greenpeace magazin 1.08
Nicole Wilke
Referatsleiterin Klimapolitik, Berlin
Deutschlands oberste Klimadiplomatin wird auf der UN-Konferenz um eine Anschlussregelung für das Kyoto-Protokoll ringen.
Plötzlich war alles vorbei. „Die Sitzung ist geschlossen“, verkündete Tagungspräsident Kivutha Kibwana. Die Uhren zeigten erst halb zehn an jenem Abend im November 2006, als die 2000 Delegierten aus aller Welt über den letzten Punkt der Tagesordnung abgestimmt hatten. Plötzlich fiel die ganze Anspannung von Nicole Wilke ab. Zwölf Tage lang hatte die oberste deutsche Klimadiplomatin sich und ihre Delegation durch die Positionen von 190 Staaten navigiert. Zwölf Tage voller Suche nach Kompromissen, voller Angst vor Gesichtsverlust, voller Zugeständnisse an Industrielobbyisten. Bis zuletzt wusste Wilke nicht, ob die mühsam ausgehandelte Schlusserklärung tragfähig sein würde. Sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet: mit einer jener Endlossitzungen, die unter Diplomaten als „Nacht der langen Messer“ firmieren. Stattdessen ging Nairobi als Gipfel der Pünktlichkeit in die Geschichtsbücher ein. Nur für das Klima hatte er nichts gebracht.
Ein Jahr später packt Nicole Wilke wieder ihre Koffer, diesmal geht es auf die indonesische Insel Bali. Ab 3. Dezember wird sie auf der 13. Weltklimakonferenz erneut die deutsche Delegation führen. „Wir brauchen einen Durchbruch: das Verhandlungsmandat“, sagt die 44-Jährige. Übersetzt man ihre Worte aus dem Diplomatendeutsch, wird klar, wie zäh Wilkes Geschäft ist: Seit Jahren verhandelt die Weltgemeinschaft darüber, ob sie überhaupt mit ernsthaften Verhandlungen zur Rettung des Klimas beginnen soll.
Seit dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro 1992 gibt es die weltweite Klimadiplomatie, längst sind Rituale und Routinen entstanden, ein immer wiederkehrender Zirkus: Zu Beginn eines jeden Jahres beginnen die 190 Staaten der Welt, sich auf Beamtenebene auf eine Tagesordnung für die nächste Konferenz zu verständigen. Festgelegt wird diese jeweils auf einer Frühjahrskonferenz in Bonn, dem Sitz des UN-Klimasekretariats.
Danach haben die Diplomaten bis zum Herbst Zeit, sich mit der Agenda zu befassen. Wer macht wobei mit? Wer sind die Bremserstaaten? Kann Punkt 42 überhaupt angegangen werden, bevor Punkt 53 entschieden ist? So wird die Tagesordnung immer weiter verfeinert, bevor kurz vor Jahresende die eigentliche Weltklimakonferenz beginnt. In der Auftaktversammlung darf jedes Land zu jedem Punkt der Tagesordnung etwas sagen – ein ermüdender Marathon. Mit Yoga versucht sich Nicole Wilke für den Job fit zu halten. Yoga sei ein „universelles Lebensprinzip, das in der Diplomatie sehr hilfreich sein kann“. Zwölf-Stunden-Tage sind für sie eher die Ausnahme, meist arbeitet sie noch länger.
Nach der Auftaktsitzung werden die Themen an Fachausschüsse verwiesen. Gut 30 solcher Verhandlungsgruppen gab es letztes Jahr in Nairobi. Wie berechnet man – wurde dort beispielsweise diskutiert – die Klimawirkung von Wald? „Da tauchen Themen auf“, gibt Nicole Wilke zu, „von denen ich kaum ein Wort verstehe.“ Muss sie auch nicht: Deutschlands Delegationsleiterin wird von einem 15- bis 20-köpfigen Expertenstab begleitet.
Und was, Frau Wilke, ist bei den vielen Vorbereitungstreffen für Bali herausgekommen? Die Oberregierungsrätin strafft ihren Körper wie eine Hürdenläuferin vor dem Startschuss und sagt lächelnd: „Zweierlei: Einmal eine relativ offene Aussprache darüber, wie der bisher noch nicht formelle Prozess – nämlich der Dialog aller Staaten über ihre Beiträge zu einem künftigen Klimaschutzregime – weitergeführt werden kann. Und zweitens gibt es Signale, dass es in Bali möglich sein wird, Größenordnungen von Reduktionsverpflichtungen der Industrieländer im künftigen Klimaregime zu beschließen.“
Journalisten verzweifeln bei solchen Worten. „Ich bin Klimadiplomatin“, sagt Wilke halb entschuldigend. Natürlich könne sie die Sehnsucht der deutschen Öffentlichkeit verstehen, dass alles viel schneller gehen müsse. „Und natürlich setze ich mich dafür ein, dass die Verhandlungen beschleunigt werden. Nur leider kann ich nicht das Tempo der anderen Verhandlungspartner bestimmen.“ Immer wieder beobachte sie bei denen diese Position: „Ist schon dramatisch, was uns die Wissenschaft zur Zukunft des Weltklimas sagt, aber mein Land trifft es ja vielleicht doch nicht ganz so hart.“
Doch in Bali, darin sind sich alle Experten einig, muss „der Durchbruch“ kommen, denn der Klimadiplomatie läuft die Zeit davon. Insgesamt 13 Jahre brauchte die Diplomatie für das Kyoto-Protokoll, jetzt verhandelt sie über eine Anschlussregelung ab 2013 – das sind nur noch fünf Jahre.
Verliert man da nicht manchmal die Hoffnung? „Klimadiplomatie ist das stete Bohren dicker Bretter. Dafür braucht man einen langen Atem“, sagt Nicole Wilke. „Ich verbiete mir zu verzweifeln.“
www.bmu.de/klimaschutz
Nicole Wilke, 44, studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitet seit 2003 im Bundesumweltministerium. Zunächst war sie für erneuerbare Energien zuständig, inzwischen ist sie Referatsleiterin für Klimaschutz.
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