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greenpeace magazin 3.09
Kolumne von Tanja Busse
Etwa Ende Februar, als der
letzte Schneematsch die Wege
verschlammte, überkam mich ein neues Gefühl: Ich hatte plötzlich
das Bedürfnis, in der Erde zu wühlen, zu säen und zu pflanzen – und es
war so dringend wie sonst nur mein Wunsch nach Schokolade. Das
Gefühl ist geblieben und wird mit jedem Sonnenstrahl stärker.
Es kommt mir vor, als riefe
mich die Erde, als holte mich mein bäuerliches Erbe ein. Meine alten Nachbarn würden mich jetzt auslachen, denn wir waren die einzige Bauernfamilie im Dorf ohne Gemüsegarten. Mein Vater hatte mit seinen Kühen genug zu tun, und meine
Mutter war Lehrerin geworden, um wenigstens vormittags dem Mistgeruch und ausgebrochenen randalierenden Jungbullen zu entkommen. Außerdem funktionierte die Tauschwirtschaft: Im Frühjahr verteilte
mein Vater seinen Kuh- und Bullenmist in den Gemüsebeeten der Feierabendgärtner, und ab Frühsommer lagen dann alle paar Tage Salatköpfe
oder Selleriestangen vor unserer Haustür. Easy gardening war das, eine feine Sache.
Bloß ist deswegen bei mir etwas passiert, wovor die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
seit Jahren warnt: Das alte Bauernwissen geht verloren. Was früher
von Generation zu Generation weitergereicht wurde, nehmen jetzt die letzten Bäuerinnen und Bauern der traditionellen Landwirtschaft mit
ins Grab. Entweder weil ihre Kinder nicht mehr Bauern werden, so wie ich, oder weil diejenigen, die weiter machen, ihre Höfe spezialisieren
und industrialisieren, sodass die
alten Kenntnisse und Erfahrungen nicht mehr gefragt sind. Meine gärtnernden Großmütter sind gestorben, bevor ich bemerkt habe, dass
ich Gemüse anbauen will und nicht weiß, wie das geht.
Immerhin, meinen Großonkel Aloys kann ich fragen. Der ist 90 und versorgt seine Großfamilie seit Jahrzehnten mit selbst gemachtem Apfelsaft und Johannisbeergelee. Und er kennt Landwirtschaft noch aus der Zeit, als es noch keinen Kunstdünger gab und keine Pestizide. Sein Lieblingsgedicht geht so: „Wenn ich im Frühnebel geh gebückt hinterm Pflug, bin ich mit Himmel und Acker ein Stücklein Ewigkeit.“ Seit mich das Gartengefühl überwältigt hat, weiß ich ganz genau, warum er diesen
Satz so liebt. (Auch hier würden die Bauernnachbarn lachen: Die Maloche verklären, das tun nur Leute ohne Schwielen an den Händen, welche, die sich nicht den Rücken krumm gearbeitet haben. Aber sei’s drum.) Ich habe Aloys jedenfalls lange
für einen Vertreter der alten Zeit gehalten, der seine alten Dorfsitten auch in der Stadt bewahrt hat,
und immer gedacht, wie schade es ist, dass Selbstversorgungsgärtner wie er im Aussterben begriffen sind. Bis ich bemerkt habe, dass er
längst zum Vorreiter einer neuen Bewegung geworden ist.
Immer mehr Städter suchen sich ein Stück Ackerland und bauen Gemüse, Kräuter, Kartoffeln und Blumen an, oft gemeinsam mit anderen.
Zwei meiner Hamburger Freundinnen machen das schon seit Jahren: Voranzucht auf dem Balkon mitten in Altona, Aussaat ins Frühbeet sechs
S-Bahn-Stationen weiter beim ersten Biobauern am Stadtrand. Die Greenpeace-Magazin-Autorin Alexandra Rigos versucht es gleich mitten
in Berlin (www.zentralgarten.de).
Das ist „urban agriculture“:
Die Verdrängung von Rhododendron, Cotoneaster, Kirschlorbeer und
anderem gummiartigen Ziergesträuch durch Obst und Gemüse. Die Rückkehr der Landwirtschaft in die Städte. Und das Schönste ist: Jeder kann mitmachen – auch wenn er keinen eigenen Garten hat und zufällig auch keinen Biobauern kennt, der ihm einen Zipfel Land leiht. Gerade dann, meint Richard Reynolds. Der kann nämlich Guerilla-Gärtner werden und einfach auf fremdem Eigentum säen und pflanzen, auf vernachlässigten Flächen: an Wegrändern, in Baulücken oder auf öden Grünflächen zwischen Mietskasernen. Kurz nachdem meine Vorfrühlingsgartensehnsucht ausgebrochen ist, habe ich das Buch von Richard Reynolds entdeckt: Guerilla Gardening*. Seitdem warte ich noch ungeduldiger auf den Beginn der Aussaat-Zeit. „Vernachlässigung bedeutet, dass eine Gemeinschaft ihren Stolz und ihren Zusammenhalt verloren hat“, schreibt Reynolds. „Schule dein Auge und du wirst
die Landschaft auf ganz neue und faszinierende Weise sehen!“
Das klingt pathetisch, aber es stimmt! Selbst in meiner Stadtrand-Nachbarschaft habe ich gleich beim ersten Spaziergang viele zukünftige Beete gefunden. Und stelle mir
vor, wie sich die Leute freuen, wenn auf der Verkehrsinsel oder am Abhang hinter der S-Bahn-Station plötzlich Sonnenblumen wachsen, Bohnen ranken und Kapuzinerkresse blüht. Den ganzen Sommer über
werde ich mit einem Löffel und einer Tüte Saatkörner durch die Gegend laufen und subversive Samen in den Boden stecken. Welche Pflanze wohin? Ich muss meinen Großonkel Aloys fragen, ob er mir hilft.
*Orange-Press, Freiburg, 20 Euro
Zur Person: Tanja Busse
Die Hambuger Autorin (38) schrieb das Buch "Einkaufsrevolution", Blessing Verlag, 2006.
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