greenpeace magazin 3.09

Kinderschokolade

Vor Jahren gelobte die Süßwarenindustrie Besserung. Doch noch 
immer schinden sich auf den Kakao­plantagen der Elfenbeinküste 
Minderjährige bei der Kakaoernte.

 

Der Kanister auf seinem Rücken ist von einem umbarmherzigen, harten Blau. Aus dem Schlauch rinnt eine Flüssigkeit. „Es juckt, es beißt“, flüstert er, während durchsichtige Tropfen über seine Finger laufen. „Es brennt auf der Haut, in der Nase, in den Augen, es bringt dich zum Husten!“


Seit dem Morgengrauen hat Richard mit dem Pestizid die grüngelben Früchte von Kakaobäumen besprüht. Den ganzen Tag. Ohne Atemschutz. Ein schorfiger Ausschlag überzieht seinen Körper. 
Seine Augen sind gerötet. Sein Blick wirkt, als habe das Gift nicht nur Schädlinge zerstört, sondern auch etwas in ihm selbst. Er schaut uns an wie ein müder alter Mann, dabei ist Richard erst zehn Jahre alt.


Wir begegnen dem hageren Jungen im äußersten Südwesten der Elfenbeinküste, am Rand einer schlammigen Piste, die selbst für unseren Geländewagen kaum passierbar ist. Sie führt zu einer Ansammlung halb zerfallener Hütten, die notdürftig mit Lehm verkleidet und mit schwarzen Plastikplanen abgedeckt sind. Ringsum erhebt sich die tropische Vegetation wie eine grüne Wand. Aus dem Dickicht schimmern die weißlichen Stämme von Kakaobäumen – das fahle Skelett einer milliardenschweren Industrie.


Mehr als ein Drittel des weltweit erzeugten Kakaos stammt aus dieser entlegenen, feuchtheißen Region, die sich von der liberianischen bis zur ghanaischen Grenze quer durch den Süden der Elfenbeinküste zieht. Aus Côte d‘Ivoire, so der französische Name des Landes, gingen im Jahr 2000 verstörende Bilder um die Welt: Der britische Sender Channel 4 zeigte Kinder, die in Burkina Faso und Mali in die Fänge organisierter Menschenhändler geraten waren, um sich wenig später auf ivorischen Kakaopflanzungen wiederzufinden. Sie schufteten ohne Bezahlung und bekamen gerade so viel zu essen, dass sie nicht verhungerten. Nachts wurden sie eingesperrt. Sie präsentierten schwere Verletzungen – zugefügt von ihren „Arbeitgebern“, und einer sagte in die Kamera: „Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch.“


Die Verbraucher in Europa und Amerika reagierten empfindlich auf den Beigeschmack von Kinderschweiß und -blut in ihren Tafeln mit dem zarten Schmelz, ihren Pralinen und Lebkuchenherzen. Die 
Vereinigten Staaten, die fast die Hälfte des ivorischen Kakaos importieren, drohten mit einem Embargo. Die Elfenbeinküste unterzeichnete im September 2001 – gemeinsam mit der multinationalen Schokoladenindustrie – das eilig ausgearbeitete Harkin-Engel-Protokoll, in dem man sich verpflichtete, den Kinderhandel und die schlimmsten Formen der Kinderarbeit aus der Kakaoproduktion zu verbannen: neben Zwangsarbeit auch Tätigkeiten, die ein Kind dauerhaft davon abhalten, eine Schule zu besuchen, sowie gefährliche oder gesundheitsschädliche Arbeiten wie das Tragen schwerer Lasten, den Umgang mit giftigen Substanzen und mit der Machete.


Die im Protokoll vereinbarte Frist verstrich ergebnislos. Eine zweite ist im Juni 2008 abgelaufen. Ist der Menschenhandel im Kakaosektor der Elfenbeinküste nun besiegt? Müssen Kinder nicht mehr länger als billige Arbeitskräfte herhalten? Gehen sie statt in die Pflanzung jetzt zur Schule?


Der kleine Richard kratzt sich den Schorf von den Armen und sieht zu Boden. Wozu die Kakaobohnen gut sind, die sein Leben und das Hunderttausender bestimmen, weiß er nicht. Von Schokolade hat er nie gehört, eine Schule nie besucht. Er sei in Burkina Faso geboren, verrät er uns mit leiser Stimme. Seine Mutter lebe dort. Sein Vater sei gestorben, er selbst vor drei Jahren in die Elfenbeinküste gekommen.
Mit sieben? Allein?

Ein Mann, den wir für eine Art von Aufseher halten, schält sich aus dem Unterholz am Pistenrand. Richard wirft ihm einen ängstlichen Blick zu – und schweigt. Der Mann behauptet, er sei Richards „gro-ßer Bruder“. Ausweispapiere hat Richard nicht. Dass er ein 
Opfer westafrikanischer Menschenhändler ist, können wir nur vermuten. Mit Sicherheit erfahren werden wir es nie. Zum Abschied reicht uns Richard die Hand. Sie fühlt sich rau und zerbrechlich an. Und feucht vom Pestizid. Kurz darauf beginnen unsere Finger heftig zu jucken – ein pulsierendes Brennen, das sich mit Wasser 
nicht abwaschen lässt.


Theobroma cacao – „Speise der Götter“ – taufte der berühmte Botaniker Carl von Linné einst den Kakaobaum. Den ivorischen Bauern hat er nicht auf die Schokoladenseite des Lebens verholfen. Sie fristen ein jämmerliches Dasein in weit verstreuten Dörfern und abgeschiedenen Camps wie Boniface. Windschiefe Lehmhütten ducken sich inmitten der Pflanzungen. Es gibt keinen Strom, keinen Brunnen. Die nächste Schule ist zu Fuß drei Stunden entfernt, das nächste Krankenhaus einen Tag.


Eine Frau, die wir in Boniface treffen, führt uns durch die Kakao-wälder, über Ameisenstraßen, Wasserläufe, umgestürzte Urwaldriesen. Wir schieben ein paar Zweige beiseite und stehen plötzlich vor einer Gruppe von Erntearbeitern: zwei junge Männer, zwei Frauen, vier Kinder. Sie greifen erschrocken nach ihren Macheten und lassen sie erst wieder sinken, als die Frau aus Boniface uns vorgestellt hat; dann nehmen sie ihre langen Holzstangen wieder auf, um sie in die Baumkronen zu stemmen und die gebogene Klinge am kurzen Stiel der Früchte anzusetzen. Ein schneller Schnitt, die Äste schütteln sich, Wassertropfen regnen herab, die Frucht fällt mit einem dumpfen Schlag zu Boden und springt über das trockene Laub.


Evrad ist elf Jahre alt, ein hübscher Junge mit Locken und großen, kastanienbraunen Augen. Weil die Stange noch zu schwer für ihn ist, erntet er mit der Machete, was in seiner Höhe hängt. Immer wenn seine Klinge in einen Stamm fährt, ächzt Evrad leise. Schweiß perlt von seiner Stirn, rinnt von seinen Schläfen. Er zeigt uns die Narben, welche das Buschmesser an seinen Händen und Armen hinterlassen hat, als er erschöpft und unkonzentriert war. Sein Hemd trägt die verblasste Aufschrift „Peugeot – de luxe“.


Die Pflanzung gehört Augustin Sawadogo, dem schlanken, hochgewachsenen Mann mit Ziernarben auf den Wangen, der ein Stück weiter geschickt die Erntestange durch die Baumkronen fahren lässt. Augustin ist erst 22 Jahre alt, doch seine Zähne sind bereits verfault. Sein Hemd besteht nur noch aus Fetzen. Er trägt zerlöcherte Gummistiefel und ist nicht der ausbeuterische Sklaventreiber, als den wir uns den Besitzer einer Pflanzung vorgestellt haben.


„Als mein Vater krank wurde“, erzählt er auf Französisch, „nahm er mich von der Schule, aus der zweiten Klasse. Ich musste im Kakao helfen. Das war der schwärzeste Tag meines Lebens.“ Seit sein Vater gestorben sei, tue er alles, um seine jüngeren Brüder auf die Schule zu schicken. Die jährliche Gebühr beträgt 15.000 Francs CFA. Umgerechnet 20 Euro. Keine große Sache, wie es scheint. Doch trotz der täglichen Knochenarbeit in der Pflanzung hat Augustin das Geld nicht. „Kakao bringt nichts ein“, winkt er ab. „Kakao macht müde, hungrig, krank. Nur die Schule bringt dich hier raus, nur die Schule sorgt für einen vollen Bauch.“ In schlechten Zeiten legt Augustins Frau bemooste Steine in kochendes Wasser, damit die Kinder nach der Arbeit etwas „Suppe“ essen können.

In Boniface gibt es einen Hahn. Einen einzigen. Er ist weiß. Augustin schenkt ihn uns. Es ist Brauch so. Das Allerbeste für den Gast. Augustins Augen leuchten vor Stolz. Wir können nicht ablehnen, können nur darauf bestehen, dass das Tier sofort geschlachtet wird, um es im Kreis der Familie zu verzehren.


Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch. Nach Schätzungen der britischen Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International arbeiten in der Elfenbeinküste bis zu 200.000 Kinder am süßen Kick der Industrienationen. Bis zu 14 Stunden täglich. Rund eine Million ivorische Kleinbauern, die wie Augustin auf Flächen bis zu drei Hektar Kakao anpflanzen, verhelfen der multinationalen Schokoladenindustrie jährlich zu Umsätzen von fast zwei Milliarden Dollar. Doch sie selbst sind bettelarm.


Von den „pisteurs“, den Aufkäufern, die in ihren klapprigen Kleinlastern die abgelegenen Sammelplätze anfahren, erhalten die Pflanzer derzeit im Schnitt 75 Cent für das Kilo Kakaobohnen. Das reicht oft nicht einmal für Dünger und Pflanzenschutzmittel. Preisgarantien gibt es keine. Die Bauern leben in direkter Abhängigkeit vom Weltmarktpreis und wissen heute nicht, ob sie nächstes Jahr vielleicht nur noch 60 oder gar 50 Cent erhalten. Eine Unsicherheit, die jede Planung unmöglich macht.


Nur rund ein Drittel des Exportwerts des Rohkakaos bleibt bei den Bauern. Den Mammutanteil schöpfen Zwischenhändler, korrupte Beamte und die Wegelagerer an Checkpoints entlang der Pisten ab. Der einzige Faktor, den der Bauer in seiner Notlage beeinflussen kann, sind die Kosten für Arbeitskraft. Deshalb schickt er Kinder in die Pflanzung.


Um die Armut zu bekämpfen und damit den Menschenhandel und die Kinderarbeit in den Griff zu bekommen, verlangte das Harkin-Engel-Protokoll von den Schokoladenkonzernen unter anderem die Gründung einer Stiftung, die auch Entwicklungsarbeit im Kakaogürtel leisten soll. So entstand die International Cocoa Initiative (ICI). In Gabiadji, einem staubigen Ort mit knapp 20.000 Einwohnern im ivorischen Südwesten, unterhält die ICI ein Projekt. Zumindest steht es so in ihren Hochglanzbroschüren.


Richard Tabio, der Sprecher des Dorfchefs, erinnert sich, dass eine Abordnung der ICI auf dem zentralen Platz einen Vortrag zum Thema Kinderarbeit gehalten hat. „Das war‘s“, sagt 
Tabio und zuckt mit den Schultern. „Sonst haben wir nichts erhalten, keinerlei Hilfe.“


Nach der „Sensibilisierung“ durch das ICI-Projekt wissen die Bauern zwar weiterhin nicht, wie sie ihre Familien durchbringen sollen. Aber dank der Schokoladenmultis wissen sie jetzt, dass sie bei ihrem täglichen Überlebenskampf auf ihre Kinder verzichten und sie stattdessen in die Schule schicken sollen. Auch wenn das Geld dafür fehlt. Oder die nächste Schule fünf Stunden 
zu Fuß entfernt ist.


„Wir wollen Jugendliche zu Handwerkern ausbilden“, erklärt Tabio, und mit einem Mal geht ein Strahlen über sein Gesicht. „Mechaniker, Schreiner, Schneider, Friseure – Menschen mit Zukunft.“ Über 80 Prozent der Jugendlichen in Gabiadji haben keine Arbeit. Der Dorfrat stellte bei der ICI einen Projektantrag auf Hilfe beim Bau einer Ausbildungswerkstatt. Vor mehr als einem Jahr. Bisher hätten sie keinerlei Antwort erhalten. Überhaupt sei es gut zehn Monate her, seit sich ein Vertreter des Projekts das letzte Mal habe blicken lassen. „Wir warten“, sagt Tabio, und sein Strahlen erlischt jäh. „Vielleicht erinnern die sich eines Tages an uns.“ Zum Abschied schenkt uns Tabio einen weißen Hahn.


„Wir sind noch in der Pilotphase“, wird Robalé Kagohi, der Projektkoordinator der ICI, ein paar Tage später in der Küstenmetropole Abidjan beteuern, obwohl die Schokoladenindustrie das Harkin-Engel-Protokoll schon vor mehr als sieben Jahren unterzeichnet hat. Davon abgesehen glaube er nicht, dass die Armut der Bauern ein Hauptgrund für die Kinderarbeit sei.


Möglicherweise existieren in den 88 Gemeinden, in denen sich die Schokoladenindustrie mit Projekten brüstet, gelungenere Beispiele von Entwicklungszusammenarbeit. Unterwegs drängt sich uns jedoch eher der Eindruck auf, dass die Multis das Harkin-Engel-Protokoll unterschrieben und die ICI gegründet haben – und das Thema der Kinderarbeit damit für sie erledigt ist. Niemand kontrolliert ernsthaft die Umsetzung der formulierten Grundsätze. Und geändert hat sich kaum etwas.


In einer Pflanzung bei Sinikosson, einem Dorf ohne Strom und ohne Schule, sind geerntete Kakaofrüchte zu einem gewaltigen Berg aufgehäuft. Ein Dutzend Arbeiter hocken am Boden. Die jüngsten sind acht Jahre alt. In einer Hand halten sie die Frucht, während die andere dicht neben ihren Fingern die Machete niederfahren lässt. Eine kurze Drehung der Klinge, die Frucht springt auf, mit der Machetenspitze holen die Jungen das glänzend weiße, klebrige Fleisch heraus, das die Kakaobohnen umfasst; dann nehmen sie die nächste Frucht auf, dann noch eine und noch eine, von morgens bis abends, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Nebenan verrottet auf langen Bambusrosten das Fruchtfleisch in der Sonne, bis nur noch die getrockneten Bohnen übrig sind. Zehnjährige scharren sie in Säcke und schleppen sie zu den Sammelplätzen der „pisteurs“. Ihre Knie zittern, als drohten sie unter der Last zu brechen.


Und auch der Kinderhandel floriert weiter. Auf unserer Reise durch den Kakaogürtel geben wir vor, selbst Pflanzungen im 
Osten zu besitzen und billige Arbeitskräfte zu suchen. Nach mehreren Fehlversuchen können wir in einem Camp namens Mamakro einen Menschenhändler überzeugen. Issouf – sein zweiter Name spiele keine Rolle, sagt er – ist Mitte 30, ein stämmiger Mann mit breiten Lippen und katzenartigem Blick. Seine Schneidezähne sind ihm ausgeschlagen worden. „Mittelstarke Arbeiter!“, sagt er mit rauer Stimme. „Nicht zu stark, nicht zu schwach! Genau richtig für die Pflanzung!“


Wie alt? Issoufs Mine verfinstert sich. Er mustert uns mit seinem stechenden Blick. Was, wenn er die List durchschaut? Wir befinden uns weitab von der Straße, irgendwo im Busch. Niemand könnte uns helfen. Die Lehmhütten des Camps bilden einen Kreis um uns. In ihren Schatten verharren kräftige Männer. Wir spüren ihre misstrauischen Blicke.


„Zehn, zwölf Jahre alt“, antwortet Issouf schließlich, ohne uns aus den Augen zu lassen. „Sind in dem Alter schon kräftig, essen noch nicht so viel, machen keine Probleme.“ Er will die Kinder im Nachbarland Burkina Faso besorgen. „Maximal sechs auf einmal. Zu viele, und es sieht nach Handel aus.“ Das Geschäft werde bei einem Abendessen mit den Oberhäuptern der Familien besiegelt, Familien, die in bitterer Armut leben und sich für ihre Jüngsten ein besseres Leben erhoffen. Die meisten dieser Kinder werden nie mehr zurückkehren. Schlecht oder gar nicht bezahlt, werden sie immer abhängiger von ihren „Arbeitgebern“. Ohne Papiere und ohne Geld ist ihre einzige Zukunft die in der Pflanzung.

Trotz des Bürgerkriegs, der die Elfenbeinküste zwischen 2002 und 2004 heimsuchte und die wirtschaftliche Talfahrt beschleunigte, gilt das Kakaoland in Westafrika immer noch als Eldorado. Die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften ist hoch und das Angebot in Burkina Faso, Mali, Togo, Benin, die zu den ärmsten Ländern des Kontinents zählen, unerschöpflich.


„150.000 CFA pro Stück!“, sagt Issouf plötzlich. Als wir auf sein Angebot nicht reagieren, verfinstert sich sein Blick erneut. Er nickt den Männern zu. Sie lösen sich aus den Schatten, kommen mit ihren Macheten auf uns zu. Um kein weiteres Misstrauen zu erregen, feilschen wir. Die Situation entspannt sich allmählich. Issoufs letztes Angebot: 80.000 CFA-Francs pro Kind. 120 Euro. Als Lohn für ein Jahr Knochenarbeit. Transport inklusive. Zu bezahlen an ihn, Issouf. Er gibt uns seine Telefonnummer. Wir sollen ihn anrufen. Zwei Wochen im Voraus.


Schokolade macht gute Laune. Schokolade macht glücklich. Sagt die Werbung. Im ivorischen Südwesten befeuert sie einen Teufelskreis. Kakao bringt kein Geld. Ohne Geld kein Schulbesuch. Ohne Schule keine Alternative zum Kakao. Und so schuften auch die Kinder der Kinder in der Pflanzung, zu einem Leben in Armut verdammt, einer Armut, die von Generation zu Generation 
weitergegeben wird.


In dieser Dynamik können die Bauern auf wenig Hilfe hoffen. Zwar kassiert der ivorische Staat jährlich unter anderem eine Exportsteuer, die offiziell für die ländliche Entwicklung vorgesehen ist. Dieses Geld versickert jedoch in dunklen Kanälen. Henri Kassi Amouzou, der Präsident des Entwicklungsfonds aus Kakaogeldern, wurde im Sommer 2008 unter dem Vorwurf der Korruption verhaftet. Im Gefängnis sitzen außerdem der Chef der Kakaobörse, Lucien Tapé Do, und die oberste Kakaokontrolleurin Angeline Kili. Sie alle stehen dem ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo und seiner Partei der „Front Populaire Ivoirien“ nahe. Vermisst werden derzeit Gelder in Höhe von 650 Millionen Euro.


Und auch die Fürsten der multinationalen Schokoladenkonzerne, die rücksichtslos den Abnahmepreis bei den Bauern drücken, um den Rohkakao in den Industrienationen mit horrenden Gewinnen zu veredeln – die Herrscher also über die Negerküsse, Mohrenköpfe und Bitterschokoladen dieser Welt –, lassen sich ihre astronomischen Jahresgehälter, ihre Luxuslimousinen und barocken Villen von Hunderttausenden unterernährter Kinder finanzieren. Von Kindern, die in den Pflanzungen verheizt werden wie industrieller Brennstoff. Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch – allein die Deutschen konsumieren jährlich rund 800.000 Tonnen davon, fast zehn Kilogramm pro Kopf. Mehr als die Hälfte des Kakaos hierfür stammt aus der Elfenbeinküste.


In ihrer Misere versuchen sich die Kakaobauern selbst zu helfen. Weitab von den exquisiten Schokoladenboutiquen in München, Zürich oder Paris, in Bigne, einem Hüttendorf westlich von Gabiadji, sechs Stunden Fußmarsch vom Asphalt entfernt, unterhält Ngoran Amoin Martine in einem einfachen Lehmhaus eine „Klinik“. Die kleine Frau mit den herzförmigen blauen Ohrsteckern empfängt uns im winzigen Warteraum. An bröckelnden Wänden hängen Plakate mit anatomischen Schaubildern. Zwei stickige Zellen dienen als Krankenzimmer für stationäre Patienten. Die Pritsche im Entbindungsraum ist notdürftig mit einer schwarzen Plastikplane bezogen. „Es fehlt an allem“, sagt Martine, die sich liebevoll um ihre Station 
kümmert. „An Medikamenten, an Instrumenten, an Laken.“


Wenn jemand stationär bleiben muss, füttert Martine ihn gratis durch. Auch für die Konsultation verlangt sie nichts. Nur die Behandlung ist kostenpflichtig. Malaria und Durchfallerkrankungen grassieren. Weit verbreitet ist auch Anämie. Vor allem bei Kindern. Wegen schlechter Ernährung und Schwerstarbeit. Schon Sechsjährige fügen sich in den Pflanzungen schlimme Machetenwunden zu, die Martine ohne Betäubung nähen muss.


„Die Kinder arbeiten viel zu hart, sie gehen kilometerweit in der brütenden Hitze, Trinkwasser ist knapp, dazu die Unterernährung“, klagt Martine und weist uns darauf hin, dass zu den arbeitsintensiven Zeiten auch die Mütter in den Pflanzungen gebraucht werden. Weil sie ihre Babys nicht allein lassen können, tragen sie sie auf dem Rücken, während sie die Giftspritze in die Bäume halten. „So atmen schon wenige Monate alte Kinder hochgiftige Pestizide ein“, sagt Martine, während sie eine Handvoll Tabletten in ihren sonst leeren Medikamentenschrank legt. Hier draußen im Busch ist sie die einzige Anlaufstelle für Kranke. Gut 60 Patienten versorgt sie im Monat. Unterstützung erhält sie nicht.


Im Nachbardorf Golikro hat die Dorfgemeinschaft aus eigenen Mitteln einen Lagerschuppen für Kakao zu einer Schule umgebaut. 26 Jungen und Mädchen sitzen auf provisorisch zusammengenagelten Bänken. Vom gestampften Boden steigen Staubpartikel in den Lichtfäden auf, die durch die Löcher im Wellblechdach herabfallen. Es herrscht eine Stille wie in einer Kirche, während die andächtigen Blicke der Kinder an den Lippen des jungen Lehrers kleben, der vor der Schiefertafel das französische Alphabet aufsagt.


Kofi Kouamé Patrick, ein zierlicher 21-Jähriger, ist zehn Jahre zur Schule gegangen, eine verhältnismäßig lange Zeit, die ihn hier draußen zum Lehrer qualifiziert. „Unsere Schule ist offiziell nicht anerkannt“, erzählt er uns in einer Unterrichtspause. „Unser Abschluss ist für weiterführende Studien wertlos.“ Dennoch seien solche Dorfschulen ein Hoffnungsschimmer. Mit einem Minimum an Bildung fänden sich die Schüler im Leben besser zurecht. Neben Französisch 
lehrt Patrick auch Mathematik und Gemeinschaftskunde.


In den hinteren Reihen sitzen die Alten, um etwas vom Unterricht aufzuschnappen. Diese Kakaobauern mit ihren sonnenverbrannten Gesichtern, ihren schwieligen Händen und der zerrissenen Kleidung legen für den Unterhalt der Schule zusammen und bezahlen auch den Lehrer. „45.000 CFA sind viel Geld für mich“, sagt einer von ihnen, der zwei Jungen und ein Mädchen in der Schule hat. „Aber es ist der einzige Weg aus unserem Elend.“


Zum Abschied schenken sie uns einen weißen Hahn. Es ist der dritte an diesem Tag. Unterwegs gackern und scharren die Tiere auf dem Rücksitz unseres Geländewagens.

Die Kakaobauern kämpfen ums Überleben. Und sie geben nicht auf. 
Viele schließen sich zu Kooperativen zusammen, um sich die Gewinnspannen der „pisteurs“ und der Zwischenhändler selbst 
zu sichern. „Unsere Mitglieder erhalten mindestens 20 Prozent mehr für ihre Bohnen“, erzählt uns Mbra Adolphe, stellvertretender Generalsekretär von Coopaga, einer Kooperative, in der 2377 Pflanzer organisiert sind. Im Jahr 2007 haben sie 4600 Tonnen 
Kakao verkauft.


Wir sitzen in einem schmucklosen Büro mit ockerfarbenen Wänden. Adolphe, ein massiver Mann mit tiefschwarzer Haut, schaut aus dem Fenster, hinaus zu den Kleinlastern, mit denen die Kooperative die Ernte in den entlegenen Pflanzungen abholt. Arbeiter schlagen die schweren Säcke von Hand auf Sattelschlepper um, die den Kakao zu den Exporteuren im Hafen von San Pedro bringen. Die Eigeninitiative zahlt sich auch für die Region aus. Mit den Überschüssen finanziert die Coopaga den Bau eines Marktes, Pisten werden ausgebessert, Schulen und ein Hospital unterstützt. Adolphe resümiert: „Ohne die Kooperativen läuft in der Elfenbeinküste gar nichts!“


Als Testprojekt hat die Coopaga erstmals 25 Tonnen Kakao für den fairen Handel produziert. Wenn der Antrag auf Zertifikation durchgeht, könnten Adolphe und seine Genossen ihren Kakao bald an Handelsorganisationen verkaufen, die den Aufpreis für faire Arbeits- und Produktionsbedingungen zahlen und den Verbrauchern in den Industrienationen garantieren, dass sie ihre Lieblingsnascherei nicht auf Kosten von Kindern genießen. Denn im fairen Handel sind Kinder- und Sklavenarbeit verboten.


„Außerdem erhalten wir einen garantierten Mindestabnahmepreis!“, schwärmt Adolphe. „Unabhängig von den Schwankungen des Weltmarkts!“ Derzeit macht der Anteil fair gehandelten Kakaos weltweit nicht einmal ein Prozent aus. Aber Adolphe malt sich bereits aus: „Wir werden angemessene Löhne zahlen, die Arbeitskraft der Erwachsenen wird dann ausreichen. Unsere Kinder gehen zur Schule und spielen Fußball. Wir haben endlich eine Zukunft.“


Eine Zukunft, die für die meisten ivorischen Kakaobauern in unerreichbarer Ferne liegt. Nirgendwo wird das deutlicher als in San Pedro. In der Hafenstadt am Atlantik landen nicht nur die Kakaobohnen, die von den „pisteurs“ und den Kooperativen in den gewaltigen Umschlaghallen der Exporteure angeliefert werden. Hier stranden auch die Verlierer des Kakaos. Vor 30 Jahren war San Pedro noch ein unbedeutendes Fischerdorf. Vom Mythos des Kakaos angelockt, leben heute allein in Bardot, einem der größten Slums Westafrikas, mehr als 130.000 Menschen.
„Wir kämpfen gegeneinander“, sagt Issa, der Vizepräsident der Jugend von Bardot. „Wir bringen uns gegenseitig um. Vor Hunger.“ Issa will uns Colombie zeigen, das Abgründigste und Gefährlichste, was der Kakao hervorgebracht hat. „Niemand, der nicht in Colombie wohnt, 
traut sich dorthin“, behauptet er. „Aber mit mir seid ihr sicher.“


Die Nacht liegt wie eine schwarze Plastikplane über Colombie. Etwas Unheimliches haftet den dunstverhangenen Wellblechdächern an, die auf den Hängen schimmern wie die Schuppen eines verendeten Reptils. Wir gehen auf einem knisternden Teppich aus Müll durch enge Korridore aus Bretterverschlägen. In Gräben steht ein grünlicher Brei. Der Gestank lässt uns würgen. Muskelmänner in schmutzigen Unterhemden durchbohren uns mit ihren Blicken. Diebstähle und Überfälle sind in Colombie an der Tagesordnung. An jeder Ecke wird gedealt. Am Boden sitzt ein Junge in seinen Exkrementen und drückt sich eine Spritze in die Ferse. 13-jährige Mädchen bieten für anderthalb Euro ihre Körper an. Sie sind fast unsichtbar. Nur ihre weißen Plastikstühle leuchten aus der Nacht. „Unsere Kinder verkaufen sich, weil sie hungern“, flüstert Issa, als wir an ihnen vorübergehen. „Wenn sie sterben, karren wir sie auf einer Pritsche zum Friedhof wie Vieh.“


Der Quartierschef, den wir sprechen wollten, ist nicht da. Wir landen in einem benachbarten Bretterverschlag. Die Decke besteht aus Bacardi-Silver-Kartons. Aus einem Rekorder krächzt ivorische Musik. Eine betrunkene Frau tanzt mit ihrem Baby auf dem Rücken. Ein Mann reicht uns seine Hand; zwei Finger fehlen. „Als kleiner Junge mit der Machete abgeschlagen“, verrät uns Bertrand, während das Licht der nackten Glühbirne auf seinen eingefallenen Wangen zerfließt. „In der Kakaopflanzung. Versehentlich.“


Bertrand stammt aus Burkina Faso und erzählt, wie er als Achtjähriger auf eine ivorische Pflanzung verkauft worden ist: „Haben mich jahrelang ackern lassen, gaben mir kaum zu essen, schlugen mich, sperrten mich ein.“ Eines Nachts sei er geflohen. Ohne Geld und ohne Papiere konnte er nicht zurück zu seiner Familie. Seither lebt er in Colombie. Wie Abertausende, die seine Geschichte teilen. Und jeden Tag kommen mehr.


Was erhofft sich Bertrand? „Nichts!“, sagt er. „Endstation Colombie!“ Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch. Draußen vor der Bar ist es angenehm kühl. Unter dem klaren Sternenhimmel frischt der Wind auf und trägt mit einem Mal einen süßlich herben Duft heran. Aus den nahe gelegenen Röstereien der Schokoladenkonzerne. „Die Elfenbeinküste müsste reich sein“, ruft Bertrand in die Nacht und schwingt die Faust in Richtung Hafen, wo die Schiffe der Multis die Schätze des Landes abtransportieren. „Unsere Kinder hungern. Sie müssen arbeiten oder sterben.“


Dann reicht er uns seine dreifingrige Hand und entschuldigt sich. Weil er keinen Hahn für uns hat. Im ganzen Viertel lebe kein einziges Tier mehr. Abrupt legt sich der Wind, und der Duft des Kakaos reißt 
ab. Was bleibt, ist der erbärmliche Gestank von Colombie.

Text: Michael Obert

Fotos: Daniel Rosenthal



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