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greenpeace magazin 1.10

Sie kamen, kletterten und siegten

Mit einer spektakulären Schornsteinbesetzung protestierten sechs Greenpeace-Aktivisten gegen ein neues Eon-Kohlekraftwerk in Kingsnorth in der britischen Grafschaft Kent. Ein Geschworenengericht sprach die Kingsnorth Six frei - und Großbritannien vollzig eine Wende in der Klimapolitik. 

 

 

Fünf Uhr morgens, 8. Oktober 2007: Vor dem Haupteingang des britischen Kohlekraftwerks Kingsnorth drängt sich eine Gruppe von Leuten, die lärmen und Plakate schwenken, um den Sicherheitsdienst abzulenken. Unterdessen pirschen sich etwa 30 weitere Aktivisten von hinten an, knacken ein Vorhängeschloss und schlüpfen aufs Gelände. „Ein Wagen des Sicherheitsdienstes mit ein paar Typen rauschte heran“, erinnert sich Ben Stewart. „Wir sagten, wir seien von Greenpeace und müssten das Kraftwerk wegen des Klimawandels stilllegen. Sie sagten: Viel Glück. Seid vorsichtig.“ 

 

Damals, im Oktober 2007, lag den britischen Behörden ein Antrag des deutschen Stromriesen Eon vor, einen Ersatzbau für das altersschwache Kohlekraftwerk an der Mündung des Medway-Flusses errichten zu dürfen. Es wäre der erste neue Kohleblock in Großbritannien seit 30 Jahren gewesen – und wohl der Auftakt zu einer Reihe weiterer Bauprojekte im ganzen Land. Die Regierung hatte ihre Bereitschaft signalisiert, grünes Licht zu geben, obwohl allgemein bekannt ist, dass Kohle die größte Bedrohung des Weltklimas und die dreckigste Art der Stromerzeugung darstellt. Mit ihrer Aktion wollten die Kletterer das Kraftwerk kurzzeitig außer Betrieb setzen und so die Debatte um die Genehmigung anheizen. Sie hatten Erfolg: Die Regierung änderte ihre Politik, und zwei Jahre später verkündete Eon, den Kingsnorth-Neubau zumindest vorerst auf Eis legen zu wollen.

 

In der Dunkelheit verteilen sich die Aktivisten rasch auf dem Gelände – einige laufen zum Pumpenhaus, 18 blockieren die Förderbänder, auf denen die Kohle zum Brenner transportiert wird. Fünf eilen zum Schornstein, ein sechstes Teammitglied koordiniert die Aktion vom Boden aus und wird später gemeinsam mit den Kletterern angeklagt. 

 

220 Meter hoch ragt der Schornstein über dem Kraftwerkskoloss auf – 60 Meter höher als die Spitze des Kölner Doms. Die Gruppe betritt den Innenraum, in dem sich vier einzelne Schlote befinden. Sie schließt ein elektrisches Rolltor aus Metall hinter sich und schaltet den Strom ab. Huw Williams, ein erfahrener Höhlenforscher, und Ben Stewart waren 2006 bereits den Schornstein des Kraftwerks Didcot in Oxfordshire von innen hochgeklettert. Sie hatten damit gerechnet, in Kingsnorth eine ähnliche Wendeltreppe vorzufinden. Stattdessen ist hier nur eine Sprossenleiter aus Metall an der Wand befestigt, die ins Nichts zu führen scheint. Jeder Kletterer trägt einen 50-Kilo-Rucksack mit Ausrüstung – Seile, Farbe, Proviant (Nudeln, Pesto, Dosentomaten, Brot, Kaffeepulver, Wasser und einen Kocher). Eigentlich waren sie davon ausgegangen, es in zweieinhalb Stunden nach oben schaffen zu können. Ohne Treppe wird es neun Stunden dauern.

 

„Es war das Anstrengendste, was ich je getan habe“, erinnert sich Ben Stewart. Das Kraftwerk steht in diesem Moment noch nicht still. „Während wir zwischen den vier Rauchgasabzügen hochsteigen, zieht das Gas mit einer Temperatur von 120 Grad Celsius nach oben – ein Gefühl, als klettere man durch einen riesigen Ofen. Der heißeste, dreckigste Ort, den man sich vorstellen kann.“

 

Die Leiter hat einen „Rückenkratzer“, eine Art rudimentären Metallkäfig, der Abstürze verhindern soll. Das heißt: Es ist zu eng für die Rucksäcke. Die Kletterer müssen ihre Ausrüstung an Seilen heraufziehen und ihr ganzes Körpergewicht einsetzen, um sie zwischen den fünf Plattformen hochzuhieven. „Man denke an die tiefste Ermattung und den schlimmsten Schmerz, die man je erlebt hat, und multipliziere mit einer Million“, sagt der Pressefotograf Will Rose, der die Aktion gefilmt und fotografiert hat. „Wir hatten die Nacht davor nicht viel geschlafen, weil wir aufgeregt waren und unseren Übernachtungsplatz mit all den anderen Aktivisten teilen mussten. Nach ein paar Stunden Klettern war das ganze Adrenalin verbraucht, und wir waren ausgetrocknet und erschöpft. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment zusammenzubrechen. Meine Arme schmerzten vom Ziehen an den Seilen, und meine Beine schmerzten von der Anspannung. Du erreichst eine Plattform, ruhst Dich eine Minute aus und musst dann die Rucksäcke hochziehen. Du kannst nicht einfach aufhören, weil Du ja den Rest des Teams nicht im Stich lassen darfst.“ 

 

Der Schornstein ist dreckig, teilweise liegt der Staub fußdick. Die Fünf haben Ruß in Mund und Nase, den sie wie Teer abkratzen müssen. Nach Stunden der Plackerei sehen sie über sich Licht. Sie sind mindestens sechs Stunden später dran als geplant. 

 

Nur kurz ruhen sie sich aus, um etwas zu Kräften zu kommen, denn ihnen ist klar, dass es bald dunkel wird. Williams knüpft Seile zusammen. Emily Hall, die bei Greenpeace in der Aktionsabteilung arbeitet, mischt Farbe an. Will Rose schießt Fotos und filmt. Stewart kommuniziert mit der Außenwelt, auch mit seinen Eltern. „Kann sein, dass ihr mich in den Nachrichten seht, oben auf einem Kraftwerksschornstein“, warnt er sie. Ihre Antwort: „Bist du sicher, dass das klug ist?“ 

 

Um 18 Uhr seilen sich Emily Hall und Kevin Drake, ein erfahrener Industriekletterer, an der Außenseite des Schornsteins ab. Hall klettert erst seit wenigen Jahren – „sporadisch“, wie sie sagt. Bei Leuten mit Höhenangst dürften die von Will Rose gefilmten Bilder Übelkeit auslösen: Ein schwindelerregender Absprung an der steilen Mauer, dann baumeln Drake und Hall in der hereinbrechenden Dämmerung wie Spielzeugfiguren mitten in der Luft. 

 

„Es war okay, über die Kante zu gehen“, sagt Hall. „Ich war zwei Wochen vorher gefragt worden, ob ich es mache, also hatte ich Zeit, mich geistig darauf vorzubereiten. Erst später war es dann weniger schön, als es dunkel wurde und anfing zu regnen. Ich konnte sehen, wie unten die Leute auf den Förderbändern von der Polizei abgeführt wurden, das war entmutigend. Die Seile waren wirklich schwer, weil sie so lang sein mussten, außerdem trugen wir die Farbe auf dem Rücken. Unsere Muskeln taten schon vom Klettern weh.“

 

Der Plan ist, eine Nachricht an den britischen Premierminister Brown an den Schornstein zu malen: „Gordon, bin it“ (Gordon, wirf’s in den Müll). Drakes größte Sorge ist, einen Schreibfehler zu machen – er sei „ein bisschen legasthenisch“. Die Höhe der Buchstaben wird mit einem geknoteten Stück Seil abgemessen, und aus der Entfernung wirkt die Malarbeit überraschend professionell. Die beiden kommen nur bis „Gordon“. Gegen 20 Uhr wird das Licht zu schlecht, und ihnen steht noch der Weg zurück nach oben bevor. Tim Hewke, der aus einem Transporter am Boden die Aktion koordiniert, drängt per Funk zur Rückkehr auf den Turm.

 

Am Seil wieder bis an die Spitze des Schornsteins zu klettern beschreibt Hall als „eine echte Schufterei. Meine Muskeln waren müde, weil ich den ganzen Tag an Seilen gezogen hatte. Ich war emotional völlig fertig. Meine Hände waren aufgeraut von der Metallleiter. Ich fluchte viel, aber Kevin pfiff und sang und versicherte, ich mache das alles prima. Ich wusste, dass sie oben Pasta kochten, und zwei Wochen später wollte ich nach Paris in Urlaub fahren, also sagte ich mir ununterbrochen: Pasta, Paris. Pasta, Paris. Es kam ja auch gar nicht in Frage, es nicht zu schaffen.“

 

Die Pasta mit Pesto ist nach Übereinstimmung aller eine der besten Mahlzeiten, die sie je genossen haben. Drake und Hall hatten sich eigentlich am nächsten Morgen wieder abseilen wollen, um ihren Spruch zu Ende zu schreiben – aber es stellt sich heraus, dass das unverständliche Megafongebrüll aus einem über ihnen kreisenden Polizeihelikopter im Klartext bedeutet, dass Eon eine gerichtliche Verfügung erwirkt hat. Das heißt, dass sie hinuntersteigen müssen. Weil alle zu erschöpft sind, um in dieser Nacht sicher nach unten zu gelangen, schlafen sie im Schornstein, in Hitze und Kohlenstaub, bis sechs Uhr früh. Nach einem Frühstück aus Dosentomaten, Brot und Kaffee packen sie und beginnen den Abstieg. 

 

Die Fünf erscheinen gegen ein Uhr nachmittags am Boden. Unten angekommen, empfindet Hall „ein unglaubliches Gefühl der Erfüllung“. Die Polizei – sehr zuvorkommend, wie alle betonen – führt die Aktivisten ab, nimmt DNA-Proben und Fingerabdrücke, fährt sie schließlich zur Polizeiwache in Gillingham. Hall und Williams werden noch am selben Abend mit dem Team von Förderbandbesetzern entlassen, die anderen vier bleiben 24 Stunden in Haft. 

 

Die Sechs erfahren, dass ihnen eine Anklage wegen mutwilliger Sachbeschädigung droht. Über mögliche Konsequenzen der Aktion haben sie vorab gesprochen. „Es war unwahrscheinlich, dass wir mit einem Ticket für falsches Parken davonkommen würden“, meint Stewart. Trotzdem sind sie überrascht von der Höhe des angeblichen Schadens – auf 30.000 Pfund beziffert Eon die Kosten für die Reinigung des Schornsteins. „Wir haben oben nichts zurückgelassen“, so Hall, „und ihre ‚Reinigung‘ bestand darin, weiße Kästen über unsere Buchstaben zu pinseln.“

 

Letztlich hält sich die Bestürzung aber in Grenzen, denn jede Sachbeschädigungsklage, deren Höhe 5000 Pfund übersteigt, wird vor Geschworenen verhandelt. „Mein erster Gedanke war: Ich muss ins Gefängnis“, so Stewart. „Und dann dachte ich: Aber ich kriege ein Verfahren vor einem Geschworenengericht.“ Das bietet Gelegenheit, das Thema Klimawandel in die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Die Monate des Wartens auf die Gerichtsverhandlung zerren an den Nerven. Klagen wegen mutwilliger Sachbeschädigung in ähnlicher Höhe sind schon mit Gefängnisstrafen geahndet worden. „An manchen Tagen dachte ich, wir hätten das Richtige getan, und die Leute würden das einsehen und alles würde bestens ausgehen für uns“, sagt Rose. „An anderen Tagen dachte ich: O Gott, ich wandere
in den Knast.“ 

 

Die Gerichtsverhandlung beginnt am 1. September 2008. „Unser Anwalt Michael Wolkind hatte sich sehr sorgfältig vorbereitet“, so Stewart, „aber seine erste Frage an die Jury lautete: ‚Die Angeklagten sorgen sich um Tuvalu. Und Sie?‘ Ich dachte: Das war’s, ich bin geliefert.“

 

Das Standardargument der Verteidigung bei mutwilliger Sachbeschädigung ist, dass Angeklagte durch ihr Vergehen größeren Schaden von wertvolleren Rechtsgütern abgewendet haben – so ist es akzeptabel, die Tür eines brennenden Hauses einzutreten, wenn man dadurch dessen vollständige Zerstörung verhindern oder Menschenleben retten kann.


Wolkind und sein Team versuchen darzulegen, dass die 24-stündige Stilllegung von Kingsnorth maßgeblich dazu beigetragen hat, CO2-Emissionen zu verhindern und damit schlimmere Schäden durch den Klimawandel zu verhüten. Außerdem gilt es zu beweisen, dass dafür keine legalen Wege zur Verfügung standen.

 

Zur allgemeinen Überraschung antwortet einer der weltweit führenden Klimawissenschaftler, Professor James Hansen, auf eine Mail des Kohleexperten von Greenpeace, Joss Garman. Hansen, laut Garman so etwas wie ein „Rockstar des Klimawandels“, ist seit 20 Jahren Leiter des Goddard Institute for Space Studies der Nasa, hat US-Präsidenten beraten und war der Erste, der vor dem amerikanischen Kongress über die Bedeutung des Klimawandels referiert hat. Als er nach Großbritannien reist, trifft er so nebenbei auch den Premier und den Außenminister – aber der eigentliche Grund seines Aufenthalts ist die Aussage in einem kleinen Gerichtssaal in Kent zugunsten der Kingsnorth Six. Der Kernpunkt seiner Ausführungen ist, dass jede Tonne Kohlendioxid zähle, und obwohl es kaum möglich sei, das Aussterben einer Art auf ein bestimmtes Molekül des Treibhausgases zurückzuführen, könne man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass der Betrieb von Kingsnorth allein die Auslöschung von 400 Arten zur Folge habe. Anhand von Karten, auf denen die Folgen steigender Meeresspiegel für die Küste von Kent zu sehen sind, geben Hansen und sein Kollege Geoff Meaden, Professor für Geografie an der Canterbury Christ Church University, den Geschworenen Privatunterricht über die Zukunft ihrer Heimat. Inuit-Chef Aqqaluk Lynge schildert per Videoübertragung aus Grönland, wie das Eis am Nordpol schmilzt und welche Auswirkungen das auf die Häuser und die Lebensmittelversorgung der Inuit hat. 

 

Weil Premierminister Gordon Brown kurz zuvor beschlossen hat, doch keine vorgezogene Parlamentswahlen abzuhalten, seien die regulären demokratischen Kanäle der Einflussnahme verschlossen, argumentiert Zac Goldsmith, Millionenerbe, Herausgeber des „Ecologist“ und Parlamentskandidat der Konservativen, zugunsten der Kingsnorth Six. Jennifer Morgan, ehemalige Beraterin von Tony Blair und Expertin für internationale Klimaverhandlungen, erklärt, dass die G8-Gespräche keine nennenswerten Fortschritte bei der Verhinderung katastrophaler Klimaveränderungen erbracht hätten. Und über alledem schweben jüngste Schätzungen, dass die Welt nur noch etwa 100 Monate von einem Klima-Kipppunkt entfernt sei.

 

Wasser auf die Mühlen der Verteidigung ist auch der 2006 von Nicholas Stern vorgelegte Bericht an die britische Regierung, der erstmals die Kosten des Klimawandels beziffert hat; demnach verursacht jede Tonne Kohlendioxid Schäden in Höhe von umgerechnet 92 Euro. Die eintägige Stilllegung von Kingsnorth hätte demnach Schäden von gut einer Million Euro verhindert. Mit der Aktion hat jeder der Angeklagten der Atmosphäre 3300 Tonnen Kohlendioxid erspart – für denselben Effekt hätten sie 300 Jahre lang völlig ohne CO2-Ausstoß leben müssen. 

 

Alle Sechs werden in den Zeugenstand gerufen. „Es war zum Fürchten“, sagt Stewart. „Ich dachte die ganze Zeit, wenn ich es versaue, lasse ich meine Mitangeklagten im Stich und vergebe die Chance auf eine so wichtige Stellungnahme. Als sich die Beweise zu unseren Gunsten zu häufen begannen und die Geschichte so schlüssig und so emotional war, dachte ich, wir könnten vielleicht drei Geschworene dazu kriegen, uns nicht schuldig zu sprechen – das hieße Freispruch. Dann dachte ich, wir könnten vielleicht sogar fünf herumkriegen.“

 

Um zehn Uhr morgens am 9. September – es ist ein Dienstag – beginnen die Geschworenen schließlich mit ihrer Beratung. In der folgenden Nacht finden die Sechs kaum Schlaf. „Ungefähr eine Stunde vor der Urteilsverkündung am Mittwoch“, so Rose, „hatte ich fast einen Blackout. Ich zitterte, mein Herz raste, mein Atem stockte. Ich ging alle Aussagen wieder und wieder durch. Als wenn man kurz vor dem Tod noch mal sein ganzes Leben vor sich ablaufen sieht.“

 

„Alles wartete gespannt auf den ersten Buchstaben – N für ‚not guilty‘ (also nicht schuldig) oder G für ‚guilty‘ (schuldig)“, erklärt Stewart. „Kaum hatte der Sprecher das N ausgesprochen, brach im Gerichtssaal Tumult aus.“ Oben auf der Galerie bricht seine Mutter in Tränen aus, ebenso Emily Hall auf der Anklagebank. Euphorie herrscht in der Londoner Greenpeace-Zentrale, wo alle im Büro von Geschäftsführer John Sauven gespannt auf Stewarts Kommentar warten; in Emily Halls Heimat Neuseeland; in dem Dorf im Kohle-revier von Northumbria, wo Rose aufgewachsen ist; und vor allem unter den anderen Aktivisten, die in Kingsnorth auch dabei waren.

 

Die Folgen der Aktion und des Urteils sind weitreichend: Am selben Abend verkündet der Sprecher der Zehn-Uhr-Nachrichten, die Regierung habe ihre Entscheidung über die Zukunft von Kingsnorth verschoben – eine Wende um 180 Grad. Eon hatte den Bau der neuen Anlage bereits ausgeschrieben. Regierungsdokumente belegen, dass die Behörden bereits Bedingungen für die Genehmigung formuliert hatten und dabei offenbar zu Zugeständnissen in punkto Klimaschutz bereit waren. Wenige Wochen später wechselt Wirtschaftsminister John Hutton im Zuge einer Kabinettsumbildung ins Verteidigungsministerium, die Zuständigkeit für Energiefragen wird einem neu geschaffenen Ministerium für Ener-gie und Klimawandel übertragen – und dessen Chef wird Ed Miliband, der zuvor schon im Kabinett zusammen mit seinem Bruder David und Entwicklungshilfeminister Hilary Benn gegen einen Neubau in Kingsnorth opponiert hatte. 

 

„Die Ära des unverminderten Ausbaus der Kohlekraft ist beendet“, umreißt Ed Miliband im April 2009 die neue Regierungslinie. Bis dahin hatte man von Kraftwerksinvestoren nur unverbindlich fordern wollen, ihre Neubauten müssten prinzipiell nachrüstfähig sein für CCS, die Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Endlagerung von Kohlendioxid. Nun aber verlangt London, dass bei neuen Kohlekraftwerken ein Teil des CO2 abgefangen werden muss. Eine Pilotanlage soll mit Subventionen in zweistelliger Millionenhöhe gefördert werden – angesichts zu erwartender Kosten von rund einer Milliarde Pfund für ein solches Projekt ist das für die Industrie wenig attraktiv.

 

Am 7. Oktober 2009 schließlich verkündet Eon überraschend, der Neubau in Kingsnorth werde auf unbestimmte Zeit verschoben, angeblich wegen des gesunkenen Strombedarfs aufgrund der Wirtschaftskrise. Umweltschützer glauben, dies sei ein verkappter Ausstieg aus dem gesamten Projekt – den es ohne die Aktion der „Kingsnorth Six“ nicht gegeben hätte.

 

Text: Ally Carnwath

Übersetzung: Kerstin Eitner

 

DIE KINGSNORTH SIX

Huw Williams, 42

ist ein ehemaliger Schafhirte und Schildermaler aus Northamptonshire. Der leidenschaftliche Höhlenforscher und Tourenradfahrer ist seit mehr als 15 Jahren ehrenamtlich für Greenpeace aktiv. Er interessiert sich für traditionelles Handwerk und beobachtet gern Tiere in freier Wildbahn.

 

Ben Stewart, 36, 

ist Jurist und stammt aus Lyminge bei Canterbury. Er ist Chef der Medienabteilung bei Greenpeace und war zuvor Journalist beim Guardian. Für ein Interview mit dem damaligen Innenminister Michael Howard wurde er zum „Nachwuchs-Journalisten des Jahres“ gewählt – der Politiker hatte Stewart wegen einer seiner Meinung nach unverschämten Frage über eine Gesetzesvorlage aus dem Büro geworfen.

 

Kevin Drake, 45, 

seit elf Jahren ehrenamtlich für Greenpeace im Einsatz, lebt mit Frau und Tochter in einem Dorf in Wiltshire. Er arbeitet als Inspektor für industrielle Seilsysteme und liebt Freiluftaktivitäten wie Camping, Felsenklettern, Höhlenforschung und Bodyboarding, eine Form des Wellenreitens.

 

Tim Hewke, 49, 

arbeitet seit 14 Jahren als Rechercheur für Greenpeace. Er lebt in Harrietsham in Kent, liebt gutes Essen und guten Wein, Fotografie und Gemüseanbau –
und hat bereits einmal den Preis für die größte Sonnenblume in Chegworth gewonnen.

 

Emily Hall, 35, 

wurde in Hawkes Bay in Neuseeland geboren. 1996 verließ sie ihre Heimat, um zu reisen. Sie lebt in London, arbeitet bei Greenpeace und hat Klettern gelernt, um sich mehr  an direkten Aktionen beteiligen zu können. „Meine Mutter hat sich während der Gerichtsverhandlung schreckliche Sorgen gemacht. Ich habe sie sofort nach der Urteilsverkündung angerufen, auch meinen Freund. Er war erleichtert, dass er mich nun nicht aus dem Gefängnis befreien musste.“

 

Will Rose, 30, 

wuchs in Ashington, Northumberland auf. „Die Stadt war total abhängig von der Kohle. Meine Großväter arbeiteten in den Minen, und mein Vater war Ingenieur in der Kohleindustrie. Für mich war es eine große Sache, als ich herausfand, dass Kohle schlecht ist.“ Rose lebt als Pressefotograf in London, er arbeitet für Greenpeace und andere Nichtregierungsorganisationen. 

 

Filmtipp: www.guardian.co.uk/environment/2009/may/31/kingsnorth-activists-climte-change-coal

 

Text: Ally Carnwath

Übersetzung: Kerstin Eitner

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