16. Februar 2010
Im Mai 2008 stellten die japanischen Greenpeace-Aktivisten Junichi Sato und Toru Suzuki einen Karton mit illegalem Walfleisch sicher. Das Fleisch wird von Crewmitgliedern der Walfangflotte seit Jahren auf Schwarzmärkten verkauft. Die Aktivisten übergaben die Beweise der Staatsanwaltschaft und hofften auf die Aufklärung dieses Verbrechens. Doch statt ein Verfahren gegen die illegalen Machenschaften einzuleiten, zerrte der Staatsanwalt die „Tokyo Two“ vor Gericht. Ihnen droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Greenpeace-magazin.de hatte die Gelegenheit, mit den beiden kurz vor Prozessbeginn zu sprechen.
Junichi und Toru, ihr habt den größten Walfleisch-Skandal der Geschichte Japans aufgedeckt und müsst jetzt mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen. Könnt ihr kurz beschreiben, was damals genau ablief?
Wir bekamen damals von einem Informanten der Walfang-Industrie eine lange Liste mit Informationen über die grausamen und verschwenderischen Methoden, die in dem Walfang-Programm angewendet wurden. Der Informant selbst war ein stolzer Walfänger und entsetzt über die Menge des verschwendeten Walfleischs und die vorherrschende Korruption. Deshalb wandte er sich an Greenpeace Japan. Wir leiteten daraufhin eine viermonatige Ermittlung ein. Diese gipfelte in der Sicherstellung einer Box mit illegal unterschlagenem Walfleisch. Wir wollten zuerst DNA-Proben entnehmen, Fotos vom Fleisch machen und die Box dann wieder zurückbringen. Doch die Beweise waren so eindeutig, dass wir die Box behielten und sie der Staatsanwaltschaft zu weiteren Ermittlungen übergaben. Die Anwaltschaft würde einem solch offensichtlichen Verbrechen nachgehen – dachten wir.
Wir übergaben also die Box und alle gesammelten Beweise der Staatsanwaltschaft, die uns versprach, dem Fall nachzugehen. Doch die Ermittlungen wurden einen Monat später ohne Angabe von Gründen eingestellt und wir noch am selben Tag verhaftet. Über 70 Polizisten durchsuchten unsere und die Wohnungen anderer Greenpeace-Mitarbeiter. Sie beschlagnahmten Computer, Handys und einen Server.
Wir wurden 26 Tage in Untersuchungshaft festgehalten, 23 davon ohne Anklage. An Stühlen gefesselt wurden wir in dieser Zeit insgesamt 200 Stunden ohne Anwälte verhört. Danach wurden wir wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch angeklagt.
Habt ihr in den Tagen vor dem Gerichtsverfahren etwas Besonderes gemacht/getan?
Wir haben uns die meiste Zeit mit dem Fall beschäftigt und an unseren Eröffnungsreden gearbeitet. Gestern haben wir vor dem Gerichtsgebäude in Aomori mit zwei Eisskulpturen der Justitia (römische Göttin der Gerechtigkeit) protestiert. Damit wollten wir gegenüber dem Gericht und den Bewohnern Aomori unserer Hoffnung auf einen schnellen und fairen Prozess Ausdruck verleihen. Wir wollten auch zeigen, dass unsere gelieferten Beweise im Walfleisch-Skandal vom Staatsanwalt buchstäblich „auf Eis“ gelegt wurden. Wirkliche Gerechtigkeit kann in diesem Fall nur durch die Wiederaufnahme der Untersuchung geschehen.
Gab es besondere Unterstützung aus einem Land oder von einer bestimmten Person?
So viele Menschen sind auf die Straße gegangen, um uns zu unterstützen, da gibt es keine besonderen Einzelpersonen. Auf fast jedem Kontinent haben sich Menschen vor den japanischen Botschaften versammelt und uns ihre Solidarität bekundet. Wir können diesen Menschen einfach nicht genug danken. Ihre Stimmen werden hier in Japan gehört, und wir werden dafür ewig dankbar sein.
Was könnte Euch im schlechtesten Fall erwarten?
Zehn Jahre Gefängnis und keine weiteren Ermittlungen im Walfleischskandal.
Wie will Greenpeace das Gericht überzeugen, dass Walfang illegal ist?
Es geht nicht darum, das Gericht von der Illegalität des Walfangs zu überzeugen. Wir möchten der japanischen Bevölkerung die Wahrheit zeigen, damit sie sich ihre eigene Meinung darüber bilden kann. Wir sind zuversichtlich, dass es zu einem Umschwung der Stimmung kommen wird, wenn erst einmal genügend Menschen hier erkannt haben, wie groß der Schaden für das internationale Ansehen Japans, für die Wirtschaft und auch für die Zivilbevölkerung ist, der durch den Walfang verursacht wird. Greenpeace möchte einen fairen Prozess, der die internationalen Menschenrechte respektiert, und eine Wiederaufnahme der Ermittlungen im eigentlichen Walfleischskandal.
INTERVIEW & ÜBERSETZUNG: CHRISTIAN BIEDERSTAEDT
P. S.: Seitdem der Walfleischskandal öffentlich wurde, haben sich über eine Viertelmillion Menschen gegen das Vorgehen der japanischen Regierung ausgesprochen und ein faires Gerichtsverfahren für die "Tokyo Two" gefordert. Hier können Sie Junichi Sato und Toru Suzuki unterstützen.