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greenpeace magazin 6.09

Hellgrün oder dunkelgrün

 

Der Markt für Ökostrom 
wächst rasant – aber um die Gunst 
der Verbraucher buhlen auch 
immer mehr zwielichtige Anbieter.

 


Eine kleine Nachricht von Anfang September zeigt vielleicht am besten, wie sehr Ökostrom hierzulande eine Erfolgsgeschichte ist: Die Volkswagen AG, immerhin Europas größter Autokonzern, hat mit dem Ökostrom-Anbieter Lichtblick eine Partnerschaft geschlossen. Und dabei geht es nicht darum, die Autofirma mit grünem Strom zu beliefern und ihr so ein besseres Image zu verpassen. Volkswagen möchte künftig mit Ökostrom Geld verdienen. Das Werk Salzgitter soll pro Jahr etwa 10.000 Mini-Blockheizkraftwerke auf der Basis von Golf-Motoren liefern. Solche Anlagen erzeugen, mit Gas befeuert, in Heizungskellern nebenher auf effiziente Art Strom. Intelligent gesteuert können sie als Ergänzung der schwankungsanfälligen Windkraft dienen – und laut Lichtblick mittelfristig zwei Atom- oder Kohlegroßkraftwerke ersetzen.


Ökostrom ist also längst kein Spinnerthema mehr. Das war alles andere als vorhersehbar, als die schwarz-gelbe Kohl-Regierung vor zehn Jahren die Elektrizitätsmärkte liberalisierte. Die unabhängigen Anbieter von grünem Strom wurden anfangs belächelt. Doch bald zogen Stadtwerke und sogar die Großkonzerne nach. Inzwischen sind hierzulande mehr als zwei Millionen der gut 40 Millionen Haushalte Ökostrom-Kunden, außerdem etwa 150.000 Firmen, meist kleine oder mittelständische Betriebe. „Anfangs war das ein Nischenprodukt für Überzeugungstäter“, sagt Dominik Seebach vom Öko-Institut in Freiburg, „doch seit etwa drei Jahren ist Ökostrom auf dem Weg zu einem echten Massenmarkt.“ Zugleich wurde das Angebot unüberschaubar. Als das Fachmagazin Energie&Management seine diesjährige Branchenstudie veröffentlichte, listete es 256 verschiedene Anbieter auf – von den Allgäuer Überlandwerken bis zur Zwickauer Energieversorgung. Etliche der aufgeführten Firmen hatten lediglich Kundenzahlen im zwei- oder gar einstelligen Bereich. Und für viele Stadtwerke dient das eigene Ökostrom-Angebot offenbar vor allem dazu, umweltbewusste Kunden vom Wechsel zur Konkurrenz abzuhalten.


Es ist ziemlich schwierig, die Unterschiede zwischen den vielen sich grün gebenden Anbietern zu verstehen. „Als Verbraucher hat man ja erstmal nichts von einem Wechsel“, sagt Experte Seebach. Bei einer Biotomate etwa sei das anders, die schmecke besser und enthalte weniger Pestizide. „Dagegen leuchtet selbst vom besten Ökostrom meine Lampe nicht schöner 
– es wird nur irgendwo anders ein bisschen Elektrizität auf etwas andere Weise erzeugt.“


Vom Namen her sind die Anbieter oft kaum auseinanderzuhalten. Naturstrom beispielsweise war der Pionier der Branche, im April 1998 von Umweltschützern unter anderem aus dem BUND gegründet. Unter dem Namen Naturenergie dagegen tritt eine Tochter des Atomkonzerns EnBW auf. Etliche Anbieter vertreiben lediglich Strom aus alten Wasserkraftwerken, was fürs Klima nichts bringt. Sie gliedern aus dem üblichen Strommix einfach den sauberen Wasserstrom aus und verkaufen ihn mit Aufpreis an umweltbewusste Kunden. Die übrigen Abnehmer erhalten im Gegenzug höhere Anteile an Atom- oder Kohlestrom – unterm Strich wird so kein Gramm Kohlendioxid oder Atommüll vermieden.

 

Viele Firmen stützen ihre Angebote auch auf sogenannte RECS-Zertifikate – das sind Papiere, die im Rahmen des europaweiten „Renewable Energy Certificate Systems“ ausgegeben werden. Eingekauft werden die Zertifikate – zum Bruchteil eines Cents pro Kilowattstunde – häufig bei Wasserkraftwerken in Norwegen; und mit ihnen darf dann jedermann eigenen Strom als Öko-Energie vermarkten. Formal ist daran wenig auszusetzen, denn im Gegenzug darf der Betreiber des norwegischen Wasserkraftwerkes seinen Strom nicht mehr grün nennen. Doch die meisten Kunden in Norwegen interessiert der ganze Zertifikate-Zirkus nicht.

 

Zwar gibt es inzwischen Gütesiegel für Ökostrom, doch es sind vier verschiedene – die sich auf komplizierte Kriterienkataloge stützen und für Kunden fast ebenso schwer auseinanderzuhalten sind wie die Stromanbieter selbst. Um dunkelgrüne von hellgrünen Firmen zu trennen, sollten Kunden darauf achten, dass diese zumindest etwa ein Drittel ihrer Energie aus Neuanlagen beziehen und das auch garantieren. Als „neu“ gelten Windräder bis zum Alter von fünf, Solarzellen bis zu sechs Jahren, bei Wasserkraftwerken liegt die Grenze bei etwa zehn Jahren. „Wir raten dazu, den Anbieter sorgfältig auszuwählen“, sagt Florian Noto von der Kampagne Atomausstieg

selber machen“. Das Bündnis von gut 20 Umweltverbänden empfiehlt Interessierten den Wechsel zu vier Firmen, die ausschließlich und garantiert Ökostrom liefern und zudem von der traditionellen Energiewirtschaft unabhängig sind (siehe Tabelle). Viele Grünstrom-Lieferanten gehören nämlich zu den großen Energiekonzernen oder zu Stadtwerken, die oft an klimaschädlichen Kohlekraftwerken beteiligt sind. Bei den vier empfohlenen Öko-Anbietern ist dagegen ausgeschlossen, dass sie Gewinne für

umweltschädliche Geschäfte abzweigen. Außerdem verstehen sie sich ausdrücklich als politische Unternehmen. „Sie machen auch öffentlich Druck für ihre Ziele, unterstützen zum Beispiel Demonstrationen oder Kampagnen“, erklärt Noto.

 

Vielleicht wird der Markt im kommenden Jahr übersichtlicher. Das Umweltbundesamt (UBA) erarbeitet Vergabekriterien, nach denen Ökostrom-Anbieter den „Blauen Engel“ erhalten können. Doch die Verhandlungen darüber dauern schon ein Jahr. Neben Verbraucher- und Umweltschützern sitzen bei den Anhörungen im UBA auch viele Firmenvertreter am Tisch – und sie wollen erreichen, dass möglichst viele Anbieter sich mit dem ältesten und bekanntesten deutschen Umwelt-Gütesiegel schmücken können. Der Ausgang ist offen, die Behörde möchte wenig zum Thema sagen. Nur soviel: „Dies ist eine der komplexesten Vergabegrundlagen für den Blauen Engel, die das Haus bislang erarbeitet hat.“

 

Die Dunkelgrünen


Von der Kampagne „Atomausstieg selber machen“, 
einem Zusammenschluss der Umweltverbände, werden 
diese vier Anbieter empfohlen:


Lichtblick
1998 von einer Hamburger Unternehmerfamilie gegründet und mit Abstand die größte unabhängige Ökostrom-Firma. In etlichen Gerichtsprozessen gegen die 
traditionellen Großkonzerne hat Lichtblick den Wettbewerb auf dem Energiemarkt maßgeblich befördert. Seit 2007 auch als Gaslieferant tätig 
www.lichtblick.de


Naturstrom
Derzeit knapp der billigste Anbieter unter den unabhängigen vier. Das Düsseldorfer Unternehmen wurde von Engagierten aus mehreren Umweltverbänden gegründet und betont, dass mehr als die Hälfte seines Stroms aus inländischen Anlagen stammt. 1,25 Cent pro verkaufter Kilowattstunde fließen in Neubauten 
www.naturstrom.de


EWS Schönau        
Hervorgegangen aus einer Bürgerinitiative, die nach Tschernobyl entstand, haben die Elektrizitätswerke Schönau zunächst das Stromnetz ihres eigenen Schwarzwaldstädtchens übernommen. Seit 1999 liefern die „Stromrebellen“ auch bundesweit. Mit einem „Sonnencent“ werden gezielt Neuanlagen gefördert 
www.ews-schoenau.de


Greenpeace Energy

Als Genossenschaft gehört die Firma derzeit etwa 17.000 Anteilseignern und 
versorgt 93.000 Kunden. Die Tochter „Planet Energy“ baut selbst Ökostrom-
Anlagen, zum Beispiel Windparks. Greenpeace Energy arbeitet nach strengen Greenpeace-Kriterien und arbeitet grundsätzlich nicht gewinnmaximierend

www.greenpeace-energy.de 

 

Text: Toralf Staud

Illustrationen: Carsten Raffel

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