|
greenpeace magazin 5.08

„Flüchtlinge sind die Botschafter globaler Ungerechtigkeit“, sagt der italienische Journalist Gabriele del Grande. Er beschreibt die tödlichen Dramen, die sich auf dem Mittelmeer abspielen.
Was hat Sie veranlasst, monatelang den Routen von Flüchtlingen durch Marokko, Mauretanien, Mali, Tunesien und den Senegal bis in die Türkei zu folgen? Vor der Haustür Europas spielt sich eine Tragödie ab. Und niemand spricht darüber. Ich wollte namenlosen Flüchtlingen ein Gesicht geben.
Wen trafen Sie? Menschen, die ihre Verwandten verloren haben. Menschen, die Zeugen von Menschenrechtsverletzungen wurden. Und Menschen, die nach ihrer Flucht in Europa angekommen sind. Das Buch handelt von ihren Geschichten. Alle Menschen, die mit dem Boot ankommen, sind Botschafter globaler Ungerechtigkeit. Viele sind nicht angekommen: Mehr als 12.500 Flüchtlinge sind in den vergangenen zwanzig Jahren allein im Mittelmeer ertrunken. Die Frage ist: Wer ist für dieses Verbrechen verantwortlich? Die tödlichen Dramen passieren jetzt gerade. In diesem Moment stirbt jemand an einer Grenze. Das dürfen wir nicht zulassen.
Sie berichten von einem jungen Mann, der in Casablanca gesagt hat: „Zu bleiben wäre ein langsamer Selbstmord.“ Warum verlassen die Menschen ihre Heimat? Das kommt auf ihr Herkunftsland an. Einige über-queren das Meer, um ihr Leben zu retten oder das Recht auf Bewegungsfreiheit zu erkämpfen. Andere brechen auf, um überhaupt eine Zukunft zu haben. Im reichen Norden verdienst du 1000 Euro im Monat, im Süden allenfalls 100 Euro. Im Norden gibt es Demokratien, im Süden Diktaturen. Und europäische Politiker unterstützen diese Diktaturen.
Warum bezeichen Sie das Sterben als „Nebenwirkung eines von Europa einseitig gegen Migranten erklärten Krieges“? In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Ankommenden gesunken und die der Opfer gestiegen. Die Routen der Migration verändern sich, werden länger und gefährlicher. Das ist eine Konsequenz der schärferen Grenzkontrollen. Flüchtlinge steuern ihre Boote selbst, ohne jegliche Erfahrung. Und Fischer retten Migranten in Seenot nicht mehr, weil sie Gefahr laufen, wegen Menschenhandels angezeigt zu werden. Das Mittelmeer entwickelt sich zum Massengrab.
Werden Flüchtlinge mit Terroristen gleichgesetzt? Die EU nennt die Bekämpfung des Terrorismus und die Bekämpfung der Migration in einem Atemzug. Migranten gelten als Sicherheitsbedrohung. Dabei sind mehr als die Hälfte der Menschen, die über das Mittelmeer kommen, politische Flüchtlinge. Doch die Zahl der Asylanträge sinkt, weil Zehntau-sende in Ländern wie Libyen und Marokko gefangen genommen werden. Europa will sie von sich fernhalten. Für die Europäische Grenzschutzagentur Frontex existieren nur illegale Migranten.
Wie viele Flüchtlinge leben in Europa? Mehr als sechs Millionen Menschen haben keine Papiere. Das ist eine wichtige Minderheit ohne Rechte und Staatsbürgerschaft, ohne Zugang zu legaler Arbeit und Gesundheitsversorgung. Sie können weder ihre Familien nach Europa bringen noch in ihre Herkunftsländer zurück. Europa braucht ihre Arbeitskraft, gibt ihnen aber keine Rechte.
Interview: Nina Schulz
Gabriele del Grande: Mamadous Fahrt in den Tod. Loeper Verlag, 2008, 224 Seiten, 14,90 Euro. Weitere Informationen: http://fortresseurope.blogspot.com
Wem gehört die Welt?
Adidas, Daimler, Coca-Cola, Apple, H&M – beinahe alle namhaften Marken sind in unsaubere Geschäfte verwickelt. Der Autor stellt die Machenschaften der Multis bloß und fordert die Verbraucher in den reichen Ländern auf, sich für Menschenrechte und gegen Ungleichheit stark zu machen. Denn: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“ Gut recherchiert, verständlich geschrieben, dazu kommen als Service viele Links und Aktionstipps.
Klaus Werner-Lobo: Uns gehört die Welt. Hanser Verlag, München 2008, 192 Seiten, 14,90 Euro.
Retterin der Wale
Um die Wale vor den Harpunen zu retten, sticht Regine Frerichs im Oktober 2007 zusammen mit 35 weiteren Besatzungsmitgliedern der „Esperanza“ in See. Ihr Ziel: die Antarktis. „Wir sind durch Blut gefahren, von Wasserkanonen beschossen worden, und unsere Schiffe wurden gerammt,“ berichtet die Greenpeace-Aktivistin über das wochenlange Gefecht mit japanischen Walfangflotten. Doch der nicht ungefährliche Einsatz hat sich gelohnt: „Solange wir in der Nähe waren, ist kein Wal getötet worden“, schreibt Frerichs in ihrem Bordtagebuch, das dem Leser ungewohnt tiefe Einblicke in das Leben einer Aktivistin gewährt.
Regine Frerichs: Im Fadenkreuz der Walfänger. Kosmos Verlag, Stuttgart 2008, 186 Seiten, 16,95 Euro. Erscheint am 12. September.
BND-Verstrickung in Bagdad
Die US-Invasion in den Irak stützte sich einzig auf die Aussagen des sogenannten „Curveball“, der gegenüber dem deutschen Bundesnachrichtendienst versicherte, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Dumm nur, dass sie frei erfunden waren – der BND war einem unglaubwürdigen Informanten aufgesessen.Der renommierte Reporter Bob Drogin deckt in diesem akribisch recherchierten Polit-Thriller alle handwerklichen Fehler, Pannen und Irrtümer im Vorfeld des Irakkriegs auf. Sein Fazit: Deutschland trägt eine Mitschuld.
Bob Drogin: Codename Curveball – Wie ein Informant des BND den Irakkrieg auslöste. Econ Verlag, Berlin 2008, 436 Seiten, 22,90 Euro. Erscheint Mitte September.
Tierisch raffinierte Mörder
Was haben eine hypnotisierende Krake, eine Schar hungriger Waldameisen und ein tanzendes Wiesel gemeinsam? Sie alle haben eine scheinbar grausam ausgeklügelte Mordtaktik entwickelt, die ihnen das Überleben sichert. Markus Bennemann stellt die raffiniertesten Morde im Tierreich vor. Mit Witz und würziger Frische erzählt der Autor die faszinierenden Geschichten über das Fressen und Gefressenwerden. Markus Bennemann: Im Fadenkreuz des Schützenfischs – Die raffiniertesten Morde im Tierreich. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, August 2008, 272 Seiten mit 16-seitiger Fotostrecke, 19,95 Euro.
Kinderbücher - Ich bin kein Ast!
Alle haben es auf Stockmann abgesehen, weil sie ihn mit einem Ast verwechseln. Bis er wieder bei seiner Familie landet, muss der Arme viele Abenteuer bestehen. Der begnadete Illustrator Axel Scheffler hat ein weiteres Kinderbuch mit viel Witz und Raffinesse wunderbar gezeichnet.
Axel Scheffler / Julia Donaldson: Stockmann. Beltz Verlag, Weinheim 2008, 32 Seiten, 12,90 Euro. Erscheint im September.
Fressen Tiger Gras?
Gras frisst Sonnenlicht. Gras ist Futter für Grashüpfer, aber nicht für Tiger. Frisst der Tiger Grashüpfer? In diesem wunderschön illustrierten Sachbilderbuch geht es um die Nahrungskette. Also darum, wer wen frisst und warum. Schritt für Schritt wird anschaulich und leicht verständlich gezeigt, wie alle Tiere und Pflanzen miteinander in Verbindung stehen und in unserem Ökosystem voneinander abhängig sind.
Se-Yeon Jeong / Hyeon-Jeong An: Fressen Tiger Gras? Für Kinder ab 4 Jahren, Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main 2008, 40 Seiten gebunden, 12,90 Euro.
www.ampelcheck.de Wogegen sich die Lebensmittelindustrie vehement sträubt, setzen die Verbraucherzentralen um: ein Ampelsystem, das anzeigt, wie gesund Lebensmittel sind. Fett- und Zuckergehalt lassen sich direkt in Rot, Gelb oder Grün umrechnen oder per Checkkarte beim Einkauf kontrollieren.
www.pendlerportal.de Fast jeder zweite deutsche Arbeitnehmer pendelt täglich zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. 80 Prozent nutzen den Pkw – fast alle fahren allein. Über das Pendlerportal lassen sich Mitfahrgelegenheiten schnell und einfach suchen oder anbieten. Was 2006 als kleines Netzwerk in der Region Lüneburg begann, umfasst mittlerweile sechs Bundesländer.
www.animalssavetheplanet.com (engl.)
Wenn Tiere einkaufen, brauchen sie keine Plastiktüten – der Pelikan packt seine Sachen in den Schnabel, das Känguru füllt den Beutel. Menschen könnten es ihnen gleichtun, indem sie zum Einkaufen eine Tasche mitbringen. Wie tierisch leicht es ist, die Umwelt zu schützen, zeigt diese Serie liebevoll gestalteter, amüsanter Kurzfilme. Für Kinder und Erwachsene!
|
|