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greenpeace magazin 2.08
Im krisengeschüttelten Kenia ernährt die Blumenindustrie mehr als eine halbe Million Menschen. Der größte Teil der blühenden Ware stammt aus der Region um den Naivasha-See. Doch der verwandelt sich durch die Abwässer aus den Plantagen in eine Kloake. Nun herrscht Streit zwischen den Blumenzüchtern und den Massai, die dort ihr Vieh tränken.
Moses Mwaka Njoshora ist verbittert. 84 Ziegen und Schafe habe er im letzten Jahr verloren, klagt der 44-Jährige, aber nicht an Viehdiebe. Die Tiere seien gestorben, weil sie mit Chemikalien belastetes Abwasser getrunken hätten, das die Blumenfarmen angeblich ungeklärt in den Naivasha-See fließen lassen.
Um ihre Tiere am See zu tränken, müssen Njoshora und die anderen Viehzüchter und Wanderhirten aus dem Volk der Massai lange Strecken zurücklegen. Denn viele der traditionellen Wege existieren nicht mehr; sie sind nun Teil der sich ausbreitenden privaten Viehfarmen oder gehören zu den Blumenplantagen. Unterwegs fressen die Tiere das Gras, das am Rand der Straßen und Pfade wächst, die an diese Farmen grenzen. Der gewundene Weg führt zu einem Graben, in den laut Njoshora die Abwässer der Plantations Plants Kenya Ltd. fließen, einer der Blumenfarmen nahe des Naivasha-Sees. „Ein paar der durstigen Tiere trinken gewöhnlich das mit Pestiziden belastete Wasser“, sagt Njoshora und fügt hinzu, dies habe seiner Meinung nach zu ihrem Tod geführt.
Doch William Momanyi, Produktionschef der Firma, weist Njoshoras Anschuldigung scharf zurück. „Er ist nicht der Einzige, der in der Nähe unserer Farm Tiere hält“, so Momanyi. „Ich habe ihn auf dem Firmengelände herumgeführt und ihm erklärt, dass der Graben Regen- und kein Abwasser in den See leitet. Ich habe ihm auch gesagt, dass er Proben aus den Eingeweiden der toten Tiere nehmen soll, damit Veterinäre untersuchen können, woran sie gestorben sind.“
Nun steht Aussage gegen Aussage. Njoshora schwört, er werde Gerechtigkeit suchen, doch ob das Gesetz ihm helfen wird, ist fraglich. Kenias überlastete Gerichte neigen dazu, Fälle zu verschleppen und Njoshoras Vorstoß, die Sache den zuständigen Behörden und der Polizei zu übergeben, schlug fehl. Die Amtsträger haben die Tierkadaver einfach verbrannt. Njoshora wertet diese Aktion als erfolgreichen Versuch, Beweismittel zu vernichten und seine Erfolgsaussichten zu schmälern. „Deshalb habe ich mich entschlossen, nicht nur ein weiteres Sterben meiner Ziegen zu verhindern, sondern auch mit Momanyi zu reden, damit Plantations Plants mich entschädigt“, sagt der Viehzüchter. Wie bei den meisten Mitgliedern der Massai-Gemeinschaft ist auch auf Njoshoras Gehöft der Pferch für die Schafe und Ziegen der markanteste Bau. Er liegt in der Mitte seines Anwesens, damit die Tiere so gut wie möglich vor Raubtieren und Viehdieben geschützt sind. Um den Pferch herum gruppieren sich seine eigene Hütte, in der er mit acht weiteren Familienmitgliedern lebt, sowie die Hütten seiner Brüder und Schwestern, von denen die meisten eigene Familien haben.
„Das Vieh bedeutet mir alles“, sagt Njoshora. Mit dem Geld, das ihm der Verkauf einiger Tiere auf dem örtlichen Viehmarkt einbringt, könne er Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs kaufen sowie die Schulgebühren für seine Kinder zahlen. „Was soll ich tun, wenn ich all meine Tiere verliere?“, fragt er traurig.
Es ist ohnehin schwer genug für ihn und sein Volk, denn seit die britischen Kolonialherren den Massai vor mehr als 100 Jahren mit einem umstrittenen Vertrag das Land abnahmen und es verkauften, gehören viele Wege Blumenfarmen und Reiseveranstaltern. Heute sind nur noch vier der 16 Wege zugänglich, die traditionell genutzt wurden, um die Tiere zum See zu treiben. Die verbleibenden sind kaum breiter als Fußpfade und in jämmerlichem Zustand, weil täglich Hunderte Rinder, Schafe und Ziegen darüber getrieben werden.
Wer die enorme Ausdehnung der Treibhäuser um den See sieht, ahnt, wie ökonomisch bedeutsam die Blumenindustrie in der rund 100 Kilometer von Kenias Hauptstadt Nairobi gelegenen Region ist. Hier gibt es rund 60 Blumenfarmen, die 70 Prozent zur Blumenproduktion des Landes beitragen. Kenia gehört zu den wichtigsten Lieferanten von Blumen, Pflanzen und Setzlingen für Europa und war das erste Land in Ostafrika, in dem sich die Blumenzucht erfolgreich entwickelt hat. Inzwischen leben rund 500.000 Menschen davon. Als zweitgrößter Devisenbringer spülen die Blumen – vor allem der berühmteste Exportartikel, die Rosen – jedes Jahr mehr als 136 Millionen Euro nach Kenia.
Seit in Naivasha vor 20 Jahren die Blumenzucht begann, hat das Städtchen sich über die buckligen Hügel rund um den See ausgebreitet. Die Einwohnerzahl der Stadt selbst – ein altmodisches, staubiges ländliches Zentrum – stieg von einigen Tausend vor zehn Jahren auf inzwischen mehr als 50.000. Die Regierung und die Stadtverwaltung von Naivasha scheinen für das kolossale Wachstum kaum gerüstet, denn sowohl in der Stadt als auch in den Arbeitersiedlungen Karagita und Kamere herrschen Chaos und Umweltverschmutzung. Die engen Gassen, in denen sich stinkende Müllhaufen türmen, dienen teilweise als offene Abwässerkanäle. Die eklige Brühe landet direkt im See, weil die einzige Kläranlage der Stadt gerade saniert wird. Hinzu kommen die giftigen Hinterlassenschaften der Blumenfarmen, die Njoshora noch mehr Sorgen bereiten. „Ich will, dass diese Leute die Abwässer ihrer Farmen ordnungsgemäß entsorgen“, fordert er. Einige Blumenfarmen haben Njoshoras Umweltbedenken beherzigt. So lässt die Firma Oserian belastete Abwässer durch eine Reihe von Feuchtbiotopen fließen, wodurch sie wieder in Wasser verwandelt werden, in dem sich sogar Fische züchten lassen. Gemeinsam mit der Firma Homegrown experimentiert Oserian auch mit biologischer Schädlingsbekämpfung und züchtet Nützlinge, die die Übeltäter vertilgen – was Pestizideinsätze teilweise überflüssig macht. Außerdem wird sparsamer bewässert: Die Firma entnehme inzwischen 40 Prozent weniger Wasser aus dem See, berichtet Carol Andrews, die bei Oserian für Umweltmanagement verantwortlich ist. Das tut auch bitter not, denn der Wasserstand des Sees sinkt bereits dramatisch.
Weil Oserian auch die Arbeitsbedingungen verbessert hat, erhielt das Unternehmen ein internationales Gütezeichen von „Fair Trade“ und ein Zertifikat des Kenya Flower Council (KFC), der Dachorganisation der Blumenzüchter. Allerdings werden etliche Mitgliedsfirmen des KFC von kenianischen Politikern oder der Wirtschaftselite geleitet, die sich viele Jahre nicht um Umwelt- und Sozialauflagen scherten und gegen Kritik immun waren. Das ändert sich langsam, seit Umwelt- und Menschenrechtsverbände Misstände anprangern und sich ein internationales Interesse entzündet hat. Die Bereitschaft der Blumenfirmen, eine saubere und sozialverträgliche Produktion anzustreben, wächst. Dennoch hegen viele Kenianer und auch die nationale Umweltbehörde NEMA den Verdacht, dass die Blumenfarmen nicht in die Tat umsetzen, was sie auf dem Papier versprochen haben.
„Es wäre gut, wenn die Blumenindustrie beweisen würde, dass sie sich an die Regeln hält“, sagt NEMA-Chef Muusya Mwinzi. Die 1999 gegründete Behörde hat ein Regelwerk vorgelegt, das den Blumenproduzenten strenge Umweltschutzauflagen macht. Doch die Industrie torpediert die Vorschriften. „Diese Regeln sind nicht praxistauglich“, behauptet Jane Ngige, Geschäftsführerin des KFC. Das liege daran, dass man sie nicht zu Rate gezogen habe.
Mwinzi will davon nichts hören: „Diese Leute sind es einfach gewohnt, alles so zu machen, wie es ihnen passt. Aber wir sagen ihnen jetzt: Diese Zeit ist vorbei.“ Markige Worte, doch Mwinzi und seine Kollegen befinden sich in einem Dilemma. Die Blumenindustrie lege „goldene Eier“ für Kenia, sagt er. „Es ist ein schwieriger Balanceakt zwischen Umweltschutz und Entwicklung. Einerseits erkennt die Regierung die wichtige Rolle der Blumenzucht in der Wirtschaft des Landes an. Andererseits weiß die NEMA, welches Ausmaß die Verschmutzung des Sees durch den Blumenanbau hat.“
Und die NEMA hat noch ein Problem: Weil der Behörde Geld und Personal fehlen, sind die Inspekteure nahezu arbeitsunfähig. Für das ganze Gebiet um den Naivasha-See, eine Gegend, in der schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen leben, steht nur ein einziger Umweltinspektor zur Verfügung. „Leider fehlt der politische Wille, uns mehr Schlagkraft zu verleihen“, klagt Mwinzi. Zwar gebe es auch noch die Wasserbehörde, die Fischereiabteilung und die Naturschutzbehörde, aber man ziehe nicht am gleichen Strang.
Und so fehlen der NEMA auch Beweise, dass chemische Rückstände aus den Blumenfarmen in den See gelangen. Maarten Brussee, Geschäftsführer der Mayflower Ltd., die Blumen nach ganz Europa verkauft, bestätigt, dass die NEMA-Inspektoren nur einmal im Jahr kommen. Seine Firma verhalte sich aber ohnehin vorbildlich, betont er – zumindest seit bekannt ist, dass der See auszutrocknen droht. „Wir recyceln viel von den 80.000 Kubikmetern Wasser, die wir jährlich verbrauchen.“ Pestizide werden trotzdem eingesetzt – wenn auch vorsichtiger als früher.
Der Naivasha-See ist inzwischen zum Schutzgebiet erklärt worden. Das einzigartige, 150 Quadratkilometer große Gewässer wird vom Malewa-Fluss kontinuierlich mit frischem Wasser versorgt. Es beherbergt einen riesigen Artenreichtum, neben Fischen und zahlreichen Pflanzen kommen dort 495 Vogel- und 55 Säugetierarten vor – auch Flusspferde. Die Papyrus-Biotope am Ufer des Sees und umliegende Akazienwälder sorgten früher für seine natürliche Reinigung, indem sie Schadstoffe aus dem Wasser filtern. Doch inzwischen ist die Überdüngung des Sees deutlich sichtbar, denn die berüchtigte Wasserhyazinthe breitet sich immer stärker aus. Dieses Unkraut, das das Leben im See erstickt, wurde vermutlich während der Kolonialzeit nach Kenia eingeschleppt. Zwar wuchert die Hyazinthe noch nicht so schlimm wie im Victoriasee, aber Umweltschützer beobachten die Entwicklung mit Sorge und halten die Blumenfarmen für die Ursache.
Doch die Firmen weisen die Verantwortung weit von sich. „In den See fließt eine Menge sedimenthaltiges Wasser aus dem Malewa-Fluss“, sagt Sunita Sarkar, Geschäftsführerin des Anbauverbandes Lake Naivasha Growers Group (LNGG). Sarkar schließt ein Fehlverhalten von Mitgliedern der LNGG aus. In ihren Augen ist Naivasha stets ein „nährstoffreicher See“ gewesen, und wer zu den Ursachen des Problems mit den Hyazinthen vordringen will, der muss ihrer Ansicht nach gründlicher forschen.
Und so hängt die Zukunft von Viehzüchtern, Kleinbauern und Blumenzüchtern zwar gleichermaßen vom Wohlergehen des Sees ab, aber jeder schiebt dem anderen die Schuld an seinem schlechten Zustand zu. Die Blumenfirmen allerdings leisten sich teure Unterstützung, um ihr Image aufzubessern, und haben einen Ableger von Ogilvy & Mather angeheuert, einer der größten PR-Firmen der Welt. „Dabei ist bekannt, dass die Blumenzucht der Umwelt und vor allem Vogel- und anderen Tierarten schadet“, sagt Daniel Maingi vom Africa Network for Animal Welfare, einer Tierschutzorganisation. Er erinnert an ein großes Fischsterben im Naivasha-See; auch Vögel, die sich von den Fischen ernährten, starben in Massen.
Doch es gibt Hoffnung. Vertreter von rund 70 Interessengruppen, darunter Blumenfirmen, Bauern, Viehzüchter und Fischer, trafen sich unlängst in einem offenen Forum, um zu diskutieren, wie sich die Zukunft des See sichern ließe. Das Ergebnis ist ein ehr-gei-zi-ger Schutzplan, der mittlerweile den offiziellen Segen der NEMA hat. Die Umsetzung geriet zwischenzeitlich ins Stocken, weil Großgrundbesitzer und Blumenzüchter zwar den See schonen wollten, sich aber zugleich weigerten, den örtlichen Gemeinschaften und insbesondere den Massai-Hirten und Fischern einen besseren Zugang zum See zu gewähren, damit diese ihre Tiere tränken oder fischen können. Aber trotz des Hin und Hers ist eines klar: Der Plan ist derzeit die einzige nennenswerte Initiative, die den gefährdeten See retten könnte.
Text: John Mbaria
Fotos: Florian Jaenicke
Unser Autor John Mbaria arbeitet in Kenia als Umweltkorrespondent. Meist schreibt er für den "East African" eine in ganz Ostafrika erscheinende Wochenzeitung.
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