greenpeace magazin 2.08

„Ernst zu nehmende Nebenwirkungen“

Leukämie-Studie belegt, dass Kinder in der Nähe von Atommeilern häufiger krank werden.

Hoch schlugen die Wellen, als im Dezember 2007 die Kernaussagen der neuesten Kinderkrebsstudie (KIKK) öffentlich wurden: Für Kinder unter fünf Jahren, so das Ergebnis, nimmt das Risiko einer Leukämieerkrankung deutlich zu, „je näher ihr Wohnort an einem Kernkraftwerk liegt“. Zwei Millionen Euro hat die Studie gekostet, vier Jahre lang arbeiteten Experten des Mainzer Kinderkrebsregisters daran. Aber alle Sorgfalt verhinderte nicht, dass Politiker daraus jeweils ableiteten, was sie vorher schon wussten: In einer Aktuellen Stunde im Bundestag forderten die Grünen erneut die sofortige Stilllegung aller Reaktoren, während Katherina Reiche, Vize-Chefin der Unionsfraktion, eine „altbewährte Stimmungsmache gegen die Kernkraft“ geißelte.


Was steht nun wirklich in der insgesamt 315 Seiten dicken Studie? Unbestreitbar ist, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die 16 untersuchten Atommeiler 29 Kleinkinder mehr an Krebs erkrankten, als dort im statistischen Durchschnitt zu erwarten gewesen wären – wegen der Seltenheit von Kinderkrebs bedeutet schon die niedrige Zahl etwa eine Verdoppelung. Auch im Umkreis von 50 Kilometern fanden sich „mindestens 121 bis 275 zusätzliche Neuerkrankungen“ – ein Anstieg um 8 bis 18 Prozent. Auch frühere Untersuchungen hatten auf höhere Krebsrisiken gedeutet, aber die KIKK-Studie bestimmte den Wohnort der Kinder exakter als alle vorherigen, auf 25 Meter genau. Zudem verglich sie, um andere Ursachen auszuschließen, die Lebensumstände von erkrankten und nicht erkrankten Kindern. Sie fand auch heraus, dass der Effekt bei allen deutschen AKWs auftritt und nicht nur beim schon oft untersuchten Standort Krümmel.


Trotzdem betonte die Hauptautorin der Studie, die Mainzer Professorin Maria Blettner, dass „aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden“ könne. Für diesen Satz wurde Blettner von Mitgliedern des zwölfköpfigen Expertengremiums, das die Studie begleitete, scharf kritisiert. Aufgrund der unzureichenden Daten zur Emission von Leistungsreaktoren könne „dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden.“


Im Rückblick gibt Maria Blettner zu: „Das Wort ‚grundsätzlich‘ hätte man weglassen sollen.“ Es habe „vielleicht zu unnötiger Zuspitzung der Diskussion geführt“. Bis heute meint Blettner, dass die Strahlung aus AKWs wohl nicht für die Krebsfälle verantwortlich sei, denn diese „liegt um den Faktor 1000 bis 10.000 niedriger als die natürliche Strahlenexposition“. Sie habe „die vielfältigen Vorschläge und Ideen von außen sorgfältig erwogen“, sagte sie dem Greenpeace Magazin, „aber wir haben immer noch keine Erklärung.“


In der aufgeregten Debatte war auch von anderen Ursachen die Rede: Womöglich sei die erhöhte Leukämierate durch vermehrte Infektionen zu erklären, die im Umkreis von industriellen Großanlagen häufiger beobachtet würden, weil durch den Zuzug von Arbeitern an die typischerweise dünn besiedelten Standorte neue Krankheiten dorthin gelangten. Sie könne diese Möglichkeit nicht ausschließen, weil sie nicht untersucht wurde, aber, so Blettner: „Für Deutschland glaube ich, dass die Hypothese nicht zieht. Wir haben hier einfach keine so dünn besiedelten Gegenden.“ Im Anhang der Mainzer Studie finden sich übrigens Grafiken, die diese beliebte Ablenkungsthese unplausibel erscheinen lassen – sie zeigen für die deutschen AKW-Standorte keine auffälligen Wanderungsbewegungen.


Tatsächlich sagt die Studie nichts über Ursachen der Leukämiehäufung, aber das war auch nicht das Ziel. Und der Nach-weis einer wirkli-chen Kausalität von Strahlung und Kinderkrebs ist schwer, wenn nicht gar unmöglich: Da-zu müsste man eine Zufallsauswahl von Kleinkindern jahrelang und heimlich einer niedrigen Strahlendosis aussetzen – was ethisch nicht zu verantworten wäre. Professor Wolfgang Hoffmann, Mitglied des Expettengremiums, betont deshalb, mehr sei von einer Studie wie der Mainzer nicht zu leisten.


Wie geht es weiter? Es sei „Aufgabe der Wissenschaft, einen Erklärungsansatz für die Differenz zwischen epidemiologischer und strahlenbiologischer Evidenz zu finden“, so das Expertengremium. Bis heute ist etwa kaum erforscht, wie Kin-der oder Embryos auf Niedrigstrahlung reagieren. Möglich wäre, dass die besonderen Nuklide, die sich rings um ein AKW finden, ganz anders wirken als die natürliche Hintergrundstrahlung, die von den Betreibern stets als Entlastungsargument herangezogen wird. Zudem kann ein radioaktives Partikel, das in der Umwelt kaum gefährlich ist, großen Schaden anrichten, wenn es in den Körper gelangt. Im Übrigen basieren die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung auf höchst unsicheren Modellen über die Ausbreitung der Abluft aus Atomreaktoren. „Im Bereich niedriger Strahlung tappen wir tatsächlich noch etwas im Dunkeln“, gibt Wolfgang-Ulrich Müller zu, bis zum Jahreswechsel Chef der Strahlenschutzkommission.


Umweltminister Sigmar Gabriel will die Ergebnisse der KIKK-Studie genau prüfen. Das Bundesamt für Strahlenschutz will im ersten Halbjahr 2008 ein Expertengespräch über Ursachen von Leukämie einberufen. All das dauert der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW zu lange: Würden bei einem Medikament „so viele ernst zu nehmende Nebenwirkungen bekannt, würde es sofort aus dem Handel genommen werden, bis die Ursachen geklärt wären“, versichert IPPNW-Chefin Angelika Claußen und fragt: „Warum gilt das nicht für Atomkraftwerke?“

 

Text: Toralf Staud

INTERVIEW

„Kaum eine Studie hat einen so klaren Befund“ - Interview mit dem Epidemiologen Professor Hoffmann von der Universität Greifswald

Herr Professor Hoffmann, was ist eigentlich neu an der im Dezember veröffentlichten Studie? Es ist die größte, genaueste und längste Studie, die man in Deutschland zu diesem Thema machen kann. Mehr Daten und genauere Methoden gibt es weltweit nicht.


Und wie schätzen Sie das Ergebnis der Studie ein? Es ist ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass in diesen Atomanlagen etwas freigesetzt wird, das bei unter fünfjährigen Kindern Leukämie auslösen kann.


Andere Experten – und viele Politiker – sehen das anders und verweisen auf mögliche andere Umweltfaktoren, die Lebensweise der erkrankten Kinder oder einfach den Zufall. Alle anderen Erklärungsansätze sind rein spekulativ. Für keine dieser anderen Hypothesen gibt es in dieser Untersuchung Indizien.


Kritiker verweisen darauf, dass der Nachweis eines kausalen Zusammenhanges zwischen Strahlung und Leukämie fehle. Kausalität ist ein Thema, bei dem sich die Leute oft in die Haare kriegen. Die Epidemiologie ist von der Natur der Sache her keine experimentelle Wissenschaft. Daher kann eine unmittelbare Kausalität nur in Ausnahmefällen bewiesen werden. Die große Stärke der Epidemiologie ist aber die Untersuchung der Realität. Da keine künstlichen Laborsituationen untersucht werden, haben die Ergebnisse sehr oft eine Bedeutung. Was wir nämlich finden können, sind deutliche Zusammenhänge …


… die für Entscheidungen in vielen anderen Bereichen als ausreichend angesehen werden. Ja, wenn mir zum fünften Mal in Folge mein Auto an der gleichen Stelle kaputtgeht, dann sage ich auch nicht, ach, das ist bloß statistischer Zufall. Dann kauft sich jeder normale Mensch ein neues Auto. Oder die Frage von Passivrauchen und Krebs: Da haben epidemiologische Studien einen klaren Zusammenhang belegt, und keiner zweifelt das mehr an. Das wird nur bei ganz bestimmten Themen gemacht, und die Atomkraft ist so eines.


Wie sicher ist das Ergebnis denn nun? 95 Prozent – reicht das denn immer noch nicht? Seit 20 Jahren deuten Studien darauf hin, dass die Krebsrate rings um Atomkraftwerke erhöht ist. Jetzt wissen wir auch, dass das Risiko proportional steigt, je näher ein Kleinkind an so einer Anlage wohnt. Da ist ionisierende Strahlung selbstverständlich eine mögliche Ursache! Wenn jetzt einige sagen, das liegt vielleicht an den häufigen Bergwanderungen mancher Familien, an der Nähe zu Kirchtürmen oder Flüssen erscheint mir das an den Haaren herbeigezogen. Die-se Faktoren sind nicht untersucht worden, weil die Autoren sie nicht als relevant angesehen haben. Ich kenne wenige epidemiologische Studien, die einen so klaren Befund haben, wie diese. Es ist aus epide-miologischer Sicht völlig unwahrscheinlich, dass die Erhöhung an einem bisher unbekannten Faktor liegt, der mit den AKWs nichts zu tun hat.


Warum sind die Autoren der Studie vom Mainzer Kinderkrebsregister dann so zurückhaltend in der Interpretation? Das weiß ich nicht. Vielleicht möchten sie nicht in den Verdacht geraten, Panik zu schüren. Aber mir erscheint die derzeitige Interpretation voreingenommen. 

 

Interview: Toralf Staud



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