greenpeace magazin 3.09

Ganz unten

Die Asse kann jeden Tag absaufen. So etwas geschieht mit alten Salzbergwerken öfter mal. Doch in diesem lagert Atommüll. Eine Ortsbesichtigung mit Deutschlands oberstem Strahlenschützer.

 

 

Zehn Meter pro Sekunde rauscht der Förderkorb in die Tiefe. Wolfram König lächelt unter seinem weißen Bauhelm gegen das Getöse an. Seit Januar ist der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz neuer Hausherr des ehemaligen Salzbergwerks Asse. Für die Unordnung, die unten herrscht, entschuldigt er sich bei den Journalisten lieber gleich: „Wir können nicht alles, was in 40 Jahren falsch gemacht wurde, in 40 Tagen wieder gut machen.“


In 490 Metern Tiefe stoppt der Korb. Salzkristalle glitzern an den Wänden. Vor den Stahltüren der Luftschleuse betet eine hölzerne Barbara. Die Schutzheilige soll die Kumpel vor Unglücken bewahren. Ob auch Radioaktivität in ihren Aufgabenbereich fällt, ist nicht überliefert. Hier sollte einst ein zentraler Teil von Deutschlands nuklearer Zukunft „erprobt“ werden, die Endlagerung von Atommüll. Doch das Projekt für die Ewigkeit ist schon nach wenigen Jahren gescheitert. In die Asse, benannt nach einem Höhenzug im östlichen Niedersachsen, tropft es rein.


Zwischen 1967 und 1978 wurden beinahe 126.000 Fässer schwach- und mittel-radioaktive Abfälle hierher gebracht. Sie lagern in 13 von 131 Kammern an der Südflanke. Doch die Asse wurde nicht als Endlager angelegt. Die Firma Wintershall 
baute in dem Bergwerk Kali und Steinsalz ab, so viel wie möglich. Kein Wunder, dass es ausgehöhlt ist, löchrig und einsturzgefährdet. Hier tickt eine Zeitbombe.


Im Dunkel des Berges wirken 30 Stundenkilometer wie Tempo 80. Der offene Geländewagen rast durch das riesige Gangsystem. Der Fahrtwind fühlt sich tropisch an, die Luft schmeckt nach Salz. Um die Hälse der Besucher baumeln Dosimeter. Sie zeigen eine Strahlung von Nullkommanull. Aber man weiß ja nie.


Besucherführerin Annette Parlitz stoppt den Jeep. Zwei Bergleute schrecken aus der Kaffeepause hoch. „Glückauf!“ rufen sie und stellen die Becher auf einen Schreibtisch. Ein Grubenbüro mit Spind und Stühlen im staubigen Scheinwerferlicht, 658 Meter unter der Oberfläche. „Wir beobachten die Lauge und passen auf, dass nichts passiert“, erklärt einer der Männer im Unterhemd. Rund um die Uhr beobachten die Bergleute im Schichtdienst die zerstörerische Flüssigkeit, die in Kammer 3 auf einer Plane zusammenkriecht und durch ein Rohr ins Sammelbecken plätschert, täglich zehn Kubikmeter. Allerdings wird nicht die gesamte Lauge „gefasst“. Zwei Kubikmeter pro Tag sickern tiefer. In Richtung Atommüll.


Den genauen Weg des Zutrittswassers kennt keiner. „Hoffentlich verläuft der Zufluss nicht durch Salzgestein“, sagt König, „sonst könnte er durch den Lösungseffekt noch stark zunehmen.“ Falls sich die Risse vergrößern, könnten von heute auf morgen „unbeherrschbare Mengen“ einströmen. Es entstünde ein See untertage, mittendrin 102 Tonnen Uran, fast zwölf Kilo Plutonium und weitere Radionuklide in rostenden Fässern, vermutlich mit Verbindung zum Grundwasser.


Nicht mal fünf Kilometer entfernt stürzte im Jahr 1936 der Salzstock Hedwigsburg ein. Die Menschen hier haben das nicht vergessen. Damals tat sich ein Krater auf, in dem bis heute ein See steht. Auch in der Asse ist solch ein „Tagesbruch“ möglich, sagt der Hydrogeologe Ralf Krupp. Elf Jahre Standsicherheit geben die Experten dem Berg. Aber nur, wenn es bei zwölf Kubikmetern pro Tag bleibt.


Unbelastetes Zutrittswasser lässt der neue Chef schnellstmöglich nach oben pumpen und in ein Bergwerk bei Celle bringen. Denn je länger es in den Sammelbecken steht, desto stärker reichert es sich mit radioaktivem Tritium aus der Grubenluft an. Schlampereien bei der Entsorgung kontaminierter Salzlösung hatten 
das Ende des früheren Betreibers, des Münchner Helmholtz-Zentrums, eingeleitet. „Durch die schnelle Entsorgung liegen die Werte unserer Lauge um die Hälfte unter denen von Trinkwasser“, sagt König. „Eine vertrauensbildende Maßnahme.“


Die sind dringend nötig. Denn einen großen Vertrauensvorschuss genießt der 51-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt und dem grünen Parteibuch in der Region nicht. Schon zu lange wurde in der Asse geschlampt und vertuscht, auch die rot-grüne Bundesregierung hatte die Probleme nicht angepackt. Er verwalte „eines der größten Umweltprobleme Deutschlands“, erklärt König, als wolle er noch einmal klarstellen, dass er für das Desaster nicht verantwortlich ist. „Das hier hätte nie ein Endlager werden dürfen.“

„Wir wussten immer, dass die Asse nass ist“, sagt Udo 
Dettmann vom Asse-II-Koordinierungskreis. Ein Häuflein Aufrechter hat sich zum „Atommüll-Spaziergang“ versammelt. 13 Menschen und drei Hunde durchwandern den Wald. Dettmann hat ein gelbes A aus Holz geschultert, das Zeichen des Protests. Er deutet auf eine Lichtung: „Da drunter war mal die Asse I. Abgesoffen 1906.“ Nur anderthalb Kilometer sind es von hier zur Asse II. Auch Nummer drei liegt in der Nähe. „Stillgelegt 1924“, erklärt der 36-Jährige 
knapp, „dann abgesoffen.“ Wie jeder dritte Salzstock in Norddeutschland. Wären da nicht die Pumpen, hätte dieses Schicksal längst auch Asse II ereilt.


Jahrzehntelang hieß es offiziell, die Asse sei trocken. Doch schon bei der Erstbesichtigung 1964 fanden Vertreter des Bundesforschungsministeriums und der Karlsruher Gesellschaft für Kernforschung einen „Behälter zum Auffangen des Tropfwassers“ vor. Davon unbeeindruckt notierte ein Teilnehmer: „Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der von den Herren der Wintershall gesprächsweise auf 600.000 DM beziffert wurde.“ Im Jahr darauf sicherte man sich das Schnäppchen.


„Es kann schon lange niemand mehr sagen, er hätte es nicht gewusst“, schrieb der Wasserbauingenieur Hans-Helge Jürgens 1979. Neun Jahre bevor der massive Wassereinstrom begann, kam der Doktorand der TU Braunschweig zu dem Ergebnis, dass „eine Gefährdung der Umwelt durch den Zusammenbruch des ehemaligen Salzbergwerks Asse II gegeben ist.“ Sogar im Fernsehen erklärte der langhaarige Experte damals, wie der Berg im Falle eines Absaufens die radioaktive Brühe ins Grundwasser pressen könnte. Danach fand er in der Region keinen Job mehr. Es galt das Wort des wissenschaftlichen Asse-Leiters, Klaus Kühn, ein Wassereinbruch sei mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“. Der inzwischen emeritierte Professor der TU Clausthal erhielt 1990 das Bundesverdienstkreuz und wurde 2002 in den USA für sein Lebenswerk ausgezeichnet – die „Erforschung der sicheren Endlagerung radioaktiver Abfälle“.

Wie ein schiefes Hochhaus lehnt das leider doch nicht so sichere Endlager unter der Erde an einem Kegel aus hochlöslichem Kalisalz. Das Grubengebäude ist eine 260 Meter hohe Ruine mit 13 Stockwerken. Die Last des Berges drückt den Hohlraum drei Kubikmeter pro Tag zusammen. Einige Zwischendecken sind bereits herausgebrochen. Ganz unten, auf der 750-Meter-Sohle, gilt eine Kammer mit schwachradioaktivem Inhalt als akut einsturzgefährdet. Seit 1965 ist die Südflanke sechs Meter gewandert. Immer auf den strahlenden Abfall zu.


Annette Parlitz tritt wieder auf die Bremse. Sie zeigt einen Spalt, der mal ein Zugang zu Kammer 3 auf der 637-Meter-Sohle war: „Als ich vor anderthalb Jahren hier anfing, hat dort ein schmaler Mensch noch durchgepasst.“ Daneben hängt ein Absperrband. Von weitem ist zu erkennen, dass die neun Jahre alten Stützpfeiler 
aus Beton splittern. Gleich um die Ecke sei einer „aufgeblättert wie ein Croissant“, berichtet Parlitz. Sehen dürfen die neugierigen Journalisten ihn nicht.


Auch die kreuz und quer verkippten und möglicherweise leckgeschlagenen Fässer, die im vergangenen Sommer Schlagzeilen machten, bleiben ihren Blicken verschlossen – aus Sicherheitsgründen. Ebenso wie der „Sumpf“ vor Kammer zwölf, dessen nachsickernde, stark mit Cäsium-137 belastete Lauge das Helmholtz-Zentrum illegalerweise einfach in die Tiefe pumpen ließ.


Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, in dessen Wahlkreis die Asse liegt, war im vergangenen Jahr noch in Straßenschuhen zu Besuch. Seit er den Schacht durch das Bundesamt für Strahlenschutz betreiben lässt, sind die Regeln strenger. Jetzt muss jeder in eine frisch gereinigte Bergmannskluft und Stiefel schlüpfen.Denn seit Januar ist die Asse offiziell kein „Versuchsendlager“ mehr, sondern ein „Endlager vor der Schließung“. Dass sie vier Jahrzehnte lang als Forschungsprojekt galt, kommt die Steuerzahler teuer zu stehen: Mindestens 2,2 Milliarden Euro wird die Stilllegung verschlingen. Die Stromkonzerne fühlen sich nicht zuständig. Schließlich gilt fast alles hier rechtlich als Forschungsmüll.


Greenpeace hat jedoch vorgerechnet, dass mehr als 70 Prozent der Strahlung und fast 40 Prozent der Fässer von den Stromversorgern stammen. König bestätigt inzwischen: „Alle damals in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke haben direkt oder indirekt hierher geliefert.“ Die Konzerne haben ihren Müll über die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe „gewaschen“. Auch sie war ein Forschungsprojekt, die Abfälle danach also Forschungs-Atommüll. „Versuchsweise“ und „Endlagerung“ – zwei Worte, die nicht zueinander passen.


220 Aktenordner hat das Helmholtz-Zentrum dem neuen Betreiber übergeben: „Wir wissen nicht, ob sie vollständig sind“, sagt König, „ob alles abgedeckt ist, was in den Fässern drin ist.“ Während immer neue Details aus der Vergangenheit ans Licht kommen, kämpft Deutschlands oberster Strahlenschützer um die Zukunft: „Entscheidend wird sein, dass wir die Standsicherheit nach hinten verschieben“, erklärt er den Journalisten bei Tageslicht. Im neuen Info-Zentrum sitzt man zwischen Kammer vier und Kammer fünf, nur 750 Meter höher. Es gibt Kaffee und Animations-Filme über den Zustand des Bergwerks.


Spezialbeton soll die Asse so lange wie möglich vor dem Einsturz bewahren: „Ich nenne das Zeit kaufen“, 
sagt König lächelnd. Zeit, um endlich zu einer Entscheidung zu finden. Diskutiert wird, den Atommüll herauszuholen und in den Schacht Konrad bei Salzgitter zu bringen. Oder ihn innerhalb des Bergwerks umzulagern. Oder die Grube mit Beton zu verfüllen. Oder sie zu fluten. Gutachten zu allen Varianten sind in Auftrag.


Doch kein Masterplan, keine Rettungsidee wird im Info-Zentrum präsentiert. Udo Dettmann enttäuscht das: „Das Bundesamt kommt nicht von der Stelle. Die Strategie fehlt.“ Und was wird, wenn nach der Bundestagswahl nicht mehr Sigmar Gabriel Umweltminister ist? Die Bürgerinitiativen drängen auf eine Lösung vor der Sommerpause. Strahlenschutzpräsident König hat den Anwohnern jedoch erst für das Jahresende ein Konzept versprochen: „Wir wollen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.“


Untersucht ist bisher nur die Flutung. Es war die vom Helmholtz-Zentrum geplante und mit Abstand preiswerteste Variante. Doch dagegen laufen die Bürgerinitiativen Sturm. Zwar würde das „Schutzfluidum“, eine gesättigte Salzlösung, die Salzwände verschonen und den Schacht stabilisieren. Doch die Fässer würden, je nach Beschaffenheit, innerhalb von zehn bis 100 Jahren wegrosten. Fatal für die Langzeitsicherheit. Der Hydrogeologe Ralf Krupp schätzt: „In der Nähe des Bergwerks müssten mindestens die nächsten hundert Generationen Grundwasser abpumpen und dekontaminieren.“


„Die Flutung muss vom Tisch“, fordert Udo Dettmann. „Wir verfolgen sie schon deshalb weiter, weil sie am weitesten erarbeitet ist“, erwidert der Strahlenschutzpräsident – und fügt hinzu: „Auch im Sinne der Gefahrenabwehr.“ Das heißt: Falls die Asse schon morgen oder übermorgen voll Wasser läuft, reicht die Zeit höchstens noch für eine Gegen-Flutung. Die würde zwar den Einsturz verhindern, aber ein nasses Atommüll-Grab hinterlassen. Mitten in Deutschland.

 

Text: Katja Nündel



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