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greenpeace magazin 2.08

Singen, wo niemand mehr singt

Die deutsche Sängerin, Chorleiterin und Musikpädagogin Marion Haak unterrichtet Kinder in Palästina.

Dass die kleine Razzan auf einer Veranda inmitten ihres Dorfes sitzt und singt, ist ein Wunder. Am Wunder nehmen zehn weitere Mädchen teil, nur eines von ihnen trägt Kopftuch, sie sitzen im Kreis eng beieinander und schmettern furchtbar falsche Töne in die milde Herbstluft. Die Bewohner des palästinensischen Dorfs Beit Rima, unweit von Ramallah, tun so, als sei das ganz normal. Sie ignorieren den Gesang der Mädchen. Ein Motorrad und ein Traktor knattern am Jugendzentrum vorbei, ein Esel stöhnt unter seiner Last, ein Ball kommt herangeflogen und bleibt sekundenlang in den Baumästen hängen, doch ein Junge ist nicht zu sehen. Pünktlich zur vollen Stunde schaltet der Muezzin die Lautsprecheranlage auf seinem Minarett ein und mahnt mit monotonem Betgesang die Einhaltung der Fastenregeln an. Es ist Ramadan – und die deutsche Lehrerin Marion Haak versucht, den Mädchen das Singen beizubringen.


Razzan erhebt ihre Stimme mit Inbrunst und mit strahlenden Augen, automatisch ahmen ihre Hände Marions Gestik nach. Das Mädchen aus dem Westjordanland hat noch nie jemanden dirigieren sehen, diese eigenartigen Bewegungen gehören für sie einfach dazu, ohne sie wird Razzan womöglich den richtigen Ton nie treffen und ihre Stimme nie so wunderbar klingen wie die der jungen Deutsche, die zwar arabisch spricht, aber doch so anders aussieht als die Frauen im Dorf. Die zehnjährige Schönheit blüht beim Singen auf. Sie muss ihr Haar noch nicht verbergen, trägt es in langen, schweren Zöpfen. Mit aufgerissenen Augen staunt sie Marion an und schafft es kaum, ihr beim Vorsingen zuzuhören: Sie mag nicht warten, sie will doch auch singen und zwar jetzt, sofort. Nur einmal die Woche hat sie eine Stunde lang Gelegenheit dazu.


Es ist nicht übertrieben, von einem Wunder zu reden, wenn in vier palästinensischen Dörfern im Westjordanland, in Ramallah selbst und im berüchtigten Balata-Flüchtlingscamp von Nablus, Mädchen und Jungen Chorunterricht erhalten – in einigen Fällen sogar gemischt. Die 30-jährige Marion Haak aus dem südhessischen Birkenau hat das Wunder ermöglicht; mit der israelisch-palästinensischen Barenboim-Said-Stiftung im Hintergrund. Diese treibt auf verschiedenen Wegen die Wiederbelebung der Musikkultur in Palästina voran, mit dem ehrgeizigen Ziel der Versöhnung und der Völkerverständigung. Ein Orchester wurde gegründet, Musikkindergärten in Berlin, Ramallah und Sevilla eröffnet und renommierte Musiker ins Westjordanland geschickt, die dort als Künstler und Lehrer wirken. Marion Haak ist die erste und einzige Sängerin, Chorleiterin und Musikpädagogin der Stiftung. Sie unterrichtet in einem Gebiet, in dem eine strenge Auslegung des Korans den Frauen und Mädchen das Singen in der Öffentlichkeit verbietet; zumindest dann, wenn die Gefahr besteht, die weiblichen Klänge könnten ein männliches Ohr erreichen.


Die Überlieferung von Musik und Gesang ist in den palästinensischen Dörfern mehr oder minder zum Erliegen gekommen. Es gibt keine Instrumente, keine Chöre, keine Sänger, keinen Musikunterricht an den öffentlichen Schulen. Im Westjordanland leben die Menschen seit Jahren zunehmend isoliert und eingekesselt, in einer Art Dauerkriegszustand und Belagerung, mit wenig Hoffnung auf Besserung. Schießereien sind an der Tagesordnung, militärische Interventionen ebenfalls, aus fast jeder Familie sitzt ein Mitglied in einem israelischen Gefängnis oder ist gewaltsam umgekommen, es gibt immer mehr Checkpoints, Mauern und Stacheldrahtzäune, immer weniger Bewegungsfreiheit. Nur schon das eigene Dorf zu verlassen ist ein Risiko und zeitraubend, die Grenzen des sogenannten Autonomiegebiets zu überschreiten für viele Palästinenser schier unmöglich geworden.


Im Dorf Deir El Sudan, wo Marion dienstags unterrichtet, lehrt sie ein arabisches Kinderlied: „Kleines Haus, großes Fenster, ein Vogel fliegt daran vorbei. Ich lege ihm Zucker, einen Apfel und Mandeln vors Fenster. Wenn ich einen Vogel hätte, ich würde mich auf seine Flügel setzen, mit ihm über Berg und Tal, über mein Land fliegen.“ In dem Dorf mit 2300 Bewohnern, verfeindeten Familien-Clans und militanten Fatah-Anhängern sitzt sie der Mutter von Bajan gegenüber. Bajan ist dreizehn, trägt bereits das Kopftuch und wartet vor dem Gästezimmer ihrer Eltern darauf, hineingerufen zu werden. Die Musiklehrerin hat um Audienz gebeten, zusammen mit ihren Begleitern aus dem Westen, sie wollen sich nach der Stimmung im Dorf, nach dem Befinden in der Familie erkundigen: Wird es nach wie vor gutgeheißen, wenn Mädchen und Jungen gemeinsam singen? Sind die Lieder genehm, dürfen es auch ausländische sein? Trägt Bajan ihrer Mutter vor, was sie in der Stunde gelernt hat?


Bajans Mutter Chadiga hat die Gäste zusammen mit ihrem Bruder Faisal und einem erwachsenen Sohn empfangen. Alleine dürfte sie die Delegation, zu der auch fremde Männer gehören, nicht ins Haus lassen, das wäre für Chadiga höchst unschicklich, rufschädigend für die ganze Familie. Und wie es die Sitten verlangen, bleibt die Tochter vorerst draußen, bis die Gäste endlich merken, dass der Hauptgrund ihres Besuches im Raume gar nicht anwesend ist. Bajan hat sich für das Treffen sorgfältig zurecht gemacht: mit einem elegant umgebundenen Kopftuch, das die Zartheit ihres mädchenhaften, ungeschminkten Gesichts betont, einem durchgeknöpften, knöchellangen Mantelkleid und einer langen Kette darüber. Schön wie eine orientalische Prinzessin sieht sie aus, und als sie endlich hereingebeten wird, verzieht sie sich schüchtern und anmutig in eine Sofaecke, in die Nähe der Mutter. Sie spricht nur, wenn man sie dazu auffordert, und sie sagt: Die arabischen Lieder gefielen ihr besonders gut, und sie würde gerne noch Geige lernen. Doch dazu müsste sie nach Ramallah fahren, in die Musikschule der Barenboim-Said-Stiftung, eine knappe Stunde vom Dorf entfernt, und das ist fast unmöglich. Die meisten Mädchen dürfen schon nicht mehr in die Gesangsstunde gehen, wenn sie 15 oder 16 Jahre alt werden, die Jungen schon. Faisal spricht offen zu den Gästen seiner Schwester und schlägt in aller Freundlichkeit vor: „Konzentriert euch auf die Jungen.“


Marion Haak denkt nicht daran, die Mädchen aufzugeben. Sie könnte es sich einfach machen und nur noch in Ramallah unterrichten, dem Regierungssitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wo ein liberalerer Wind weht als in den Dörfern und wo es eine kunstinteressierte Mittelschicht gibt. Doch die Chorleiterin hat zu viele strahlende Kinderaugen gesehen, in Beit Rima, Deir El Sudan, Mezarah al Noubani oder in Kobar. Sie will die Mädchen in den Dörfern nicht fallen lassen, nimmt dafür Reisestrapazen und sämtliche Gefahren einer militärisch belagerten Zone auf sich. Es geht um ein paar Stunden des Glücks, des Vergessens, für ein paar Dutzend Mädchen und Jungen, die einer unbeschwerten Kindheit beraubt worden sind; um etwas, das sie vielleicht mit ins Erwachsenenalter retten können: Und sei es nur, indem sie später einmal ihren eigenen Kindern vorsingen.


Die couragierte Musikpädagogin aus Birkenau ist mit Musik groß geworden. Mit sieben hat Marion Blockflöte gespielt, mit acht ging es in einen Chor, mit neun lernte sie Klavier, mit vierzehn kam das Cello dazu. Cello, Klavier und Singen übte sie jahrelang parallel, bis das Studium nahte und eine Entscheidung anstand. Da setzte sie voll auf die Stimme, bewarb sich hartnäckig um einen Studienplatz, erntete zunächst Absage um Absage und konnte schließlich doch zwischen drei Universitäten wählen. Marion Haak entschied sich für Berlin, leitete dort die ersten Chöre. Hier traf sie auf den palästinensischen Geiger Ramzi Aburedwan aus Ramallah. Der hatte Berühmtheit erlangt, weil er 1987 auf einem weltweit veröffentlichten Pressefoto als steinewerfendes Intifada-Kind zu sehen war. Es war die Zeit des ersten palästinensischen Aufstands, und der magere, kleine Ramzi wuchs im Flüchtlingslager von Al-Amari auf. Heute ist er Leiter der Musikschule Al Kamandjati in Ramallah, und er war es, der Marion als Sängerin, Chorleiterin und Musikpädagogin nach Palästina holte. Das war im Mai 2006.


Inzwischen wird die junge Deutsche auf den Straßen von Ramallah links und rechts von den Händlern gegrüßt und nach ihrem Wohlergehen gefragt. Marion Haak erlaubt es sich, in Jeans und T-Shirt zu arbeiten, mit offenen, unbedeckten Haaren: „Die müssen akzeptieren, dass ich woanders herkomme und einer anderen Religion angehöre.“ Ohne ihre Arabischkenntnisse wäre die Arbeit in den Dörfern unmöglich. Seit Neuestem fährt Marion sonntags nach Nablus. Sie unterrichtet im Balata-Flüchtlingscamp, von dem es heißt, dass es besonders viele Selbstmordattentäter hervorbringt. Doch auch hier, inmitten größter Armut, Enge und Hoffnungslosigkeit, gibt es palästinensische Gruppen, die der Jugend Perspektiven aufzeigen wollen. Das Yafa-Kulturzentrum, am Rande des Camps und gleich neben dessen Schule gelegen, hat Marion gebeten, Gesangsunterricht zu erteilen. Sie hat sich das Camp zeigen lassen, die Räume, in denen sie wirken soll, Sicherheitsfragen und Gruppengrößen geklärt und eine Woche später mit den Chorstunden begonnen. Der Andrang war groß, viele Kinder mussten abgewiesen werden. Und schon ist die Rede von einem ersten Konzert, im Camp – um ein Zeichen zu setzen.

 

Text: Britgitte Hürlimann

Fotos: Peter Dammann

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