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greenpeace magazin 3.09

Xocolatl - bittere Bohne

Wer Schokolade unbeschwert 
genießen möchte, sollte auf 
Fairtrade- und Biosiegel achten.

Der Ursprung
Heimat des Kakaobaums ist der Amazonas-Regenwald. Kultiviert wurde Theobroma cacao erstmals vor 3000 Jahren vom Volk der Olmeken am Golf von Mexiko. Wohlhabende Maya und Azteken genossen ein herbes Getränk 
aus den gerösteten Bohnen. 
Jahrtausendelang dienten sie 
in Mittelamerika als Heilmittel, Gewürz und als Währung. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lernten mit den Spaniern die 
ersten Europäer den Kakao kennen. Doch erst, als sie auf die 
Idee kamen, „xocol atl“ (das bit­tere Wasser) mit Rohrzucker zu mischen, wurde das Getränk auch bei den Kolonisatoren populär. 
Seit dem 17. Jahrhundert werden Kakaobohnen nach Europa ex­­portiert, in Deutschland entstand 
ab Mitte des 19. Jahrhunderts 
eine Schokoladenindustrie.

Der Anbau
Um die sprunghaft steigende Nach­frage in Europa zu decken, begannen die Kolonialmächte Ende des 19. Jahrhunderts den Kakaobaum im tropischen Afrika und Asien zu kultivieren. Heute stammen 70 Prozent der Kakaoernte aus West- und Zentralafrika, allein die Elfenbeinküste liefert mehr als 38 Prozent. In Afrika wird – meist in kleinen Familienbetrieben – vorwiegend die Massensorte Foras­tero angebaut. Die würzigeren Edel­kakaosorten Criollo und Trinitario stammen aus Mittel- und Süd­amerika sowie Madagaskar. Weltweit werden pro Jahr rund 3,4 Millionen Tonnen Kakao geerntet.

Die Verarbeitung
Allein in Deutschland werden jährlich 356.000 Tonnen Rohkakao verarbeitet, nur die Niederlande, die USA und die Elfenbeinküste verarbeiten mehr. Die ivorischen Unternehmen gehören überwiegend westlichen Konzernen.
Die größten Schokoladenhersteller weltweit sind Mars (USA), Cadbury (Groß­britannien), Nestlé (Schweiz) und Ferrero (Italien). In Deutschland dominieren Ferrero, Kraft Foods, Ludwig Schokolade, Alfred Ritter, Stoll­werck/Barry Callebaut, Storck und Mars den Markt.

Der Verbrauch
Jeder Deutsche verzehrt im Schnitt pro Jahr 9,2 Kilogramm Schokolade in Form von Tafeln, Riegeln oder Konfekt – mehr schaffen nur die Schweizer und die Briten. Hinzu kommen kakaohaltige Brotaufstriche und Getränke.

Kinderarbeit
Rund 284.000 Kinder arbeiten 
auf afrikanischen Kakaoplan­tagen, ermittelte das International Institute for Tropical Agriculture (Nigeria) im Jahr 2002. Zwei Drittel davon sind jünger als 14 Jahre. Die meisten gehören zu den Bauern­fami­lien, viele werden aber auch von Menschenhändlern aus armen Nachbar­ländern in die Kakaostaaten Ghana und Elfenbeinküste verschleppt, wo sie in sklavereiähnlichen Arbeits­­verhältnissen schuften.  2001 starteten die US-Politiker Tom Harkin und Eliot Engel eine Initiative gegen die Kinderarbeit. Mit westafrikanischen Regierun­gen, den führenden Schokoladen­produzenten sowie Nichtregierungsorganisationen arbeiteten sie das „Harkin-Engel-Protokoll“ aus, das die Kakaofirmen zum Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit verpflichtet. Doch ein Zertifizie­rungs­­system, das für Transparenz sorgen soll, lässt bis heute auf sich warten, und viele der angekündigten Projekte kommen nur schleppend in Gang (siehe Seite 70).

Genuss mit gutem Gewissen
Wer auf Schokolade nicht ver­zichten, aber Produkte aus Kinder­arbeit meiden will, sollte auf das Fairtrade-Siegel achten. Bei fair gehandeltem Kakao werden den Lieferanten Mindestabnahmepreise und damit zuverlässige 
Einkommen garantiert. Im Gegenzug verlangen die Mitglieder der internationalen „Fairtrade Labelling Organizations“ (FLO) von 
den Bauern unter anderem, dass
- 
Kinder, die auf elterlichen Plan­tagen helfen, zur Schule gehen,


- 
keine Jugendlichen unter 15 Jahren als Arbeiter angestellt werden
- 
Jugendliche unter 18 nicht mit gefährlichen Chemikalien hantieren oder andere gesundheitsschädliche Tätigkeiten ausüben.

Lässt sich die Einhaltung der Regeln angesichts der Vielzahl kleiner Kakaobetriebe überwachen? Laut Claudia Brück vom Verein Transfair, in Deutschland für die Ver­gabe des Fairtrade-Siegels verantwortlich, kontrollieren ortsansässige Partner ihrer Organisation die Produzenten in den Anbauländern. Zwar könnten die Miniplantagen meist nicht häufiger als einmal 
im Jahr besucht werden. Gerade im Kleinbauernmilieu würden 
sich Regelverstöße aber schnell herumsprechen und gemeldet.


78 Prozent der fair gehandelten Schokoladenprodukte auf dem deutschen Markt stammen zudem aus biologischem Anbau. Das 
Bio-Siegel bedeutet oft, aber nicht zwangsläufig, dass die Rohstoffe unter fairen Bedingungen pro­duziert wurden. Die höheren 
Preise für Kakaobohnen aus Öko-Anbau – der zum Beispiel den 
Einsatz von Kunstdünger und 
Pestiziden verbietet – sind aber eine gute Voraussetzung dafür, dass Bauern ihre Kinder zur Schule schicken können.

Auch die konventionellen Kakao­ver­arbeiter beschäftigen sich mit dem Thema Kinderarbeit. Der Bundes­verband der Deutschen Süß­warenindustrie (BDSI) setzt, so Geschäftsführer Karsten Keunecke, auf Elternaufklärung vor Ort in Kooperation mit den Regierungen der Elfenbeinküste, von Ghana und Kamerun sowie der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Zu konkreten Projekten kann 
er allerdings kaum etwas sagen.

Übrigens: Bisher stammen nur etwa 0,5 Prozent der Weltkakaoernte aus Bio-Anbau, meist in der Dominikanischen Republik, Bolivien, Brasilien, Nicaragua, Tansania oder Madagaskar. Der Anteil 
fair gehandelten Kakaos ist mit 
0,1 Prozent noch geringer, Hauptlieferanten sind die Dominikanische Republik, Ghana, Ecuador, Bolivien und Nicaragua.

Mehr Informationen:
www.transfair.org
www.menschenrechte-weltweit.de/kakao

www.theobroma-cacao.de

www.infozentrum-schoko.de

www.ebv.ch

 


Augen auf 
beim 
Schoko-Kauf
Wohlklingende Markennamen 
garantieren weder ausreichende 
Umwelt- noch Sozialstandards.


Fair + bio

BioArt – Gepa (PremiumBio, Grand Noir, 
Fairena, BioFairetta) – Maestrani – Rapunzel – 
Wertform – Westend (Trinkschokolade) – Zotter

fair

Gepa (Chocolat Monde) – Fairglobe (Rausch, 
Vetrieb über Lidl) – Santo Domingo (Stollwerck/
Barry Callebaut, Vertrieb über Penny) – 
Schokao Trinkschokolade (Krüger, Bergisch-Gladbach) – Transfair Kakao (Wilhelm Reuss, Berlin)

bio
Alnatura – EcoFinia (Björnsted, Felix, Vivani) – 
Läderach – Meybona – Naturata – Rewe Bio – 
Ritter Sport Bio – Rosengarten – Sarotti Bio

Weder fair noch Bio
Der Löwenanteil der Schokoladenprodukte in 
Deutschland wird konventionell hergestellt. Sofern 
sie kein Transfair- oder Bio-Siegel tragen, können 
Verbraucher auch bei Edel-Marken nicht ausschließen, 
dass die Kakaobohnen von Kindern geerntet wurden – und ebenso wenig, dass die verarbeitete Milch von Kühen aus Massentierhaltung stammt, die zudem noch genmanipuliertes Futter gefressen haben.


Baur Chocolat
(Katzenzungen)
Ferrero (Duplo, Ferrero Küsschen, Giotto, Hanuta, 
Kinder Schokolade, Mon Chéri, Pocket Coffee, 
Raffaelo, Rocher, Yogurette)
Feodora
Guylian
(Meeresfrüchte-Pralinen)
Hachez
Kraft Foods (Cote d’Or, Marabou, Milka, Toblerone)
Lindt
Ludwig Schokolade (Aero Luft-Schokolade, Edle 
Tropfen in Nuss, Mauxion, Salut, Schogetten, Trumpf)
Mars
(Amicelli, Balisto, Banjo, Bounty, Celebrations, Delight, Maltesers, Mars, Milky Way, M&M’s, Planets, Snickers, Twix)
Nestlé (After Eight, Baci, Choco Crossies, KitKat, 
Lion, Nuts, Rolo, Smarties)
Piasten
Rausch
Alfred Ritter (Ritter Sport)
Stollwerck (Alpia, Alprose, Eszet-Schnitten, Sarotti)
Storck (Chocolat Pavot, Daim, Dickmann’s, Knoppers, Merci, Riesen, Toffifee)

"UNSER EINFLUSS IST BEGRENZT"
„Ritter Sport“ gibt es inzwischen auch als 
Bio-Schokolade. Firmenchef Alfred T. Ritter 
erklärt, warum sein Unternehmen 
weiterhin auch Kakao aus konventionellem 
Anbau in West­afrika bezieht.


Was unterscheidet Ihre Bio-Schokolade von anderen Produkten?
Die Rohstoffe stammen ausschließlich aus organischem Anbau, der Kakao zum Beispiel aus nachhaltiger Landwirtschaft in Nicaragua, wo wir uns seit Jahren engagieren. Davon profitiert auch der Regenwald: Die Bauern erhalten gute Preise für den Kakao, und deshalb entfällt für sie die Motivation, Regenwald in Weideland umzuwandeln, was sonst häufig geschieht.


Was tun Sie vor Ort?
Wir schulen zum Beispiel Bauern im organischen Kakaoanbau, übernehmen Transportkosten und haben eine Trocknungsstation für die Kakaobohnen gebaut. Und wir zahlen für den Kakao Preise, die derzeit rund 40 Prozent über Weltmarktniveau liegen. So gibt es auch keinen Anlass zur Kinderarbeit.


„Bio“ bedeutet nicht unbedingt „fair gehandelt“. Warum beantragen Sie nicht das Fairtrade-Siegel? Bei Siegeln fallen stets nicht unerhebliche Verwaltungskosten an. Wir wollen aber, dass vom gezahlten Mehrpreis möglichst viel direkt bei den Bauern vor Ort ankommt. Aus diesem Grunde forcieren wir, wo möglich, den Direktbezug.

 

Für Ihre konventionell hergestellte Schokolade beziehen Sie auch Kakao aus Westafrika, obwohl auf den Plantagen der Elfenbeinküste Hundert­tausende Kinder schuften. Wie passt das mit Ihrem Engagement in Mittelamerika zusammen? Als Volumenhersteller kommen wir nicht 
umhin, auch aus der weltweit größten Kakaoanbauregion Rohstoffe zu beziehen. Unser Lieferant kann nicht mit Sicherheit ausschließen, dass sich in den sogenannten Westafrika-Partien auch Kakao aus der Elfenbeinküste befindet, was an sich unser Wunsch wäre. Als Mittelständler können wir jedoch nicht gleichzeitig an verschiedenen Punkten in der Welt ansetzen. Wir haben uns vor nahezu 20 Jahren dafür entschieden, eben in Nicaragua – damals wie heute ebenfalls ein Brennpunkt der Armut und sozialer Missstände – ein Projekt in die Wege zu leiten.


Was tun Sie gegen die Kinderarbeit?
Allein sind wir – insbesondere im internationalen Vergleich – zu klein, um auch vor Ort in West-afrika signifikant einwirken zu können. Deshalb versuchen wir das 
über die Mitgliedschaft in Institutionen sowie Verbandsarbeit. Ehrlicherweise muss man jedoch anfügen, dass auch deren Einflussnahme sehr begrenzt ist, zumal in einem Land wie der Elfen-beinküste, in dem bis vor kurzem Bürgerkrieg herrschte und 
Direktkontakte zu Produzenten nahezu unmöglich sind. Im Nachbarland Ghana, dem zweitgrößten Kakaoexporteur weltweit, 
sind unsere Einkäufer aber dabei, direkte Kontakte zu Genossenschaften aufzubauen.  

 

Interview: Claudia Hönck

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