greenpeace magazin 5.07

Seltsame Berater

Der Milliardär und Microsoft-Gründer Bill Gates will mit seiner Stiftung nicht nur Malaria und Aids bekämpfen, sondern gleich die Armut in Afrika abschaffen. Während er in der Medizin glänzt, stößt er bei seinem neuen Programm zur Rettung der Landwirtschaft auf Widerstand. Denn seine Berater sind lautstarke Verfechter der Gentechnik. Afrikanische Farmer fürchten den Abschied von langen Traditionen und ziehen gegen Gates zu Felde.

Man mag diese Leute auf Anhieb. Bill und Melinda Gates sind wohlerzogen, fast ein wenig schüchtern und ziemlich bescheiden für Milliardäre. Wenn der Microsoft-Gründer und seine Frau einmal im Jahr auf Reisen gehen, um sich selbst ein Bild vom Elend in den Slums von Neu-Delhi oder den Townships von Kapstadt zu machen, dann punktet Melinda mit Natürlichkeit, gibt sich greifbar und real. Meist steht Bill etwas linkisch daneben, wenn sie die Babys im Arm hält. Redselig sind beide nicht, aber ihre kumpelhafte Art kommt an. In Gegenwart des superreichen Paares muss sich kein Notleidender wie ein Almosenempfänger fühlen.
Die meisten wissen vermutlich ohnehin nicht, dass Bill und Melinda Gates aus dem fernen Seattle den dicksten Geldbeutel der Welt haben. Ihre Stiftung verfügt seit einer Finanzspritze von US-Investor Warren Buffett im Juni 2006 über sage und schreibe 60 Milliarden Dollar. Üblicherweise werden jedes Jahr fünf Prozent des Vermögens ausgegeben. Das heißt, die Giga-Philanthropen spenden jährlich drei Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke. Umgerechnet sind das mehr als acht Millionen jeden Tag, mehr als 300.000 Dollar jede Stunde. Zwergenhaft muten dagegen die zehn größten Unternehmensstiftungen in Deutschland an. Einer der spendabelsten Stifter, der Gründer des Softwarekonzerns SAP Dietmar Hopp, steuerte 2006 bescheidene 20 Millionen Euro für Gemeinnütziges bei.
„Wir sind s e h r  reich und tun s e h r  viel Gutes“, könnten sich Bill und Melinda Gates auf die Stirn schreiben. Mitte 2008 gibt Bill obendrein seinen Job als Microsoft-Chefstratege ab, der 52-Jährige will sich nicht mehr dem Geldverdienen, sondern nur noch dem Geldausgeben widmen. Tatsächlich hat solch karitatives Engagement Tradition bei wohlhabenden Amerikanern. Was früher Ölunternehmer Rockefeller und Stahlmagnat Carnegie waren, sind heute Ex-Spekulant George Soros, Intel-Gründer Gordon Moore oder eben die beiden Gates.

Deren Stiftung ist eine Art private Weltgesundheitsorganisation und will die Leiden der armen Länder – Malaria und Tuberkulose, Aids und Kinderlähmung – besiegen. Routiniert startet die Stiftung Impfprogramme, professionell lässt man neue Arzneimittel entwickeln und erntet dafür allenthalben Zuspruch. „In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir wahrscheinlich Lösungen für die schlimmsten Krankheiten finden“, sagt Bill Gates optimistisch. Das mag allzu ambitioniert klingen, doch Gates ist sicher kein schrulliger Zausel, der nicht ernst zu nehmen wäre. Er hat das Betriebssystem Windows entwickelt, das auf fast allen Computern weltweit läuft. Problemlos taucht er tief in wissenschaftliche Materie ein, verschlingt medizinische Fachbücher, kennt Details klinischer Studien und betreibt sein Gutmenschentum so beinhart wie sein Business. Für die Stiftung arbeiten bevorzugt Top-Talente aus der Wirtschaft, die große Summen in riskante Vorhaben investieren, in der Hoffnung, dass eines davon zum Erfolg führt und Fehlschläge wettmacht. Wer als Geförderter seine Etappenziele, die „Milestones“, verfehlt, fliegt allerdings raus. Bill Gates führt den Laden autokratisch – zunächst bewerten zwar externe Experten die Projektvorschläge, wenn das Votum positiv ausfällt, entscheidet die Stiftung. Ab zehn Millionen Dollar müssen Bill und Melinda persönlich ihr Okay geben. Grob gesagt neigen die zwei zur Eigenbrötelei. Und hier liegt die Crux: Anders als bei öffentlich finanzierter Forschung müssen die beiden Macher sich keiner Diskussion stellen und sind bar jeder Kontrolle. Und egal wie edel ihre Gesinnung sein mag – sollten sie beginnen, hanebüchenen Unsinn zu fördern, könnte niemand das verhindern. Genau diese Sorge treibt auch das angesehene Fachblatt „Nature“ um, das „Gebemaschinen“ wie der Gates-Stiftung kürzlich ein Heft widmete. „In der Wissenschaft wie in der Landwirtschaft ist Monokultur riskant“, heißt es im Editorial. Ein Feld, das nur eine Geldquelle habe, gerate in Gefahr, Gelegenheiten zu verpassen und sich der Sichtweise der Spender anzupassen, was möglich sei und was nicht. Die hätten freilich nicht immer Recht.
Gates beispielsweise schwärmt für technische Lösungen. Bei Fieberleiden setzt er auf scheckkartengroße Minilabs, die minutenschnell Blut- und Stuhlproben auswerten, bei Aids vor allem auf Impfstoffe. Andere Präventivmaßnahmen, damit es erst gar nicht zur Infektion kommt, spielen kaum eine Rolle. Womöglich eine Schieflage, die keinen Schaden anrichtet, sondern „lediglich Zeit und Geld verschwendet“, wie „Nature“ stichelt – ohne jemanden beim Namen zu nennen.

Was aber passiert, wenn man High-Tech-Methoden zum Patentrezept erklärt, zeigt sich am neuen Gates-Programm „Globale Entwicklung“, mit dem die Stiftung sich anschickt, nicht nur Aids, sondern gleich die Armut auszurotten. Den kargen Böden Afrikas sollen doppelt oder dreifach höhere Erträge abgetrotzt werden, damit die Menschen weniger hungern und gar etwas an den Super-Ernten verdienen. Angetrieben von seiner Begeisterung für Innovationen setzt Gates zunächst auf die Entwicklung von 200 neuen Hochertragssorten, darunter Mais, Bohnen oder Cassava (Maniok), die gepäppelt mit Dünger und Pestiziden die leeren Mägen füllen sollen. Um das Saatgut und die Chemikalien zu den Bauern zu bringen, finanzieren und schulen Gates-Leute 10.000 kleine Händler, deren Läden künftig die teuren Saaten und Zaubermittel verkaufen sollen. In Kenia und Malawi gibt es laut Gates schon 2600 dieser Dealer und 700 Shops. Sie bilden die Basis für den Einzug von Agrokonzernen und Saatgutfirmen – bedeuten den Abschied von der Tradition. Bislang wurde Saatgut in Afrika nicht jedes Jahr neu gekauft, sondern selbst vermehrt und untereinander getauscht.
Kein Zweig der Stiftung wächst so schnell wie diese neueste Anstrengung: Zunächst fließen jährlich 150 Millionen Dollar, dann sollen die Summen über die nächsten 20 Jahre steigen. Beobachter rechnen damit, dass die gut dotierte Gates-Mission seismische Verschiebungen in der Afrikahilfe auslöst und neue Linien in der Entwicklungshilfe markiert. „Sie werden die Landschaft komplett verändern“, bestätigt Stanley Wood, Agrarexperte des Washingtoner Forschungsinstituts für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI), einem von 15 Zentren der internationalen Agrarforschung, die seit Jahrzehnten die Richtung in der Landwirtschaft weltweit bestimmen. Die Leistung dieser Kolosse ist umstritten, denn die Zahl der Hungernden sank kaum. „Institute wie IFPRI haben die Idee der Slow-Food-Bewegung wohl missverstanden“, ätzten Kritiker von der kanadischen ETC-Gruppe.

Sie sind dennoch gefragt. IFPRI glich einem Bienenhaus, als die Gates-Stiftung die ersten Mails schickte, um Vorschläge zu erbitten. Denn Gates bietet unglaublichen Luxus in Zeiten knapper Budgets. Stanley Wood etwa erhielt 3,7 Millionen Dollar, um durch akribische Recherche in den nächsten drei Jahren herauszufinden, mit welchen Methoden und Pflanzen sich am erfolgreichsten Landbau betreiben lässt. Sein Kollege Howarth Bouis verspricht für 25 Millionen Dollar, Pflanzen wie Reis, Bohnen oder Süßkartoffeln mit Zink, Eisen und Vitamin A anzureichern, um die Menschen mit mehr Nährstoffen zu versorgen. Sollen die sensationellen Sprösslinge mit Hilfe der Gentechnik herangezogen werden? Legt die Gates-Stiftung diesen Weg als Heilsbringer für Afrika nahe? Beide Forscher bestreiten das vehement. Gates sei für alle Optionen offen. Skepsis scheint angebracht, denn der Stifter hört auf die falschen Berater. Seine „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ – kurz AGRA – ist ein geistiges Kind der Rockefeller-Stiftung, die schon Architekt der ersten „Grünen Revolution“ in den 60er-Jahren in Asien war und kläglich scheiterte. Nicht nur, dass man mit dem Partner Rockefeller in der Vergangenheit stecken bleibt – die Stiftung ist lautstarker Verfechter der Gentechnik. Millionen flossen etwa in den genveränderten „Goldenen Reis“, der bis heute nicht auf dem Markt ist, aber den Menschen volle Mägen dank „programmierter Natur“ versprach. Passend dazu hat die Gates-Stiftung mehrere Schwergewichte aus der Agroindustrie wie den Ex-Monsanto-Vizepräsident Robert Horsch eingestellt, die jahrelange Erfahrung mit sich bringen, Bauern teures Saatgut und Spritzmittel für Genpflanzen anzudrehen.

„Rockefeller betreibt den brutalen Abschied von lokal angepassten Sorten, traditionellem Wissen und dem kostenlosen Tausch von Saatgut“, sagt die Juristin Mariam Mayet vom African Centre for Biosafety in Südafrika. Kein Wunder also, dass die Wut afrikanischer Farmer groß ist und sie erbittert gegen Gates zu Felde ziehen. Anfang 2007 schickten 70 Organisationen aus zwölf afrikanischen Ländern einen Protestbrief nach Seattle. „Wir werden uns gegen die-se fehlgeleitete Initiative aus dem Norden wehren“, heißt es. Über die Stiftung würden die Interessen der Konzerne gefördert, die Afrika als lukrativen Markt und die Bauern nur als willige Kunden für Saatgut, Dünger und Chemikalien sähen. Die ökologische Landwirtschaft sei als Alternative schlicht ausgeklammert worden.
Tatsächlich offenbart sich hier Gates’ größter Fehler. Statt mit den Beteiligten zu reden, haben die neuen grünen Revolutionäre die Afrikaner wie Ministranten auf dem Bänkchen Platz nehmen lassen und sie zu stummen Komparsen der Entwicklung gemacht. „Die Stimmen der Farmer wurden nicht gehört“, moniert Mariam Mayet. Auch Neth Dano vom „Dritte Welt Netzwerk“ mit Sitz in Malaysia fordert vehement Mitsprache der afrikanischen Farmer. „Sie fühlen sich herumgeschubst“, sagt die Autorin, die jüngst ein wütendes Buch über Gates&Co geschrieben hat.
Schläfrige Giganten wie die Welternährungsorganisation FAO in Rom sind der Protestbewegung keine große Hilfe. In gelehriger Beschaulichkeit werden zwar auf endlosen Konferenzen allerlei Rezepte diskutiert, aber die FAO-Experten sind ratlos, was sie dem Gates-Programm entgegen setzen sollen. So gesehen stößt Gates in die Lücke, die sie lassen.
Ob Gates nach einem holprigen Start dem Wunsch der Afrikaner nach Dialog nachgibt? Noch scheint der Rubikon nicht überschritten. „Wir lernen noch“, sagt Gates-Mann Roy Steiner, der lange in Afrika lebte. Und selbst bissige Kritiker wie der Kanadier Pat Mooney attestieren der Stiftung, sie sei „offen für Wandel“. Was ihn optimistisch stimme? Mooney überlegt eine Weile und entschließt sich dann zu einem erstaunlichen Lob. „Das sind anständige Leute“, knurrt er.    

 

Text: Kirsten Brodde

Die Supermacht – Bill und Melinda Gates
Jeder kennt den Erfinder Bill Gates, der in seiner Garage bahnbrechende Computerprogramme entwarf und zum Massenprodukt machte. Seine Frau Melinda ist dagegen die „mächtigste Unbekannte der Welt“, schrieb das Time Magazine. Zurückgezogen lebt das Ehepaar Gates mit seinen drei Kindern in Medina, einem reichen Vorort von Seattle. Seit Januar 1994 ist die 42-jährige Melinda die Gattin eines der reichsten Männer der Welt. Bei einer Betriebsfeier haben die beiden sich kennengelernt. Melinda French – Katholikin aus Texas mit Informatikstudium – arbeitete in der Marketing-Abteilung von Microsoft. Angeblich soll sie ihren Mann überredet haben, die „Bill und Melinda Gates“-Stiftung zu gründen – heute die reichste Wohltätigkeitsorganisation der Welt mit rund 300 Mitarbeitern. „Ich will nur ein Instrument der Veränderung sein, um die Welt geringfügig zu verbessern“, sagt Melinda Gates. 95 Prozent seines Privatvermögens will das Ehepaar peu à peu in die Stiftung fließen lassen.
www.gatesfoundation.org (auf Englisch)



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