Der Holzfällerboss aus China lässt seinen Blick über einen dicht bewaldeten Berg gleiten. In Myanmar (Burma), nahe der Grenze beider Länder, hat er einen Teakwald ins Visier genommen, eines der letzten natürlichen Vorkommen der Erde. Er übergibt einen Reissack an zwei burmesische Kontaktmänner mit Verbindungen ins Grenzgebiet. Im Interview erklären die beiden, er sei prall mit chinesischer Währung gefüllt, umgerechnet 5500 Euro. Damit bestechen sie jeden, der sich dem Teakholzhandel in den Weg stellen könnte.
Rund 4000 Kilometer weiter nordöstlich schlagen sich chinesische und russische Trupps in die jungfräulichen Wälder des östlichen Sibiriens und fällen 250 Jahre alte Koreakiefern. Auch auf den Hochebenen Papua-Neuguineas und in Indonesien, in Afrika und in den Regenwäldern Amazoniens sind Holzfäller am Werk, um den enormen Rohstoffhunger der globalen holzverarbeitenden Industrie zu befriedigen. Deren Zentrum befindet sich heute an der chinesischen Küste. Dort verarbeiten unzählige Fabriken Berge von Stämmen, großenteils illegal in geschützten Wäldern abgeholzt, zu Möbeln oder Dielenbrettern. Diese werden anschließend zu großen Handelsketten verschifft, darunter Ikea oder die großen US-Baumärkte Home Depot und Lowe‘s.
Neben der gestiegenen Nachfrage hat der unersättliche Appetit auf ausländisches Holz noch einen weiteren Grund: In China läuft eine groß angelegte Kampagne zum Schutz der eigenen Wälder. Als im Jahr 1998 der Jangtse über die Ufer trat, kamen in den Fluten 3600 Menschen ums Leben. Die Regierung geriet wegen ihrer Forstpolitik in die Kritik – und erließ umgehend Abholzungsverbote, insbesondere in der Provinz Yunnan an der Grenze zu Myanmar. Gerodet werden darf nur noch, wenn es einen Wiederaufforstungplan gibt. Außerdem unternahm China enorme Anstrengungen zur Wiederbegrünung ehemals bewaldeter Flächen, wodurch das Waldgebiet zwischen 2000 und 2005 um eine Fläche halb so groß wie Deutschland wuchs.
Im gleichen Zeitraum aber stieg die Zahl der Holzwerke im Land stark an. Im Jahr 2005 exportierte China laut Zollstatistiken Möbel im Wert von sechs Milliarden Euro, achtmal mehr als 1998. Inklusive Produkten wie Sperrholz und Parkett betrug der Wert der Exportware sogar zwölf Milliarden Euro. All dieses Holz muss irgendwo herkommen. Seit China die Abholzung im eigenen Land streng reguliert, entwickelte es sich zu einem der größten Tropenholzimporteure. Binnen eines Jahrzehnts schwoll die Holzeinfuhr auf nahezu das Neunfache an, im Jahr 2006 betrug ihr Wert laut Chinas nationaler Forstverwaltung 3,8 Milliarden Euro. Und in den nächsten zehn Jahren werden sich Chinas Rohholimporte sowie die Exporte von Holzprodukten noch einmal verdoppeln, prognostiziert die Organisation „Forest Trends“.
Die Erfolge von Chinas Aufforstungsprogramm werden also durch damit einhergehende Schäden in den Tropen zunichte gemacht, sagt Mette Wilkie von der Welternährungs- und Agrarorganisation FAO. Während China vorwiegend Baumplantagen anlegt, in denen die Artenvielfalt gering ist, verschwinden in Myanmar, Russland, Indonesien und Papua-Neuguinea Lebensräume für Pflanzen und Tiere, die nirgendwo sonst vorkommen.
Auf den Schotterwegen in den rauen Bergen des südwestlichen Chinas sind Autos unterwegs, die mehr wert sind, als die meisten Dorfbewohner hier im ganzen Leben verdienen. Sie zeugen von den Profiten, die die Holzhändler aus dem Nachbarland pressen. Die chinesischen Geschäftsleute kooperieren dabei mit einem der repressivsten Regime der Welt.
Myanmars Militärdiktatur plündert schon seit mehr als 40 Jahren die natürlichen Ressourcen des Landes. Im Nordosten, an der Grenze zu China, hatte sich lange Zeit die Volksgruppe der Kachin mit einem Guerillakrieg dem Regime widersetzt, bis man sich in den 90er-Jahren auf eine Waffenruhe einigte. Als die Regierung die Jademinen in ihre Gewalt brachte, von denen die Kachin zuvor gelebt hatten, wandten sich die Menschen dem Holzeinschlag zu – und wurden von chinesischen Geschäftsleuten abhängig.
Seit 2001 ist der grenzüberschreitende Holzhandel nach Angaben der Londoner Umweltschutzorganisation Global Witness um 60 Prozent angeschwollen – auf 160 Millionen Euro im Jahr 2005. An den Geschäften sind auch burmesische Generäle beteiligt, die um die Vorherrschaft in der Region konkurrieren. Einige von ihnen schrecken nicht davor zurück, im Wege stehende Dorfbewohner gewaltsam zu vertreiben. Die instabilen Machtverhältnisse beschleunigen die Waldzerstörung noch: Weil jederzeit bewaffnete Kräfte auftauchen und einen Stopp der Rodungen verlangen könnten, arbeiten die chinesischen Holzfällertrupps so schnell wie möglich. „Du bestichst eine Armee und erhältst dafür das Recht, alles abzuholzen“, erklärt der chinesische Holzfäller Li Tao. „Dann kommt eine andere Armee, droht dich festzunehmen – und du musst auch sie bezahlen.“
Auch die beiden Kontaktmänner an der Grenze zu China sind Kachin. Einem Interview stimmen sie nur unter der Bedingung zu, dass ihre Namen nicht genannt werden, denn sie fürchten, verhaftet oder getötet zu werden. Sie sagen, sie wollen die Details des Holzhandels offenlegen, um Burmas Regierung internationalem Druck auszusetzen und den Menschen vor Ort zu helfen. „Wir wissen, dass das, was wir tun, schlimm ist“, sagt einer der Männer in Myitkyina, einer Stadt im Nordosten Myanmars. „Aber es gibt nichts anderes für uns zu tun. Nur so können wir überleben.“
Sie zeigen ein Notizbuch, Protokolle der Schmiergelder, die sie gezahlt haben, um zwischen Oktober 2004 und März 2006 Abholzungen in der Region Sinpo zu ermöglichen: 130 Euro jährlich an die lokale Polizei, 170 Euro ans Forstministerium, 150 Euro an den Geheimdienst des burmesischen Militärs sowie 640 Euro an die lokale Einheit der Armee, außerdem Gold im Wert von 5400 Euro an die Vorgesetzten des Bataillons. Unabhängig davon lässt ihr chinesischer Chef fünf Offizieren in der Heeresleitung für die nördlichen Region je 2700 Euro zukommen, erklären die Kachin.
Im Januar 2005, so berichten sie, sei ein Trupp von 120 chinesischen Arbeitern über die Grenze nach Myanmar gekommen, habe ein Camp auf einem Berg nahe der Stadt Bhamo errichtet und die Laute der Dschungeltiere mit dem Kreischen ihrer Kettensägen übertönt. „Sie fällten den ganzen Berg“, schildern die beiden. „Sie fällten einfach alles.“ Kolonnen aus zehn oder 20 Lastwagen, jeweils mit 20 Baumstämmen beladen, brachten das Holz anschließend nach China. Sie seien dabei mit Motorrädern voraus gefahren, erzählen die Männer, und hätten an acht Kontrollpunkten 25 Euro pro Truck an die Soldaten gezahlt. In Regionen, wo die Separatistengruppe „Kachin Independence Organisation“ am Ruder ist, zahlten sie 80 Euro pro Laster an die Soldaten, 55 Dollar ans Forstamt und 15 Euro an die Drogenpolizei. In Laiza, dem letzten Stopp vor der Grenze, sammelten die Männer aus Kachin eine Gebühr von den chinesischen Fahrern ein und stellte ihnen dann Dokumente aus, die die Fracht als legal deklarierten. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2005 seien auf diese Weise 150 Ladungen Teak nach China gebracht worden, wobei jeder Truck rund 20 Tonnen transportierte. Auf der anderen Seite der Grenze erzielte jede Tonne rund 650 Euro. Die Ware war also rund zwei Millionen Euro wert.
Szenenwechsel, an die gewundene Grenze zwischen Russland und China. In Vostock, einem russischen Städtchen mit 4000 Einwohnern und heruntergekommenen Wohnblocks aus der Sowjetära, erhalten Anwohner für das Fällen von Bäumen in den umliegenden Wäldern 70 Euro im Monat. Chinesen betreiben in der ganzen Region Sägewerke. Südlich von Vostock, kurz vor der Stadt Roshino, schneiden chinesische Arbeiter in einem kleinem Werk aus großen Baumstämmen Bretter zurecht. Die Männer schlafen auf Feldbetten in den umfunktionierten Büros. Stapel von Eichen und Eschen warten auf die Kreissägen. Am Bahnhof der Stadt Dalnerechensk stehen Güterwaggons, voll beladen mit Koreakiefern und Linden, beides geschützte Arten. Russland ist inzwischen Chinas wichtigster Holzlieferant, die Menge der importierten Ware hat sich in weniger als zehn Jahren verzwanzigfacht.
Shi Diangang, der am Handgelenk eine goldene Armbanduhr trägt, ist ein typischer Vertreter der Geschäftsleute, die den Holzhandel kontrollieren. Früher verkaufte er an der Grenze T-Shirts an russische Touristen. Nun bringt er Arbeiter von China nach Russland, zahlt ihnen 250 Euro monatlich. Die Arbeitstage, an denen sie Holz aus den Wäldern stemmen, sind zwölf bis 15 Stunden lang. Shi verkauft das Holz an chinesische Händler, die damit Fabriken in China beliefern, in denen sie zu Möbeln für Ikea verarbeitet werden, wie er sagt. Gerade kauft er Material für eine Villa in Macao ein, dem Glücksspiel-Mekka bei Hongkong. „Meine Karriere war eine Reise von der Hölle in den Himmel“, sagt er. Shi arbeitet in Russland weitgehend ohne Beschränkungen, denn seine Geschäftsfreunde haben einen kurzen Draht in Regierungskreise. „Meine russischen Partner besorgen alle nötigen Dokumente“, sagt er. „Russland hat sehr lasche Kontrollen.“
Schon jetzt sind viele Wälder an der Grenze zu China kahl geschlagen. Die Trupps arbeiten sich immer weiter ins Inland vor und dringen dabei auch in offiziell geschützte Gebiet ein. In der Region Primorje – wo noch rund 450 Amurtiger leben, die größten Raubkatzen der Welt – bemüht sich die Holzfirma Yappy fieberhaft, die Nachfrage ihrer chinesischen Kunden nach unverarbeiteten Eichen- und Eschenstämmen zu bedienen. „Der Wald ist erschöpft“, klagt Alexander Sobchenko, der Generaldirektor der Firma.
Das russische Forstministerium stellt Lizenzen für das Fällen von Holz in geschützten Gebieten aus. Zur „Waldpflege“ müssten kranke oder umgestürzte Bäume entfernt werden, heißt es dann offiziell. In Primorje wurden laut Josh Newell von der Universität Washington ein Drittel der exportierten Stämme mit so einer Lizenz gefällt. Im vergangenen Jahr ermittelte der für Umweltdelikte zuständige Staatsanwalt gegen Mitarbeiter der Forstbehörde: 14 Firmen hatten mit solchen Lizenzen in einem Schutzgebiet bei Vostock rund 36.000 Festmeter Holz geerntet. Die Stämme gelangten mit den entsprechenden Papieren nach China, so der Staatsanwalt. Und niemand weiß, wie viel Holz darüber hinaus unentdeckt nach China geschmuggelt wurde. In Primorje, doppelt so groß wie Österreich, gibt es gerade mal zwölf Waldinspekteure.
Russlands Ex-Präsident Wladimir Putin brandmarkte das illegale Schlagen als „barbarisch“. Mit dem Holz „exportiere“ das Land auch Zehntausende Jobs, die in Russland vergeben werden könnten, wenn es dort mehr Sägewerke und Möbelfabriken gäbe.
Auf der anderen Seite der Grenze, im chinesischen Suifenhe,
werden an einem Morgen im Jahr 2006 elf Güterzüge mit Holzstämmen beladen, um sie in Fabriken im ganzen Land zu transportieren. Beiderseits der Gleisanlagen
stehen Hütten aus Wellblech und Baumrinde, die bei der Holzverarbeitung übrig bleibt. Die Wanderarbeiter in den ärmlichen Behausungen haben die Einwohnerzahl der Stadt von 2000 vor zehn Jahren auf mehr als 100.000 anschwellen lassen. Der Holzhandel hat das einstige Provinznest in einen geschäftigen Bienenstock verwandelt.
Die Straßen sind von schwarzem Rauch aus den Sägewerken erfüllt, vom Geruch frischen Sägemehls und dem Kreischen der Metallblätter, die sich durch Holz fräsen. Viele Betriebe sind in provisorisch errichteten Gebäuden untergebracht, oft fehlen die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen wie Schutzbrillen und Handschuhe. In der Firma „Jindi Wood“ nahe den Bahngleisen rackern sich vier Männer ab, mit Trageriemen riesige Baumstämme zu den Sägen zu schleppen. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche, für 170 Euro. „Damit kann ich meinem Kind den Schulbesuch ermöglichen“, sagt Xiao Jifeng. Der 35-Jährige musste seine Frau und seinen Sohn im Heimatdorf zurücklassen, eine sechsstündige Busfahrt entfernt.
Ebenso schnell wie die Wellblechhütten haben Bautrupps am Rand von Suifenhe die Villen für die Bosse aus dem Boden gestampft. In kürzester Zeit entstand eine moderne Stadt. „Vor vier Jahren gab es hier nichts“, sagt Su Guanglin, Chef der Firma Guofeng Wood Co. aus Hongkong. Sie beschäftigt in Suifenhe 500 Arbeiter in einer Dielenfabrik, fast die gesamte Ware wird nach Übersee verschifft, ein Drittel davon in die USA. Hinter der Fabrik steht ein Bürogebäude, in dem die russisch-chinesischen Geschäfte abgewickelt werden. In der Stadt, die noch vor Kurzem Ödland war, gibt es nun neonbeleuchtete Restaurants und Nachtclubs, die Cognac und Damengesellschaft anbieten. Ochsenkarren teilen sich die staubigen Straßen mit schwarzen Audi-Limousinen.
Auch die Geschäfte mit Holz aus tropischen Regenwäldern boomen. Der Hafen von Zhangjiagang nördlich von Schanghai ist heute einer der größten Handelsplätze für tropische Hölzer. Laut Statistiken der Regierung wurde 2004 Holz im Wert von 340 Millionen Euro verladen. Zehntausende Stämme liegen gestapelt am schlammigen Ufer des Jangtse. Ein vierstöckiges Hotel neben dem Hafen dient als Verhandlungsort, Einkäufer von Möbel- und Dielenfabriken feilschen bei einer Tasse grünem Tee um Preise. Die Pinnwand in der Lobby ist mit Angeboten für Stämme aus Amerika und Afrika übersät, und ein Händler raunt einem Besucher zu, für den richtigen Preis könne er ihm auch das begehrte Merbau besorgen.
Ein ähnliches Bild in der Provinz Guangdong im Süden des Landes. Zwar sprechen die Manager der Dielen- und Möbelfabriken dort inzwischen häufig vom Schutz der Wälder. „Alle großen Firmen, die in die USA exportieren, nehmen dieses Thema sehr ernst“, beteuert She Xuebin, Chef der Yingbin Wood Industry Co., einer der größten Parkett-Firmen Chinas. Doch ein großer Teil des Holzes, das Yingbin verarbeitet, stammt von einem Sägewerk in Indonesien, wo nach Angaben der Weltbank rund 80 Prozent des Holzes illegal gefällt werden. She Xuebin gibt zu, dass es „eine Lücke zwischen den Gesetzen und ihrer Umsetzung gibt“. Seine Firma halte sich aber an die Spielregeln, behauptet er.
Yingbin exportiert vier Fünftel der Ware in die USA, viele an den Parkett-Riesen Armstrong. Der verkauft, so ergab unsere Recherche, Merbau-Parkett unter der vagen Beschreibung „Exotikholz“, ohne den Ursprung anzugeben. Der Konzern behauptet, das Parkett werde in Indonesien gefertigt und sei auch so gekennzeichnet.
Die illegale Abholzung kostet den indonesischen Staat alljährlich mindestens 400 Millionen Euro, zum Beispiel durch verlorene Lizenzgebühren und Exportsteuern. China versprach Indonesien vor fünf Jahren, Lieferungen der gefährdeten Holzart Merbau zu blockieren, weil die wertvollen Baumstämme mit gefälschten Papieren über Malaysia aus dem Land geschmuggelt wurden. Doch dem Versprechen folgten keine Taten. „Merbau gelangt nach wie vor nach China“, klagt Tachir Fatmoni vom indonesischen Forstministerium.
Von Asiens Wäldern über Chinas Sägewerke in westliche Wohnzimmer: Der Holzhandel ist ein Musterbeispiel der globalisierten Wirtschaft. Immer bessere Verkehrsverbindungen lassen die Entfernungen schrumpfen, sodass multinationale
Holzverarbeiter Waren von fast überall her beziehen und überall hin verschiffen können. Schließlich kaufen in Amerika oder Europa Menschen Produkte, nichtsahnend, wo und unter welch katastrophalen Umständen die Bäume gefällt wurden.
Hält die Abholzung ungebremst an, sind die Urwälder Indonesiens und Burmas in zehn Jahren erschöpft, prognostiziert „Forest Trends“. Die Wälder Papua-Neuguineas werden in 13 Jahren verschwunden sein, die sibirischen in zwei Jahrzehnten. Die Folge ist ein dramatisches Artensterben: Allein in Indonesiens Urwäldern sind zehn bis 15 Prozent aller Tier- und Pflanzenspezies zu Hause, darunter akut bedrohte Arten wie der Sumatra-Tiger. In Burma sind neben Tigern auch Rote Pandas und Leoparden in Gefahr. Ähnlich sieht es überall in Südostasien aus, wo Holzfällerstraßen der Ausbeutung von Urwäldern Tür und Tor öffnen.
Aber auch mehr als eine Milliarde Menschen sind laut Weltbank von den Wäldern abhängig. Werden sie zerstört, drohen Überflutungen, die Erosion fruchtbarer Böden und der Verlust wertvoller Wildtierbestände. Der illegale Einschlag auf staatlichem Grund kostet die betroffenen Länder jährlich 6,5 Milliarden Euro, etwa durch nicht gezahlte Lizenzgebühren und Exportsteuern. Und nicht zuletzt gehen mit den Wäldern riesige Kohlenstoffspeicher verloren, die den Klimawandel mildern und somit für den ganzen Globus überlebenswichtig sind.
Kaum ein Unternehmen symbolisiert die Probleme der globalisierten Holzwirtschaft besser als Ikea. Der schwedische Möbelgigant beteuert auf Schildern in den Filialen, Umweltschäden bei der Herstellung seiner Waren zu vermeiden. Produkte aus Tropenholz etwa gibt es bei Ikea nicht, und erklärtes Ziel der Firma ist es, den Anteil von Holz mit dem FSC-Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft zu steigern. Allerdings betrug der Anteil von zertifiziertem Holz 2007 gerade mal sechs Prozent (siehe Interview).
In Suifenhe, dem brummenden Holzverarbeitungszentrum im Nordosten
Chinas, fertigen Arbeiter der Yixin Wood Industry Corporation jedes Jahr 100.000 Essgruppen für Ikea aus Kiefern, die aus Sibirien stammen – wo nach Schätzungen der Weltbank jeder zweite Baum illegal gefällt wird. „Ikea gibt uns Rahmenbedingungen vor, etwa eine Liste mit Baumarten, die wir nicht ver-wenden dürfen“, sagt eine Mitarbeiterin der Fabrik, „doch die Firma schickt nie Mitarbeiter hierher, um die Produktion zu überprüfen.“ China zählt zu Ikeas größten Lieferanten von Massivholzmöbeln, rund 100 chinesische Fabriken produzierten im Jahr 2006 etwa ein Viertel der weltweit verkauften Ware. Größter Rohstofflieferant ist jedoch Russland. Die Ikea-Geschäftsführung sagt, sie gehe davon aus, dass das Holz legal gefällt sei. Die Firma schicke Kontrolleure und Förster zu den Fabriken und lasse von ihnen den Weg des Holzes bis zu den gerodeten Flächen zurückverfolgen.
Doch für Ikea sind nach eigenen Angaben nur acht Förster in China und Russland im Einsatz. Nur alle paar Monate lässt die Firma Waldgebiete inspizieren, aus denen rund 30 Prozent des Holzes für die chinesischen Fabriken stammen. In der Regel verlässt sich Ikea auf die Unterlagen von Forstunternehmen und Fabriken. Dabei räumt Ikeas Forstbeauftragte Sofie Beckham ein, dass die Fälschung von Dokumenten weit verbreitet ist: „Es gibt immer jemanden, der sich nicht an die Regeln hält.“
„Es geht um Kosten“, sagt Ikeas Manager für soziale und ökologische Fragen, Thomas Bergmark. „Es wäre enorm aufwendig, jede einzelne Holzlieferung zurückzuverfolgen. Wir werden nie garantieren können, dass jeder einzelne Stamm aus einer legalen Quelle stammt.“
Text: Peter S. Goodman und Peter Finn
Deutsche Bearbeitung: Susanne Tappe/Wolfgang Hassenstein
GUTE HÖLZER, SCHLECHTE HÖLZER
Seit 1990 gibt es den Forest Stewardship Council (FSC). Die Institution, von Umweltorganisationen wie Greenpeace und WWF sowie von Interessengruppen der Industrie ins Leben gerufen, legt Standards für eine ökologische und nachhaltige Waldnutzung fest. Wer Produkte mit dem FSC-Siegel kauft, kann sich relativ sicher sein, dass dafür keine Urwälder zerstört und die Bäume nicht illegal gefällt wurden. Heute werden weltweit 940.000 Quadratkilometer Wald nach FSC-Regeln bewirtschaftet – beinahe die Fläche von Deutschland und Frankreich zusammen. Auch in China spielt FSC inzwischen eine Rolle: Jeden Monat werden 20 Unternehmen zertifiziert, sagt Alistair Monument vom FSC-Büro in Peking. Doch trotz aller Erfolge – die fortschreitende Vernichtung der Urwälder der Welt konnte durch FSC bislang allenfalls gebremst werden. „Was uns durch die Zertifizierung bisher bestens gelingt, ist die Belohnung der Guten“, erklärt Ned Daly, FSC-Vizepräsident in den USA. „Weniger erfolgreich sind wir darin, die Bösen vom Markt auszuschließen. Wir schaffen es einfach nicht, die Kriminellen dazu zu bringen, ihre Produkte mit einem Label als illegal zu kennzeichnen“, ergänzt er schmunzelnd.
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