einschusslöcher und zerstörte Häuser. Krieg, Belagerung und Leid rücken einem plötzlich ganz nah.

Eine Mitarbeiterin der deutschen Hilfsorganisation „Help“ ist es gelungen, Kontakt zu den Eltern eines der verunglückten Jungen aufzunehmen. Ihr Sohn Haris hat zusammen mit seinen beiden Freunden Goran und Ema auf dem „Fetten Berg“ oberhalb seines Stadtviertels gespielt – bis einer der drei auf eine als Killermine bekannte „Prom“ trat. Der Tod der Freunde erschüttert ganz Sarajevo. Denn die Explosion erinnert die Stadtbewohner daran, dass die Gefahr auch viereinhalb Jahre nach dem Dayton-Friedensabkommens noch nicht gebannt ist. Noch immer liegen im ganzen Land mehr als eine Million Minen verstreut. Sicherheit gibt es nicht.

Trotz Schmerz und Trauer ist Haris' Familie bereit, mit der Journalistin aus Deutschland zu reden. – Damit endlich etwas geschieht. Damit nicht noch mehr Kinder aus dem Leben gerissen werden.

Haris' Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Sie haben in einer leerstehenden Wohnung Unterschlupf gefunden, so lange, bis die Besitzer zurückkehren. Gemeinsam sitzen wir um einen Tisch: Die kleine Schwester Dina umklammert schweigend ein Foto ihres Bruders, das sie an einer Kette um den Hals trägt. Vater Ferid zittert, raucht und wandert auf und ab. Und Haris' Mutter Nadja erzählt, wie sie ihren Sohn noch zurückhalten wollte an jenem 10. April - und bricht in Tränen aus. Meine Übersetzerin und ich weinen mit ihr.

Als ich erfahre, dass das Minenfeld, auf dem die Kinder spielten, noch nicht einmal abgesperrt oder gekennzeichnet war, mischt sich unter die Trauer Wut. Ich will nicht glauben, dass so fahrlässig Leben aufs Spiel gesetzt wird. Doch es stimmt. Nirgendwo weit und breit steht ein Minenwarnschild.

Am nächsten Tag kaufe ich sechs Camping-Gaskartuschen für Haris' Familie. Vor ein paar Tagen hat man ihnen den Gashahn abgedreht, weil sie die Rechnung nicht bezahlen können. Die Familie ist auf sich allein gestellt. Hilflos. Nadja bedankt sich immer wieder für diese kleine Geste.

Zurück in der Redaktion, erzähle ich vom leidvollen Schicksal der Familie und schreibe die Geschichte der drei getöteten Kinder auf, die im Kinderspezial 6/2000 erscheint. Der Gedanke, dass man irgendetwas tun muss, um der Familie zu helfen, lässt uns keine Ruhe mehr. Wir schicken Kaffee, Wintersachen, Schulhefte, Stifte etc., drängen die staatlichen Behörden, die Räumung des Unglücksberges mit aller Kraft voranzutreiben, und initiieren unsere erste Minenräumaktion: Statt einer Prämie kann jeder neue Abonnement dazu beitragen, dass am Fetten Berg sechs Quadratmeter Minen geräumt werden.

 


Nach dem Besuch bei Haris' Familie initiierte das Greenpeace Magazin die erste Minenräumaktion in Bosnien – am Fetten Berg in Sarajevo. GPM 6.00

Gegenüber Help garantiert das Greenpeace Magazin eine Summe von 20.000 Euro. „Damit können wir starten und noch andere Geldgeber suchen“, versichert die deutsche Hilfsorganisation und bereitet ihrerseits alle Anträge und Pläne vor. Tatsächlich rücken im Oktober 2001die ersten Minenräumteams an. Das knapp 80.000 Quadratmeter große Minenfeld am Fetten Berg (Projekt 1) ist seit Ende August 2003 minenfrei.

Vor allem auch dank der Unterstützung der Leser des Greenpeace Magazins, die unsere Erwartungen bei weitem übertreffen: Durch die Abo-Prämienaktion kommen 25.000 Euro für die Entminung des Fetten Berges zusammen. (GPM 5.02)

Ermutigt durch diese gelungene Erstlingsaktion und das Engagement unserer Abonnenten entschließen wir uns, diese Art Aboaktion fortzuführen und weitere Minenfelder in Bosnien räumen zu lassen.

Da Help sich künftig verstärkt den rückkehrenden Flüchtlingen und dem Wiederaufbau von Dörfern verschreibt, treten wir in Kontakt mit den Deutschen Minenräumern (Demira), die in Bosnien über Minenräumteams und –hunde verfügen. Über diesen Verein erreicht uns der Hilferuf einer Schule in Sjenina Rijeka, einem Dorf im serbischen Teil Bosniens. Keinen Steinwurf hinter der Schule liegt ein verminter Hügel. Wieder keine einfache Aufgabe, denn das Terrain ist steil, bewachsen und unübersichtlich. Wie beim Fetten Berg muss der größte Teil der Fläche per Hand, Zentimeter für Zentimeter, abgesucht werden. Dank der 20.000 Euro, die durch neue und verschenkte Abos gesammelt wurden, und einer kräftigen Finanzspritze des Auswärtigen Amtes ist es im Sommer 2007 geschafft: Das 240.000 Quadratmeter große Minenfeld hinter der Schule (Projekt 2) ist – nach viel Schweiß, bergsteigerischen Einlagen und konzentrierter Arbeit der Minenräumer - sauber. So ein ausgelassenes Fest hat das Dorf Sjenina Rijeka lange nicht gesehen! (GPM 4.07)

 

Auch das Minenfeld unweit der Schule in Sjenina Rijeka ist – dank der Leserinnen und Leser des Greenpeace Magazins – geräumt. GPM 6.06

 

Im Herbst desselben Jahres meldet sich erneut eine Schule, die mit einem Minenfeld hinter dem Gebäude leben muss, in dem Sechs- bis Achtjährige unterrichtet werden. Als ich in der kleinen Gemeinde Podzvizd (Projekt 3) mit einer Fotografin auftauche, traut der Rektor seinen Augen nicht. Erst tags zuvor hat er vom staatlichen Mine Action Center erfahren, dass etwas passieren wird. Und schon steht die Presse in seinem Büro. „Wenn der Berg sauber ist, fällt mir ein Stein vom Herzen“, sagt er und verspricht uns alle Hilfe, die wir brauchen. Die besorgen wir uns in bewährter Manier auch wieder im Hause von Frank-Walter Steinmeier. Wir sind wieder an Bord, signalisiert der Referent für Humanitäres Minenräumen, Johannes Dirscherl.

 

Das dritte Minenräumprojekt nahe einer Schule in Podzvizd startet, sobald der Schnee geschmolzen und der Boden aufgetaut ist. GPM 6.07

 

Und so war es auch: Zu Beginn der Sommerferien rückten die Teams der Demira in Podzvizd an und arbeiteten sich Stück für Stück den Berg hinter der Schule hoch. Sie fanden neun Minen und drei Blindgänger.

Zum Abschluss des Projekts besuche ich die Schule Anfang September 2008 noch einmal. Dort überreicht mir Rektor Amir Hadzic eine eigens ausgestellte Urkunde als Dank für unser Engagement. Außerdem hat der Schulleiter für einen großen Bahnhof gesorgt. In seinem kleinen Zimmer erwartet mich der Bürgermeister der nahen Stadt Kladusa, zwei Verteter des zuständigen Mine Action Centers aus Bihac, Radio- und Fernsehreporter – und Mirsad.

Als 17-Jähriger hat dem damaligen Schüler eine Mine beide Beine weggerissen. Bis heute ist der Mann traumatisiert: „Ich bin ein psychisches und physisches Wrack.“ Beim ersten Besuch im Sommer 2007 hatte ich ihm versprochen, mich um neue Prothesen zu kümmern. Denn Mirsad konnte mit den beiden alten, kaputten nur noch unter Schmerzen an Krücken gehen. Als ich ihm sage, dass er schon bald zwei neue Beine bekommen wirde lächelte der zweifache Familienvater zum ersten Mal und verrät, dass er seit einem Jahr Sitzvolleyball spielt. Mirsad hat neuen Lebensmut gefasst. Das ist schön zu sehen. – Die Kosten für Mirsads Prothesen übernehmen im Übrigen das Greenpeace Magazin und Demira.

Anderntags besuchen wir die Orthopädiewerkstatt in Bihac, die uns das Beinmodell für Mirsad zeigt. Während der Orthopädiemechaniker Denis Kovacivic Materialien und Funktionsweise des künstlichen Beins erklärt, lässt er beiläufig fallen dass er als 14-Jähriger auch auf eine Mine getreten sei. Wir müssen ihn ziemlich ungläubig angeschaut haben, denn im nächsten Moment krempelt Denis seine Hose hoch und zeigt uns die Prothese. Sein Minenunfall war einer der Gründe, warum er diesen Beruf ergriffen hat.

Ein paar Straßen weiter treffen wir einen Mann, der übers ganze Gesicht strahlt: Denijal Selimovic, passionierter Fliegenfischer und Minenräumer. Denn er will uns die Una zeigen, seinen geliebten Fluss. Seit Jahren kämpfen Umweltverbände dafür, das Flusstal unter Schutz zu stellen, diesen Mai haben sie es endlich geschafft. Doch Teile des Una-Nationalparks sind noch immer vermint. Lesen Sie mehr über das vierte Minenräumprojekt des Greenpeace Magazins in der Ausgabe 6.08.

 

Unsere Leser schätzen die Minenräumaktion, weil Minen perfide Waffen sind, die noch Jahre nach Kriegsende unschuldige Menschen treffen. Weil sie sich darauf verlassen können, dass das Geld auch wirklich dort ankommt. Und weil wir kontinuierlich am Thema dran bleiben. Versprochen!

Helfen auch Sie mit, in Bosnien Minenfelder zu räumen. Für jedes neue oder verschenkte Abo lassen wir sechs Quadratmeter eines Minenfeldes räumen.

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