greenpeace magazin 5.08
Seit der Katastrophe von Tschernobyl gilt die Atomkraft als Dinosauriertechnologie – monströs, gefährlich, ohne Zukunft. Doch nun rollt eine beispiellose Propagandawelle übers Land. Die Atomkraft könne Deutschland vor einer drohenden Stromlücke und wirtschaftlichem Niedergang bewahren, heißt es – und die Welt vor dem Klimawandel.
Mutiert das Scheusal zum Superhelden? Die Atomlobby jedenfalls zeichnet in grüngefärbten Werbeanzeigen das Bild einer nuklearen Idylle. Die Union macht die Atomkraft zum Wahlkampfthema und propagiert den Ausstieg aus dem unter Rot-Grün vereinbarten Ausstieg. Und viele Medien erwecken den Anschein, ein Comeback der Atomkraft oder zumindest eine Laufzeitverlängerung für die deutschen Meiler sei die vernünftige Antwort auf die Probleme der Zeit.
Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Eine „nukleare Renaissance“ gibt es bisher nicht. Und sie wäre auch eine ziemlich schlechte Idee. Wir sagen warum.
1. ATOMKRAFTWERKE SIND NICHT SICHER „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie“, sagte kürzlich der Präsident des Deutschen Atomforums Walter Hohlefelder freimütig in einem Zeitungsinterview. Um dann das Standardargument der Atomlobby nachzuschieben: „Wir haben aber die höchsten Sicherheitsstandards weltweit.“ Deshalb hier zur Erinnerung eine kleine Auswahl von Störfällen in deutschen Meilern: Im August 2001 wird das AKW Philippsburg 2 bei Karlsruhe versehentlich hochgefahren, obwohl das Notkühlsystem nicht funktionstüchtig ist. Der Betreiber EnBW entscheidet sich fahrlässigerweise für eine Reparatur bei laufendem Betrieb. Als der Skandal drei Monate später bekannt wird, müssen die Verantwortlichen gehen. Am 14. Dezember 2001 zerfetzt im AKW Brunsbüttel bei Hamburg eine Wasserstoffexplosion eine Rohrleitung auf drei Metern Länge. Die Unfallstelle liegt in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters und ist von ihm durch nur ein Ventil getrennt. Zwei Monate lang verschleiert der damalige Betreiber HEW die gefährliche Detonation als „Dichtungsleckage“. Am 8. Februar 2004 fallen nach einem Kurzschluss im Hochspannungsnetz im hessi-schen AKW Biblis nacheinander fünf Strom-systeme aus. Erst das Anspringen des Notstrom-Diesels sichert die Energieversorgung der Sicherheitssysteme. Reine Glückssache: Zuvor hatten die Notstromaggregate bei Kontrollen wiederholt nicht funktioniert. Am 28. Juni 2007 brennt im AKW Krümmel bei Hamburg ein Transformator. Brandgase dringen in die Leitwarte, es bricht Hektik aus. Der Reaktorfahrer zieht eine Gasmaske auf und bedient aufgrund eines Missverständnisses Sicherheits- und Entlastungsventile falsch. Es kommt zu einer Schnellabschaltung und raschem Kühlwasserabfall. Kurzfristig ist die Stromversorgung des Reaktors unterbrochen. Am gleichen Tag brennt es auch im AKW Brunsbüttel. Das Krisenmanagement durch Vattenfall, den Betreiber der beiden schleswig-holsteinischen Meiler, verläuft desaströs. In den folgenden Monaten werden zahlreiche Sicherheitsmängel in Krümmel und Brunsbüttel bekannt, beide Reaktoren stehen bis heute still. Käme es in einem deutschen Atomkraftwerk zum Super-GAU, würden nach Angaben der „Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ Tausende Menschen an Krebs sterben. Mindestens 10.000 Quadratkilometer müssten evakuiert werden, Millionen Menschen würden jahrzehntelang in Sorge um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder leben. Übrigens geht von AKWs offenbar auch im Normalbetrieb eine Gefahr aus. Die Kinderkrebsstudie (KIKK) von 2007 zeigte, dass in ihrer Umgebung das Leukämierisiko erhöht ist.
Herr Hohlefelder, eine Technologie mit solchen Risiken sollte hundertprozentig sicher sein. Oder schnellstmöglich der Vergangenheit angehören.
2. DER URANABBAU IST NICHT SAUBER UND NACHHALTIG Ronald Pofalla, der Generalsekretär der CDU, nannte die Atomkraft kürzlich eine „Ökoenergie“. Okay, sehen wir von den Risiken des AKW-Betriebs und dem ungelösten Endlagerproblem einmal ab. Woher kommt nochmal der Brennstoff?
Ein Reaktor braucht pro Jahr rund 30 Tonnen Brennelemente. Für deren Herstellung werden 300 Tonnen des hochgiftigen Zwischenprodukts Uranhexafluorid benötigt. Dies wiederum wird aus Tausenden Tonnen Uranerz gewonnen. Bei der Erzaufbereitung entstehen arsen- und uranhaltige Schlämme, die in riesigen, oft schlecht gesicherten Speicherbecken gelagert werden. Untertage drohen den Arbeitern bei schlechter Belüftung Lungenkrebs und andere Atemwegserkrankungen, denn es wird radioaktives Radon frei. Im afrikanischen Niger, woher Frankreich den Großteil seines Urans bezieht, häufen sich bei Minenarbeitern und Anwohnern ungeklärte Krankheitsfälle.
Riskant ist aber auch die Weiterverarbeitung des Urans, die in mehreren Schritten über viele Länder verteilt erfolgt. Dabei entstehen giftige und radioaktiv strahlende Übergangsprodukte und Abfälle. Zwischen den Anlagen sind per Schiff, Bahn oder Lkw ständig Gefahrguttransporte unterwegs.
Nicht zuletzt zeichnet sich eine echte „Ökoenergie“ – jedenfalls im vor-pofallaschen Sinn – auch dadurch aus, dass sie nachhaltig und langfristig gewonnen werden kann. Wie sieht es da beim Uran aus? Europa importiert den Rohstoff beinahe vollständig – aus Kanada, Russland und Australien, aus dem Niger, Namibia und Kasachstan. Nach den Berechnungen von Peter Diehl vom WISE Uranium Project reichen die bekannten globalen Vorräte nur noch wenige Jahrzehnte. Selbst bei einer sinkenden AKW-Zahl wären die Ressourcen im Jahr 2070 erschöpft. Käme es wirklich zu einer Atom-Renaissance, wäre deutlich schneller Schluss.
3. DIE ENDLAGERFRAGE IST NICHT GELÖST Was haben die Atomindustrie und die Bürger von Neapel gemeinsam? Richtig, sie wissen nicht, wohin mit ihrem Müll. Der Unterschied: Die nuklearen Abfälle sind extrem gefährlich, strahlen Zehntausende Jahre lang und müssen deshalb so sicher verstaut werden, dass sie auch zukünftige Generationen nicht gefährden. Ob das möglich ist, ist umstritten. Sicher ist, dass es weltweit bis heute kein Endlager gibt.
Allein Deutschlands AKWs produzieren jedes Jahr rund 400 Tonnen hochradioaktive, stark wärmeentwickelnde Abfälle, die bislang in Hallen an den Kraftwerken provisorisch zwischengelagert werden. Auch wenn im November wieder ein Castor-Zug mit Atommüll aus der Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague nach Gorleben rollt, ist sein Ziel ein oberirdisches Zwischenlager. Denn die Erkundung des benachbarten Salzstocks als Endlager ist bis 2010 ausgesetzt.
Zwar sind sich die Experten mangels Alternativen einig, dass die unterirdische Lagerung der beste Weg ist, den Strahlenmüll loszuwerden. Doch den Salzstock in Gorleben halten viele für ungeeignet. „Größter Nachteil ist, dass ihn kein wasserdichtes Deckgebirge vom Grundwasser trennt“, erklärt der Geologe Jürgen Kreusch von der Gruppe Ökologie, Mitglied im Endlager-Ausschuss der Entsorgungskommission im Umweltministerium. „Der Salzstock selbst müsste also absolut stabil sein, aber die Wärmeentwicklung und die Gasbildung durch die radioaktiven Abfälle bringen Unruhe hinein.“ Niemand könne garantieren, wie lange der Salzstock dicht hält. Auch wenn es Jahrhunderte oder Jahrtausende dauert: Irgendwann könnte eintretende Lauge die Behälter angreifen und Radioaktivität ins Grundwasser spülen.
Wenn sich die Bundesregierung schließlich dennoch auf Gorleben als Endlager festlegt – worauf die Atomindustrie mit aller Macht drängt –, dann wäre die Entscheidung politisch und nicht wissenschaftlich begründet. Aus den Augen, aus dem Sinn. Alternativstandorte wurden in Deutschland nicht untersucht.
4. ATOMKRAFT IST NICHT CO2-frei Schafe auf einem Deich, im Hintergrund zwei Kühltürme: „Dieser Klimaschützer kämpft 24 Stunden am Tag für die Einhaltung des Kyoto-Abkommens“, steht auf dem Anzeigenmotiv des Deutschen Atomforums (www.klimaschuetzer.de). Das ist insofern lustig, als dass das abgebildete AKW Brunsbüttel wegen Konstruktionsmängeln seit über einem Jahr abgeschaltet ist und derzeit allenfalls gegen seine endgültige Stilllegung kämpft. Doch selbst wenn es liefe – die ganze Klimaschützer-Kampagne führt in die Irre.
Richtig ist, dass Atomkraftwerke während des Betriebs kaum CO2 freisetzen. Entscheidend ist aber die gesamte Produktionskette. Berücksichtigt man den AKW-Bau und vor allem die energieaufwendige Urangewinnung und Brennelementeherstellung, verursacht Atomstrom pro Kilowattstunde den Ausstoß von 31 bis 61 Gramm CO2, so das Ergebnis einer Studie des Öko-Instituts für das Bundesumweltministerium. Dieser Wert wird in Zukunft noch steigen, da der Urangehalt der verfügbaren Erzvorkommen sinkt.
Zwar sind AKWs gegenüber Kohlekraftwerken (rund 1000 Gramm CO2) klar im Vorteil und gegenüber Windanlagen (23 Gramm) nur etwas im Nachteil. Doch besonders interessant an der Öko-Institut-Rechnung ist der Vergleich mit kleinen Erdgas-Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung, denen nach Ansicht von Umweltschützern beim Übergang zur Nach-Atom-Ära eine wichtige Rolle zukommen wird. In AKWs geht nämlich die Abwärme ungenutzt verloren (wer möchte sich schon mit Kühlwasser aus dem Atomkraftwerk wärmen), Wohnungen und Häuser in der Umgebung werden deshalb weiter mit Öl- oder Gasthermen geheizt. Die kleinen Gas-Heizkraftwerke liefern dagegen Strom und Wärme zugleich. Und in der Gesamtrechnung liegt diese fossile Energie beim CO2 mit der Atomkraft etwa gleichauf.
5. NEUE AKWS DIENEN NICHT DEM KLIMASCHUTZ Der Betrieb von Atomkraftwerken sei der „Lackmustest für die Ernsthaftigkeit“ aller Staaten, gegen die Klimaerwärmung vorzugehen, sagte im Juli beim G8-Gipfel in Japan der Umweltberater von Präsident George W. Bush. Ausgerechnet die US-Regierung, die sich seit Jahren gegen ernsthafte Schritte zur Bekämpfung des Klimawandels sträubt, machte Druck auf die Deutschen – das war selbst der atomfreundlichen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu viel. Eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik werde sich „nicht an der Frage der Kernenergie allein entscheiden“, entgegnete sie.
Bis 2050 müssten weltweit mehr als 1300 neue Meiler entstehen, damit die Atomkraft einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Diese Horrorzahl stammt nicht von Atomkraftgegnern, sondern von der nuklearfreundlichen Internationalen Energie-Agentur (IEA). Zum Vergleich: Derzeit sind weltweit 439 AKWs in Betrieb. Sie liefern rund 15 Prozent des Stroms und decken nur zwei bis drei Prozent des gesamten Energiebedarfs. Das zeigt, wie begrenzt ihr Klimaschutzpotenzial ist.
Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltfragen der Bundesregierung beschrieb einmal den Kli-mawandel als „Kassandra“-Risikotyp – eine Gefahr, die in Zukunft sicher eintritt – und die Atomkraft als „Damokles“-Risikotyp – eine ständige Gefahr, bei der niemand den Zeitpunkt der drohenden Katastrophe vorhersagen kann. Die Wissenschaftler sahen keinen Sinn darin, zur Verringerung des „Kassandra“-Risikos ein steigendes „Damokles“-Risiko in Kauf zu nehmen. Zur Bekämpfung des Klimawandels empfahlen sie risikoarme Maßnahmen wie Energiesparen und den vermehrten Einsatz regenerativer Energien.
6. WIR BRAUCHEN DIE AKWS NICHT ALS BRÜCKENTECHNOLOGIE Den Neubau von Atomkraftwerken in Deutschland fordern derzeit nicht einmal die Stromkonzerne. Umso lauter rühren sie die Werbetrommeln für eine Laufzeitverlängerung der bestehenden Reaktoren. Unionsparteien und FDP wollen diesem Werben bei einem Wahlsieg nachgeben und den Atomkonsens rückgängig machen, dem die Konzerne unter der rot-grünen Regierung ausdrücklich zugestimmt hatten. Nicht im Jahr 2021 würde dann das letzte alte deutsche AKW abgeschaltet, sondern zehn, 20 oder sogar 30 Jahre später. Der Aufschub, so lautet derzeit eines der Standardargumente, könne als „Brückentechnologie“ den Übergang zu einer nachhaltigen Energieversorgung ermöglichen.
Doch viel wahrscheinlicher ist, dass eine Laufzeitverlängerung den Erneuerungsprozess des deutschen Kraftwerksparks behindern würde, ergab 2006 eine Studie des Öko-Instituts. Experten sind sich einig, dass die nachhaltige Energieversorgung der Zukunft dezentral sein muss – kleine Kraftwerke, die Wind, Sonne und andere erneuerbare Energien nutzen, dazu gasbetriebene Blockheizkraftwerke, die hocheffizient zugleich Strom und Wärme liefern.
Doch eine solche Dezentralisierung ist den Stromkonzernen zuwider – sie wollen ihre ineffizienten Großkraftwerke weiterbetreiben. Jedes abgeschriebene Atomkraftwerk beschert ihnen rund eine Million Euro pro Tag – Reingewinn! Eine Laufzeitverlängerung brächte den Energieversorgern also zusätzliche Milliardenprofite. Dies würde ihre Marktdominanz festigen und mittelständische Konkurrenten, die ökologisch erzeugten Strom produzieren, schwächen. „Die mit dem Ausstiegsfahrplan eröffnete Chance, den in den vergangenen Jahren vollzogenen Konzen-trationsprozess bei der Stromerzeugung wenigstens in Teilen rückgängig zu machen, wird mit einer Laufzeitverlängerung leichtfertig vertan“, erklärt Felix Matthes, der Autor der Öko-Institut-Studie.
Dass Wind, Sonne & Co. gerade in Deutschland mit seinem Atomausstiegsbeschluss so erfolgreich sind, ist schließlich kein Zufall. Übrigens: 2007 lieferten die Erneuerbaren bereits 14,2 Prozent des Stroms, das war eine Steigerung um ein Fünftel in nur einem Jahr (2006: 11,7 Prozent). In der Branche sind bereits fast 250.000 Menschen beschäftigt – achtmal mehr als in der Atomwirtschaft.
7. UNSERE REAKTOREN SIND VOR TERROR NICHT SICHER Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) erklärte kürzlich in einem Interview: „Ich kann nicht wegen des internationalen Terrorismus sagen, dann machen wir die Lichter aus, weil wir die Kraftwerke nicht mehr schützen können.“ Ausgerechnet der Sicherheitsfanatiker Schäuble zeigt sich beim Thema AKW-Terror also demonstrativ gelassen. Dabei gilt das Szenario, dass ein Flugzeug auf ein Atomkraftwerk stürzen könnte, seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als eine reale Gefahr.
Eigentlich sieht das auch Schäuble so – schließlich plädiert er dafür, entführte Passagierjets notfalls abschießen zu lassen. Dennoch kämpft er mit seiner Partei für eine Laufzeitverlängerung selbst der ältesten Meiler, die über keinen speziellen Schutz gegen Flugzeugabstürze verfügen. Die 60 Zentimeter dicken Stahlbetonwände der Reaktorblöcke Biblis A, Brunsbüttel und Philippsburg 1 würden gerade mal einem Sportflugzeug standhalten. Sie in den nächsten Jahren abzuschalten, wie im Ausstiegsfahrplan vorgesehen, ist kein Problem, das weiß auch Schäuble. Deutschland ist derzeit Strom-Exportland, die ältesten Meiler sind schon heute ohne weiteres verzichtbar. Die Lichter drohen allenfalls in der Reaktorleitwarte auszugehen.
Aber auch die anderen Atomkraftwerke sind gegen Terrorangriffe nicht ausreichend geschützt. Einige sollen immerhin den Aufprall eines unbewaffneten Starfighters überstehen, die zehn neues-ten auch den eines Phantomjägers. Doch laut der Gesellschaft für Reaktorsicherheit hält kein deutsches AKW dem Absturz eines größeren Verkehrsflugzeugs stand. Würde ein Terror-Jet die Reaktorhülle durchschlagen und dabei Sicherheitssysteme und Kühlkreiskauf beschädigen, käme es zur Kernschmelze. Das brennende Kerosin könnte die Radioaktivität hoch in die Atmosphäre blasen und über riesige Gebiete verteilen.
Um den Albtraum abzuwenden, setzen Betreiber und Bundesregierung auf eine höchst zweifelhafte Strategie: Sie wollen die AKWs bei einem Angriff in Nebel hüllen. Die Idee stammt ursprünglich aus der Marine: Kriegsschiffe sollten mithilfe künstlicher Nebelwolken unsichtbar werden und dann ihre Position verändern – eine Fähigkeit, die Atomkraftwerken abgeht. Dennoch wurde in Grohnde bereits eine Vernebelungsanlage installiert. Experten bezweifeln, dass sie einen wirksamen Schutz darstellt.
8. DIE PROLIFERATION LÄSST SICH NICHT KONTROLLIEREN Wenn Nicolas Sarkozy durch die Welt reist, erinnert er an einen Staubsaugervertreter, nur dass sein Warenangebot brisanter ist. Kurz nach seinem Amtsantritt vereinbarte er mit Libyen den Bau eines Atomkraftwerks, mit Algerien, Dubai, Ägypten und Marokko hat er Nuklearabkommen abgeschlossen, und auch nach China und Indien will er Reaktoren liefern. Für den Atomkonzern Areva, der zu 80 Prozent in staatlicher Hand ist, legt sich der Präsident mächtig ins Zeug.
Sicherheitsexperten gruseln sich angesichts dieser Politik. Denn sicher ist: Je mehr Atomkraftwerke es gibt und je mehr spaltbares Material in Umlauf ist, desto größer ist die Gefahr des Missbrauchs. Das Beispiel Iran zeigt, wie schwer sich nachweisen lässt, ob ein Land Reaktoren nur zu zivilen Zwecken betreiben will oder auch militärische Ziele verfolgt. Nicht einmal Mohammed el-Baradei, der Leiter der Internationalen Atomenergie-Behörde in Wien, kann es mit Gewissheit sagen. Für den Bau einer Atombombe werden rund sechs Kilogramm Plutonium benötigt. Allein das iranische Atomkraftwerk Busheer würde pro Jahr etwa 300 Kilogramm erzeugen.
Auch wenn Sarkozys Atomabkommen mit einer Klausel verbunden sind, die eine militärische Nutzung verbietet – eine Kontrolle ist kaum möglich. Zudem können Regime wechseln oder zerfallen. Seit Jahren starrt die Welt gebannt auf die extrem instabile Lage im Atomstaat Pakistan.
„Was geschieht, wenn in einem Land, in dem Atom-reaktoren stehen, erst einmal die Korruption solche Ausmaße annimmt, dass auch Plutonium verhökert wird?“, fragt der SPD-Vordenker Erhard Eppler. „Und was wird aus dem Reaktor, wenn das staatliche Gewaltmonopol, das in vielen Staaten ohnehin brüchig ist, zerbröselt?“ Hunderte zusätzliche Atomkraftwerke, wie die IEA vorschlägt, würden womöglich Dutzende zusätzliche Länder zu Atomstaaten machen.
Übrigens läuft die Sicherung der atomaren Waffenarsenale selbst in vermeintlich gut organisierten Staaten wie den USA nicht immer glatt: Am 12. Juli schliefen auf dem Luftwaffenstützpunkt Minot im Bundesstaat North Dakota drei Soldaten ein. Sie waren damit beauftragt, die Sicherheitscodes für nuklear bestückte Interkontinentalraketen zu bewachen.
9. ATOMKRAFT SORGT NICHT FÜR BILLIGEN STROM CSU-Chef Erwin Huber zog Ende Juli in der Bild am Sonntag ordentlich vom Leder: „Dumm und töricht“ sei es, die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke „vorzeitig zu beenden“, denn Atomstrom sei der „preisgünstigste, den es auf der Welt gibt“.
Das Thema Geld halten Politiker, die für längere AKW-Laufzeiten werben, wohl zu Recht für am besten geeignet, um die Menschen auf ihre Seite zu bringen. Seit Monaten streuen sie das Gerücht von der „billigen“ Atomkraft, die den Anstieg der Strompreise dämpfen könne.
In Wahrheit ist für den Strompreis des Endkunden entscheidend, wie teuer der Strom an der Börse ist. Dort wird so viel gezahlt, wie der Betreiber des Kraftwerks verlangt, das gerade noch zur Deckung des Bedarfs benötigt wird. Der Clou: Auch der Strom aus den abgeschriebenen Reaktoren wird an der Börse zu diesem höheren Preis verkauft. Den Gewinn streichen die Konzerne ein.
Nach einer Berechnung des Öko-Instituts würde eine Laufzeitverlängerung die Stromkunden gerade mal um 12 Cent pro Monat entlasten, die Verbraucherzentralen kommen auf 50 Cent. Eine einzige Energiesparlampe bringt mehr.
So liegen denn auch in Baden-Württemberg, wo der Atomstromanteil besonders hoch ist, die Strompreise über dem Durchschnitt. Die jetzt von der Union propagierte Idee, die Energieversorger sollten bei einer Laufzeitverlängerung im Gegenzug verbilligten „Sozialstrom“ abgeben, bezeichnet der Greenpeace-Energieexperte Thomas Breuer als „einen perfiden Versuch, Atomstrom unter dem sozialen Deckmantel salonfähig zu machen“. Die Industrie verspricht, freiwillig etwas von ihren Extra-Gewinnen abzugeben. Wie viel solche Zusagen wert sind, sieht man gerade an ihrer Kehrtwende in Sachen Atomkonsens.
Und noch etwas: Müssten AKWs ihren Risiken entsprechend versichert werden, wäre Atomstrom eine der teuersten Energieformen. Laut Atomgesetz sind die Betreiber zu Schadenersatzzahlungen bis zu 2,5 Milliarden Euro verpflichtet. Realistisch berechnete Versicherungsprämien wären für sie unbezahlbar. Denn ein Super-GAU würde mehr als das Tausendfache an Kosten verursachen.
10. DAS NUKLEARE COMEBACK FINDET NICHT STATT Anfang der 80er-Jahre beschwor US-Präsident Ronald Reagan die Wiederbelebung der siechen Atombranche. Seitdem ist die angeblich bevorstehende „nukleare Renaissance“ ein Lieblingsbegriff der Atomkraftfreunde. Doch die Wiedergeburt verläuft zäh. Die Wehen dauern schon mehrere Jahrzehnte.
Seit 2002 wurden weltweit fünf Meiler mehr stillgelegt als in Betrieb gingen. Die aktiven AKWs sind im Schnitt 23 Jahre alt, während die bereits abgeschalteten Reaktoren im Schnitt 22 Jahre liefen. Bei einer angenommenen Laufzeit von 40 Jahren werden bis 2025 insgesamt 282 AKWs vom Netz gehen. Der Energieexperte Lutz Mez von der FU Berlin geht davon aus, dass sich diese Stilllegungen beim besten Willen nicht durch Neubauten ausgleichen lassen.
Vor allem die enormen Kosten stehen den Plänen im Weg. Das Wall Street Journal warnte kürzlich, der Bau neuer Reaktoren in den USA würde jeweils bis zu 7,5 Milliarden Euro verschlingen – viermal mehr als zuvor angenommen. Auch beim ersten europäischen AKW-Neubau in Finnland explodieren die Kosten. Der Meiler wurde vor fünf Jahren zu einem Festpreis von 3,2 Milliarden Euro verkauft, wird aber mindestens 1,5 Milliarden Euro teurer. Den Herstellerfirmen Areva und Siemens drohen gigantische Verluste.
„Kernkraftwerke sind die teuersten Energieanlagen, die es gibt“, erklärt Lutz Mez. „Es gibt kaum noch eine Bank in der Welt, die diese Projekte finanziert.“ Neue Meiler werden nur dort gebaut, wo der Staat den Herstellern massiv unter die Arme greift – in liberalisierten Märkten rechnen sie sich nicht.
Die britische Atomindustrie – die weiß, dass Premier Gordon Brown neue Reaktoren herbeisehnt – will einen besonders schrägen Deal durchsetzen: Um Investoren zu ermutigen, solle doch der Staat die Verantwortung für die Endlagerung übernehmen. Alle finanziellen Risiken auch nach Stilllegung der Meiler würden Staat und Steuerzahler tragen. Auf ewig.
Text: Wolfgang Hassenstein
Fotos: Christian Grund
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