greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de
greenpeace magazin 6.08

Dick durch Plastik

Verpackungen aus Kunststoff stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt zu stören und Übergewicht zu verursachen.

Für die Wissenschaft war der Fall klar: „Dick wird, wer zu viel isst und sich zu wenig bewegt.“ Wer also abnehmen wolle, sollte weniger essen und häufiger mal joggen. Doch so einfach ist es nicht, meint der US-Neurobiologe Frederick vom Saal von der Universität von Missouri. Vor gut einem Jahr stellte er seine Forschungsergebnisse vor, wonach nicht nur Fastfood und (angebliche) Faulheit dicke Bäuche verursachen: Die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen in den Industrienationen sei vielmehr eine zivilisatorische Vergiftungserscheinung, ausgelöst durch Chemikalien, teilte er auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in San Francisco der Fachwelt mit. Vom Saal hatte in einer Studie gezeigt, dass Frauen, in deren Blut sich hohe Mengen bestimmter Chemikalien finden, im Schnitt dicker sind als andere, weitgehend unbelastete. Auch waren Kinder belasteter Frauen im Schnitt korpulenter.


Im Visier hatte er vor allem die hormonähnliche Substanz Bisphenol A, kurz BPA. Sie ist Hauptbestandteil des Kunststoffs Polycarbonat, der für Babyfläschchen, Mikrowellengeschirr, Lebensmittelverpackungen und Beschichtungen von Konservendosen verwendet wird. Durch saure Lebensmittel oder beim Erwärmen von Plastikpulle und Kunststoffnapf kann sich die Substanz herauslösen, ins Essen oder Getränk wandern und schließlich in den Körper gelangen.

Zwar konnte vom Saal nicht genau erklären, wie der Stoff den Speck wachsen lässt. Doch die Hinweise mehren sich, dass an seiner These etwas dran ist. So legten auch Mäuse, die mit BPA gefüttert wurden, mehr an Gewicht zu als Kontrolltiere. Die US-Biolo-gin Retha Newbold zeigte in Versuchen außerdem, dass Tiere später besonders dick werden, wenn sie schon im Fötalstadium Chemikalien ausgesetzt sind. BPA führe offenbar dazu, dass der Körper ein Zuviel an Kalorien besonders effektiv in Form von Fett speichert, so die Forscherin vom National Institute for Environmental Health Science in North Carolina.


Auch der Lübecker Medizinprofessor Achim Peters hält es für möglich, dass Plastikstoffe eine Rolle beim Dickwerden spielen. Chemisch gesehen ähneln viele Kunststoffverbindungen nämlich den körpereigenen Hunger-und-Satt-Hormonen, den Stoffen also, die dem Gehirn melden, dass der Magen voll ist. Die Plastikstoffe, die wir mit dem Essen verschlingen, können das fein austarierte Regulationssystem möglicherweise so durcheinanderbringen, dass der Sattschalter ständig auf „aus“ steht – und somit mehr gegessen wird, als der Figur gut tut.


Der Lübecker Wissenschaftler erforscht seit Jahren die Rolle des Gehirns bei der Entstehung von Übergewicht und Diabetes. Er entwickelte die Theorie vom Selfish Brain, dem „selbstsüchtigen Gehirn“. Anders als viele Ernährungswissenschaftler reduziert Peters das Dickwerden nicht einfach auf Völlerei und Bewegungsmangel. Er konnte anhand von Messungen im Gehirn zeigen, dass die Ursachen für eine übermäßige Gewichtszunahme auf eine Störung der Hunger- und Sättigungsregulation zurückzuführen ist. Normalerweise funktioniert das so: Benötigt das Gehirn Energie, setzt eine ganze Kaskade von Reaktionen ein – mit dem Ziel, das Hirn schnellstmöglich mit Glucose (Zucker) zu versorgen. Aus dem Körpergewebe wird Energie bereitgestellt, und der Magen knurrt, sodass der Mensch isst, bis das Hirn ausreichend versorgt ist. Doch bei übergewichtigen Menschen ist das anders. Ihr Gehirn fordert ständig neuen Zucker an, also auch dann, wenn es eigentlich „satt“ melden müsste. Warum das so ist, wird nun in Lübeck erforscht.
Eine Ursache ist Peters zufolge Stress. Bei Menschen, die immer dann essen, wenn die Nerven blank liegen, kann es zu einer Fehlprogrammierung im Gehirn kommen – es meldet Dauerhunger. Doch auch die sogenannten endokrinen Disruptoren spielten eine Rolle, sagt Peters, jene chemischen Stoffe, die so ähnlich wie die körpereigenen Hormone wirken. Endokrine Disruptoren können in Pflanzenschutzmitteln stecken, die sich als Rückstand auf dem Gemüse finden, sie sind in manchen Medikamenten enthalten – und in Kunststoffverpackungen. Vor allem Folien, Tüten und Deckeldichtungen haben sie in sich. Rund tausend verschiedene Phtha-late oder Weichmacher – sie machen die Verpackung geschmeidig – sind bekannt. Ihr Nachteil: Sie sind nicht fest in den Kunststoff eingebunden und können durch Fett oder Flüssigkeiten herausgelöst werden. So gelangen sie vom Deckel des Pestoglases in die Pastasauce – und schließlich in den Magen.

Auch Thomas Göen vom Nürnberger Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin hält es für möglich, dass hormonähnliche Verbindungen aus Plastikverpackungen das körpereigene Hormonsystem beeinflussen und die Regulation von Hunger und Sättigung stören. Er hat im Auftrag des Umweltbundesamtes die Belastung von Kindern mit Weichmachern gemessen. Das erschreckende Ergebnis: In sämtlichen Urinproben der 239 untersuchten Kinder fanden sich Phthalate. Sie seien zu 90 Prozent über Lebensmittel in ihre Körper gelangt, so Göen.


Dass viele Weichmacher ein großes Problem sind, wissen auch die Behörden. Zwar gilt es noch nicht als gesichert, dass Übergewicht zu den Nebenwirkungen zählt. Doch schon länger ist bekannt, dass sie bei Tieren Missbildungen an den Geschlechtsorganen fördern, Augen und Nieren schädigen und zur Unfruchtbarkeit führen können. Deshalb sind seit Juni dieses Jahres fünf Weichmacher in Deckeldichtungen für Einmalverpackungen EU-weit verboten. Allerdings: Ganz vom Tisch sind sie damit noch nicht. In geringen Mengen dürfen sie weiterhin als technische Hilfsstoffe bei der Herstellung von Kunststoffen eingesetzt werden. Außerdem ist unklar, ob die nun von der Industrie alternativ eingesetzten Stoffe harmlos sind.


Unterdessen rät das amerikanische National Institute for Environmental Health Science, insbesondere die Aufnahme des mutmaßlichen Dickmachers BPA so weit wie möglich zu reduzieren. Babys sollen ihre Milch in Glasfläschchen bekommen, Essen für die Mikrowelle nicht in Plastikschalen, sondern in Glasbehältern erwärmt werden. Überhaupt sei der Verzehr von Lebensmitteln in Plastikverpackungen so weit wie möglich einzuschränken, rät auch US-Forscher vom Saal. Da sie oft zugleich auch viel Fett und Zucker enthalten, ist das in jedem Fall gut für die schlanke Linie.

Verbot gefordert
Nach neuen Warnungen vor Bisphenol A fordern Umweltschützer ein Ver­bot der Chemikalie für Babyflaschen. Andreas Gies vom Umweltbundes­amt hatte in „Report München“ gesagt, der EU-Grenzwert von täglich 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht sei zu hoch. Neue Tests zeigten, dass bei Affen schon sehr geringe Dosen die geistige Entwicklung schädigen. Die EU hatte den Grenzwert erst 2007 angehoben und war dafür heftig kritisiert worden. In Deutschland werden jährlich 400.000 Tonnen Bisphenol A vermarktet.

 

Text: Annette Sabersky

greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de