greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de
greenpeace magazin 1.08

Die flotte Flunder

Uli Sommer

Entwickler, München

 

Eine kleine bayerische Firma entwickelte den Loremo - zusammen mit dem SmILE von Greenpeace beweist er, wie sparsam Autos sein können.

 

Die Halle 4 der Frankfurter Automesse IAA ist traditionell ein Ort für die kleineren Hersteller. Daihatsu, Lada und Kia präsentierten sich hier in diesem Jahr, aber auch der ADAC. Doch am dichtesten umdrängt war ein kleiner Stand in Pastellfarben: „simple. clever. fun“ stand auf der Rückwand. Die Leute guckten neugierig, und dann fragten sie immer wieder: „Was ist das denn?“ Hinter einer niedrigen Absperrung stand ein Auto, hellgrau lackiert, mit vollverglastem Dach, flach wie eine Flunder. Jungs reckten die Hälse, Kameras klickten, Fotohandys wurden gezückt. Der Wagen hat keine Türen, zum Einsteigen wird die Motorhaube samt Windschutzscheibe hochgeklappt. Der Motor sitzt hinter Fahrer- und Beifahrersitz, zwei kleinere Sitze gibt es im Kofferraum – mit Blick aus der Heckscheibe. Das ist der Loremo, der Name steht für „Low Resistance Mobile“, ein Fahrzeug mit geringem Fahrwiderstand. Der Wagen ist flach und extrem leicht. Er wiegt unter 600 Kilogramm, deshalb reicht ein Zwei-Zylinder- Turbodiesel mit 20 PS für Tempo 160. Denn das ist das vielleicht Wichtigste: Der Loremo soll schnell fahren können, Spaß machen, cool aussehen. „Wie ein Sportwagen“, sagt Uli Sommer, der Chefentwickler. Trotzdem soll der Verbrauch unter zwei Liter auf hundert Kilometer liegen, das ergäbe einen unglaublich niedrigen Kohlendioxidausstoß von 50 Gramm pro Kilometer.

 

„Mein Traum“, sagt Sommer, „ist eine Tankstelle in München, wo es ökologisch angebauten Biodiesel aus Oberbayern gibt. Der Liter darf ruhig drei Euro kosten – wenn es obendrauf auch noch guten Kaffee gibt.“ Uli Sommer ist ein Autonarr – und vermutlich ist das die beste Voraussetzung, um ein klimaschonendes Fahrzeug hinzubekommen, das auf dem Markt wirklich Chancen hat. „Seit ich vier Jahre war, fasziniert mich individuelle Mobilität“, sagt Sommer. Sein Vater habe ihn immer im Auto mitgenommen – doch das wurde verkauft, als das Waldsterben die Schlagzeilen beherrschte. Sommer beschäftigte sich mit Fahrrädern, später konstruierte er als Ingenieur unter anderem Kräne, arbeitete in einer Firma, die für große Autokonzerne Einzelteile entwickelte.

 

Jahrelang grübelte er, wie ein sparsames Auto aussehen müsste, und irgendwann kam ihm die Idee einer revolutionären Karosseriestruktur: Drei Längsträger von ganz vorn bis ganz hinten, dazu eine Quer strebe in der Mitte des Wagens. Diese „Linearzellenstruktur“ macht das Auto viel leichter als übliche Karosserien, der Stahlrahmen wiegt nur gut 100 Kilo. Einziges Problem: Seitentüren sind unmöglich, denn die würden ja die Längsträger unterbrechen – deshalb die große Fronttür. „Für den Einstieg muss man sich weniger verrenken als bei anderen Sportwagen“, sagt Sommer. Auch bei Crashtests schneide seine Konstruktion sehr gut ab. „Irgendwann hab ich gemerkt, das wird sogar billiger.“


Weniger als 15.000 Euro soll der Loremo in der Grundversion kosten, wenn er ab 2010 in Serie geht. Die Fabrik wird im Ruhrgebiet entstehen, weil Bayerns Regierung lieber den Transrapid fördert als das innovative Auto. In den Aufsichtsrat haben die Loremo-Gründer erfahrene Manager geholt, darunter den ehemaligen Mercedes-Mann Johann Tomforde. Private Investoren haben bisher mehrere Millionen gegeben, über eine Holding in der Schweiz können in Kürze auch Kleinanleger mit 5000 Euro zu Teilhabern werden. Aus heute 15 Arbeitsplätzen sollen einmal 150 werden. Aber noch sind etliche technische Probleme zu lösen. So ist nicht klar, von welchem Hersteller der Motor kommt. Wegen der strengen Feinstaubregeln überlegt das Team gerade, ob man nicht doch besser auf einen Benzinmotor umsteigen soll. Dann wäre ein Wert von unter zwei Litern kaum noch machbar, ein niedriger Verbrauch aber ist Sommers oberstes Ziel: „Nicht nur wegen des Klimawandels“, wie er betont. „Um Erdöl werden schließlich Kriege geführt.“


Die Entwicklungsabteilung von Loremo sitzt in München, dort summt es wie im Bienenstock. Überall stehen Kunststoffmodelle, ein Designer bringt Skizzen für die endgültige Karosserieform. Sommer trägt Dreitagebart, Jeans und ein dunkles Hemd. Sein Telefon klingelt, ein Jobinteressent: „Sie sind der Chinese, der Maschinenbau studiert hat, richtig? Können Sie bitte eine Mail schicken?“ Mit einem anderen jungen Kollegen hockt er vor einem Computermonitor, sie tüfteln an der Felge. Sie muss – wie alles am Loremo – extrem leicht sein. Auf dem Monitor ist die Felge in 3-D zu sehen, die Software färbt jene Stellen rot, an denen große Spannungen auftreten – im Moment sind die roten Flächen sehr groß. „Ich verstehe das nicht“, murmelt Sommer. Die beiden grübeln, wo sie vielleicht das Rad versteifen müssen, ob ein dickerer Felgenkranz nötig sei. Dann sagt Sommer: „Versuch’s mit Entlastungslöchern!“ Mitten in die roten Flächen werden ein paar Schlitze geschnitten. Der Computer berechnet, was das bewirkt. Und es ist verblüffend: Die raffinierten Löcher wirken wie Versteifungen. Weniger ist mehr – das ist das Loremo-Prinzip. Statt eines CD-Spielers gibt es einen viel kleineren MP3- Player, schmale Reifen sorgen für geringe Rollwiderstände. Warum bauen die großen Konzerne nicht längst solch ein Auto? „Wir können Dinge denken“, sagt Sommer, „die ein Großer nicht darf.“

 

Eine etablierte Marke wolle bei neuen Autos auf Nummer sicher gehen, denn ein Flop würde das Image ramponieren, die Umsätze könnten wegbrechen. Deshalb gab es bei Mercedes riesige Widerstände gegen die Entwicklung des Smart. Volkswagen bewies vor fünf Jahren mit einem Prototyp, dass ein Ein-Liter-Auto möglich ist. Der damalige VWChef Ferdinand Piëch rollte mit dem Zweisitzer von Wolfsburg nach Hamburg – dann wurde das Projekt beerdigt. Angesichts der Klimadebatte hat Nachfolger Martin Winterkorn die Pläne wieder hervorgeholt, bis 2010 soll das Fahrzeug fertig sein. Begeistert ist er nicht, „dieses Auto wird kein Verkaufsschlager“.

 

Mehr Chancen gibt Winterkorn dem Cityflitzer „up!“, den VW auf der IAA vorstellte – doch der wird nicht zwei, sondern eher vier Liter verbrauchen. Dabei bewies Greenpeace schon vor zehn Jahren mit dem SmILE, wie einfach ein Sparauto ohne Komfortverzicht machbar ist. Vom Schweizer Rennmotorenhersteller Wenko ließ man sich einen kleinen Motor mit Hochaufladung entwickeln, baute ihn in einen gewichtsreduzierten Renault Twingo ein – und erreichte immerhin eine Halbierung des Verbrauchs.


Falls Loremo doch noch auf einen Benzinmotor umschwenke, sagt Uli Sommer, werde man das Prinzip des SmILE-Motors übernehmen. Auch für Volkswagen hat er lobende Worte: „Wir freuen uns sehr über deren Mut“, sagt er, und jetzt, wo ein großer Konzern an einem ähnlichen Projekt arbeite, werde auch der Loremo glaubwürdiger. „Das Ein-Liter-Auto ist technisch wirklich perfekt“, sagt Sommer. Nur die Alltagstauglichkeit sei beschränkt, die Kunden würden sicher zögern bei einem Wagen, in dem die beiden Sitze hintereinander angebracht seien. In der Tat wirkt das VW-Konzept eher wie ein vollverkleidetes Liegefahrrad. Ulli Sommer: „Wir machen uns die Mühe, den Loremo wie ein Auto aussehen zu lassen.“


Eine Umfrage auf den Autoseiten von T-Online ging klar für Sommers Auto aus: Von den knapp 6000 Teilnehmern votierten 28 Prozent für den Spar- VW – aber 72 Prozent für den Loremo. Spar-Parade: Der sportliche Loremo, der VW-Cityflitzer „up!“ und der SmILE von Greenpeace, der schon vor zehn Jahren entwickelt wurde.

www.loremo.com

 

Text: Toralf Staud

 

Uli Sommer, 43, 

erklärt auf seiner Website www.energiechance.de seine Lebenphilosophie - und wie durch Spaß an der Effizienz "das Ende der fossilen Energien den Schrecken verlieren."

 

greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de