greenpeace magazin 4.10

Der Vegetarier-Boom

Hunderttausende Menschen zwischen Flensburg und Lindau verzichten freiwillig auf Fleisch. Die meisten tun es aus Liebe zu Tieren und Umwelt. Der Klimawandel und der wachsende Hunger in der Welt liefern ihnen neue Argumente.

 

 

 

Die junge Kuh stand vor dem Nebeneingang des Rathauses, auf einem Holzhänger ohne Verdeck, und guckte so freundlich wie nur Kühe gucken können. Warum parkt der Bauer ausgerechnet hier, fragte ich mich, mitten in der Stadt, und sah mich um: Apotheke, Bürobedarf, Blumenladen – und gegenüber eine Metzgerei. Ich erschrak, als hätte ich noch nie darüber nachgedacht, woher das Fleisch hinter der Theke kommt. Toast mit Bierschinken war damals mein Lieblingsessen.


Das Tier wartete geduldig – als habe es alles Vertrauen der Welt, dass der Bauer, der es sein Leben lang gefüttert hatte, es gut mit ihm meinte. Was für ein Verrat, dachte ich, und kämpfte gegen den Impuls, die Kuh zu befreien. Ich ließ das sein, aber ich kam in diesem Moment zu dem Entschluss, dass ich an solchem Verrat nicht länger beteiligt sein wollte. Und deshalb kein Fleisch mehr essen würde. Achtzehn war ich da und wohnte noch zu Hause, in einer Familie, die seit Jahrhunderten von Landwirtschaft lebte.


„Was hältst du von Vegetariern?“, fragte ich meinen Vater, den Bullenmäster. „Konsequent sind sie ja“, sagte er, „aber kein Fleisch zu essen ist völlig unsinnig.“ Um die hundert Tiere hatten wir damals und er kannte sie alle. Von einem Bullen behauptete mein Vater, er würde erst fressen, wenn er ihm vorher die Stirn gekrault habe. „Es sind doch deine Freunde“, sagte ich vorwurfsvoll. „Wie kannst du sie dann auch noch streicheln, bevor du sie zum Schlachter bringst?“ Mein Vater verstand meine Frage nicht. „Soll ich sie denn treten und schlagen – vor dem Schlachten?“, fragte er. „Wäre das etwa besser?“


Seit 20 Jahren endet unsere Diskussion an dieser Stelle. Nur fühle ich mich mit meinem Standpunkt inzwischen nicht mehr so allein. Denn seit den 90er-Jahren hat Fleischkonsum in Deutschland in immer größeren Kreisen ein Imageproblem. Und nach jedem neuen BSE- oder Gammelfleisch-Skandal steigt die Zahl der Vegetarier, wenn auch manchmal nur vorübergehend.


Die „Nationale Verzehrsstudie II“, für die im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums von 2005 bis 2007 bundesweit 20.000 Menschen befragt wurden, geht von 1,6 Prozent Vegetariern in Deutschland aus. So hoch ist der Anteil derer, die bei dieser Befragung angaben, in den letzten vier Wochen kein Fleisch gegessen zu haben. Der Vegetarierbund Deutschland hält diese Zahlen für zu niedrig. Geschäftsführer Sebastian Zösch folgert aus Umfragen, dass sogar sieben bis acht Prozent der Deutschen vegetarisch leben könnten, über sechs Millionen Menschen. Die unterschiedlichen Zahlen ergäben sich aus der Frage-stellung, erklärt Zösch. So würden Menschen, die kein Fleisch, wohl aber Fisch essen, je nach Befragung zu den Vegetariern gerechnet oder nicht. Auch wenn harte Zahlen fehlen: Es sieht so aus, als sei die Idee, fleischlos zu leben, noch nie so weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen wie jetzt.


Doch das Verhältnis zwischen Fleischessern und Vegetariern in den reichen postindustriellen Überflussgesellschaften ist noch immer von gegenseitigem Nichtverstehen geprägt: Für die einen ist Fleischessen eine Selbstverständlichkeit. Fleisch bedeutet für sie Genuss, für manche von ihnen ist es sogar eine Art Lebenselixier. Für die anderen ist es das Gegenteil. Wer einmal so stark Empathie mit einem Nutztier empfunden hat, dass es ihm barbarisch vorkommt, es zu töten und zu essen, der kann nicht mehr zurück.


Aber wie kommt es, dass einige so empfinden und die anderen nicht? Wie kommt es, dass ein siebenjähriges Mädchen sich von einem auf den anderen Tag sein Lieblingsessen Lasagne verbietet und den Erwachsenen erklärt, warum man kein Fleisch essen darf – während andere Kinder vorm Fernseher bei der Befreiung von Rennschwein Rudi Rüssel aus dem Schlachthof mitfiebern und anschließend genüsslich ins Kotelett beißen?


„Für mich ist das die schwierigste Frage“, sagt die Psychologin Kristin Mitte, die an der Universität Jena die Motivationen von Vegetariern erforscht. „Das hat damit zu tun, dass Einstellung und Verhalten nicht immer konform gehen. Es gibt nämlich auch viele, die genau wie Vegetarier finden, dass Massentierhaltung grausam ist, die aber beschließen, sich keine Bilder davon mehr anzusehen – und weiter Fleisch essen.“ Das hänge von der Persönlichkeitsstruktur ab, erklärt die Psychologin. Vermeider nennt sie diese Gruppe, und sie vermutet, dass sie größer ist als die der Vegetarier. Wie groß, ist nicht erforscht.


Über 4000 Vegetarierinnen und Vegetarier haben Kristin Mitte und ihre Kollegin Nicole Kämpfe von der Universität Jena über ihre Ernährungsweise befragt, und sie stellen fest: „Der typische Vegetarier ist weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebt in einer Großstadt.“ Auch wenn an der nicht repräsentativen Online-Befragung mehr Jüngere als Ältere teilgenommen haben dürften: Die Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen des Vegetarierbundes.


Bestätigen konnten die Jenaer Forscherinnen auch, was vielen Vegetariern selbstverständlich erscheint: Sie leiden nicht häufiger unter Essstörungen als Fleischkonsumenten. „Das weicht durchaus von internationalen Befunden ab“, sagt Kristin Mitte. 
„Es gibt Forscher, die im Vegetarismus eine Gefahr für pubertierende Mädchen sehen, Essstörungen zu entwickeln.“ Das haben die Jenaer Forscherinnen 
nun widerlegt.


Doch das Vorurteil hält sich. Kathrin Friedrich zum Beispiel vermutet, dass ihre Verwandten sie für essgestört halten. Sie war 14, als sie von einem Tag auf den anderen alles Fleisch verweigerte. Mit ihrer Freundin hatte sie wochenlang ein krankes Lamm gepflegt und dann mit ansehen müssen, wie der Bauer das Tier über einer alten rostigen Badewanne schlachtete. „Meine Mutter zeigte sich einfühlsam und respektierte, dass ich zum Abendessen keine Wurst haben wollte“, erinnert sich die heute 25-jährige Stuttgarterin, „doch sie hielt es für eine Phase, und nach einigen Tagen regte sich großes Unverständnis, warum ich noch nicht normal essen würde.“ Inzwischen ernährt sich Kathrin Friedrich vegan, 
verzichtet also vollständig auf tierische Produkte – auch auf Milch, Käse und Eier. Und die Definition für „normales“ Essen hat sich in der Familie Friedrich verschoben: Die Mutter kaufte sich erst vegetarische und später vegane Kochbücher und verteidigt ihre Tochter. Nur mit ihrer kleinen tierlieben Cousine darf Kathrin Friedrich nicht über die Beweggründe für den Veganismus reden. „Die Angst vor alternativen Lebensentwürfen ist wohl zu groß“, meint sie.


Den Großteil der Fleischverweigerer konnten 
Kristin Mitte und ihr Team Motivationsgruppen zuordnen: Die emotionalen Vegetarier meiden Fleisch, weil sie sich davor ekeln. Sie sind mit knapp zehn Prozent die kleinste Gruppe. „Bei ihnen haben wir einen Zusammenhang mit einer allgemeinen Ekelsensitivität festgestellt“, sagt Kristin Mitte. „Sie finden zum Beispiel die Blutadern eines geschlachteten Hühnchens eklig, aber das Tier tut ihnen nicht leid.“ Die zweite Gruppe sind die Gesundheitsvegetarier, die Fleisch für ungesund halten. Sie machen etwa 20 Prozent aus und sind im Durchschnitt älter als die emotionalen Vegetarier. „Das sind diejenigen, die am ehesten mal eine Ausnahme machen und sich zum Beispiel bei einem Grillfest eine Wurst gönnen.“


Für die dritte und größte Gruppe, die moralischen Vegetarier – sie stellen etwa 60 Prozent –, komme das grundsätzlich nicht in Frage. Sie sagen: „Ich esse kein Fleisch, weil ich es für unmoralisch halte, dass Tiere meinetwegen gequält und getötet werden.“ Und sie führen die globalen Folgen des Fleischkonsums an. Der gigantische Futtermittelbedarf der Tiermästereien verstärke indirekt den Hunger der Armen im Süden. Tatsächlich werden für große Soja- oder Palmölplantagen immer wieder Kleinbauern vertrieben, und Europa importiert gigantische Mengen von Futtermitteln aus Ländern wie Brasilien, in denen Menschen hungern. Zudem gehen laut Weltagrarbericht rund 18 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen aufs Konto der Viehhaltung – und der Anteil droht noch zu steigen, denn weltweit nimmt der Fleischkonsum zu.


Sind Vegetarier also die besseren Menschen? 
Sebastian Zösch formuliert es so: „Wer sich vegetarisch ernährt, verringert seinen ökologischen Fußabdruck um rund eine Tonne CO2 und spart 650.000 Liter Wasser pro Jahr. Er oder sie verbraucht weniger Land und entschärft das Welthungerproblem, weil weniger Nahrungsmittel an Tiere verfüttert werden.“ Die Jenaer Forscherinnen haben festgestellt, dass sich die moralischen Fleischverweigerer auch in ihrer allgemeinen Persönlichkeitsstruktur von Fleischessern unterscheiden: „Ihnen ist ein Verständnis und eine Wertschätzung der Natur und aller Menschen wichtig“, sagt die Psychologin Mitte. „Die Umwelt zu schützen und die Welt nicht zu gefährden, das sind für sie Leitlinien im Leben.“


Im Freundes- und Familienkreis müssen sich Vegetarier jedenfalls für ihr merkwürdiges Essverhalten immer seltener rechtfertigen – im Gegenteil: Wenn sie sich bei einem gemeinsamen Essen outen, hören sie keine Anklagen, sondern Rechtfertigungen der anderen: „Ich ess’ ja auch nur ganz selten Fleisch!“ Wurst, Steak und Burger sind in Verruf geraten – auch bei vielen Fleischessern.


Die vegan lebende Sozialarbeiterin Mareike Petrozza 
bestätigt: „Vegetarisch kommt gut an. Nur vegan ist den meisten zu extrem. Ich hab das Gefühl, dass die Leute sich angegriffen fühlen, wenn man ihnen sagt, dass man sich vegan ernährt.“ Doch warum ist das so? Weil sie tief im Innern ein schlechtes Gewissen haben, dass ihretwegen Tiere gequält und getötet werden – und ihre Gewohnheiten deshalb umso heftiger verteidigen? Kann man also die vegetarische Ernährung als eine moralische Fortentwicklung deuten? Von Menschen, die nicht mehr ihren evolutionär angelegten Trieben folgen, sondern ihren Überzeugungen?


Jedenfalls ist der Vegetarismus keine Rückkehr in den Naturzustand, versichern die Evolutionsbiologen. „In der Entwicklung der Menschheit hat es keine Kultur gegeben, die sich zu 100 Prozent vegetarisch ernährt hat“, sagt die Evolutionsbiologin Sabine Paul, Koautorin des Buches „Der Darwin-Code. Die Evolution erklärt unser Leben“. „Sich vegetarisch zu ernähren ist ein sehr seltenes und eher neues Phänomen. Alle Jäger- und Sammlerkulturen haben tierische Produkte zu sich genommen, wenn kein Fleisch, dann doch Fisch, Meeresfrüchte, Weichtiere oder Insekten.“ Der Vegetarismus in Indien sei erst vor wenigen Jahrhunderten aus religiösen Gründen entstanden. Tierische Nahrung gilt als eine Voraussetzung für die Entstehung des modernen Menschen. Im Laufe der letzten 1,8 Millionen Jahre sei das Gehirn des Menschen stetig gewachsen, erklärt die Biologin. „Es macht nur zwei Prozent der Körpermasse aus, aber es verbraucht rund 20 Prozent der Energie“, sagt Sabine Paul. „Um unser Gehirn zu versorgen, brauchen wir fett- und proteinreiche Kost. Und Proteine sind eben vor allem im Fleisch enthalten.“


Doch die Erkenntnisse der Evolutionsbiologen taugen nicht als Freibrief für allabendliche Grillpartys. „In der Steinzeit haben die Menschen im Durchschnitt ein Drittel tierische und zwei Drittel pflanzliche Kost zu sich genommen, wobei das Fleisch damals qualitativ hochwertiger war“, sagt Sabine Paul. „Heute liegt der Anteil der tierischen Kost bei vielen deutlich höher. Aus evolutionsbiologischer Sicht empfehlen wir deshalb, weniger Fleisch zu essen, dafür aber besseres.“


Und wenn man gar keins isst – schadet das also der Gesundheit? Vegetarier können diese Frage aus eigener Erfahrung verneinen, aber sie wird ihnen immer wieder gestellt. Denn Fleisch, ganz gleich ob bürgerlicher Sonntagsbraten oder proletarische Bulette, hatte in der Nachkriegsgeneration einen so hohen Stellenwert, dass seine Verweigerung vor allem bei den Älteren noch immer auf Unverständnis stößt. Für sie scheint klar zu sein: Wer kein Fleisch isst, wird krank. Dann heißt es etwa: „Hast du nicht eben geniest, Kind? Iss‘ ein ordentliches Stück Fleisch, dann bist du nicht dauernd erkältet!“ Auch manche Ärzte behaupten das. „Unsere Kinderärzte waren entsetzt, als ich ihnen vor 20 Jahren erzählte, dass ich meine Kinder vegetarisch ernähren wollte“, erzählt die Hamburgerin Christina de Almeida, die zwei Töchter und zwei Söhne hat. „Das war ein Kampf ohne Ende, ich sei verantwortungslos, habe ich immer wieder zu hören bekommen. Aber ich konnte mir das nicht vorstellen: In halb Indien werden Kinder vegetarisch groß, warum soll es bei Deutschen nicht gehen?“ Und es ging: Alle vier Kinder sind groß und stark geworden – und Vegetarier geblieben.


Gesundheitsgefahren birgt eine vegetarische Ernährung nicht. Im Gegenteil. Die Amerikanische Gesellschaft der Ernährungswissenschaftler, American Dietetic Association (ADA), hält eine „vernünftig geplante“ vegetarische oder vegane Kostform für gesundheitsförderlich, auch für Kinder und Schwangere. Verschiedene andere Studien bestätigen das, wobei die Kausalität nicht ganz geklärt ist: Sind Vegetarier gesünder, weil sie kein Fleisch essen? Oder weil sie vielleicht generell gesünder leben?


„Für Vegetarier, die Milch, Eier und Hülsenfrüchte essen, ist eine gesunde Ernährung nicht komplizierter als für Fleischesser“, sagt auch Carola Strassner, Professorin für Ernährungsökologie an der Fachhochschule Münster. „Aber sie brauchen Ernährungskompetenz – wie jeder Nicht-Vegetarier auch.“ Strassner zitiert einen Kollegen. Der habe gesagt, sein Sohn sei Vegetarier, er ernähre sich von Cola und Pommes. „Das zeigt, dass man sich fleischlos gesund oder ungesund ernähren kann.“ Dass manche Ärzte von vegetarischer Ernährung abraten, hält Carola Strassner für schlicht überholt. Viele wüssten nicht, unter was für Bedingungen welche Nährstoffe wie verfügbar seien. Die Versorgung mit Eisen galt für Vegetarier zum Beispiel lange als kritisch, weil der Körper es aus Pflanzen nicht so gut aufnehmen kann wie aus Fleisch. Doch heute weiß man, dass Vitamin-C-haltige Lebensmittel, gemeinsam mit Gemüse verzehrt, die sogenannte Bio-Verfügbarkeit des Eisens erhöhen.


Für Veganer, die nicht nur auf Fleisch und Fisch verzichten, sondern auf alle tierischen Produkte, also auch auf Eier, Milch und Käse, ist die Sache etwas komplizierter. „Eine ganz strenge vegane Kost würde ich nicht ohne weiteres empfehlen“, sagt Carola Strassner. „Das geht nur mit einem außerordentlich guten Ernährungswissen. Und selbst dann sollte man seine Blutwerte regelmäßig untersuchen lassen.“ Vor allem Vitamin B12 ist in rein pflanzlicher Kost wenig vorhanden, viele Veganer nehmen es deshalb in Tablettenform zu sich. Das sieht Carola Strassner kritisch: „Ich frage mich, was das für eine Ernährungsweise ist, die von mir verlangt, dass ich mich ärztlich beaufsichtigen lasse?“


Kindern und Schwangeren würde sie – anders als die ADA – von einer veganen Ernährungsweise abraten, aber verbieten würde sie diese niemandem. Und sie berichtet von Veganern, die nach vielen Jahren des Verzichts auf sämtliche tierische Produkte sagten, sie fühlten sich so gut wie nie zuvor. „Das ist ja das Spannende an Ernährung“, schließt die Wissen-schaftlerin. „Es geht dabei um Wohlbefinden und Emotionen. Deshalb bin ich so skeptisch, wenn Ernährungsfragen auf einzelne Nährstoffe reduziert werden.“


Die Essener Studentin Henriette Kortekamp geht, was Vitamin B12 angeht, auf Nummer sicher. Sie ist 23, mit sieben Jahren Vegetarierin geworden und lebt vegan, seit sie mit 20 den Film „Earthlings“ gesehen hat, einen Dokumentarfilm voller brutaler Szenen von Tierquälerei. Sie hat einen vegetarisch lebenden Freund und ernährt ihre Tochter Arietta vegan. „Im Krankenhaus nach der Geburt hat mir eine freundliche Kinderärztin gesagt, ich müsse sofort abstillen, weil ich vegan sei. Mein Kind werde behindert und nie sitzen können.“ Inzwischen ist sie bei einer anthro-posophischen Kinderärztin, die ihr bestätigt, dass ihre 
Tochter sich gut entwickelt – mit B12 und Eltern, die sich beim Kochen viel Mühe geben. „Früher habe ich gerne Torten gekauft“, erzählt Henriette Kortekamp, „das geht jetzt nicht mehr, also backe ich sie selbst.“ Am liebsten Schwarzwälderkirsch, vegan natürlich. Es ist eine positive Folge des veganen Lebensstils, dass man seine Ernährung wieder selbst in die Hand nehmen muss – und sich nicht auf Fertigessen und Indus-trieprodukte verlassen kann. „Es ist für mich zum Sport geworden, die Zutatenlisten zu lesen“, erzählt Henriette Kortenkamp. „In vielen Tomatensoßen ist Laktose – warum?“ So kommt es, dass viele Veganer zu guten Köchen werden und nicht nur Milchprodukte meiden, sondern auch dubiose Zusatzstoffe.


Der Vegetarierbund setzt sich für eine bessere Deklaration von vegetarischen und veganen Speisen ein. „Die Begriffe sind in der EU bislang nicht definiert“, erklärt Sebastian Zösch, „aber wir arbeiten daran, dass sie in die neue Lebensmittel-Informationsverordnung aufgenommen werden.“ Besonders für Käse und Saft ist das wichtig, denn Fruchtsaft enthält oft Gelatine, und viele Käsesorten werden traditionell mit tierischem Lab hergestellt.


Der Vegetarierbund fordert aber nicht nur Erleichterungen für den fleischlosen Einkauf. „Um die globalen Umweltprobleme in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, dass das vegetarische Leben zur Norm wird“, sagt Sebastian Zösch. Und weil ihm dieser Satz möglicherweise selbst etwas zu radikal klingt, schiebt er gleich nach, er wolle niemanden „missionieren“. Zösch möchte die Menschen auf andere Weise überzeugen, zum Beispiel indem er begeistert und motivierend für die vegetarische Ernährung wirbt. Im April, bei einem Fachgespräch im Bundestag über Massentierhaltung, ergriff er das Wort – aber nicht etwa, um die Tierhalter anzuklagen. Er rief: „Donnerstag ist Veggie-Day, probiert das doch mal aus, macht doch mal mit!“


Vegetarisches Leben als Norm? Noch sind wir davon weit entfernt. In Deutschland stagniert der Fleischkonsum auf hohem Niveau. Und weltweit erwarten Experten bis 2050 ein kräftiges Wachstum – vor allem in den Weltregionen, in denen bisher deutlich weniger Fleisch gegessen wird als bei uns. Doch es verhält sich ähnlich wie mit anderen uns lieb gewordenen Gewohnheiten: Wenn es alle so machen wie wir, wird das der Planet nicht verkraften – also müssen auch wir unser Verhalten ändern.


Sebastian Zösch und die Veggie-Aktivisten haben seit kurzem einen prominenten Fürsprecher: „Ich bin jetzt 61, und die Einstellung gegenüber Alkohol am Steuer hat sich seit meiner Studentenzeit radikal verändert“, sagte Lord Nicholas Stern, der ehemalige Chefökonom der Weltbank und Autor des Stern-Reports über die Folgen des Klimawandels, der britischen Tageszeitung „Times“. Er prophezeit, dass sich die Ansichten der Menschen ändern werden – bis Fleischessen schließlich „nicht mehr akzeptiert“ ist.

 

Text: Tanja Busse

Links
Vegetarierbund: www.vebu.de

Homepage der ADA: 
www.eatright.org

www.donnerstag-veggietag.de




greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de