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lügendetektor

16. Juli 2010, 15:54

Dosenindustrie: Die hohe Kunst der Öko-Trickserei

Im Schatten der Fußball-WM hat die Industrie ein Comeback der Getränkedose versucht. Discounter wie Penny oder Netto, Abfüller wie Coca-Cola und die Dosenindustrie wollen diese Verpackungsart, die nach Einführung des Einwegpfands vor bald zehn Jahren in Deutschland ein Nischendasein führte, wieder in den Markt drücken. Heutzutage wird so etwas natürlich mit einer (schein-)ökologischen PR-Kampagne flankiert.

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war im Juni eine Pressemitteilung des Branchenverbandes der Getränkedosenhersteller (BCME) überschrieben.

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hatte der Verband schon im Mai vollmundig behauptet. Den Anlass bot eine Ökobilanz, die sich BCME beim renommierten Heidelberger Ifeu-Institut hat erarbeiten lassen. Aus deren Ergebnissen bastelte die Dosenlobby eine gefällige, bunte Broschüre. Darin ist von „nachhaltigem Umweltschutz“ die Rede und von „Verantwortung“. Dosen seien, so die Behauptung, „in puncto Umweltverträglichkeit heute mit anderen Verpackungsformen auf Augenhöhe“. Dies sei auf höhere Recyclingraten und ein verringertes Gewicht der Dosen zurückzuführen. Nun, erstere ist ein Erfolg des Einwegpfands, gegen das die Industrie jahrelang und trickreich Sturm gelaufen war. Und letzteres ist nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sehr zweifelhaft. Und beschäftigt man sich genauer mit der Ifeu-Studie, zerbröseln die Umwelt-Argumente der Dosenlobby wie durchgerostetes Blech.

 

Neun Grafiken präsentiert die Dosenlobby in ihrer Broschüre, diese steht bei ihr an erster Stelle:

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Die Klimaschädlichkeit verschiedener Bierverpackungen wird darin verglichen. Die beiden dunkelgrünen Balken rechts zeigen die CO2-Bilanz von Alu- und Weißblechdosen; die linken Balken stehen für Glas-Mehrwegflaschen (der erste für eine einmalig verwendete, der zweite für eine fünffach, der dritte für eine zehnfach befüllte Flasche. Experten dürften hier schon stutzig werden, denn die sogenannte „Umlaufzahl“ (kurz: ULZ) von Mehrwegflaschen ist oft viel höher.

 

Und tatsächlich ergibt ein Blick in die vollständige Ifeu-Studie ein deutlich anderes Bild. Doch die Dosenlobby setzt wohl darauf, dass kaum ein Journalist (und schon gar kein Kunde) dieses 200-seitige Werk durcharbeitet. Die Vorlage für die Broschüren-Grafik findet sich dort auf Seite 108 – und sie hat neun Balken, also einen mehr.getraenkedose_oekobil_5

Am rechten Rand stehen auch hier Alu- und Blechdose. Aber für Glas-Mehrwegflaschen finden sich hier vier Balken, nämlich (von links) Nummer 2, 3, 4 und 5.  Der fünfte Balken in dieser Grafik stellt die Klimawirkung von Mehrweg-Bierflaschen dar, die 25-mal wiederbefüllt werden (was das realistischste Szenario sein dürfte). Vergleicht man nun in dieser Grafik den fünften Balken mit dem achten und neunten, steht die Alu-Dose plötzlich gar nicht mehr besser da – und die Weißblechdose sogar rund vierzig Prozent schlechter als die Pfandflasche. Bei der Vereinfachung der Studienergebnisse für die bunte Boschüre ist also  just jener Wert weggefallen, der die Mehrwegflasche am besten dastehen lässt. Welch ein Zufall...

 

Wollen Sie noch tiefer eintauchen in die hohe Kunst der Trickserei mit wissenschaftlichen Studien? Dann lesen Sie weiter. (Aber Vorsicht, es wird kompliziert.)

 

An der Ifeu-Studie lässt sich nämlich mustergültig besichtigen, wie ein Auftraggeber von seriösen Experten ein wunschgemäßes Ergebnis bekommen kann – und wie sich Wissenschaftler dagegen zu wehren versuchen. Die Ergebnisse von Ökobilanzen hängen nämlich ganz wesentlich von den zugrundeliegenden Annahmen ab, das ist bei dieser Studie über Bierverpackungen nicht anders. Penibel hat das Ifeu in der Untersuchung alle Annahmen erläutert (weshalb externe Gutachter ihr auch eine „hohe Transparenz und Nachvollziehbarkeit“ bescheinigen – siehe S. 196 der Studie). So wurden etwa verschieden weite Lieferwege der Biere durchgerechnet (alle hier gezeigten Grafiken beziehen sich auf eine Entfernung von 400 km zwischen Brauerei und Verbraucher, was übrigens relativ hoch ist und schwere Glasflaschen eher benachteiligt).

 

Den größten Einfluss auf das Ergebnis aber hatten die sogenannten „Allokationsregeln“ (siehe S. 13 ff.), also die Art, wie etwa der Energieverbrauch zur Herstellung von Werkstoffen auf Vor- und Nachprodukte aufgeteilt wird. Bei der Betrachtung von Dosen ist die Frage besonders heikel, weil beispielsweise die Produktion von Roh-Aluminium erheblich umweltschädlicher ist als die Verwendung von recyceltem Aluminium. Üblich in der Wissenschaft ist, die ökologischen Vorteile von Recycling-Material zu gleichen Teilen aufzusplitten zwischen dem recycelten Produkt einerseits und andererseits dem Produkt, das später aus dem recyelten Material hergestellt wird. „50:50-Allokation“ wird dies von Experten genannt.

 

Für eine Studie aber, die Getränkedosen möglichst positiv erscheinen lassen soll, müsste man den Umweltvorteil durchs spätere Recycling weggeworfener Dosen vollständig auf diese gutschreiben (statt nur zur Hälfte). Diese Methode wird „100:0-Allokation“ genannt. Und raten Sie mal, welche Variante die Dosenindustrie dem Ifeu-Institut vorgeschrieben hat? Genau, die 100:0-Allokation! Offenbar haben die Wissenschaftler dies nur mit Bauchschmerzen akzeptiert – und bestanden darauf, beide Methoden durchzurechnen und in ihrer Arbeit darzustellen (denn das Ifeu hat in der Fachöffentlichkeit einen Ruf zu verlieren). Und auf Seite 88 ihrer Studie haben sie in einer weiteren Balkengrafik sogar noch dargestellt, welch unterschiedliche Ergebnisse die beiden Methoden erbringen:

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Grau dargestellt ist hier das Ergebnis der 100:0-Allokation, wie sie die Industrie favorisiert (und wie es sich weiter oben in unserem Text, in der zweiten Balkengrafik wiederfindet). Die blauen Balken hingegen zeigen, was bei der 50:50-Methode herauskommt, die bei Ökobilanzen etwa des Umweltbundesamtes Standard ist. Für Mehrwegflaschen (zweiter Balken von links) sind die Differenzen marginal. Bei Alu-Dosen hingegen ergibt sich eine doppelt so hohe Klimaschädlichkeit, bei Weißblechdosen eine um rund 20 Prozent höhere.

 

Fassen wir zusammen: Geht man von realistischen Annahmen für die Wiedernutzung von Mehrwegflaschen aus und wählt man die weithin anerkannte Methodik für Ökobilanzen, dann sind Bierdosen (egal ob aus Alu oder aus Weißblech) etwa doppelt so klimaschädlich wie Glas-Pfandflaschen. Was aber hatte nochmal die Dosenlobby über ihre Pressemitteilung zur Studie geschrieben?

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Toll, oder? Offenbar waren die Ifeu-Experten so erbost über den Umgang mit ihrer Studie, dass sie eine eigene, fünfseitige Kurzfassung der Studie und später sogar eine regelrechte Gegendarstellung zu den Äußerungen der Dosenlobby veröffentlichten. Ihr Fazit – und eine erfrischend verständliche Empfehlung an die Verbraucher – lautet: Wer die Umwelt schonen will, sollte Bier aus einer regionalen Brauerei trinken, das in Standard-Pfandflaschen aus Glas abgefüllt ist.

 

Na dann, Prost!




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