greenpeace magazin 1.12

Klimawandel

Während die Staatschefs beim Kampf gegen steigende Emissionen versagen, bestimmt der Klimawandel längst das Los von Menschen in aller Welt. Ob Fluten in Pakistan oder Thailand, Dürren in Ostafrika oder am Amazonas, Zyklone in China oder den USA – Wetterextreme werden häufiger und heftiger. Ernteausfälle treiben die Getreidepreise in die Höhe, und der steigende Meeresspiegel bedroht ganze Staaten. Sicherheitsexperten fürchten Unruhen und „Klimakriege“, wenn Konflikte um Ackerland und Wasser eskalieren. Radikaler Klimaschutz ist deshalb für Friedenssicherung und Fluchtprävention unerlässlich.

Mehr Hitzewellen

Es ist paradox: Bei Wissenschaftlern wachsen Gewissheit und Sorge über die Klimagefahr, doch in Medien und Öffentlichkeit tritt das Thema in den Hintergrund. Einer der Gründe ist, dass die größten Veränderungen scheinbar in der Zukunft liegen, ein anderer, dass sich keine einzelne wetterbedingte Katastrophe sicher auf den Klimawandel zurückführen lässt – schließlich gab es Dürren, Starkregen und Stürme schon immer. Nun hat der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf eine Formel entwickelt, um zu berechnen, wie sich die Erwärmung auf die Zahl der Wetterrekorde auswirkt. Demnach war die Extremhitze in Russland 2010 mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit dem Klimawandel geschuldet. Ernteeinbußen hatten Moskau zu einem Exportverbot für Weizen gezwungen. Nun will Rahmstorf auch andere Wetterextreme untersuchen.

2600 Menschen lebten auf den Carteret-Islands im Pazifik. Nun versinken die Inseln im Meer und werden evakuiert
200.000.000.000 Euro werden weltweit jährlich für Bau und Wartung von Deichen nötig sein, wenn der Meeresspiegel um zwei Meter steigt
Quelle: The Royal Society

Schornstein der Welt
Der Anteil Chinas am weltweiten CO2-Ausstoß steigt und steigt. Das Land liegt inzwischen nicht nur bei den Gesamtemissionen an der Spitze, nach neuen Zahlen der EU-Kommission hat es mit 6,8 Tonnen CO2 auch beim Pro-Kopf-Ausstoß Länder wie Italien und Frankreich eingeholt. Peking verspricht zwar, man werde „nicht den USA folgen“, die mit jährlich 16,9 Tonnen CO2 pro Kopf nach wie vor weit vorn liegen. Doch bislang setzt China bei der Energiegewinnung weiter vor allem auf klimaschädliche Kohle. Für die Deutschen gibt es indes keinen Grund, sich zurückzulehnen: Jeder von uns verursacht statistisch gesehen noch immer 10 Tonnen CO2 pro Jahr. Zudem hat der Westen de facto einen Großteil seiner Emissionen nach China ausgelagert: Die dortigen Fabriken produzieren überwiegend für den Export.

Tödliche Sturzflut 

Nach 16 Stunden Gewitterregen stehen 2007 in der Millionenstadt Chonqing viele Straßen unter Wasser, fünfzehn Menschen sterben. Immer klarer zeigt sich, dass China Klimatäter und -opfer zugleich ist: Pekinger Forscher warnten kürzlich vor zunehmenden Überflutungen und Was­ser­mangel infolge der Gletscherschmelze im Himalaja.

Killer Braunkohle
CO2-Emissionen durch Europas größten?Klimakiller im Vergleich zum Gesamtausstoß ausgewählter Länder*

*2009, Länderemissionen aus dem Gesamt-Energieverbrauch

0,04 Mio. t Kiribati
0,3 Mio. t Tschad
0,6 Mio. t Grönland
0,9 Mio. t Malediven
8,3 Mio. t Litauen
22,9 Mio. t Tunesien

26,3 Mio. t Braunkohlekraftwerk Niederaußem bei Köln

Dass Deutschland sich gern als „Klimaschutzvorreiter“ sieht, muss den Bewohnern des durch steigende Fluten in seiner Existenz bedrohten Pazifik­staa­tes Kiribati wie Hohn erscheinen. Kein an­­deres Land verfeuert nämlich so viel extrem klimaschädliche Braunkohle. Dennoch planen RWE und Vattenfall neue Kraftwerke und Tagebaue.

„Der Wettervogel ist verwirrt“
Christoph Müller vom Potsdam-?Institut für Klimafolgenforschung ?über Afrikas Landwirtschaft

 

Was bedeutet der Klimawandel für Afrikas Bauern? Ein großes Risiko. Manche Gebiete könnten zwar vom Klimawandel profitieren, doch Studien zeigen überwiegend negative Einflüsse – bis hin zum Totalverlust der landwirtschaftlichen Produktivität in manchen Regionen. Häufig ist eine Verkürzung oder Verschiebung der Regenzeit viel wichtiger als Veränderungen der Niederschlagsmenge, allerdings liefern Klima-projektionen dazu keine sicheren Zahlen.


Bekommen die Bauern solche Änderungen schon zu spüren? Es gibt viele anekdotische Berichte. In Mosambik, so erzählt man sich, hat früher ein Vogel den Regen schon Tage vorher angekündigt – nun ist er verwirrt. Solche Beobachtungen sind interessant, zumal es in Afrika nur wenige Messstationen und Wetteraufzeichnungen gibt.


Ist die Hungersnot in Ostafrika eine Klimawandel-Folge? Dürren gab es dort schon immer. Sie sind durch „La Niña“ bedingt, eine wiederkehrende Verzerrung der globalen Luft- und Wasserzirkulation. Der Klimawandel bewirkt aber offenbar, dass La Niña nun häufiger und stärker auftritt.


Sind Bauern in Afrika besonders gefährdet? Dort kommen viele Probleme zusammen – ineffiziente Anbaumethoden, Überweidung, Entwaldung. Wo Landwirtschaft gerade noch möglich ist, etwa in der Sahelzone, fällt der Klimawandel umso schwerer ins Gewicht.


Was muss passieren? Wir sollten Afrikas Bauern verstärkt bei der Lösung ihrer bestehenden Probleme unterstützen. Das macht sie zugleich widerstandsfähiger. Zum Beispiel lässt sich die „Regenernte“ besser nutzen, indem man den Boden anders bearbeitet oder Speicher baut.

„Migration ist eine legitime und existenzielle Anpassungsstrategie an den Klimawandel.“
Bernd Mesovic, Pro Asyl

Medien
Schicksale des Klimawandels

Ein Fotografenteam hat 16 Länder auf fünf Kontinenten bereist und Menschen besucht, die schon heute mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen haben. Entstanden ist eine Sammlung eindringlicher Porträts und Berichte aus erster Hand.
Mathias Braschler und Monika Fischer: Schicksale des Klimawandels. Hatje Cantz Verlag 2011, ?144 Seiten, 29,80 Euro


Klimaflucht-Doku
Entwurzelung und Flucht von Millionen Menschen zählen zu den schlimms­ten Folgen des Klimawandels. In seinem preisgekrönten Dokumentarfilm analysiert Michael Nash die huma­nitären und sicherheits­politischen Gefahren der globalen Erwärmung.
Michael Nash: Climate Re­­fugees. USA 2010. 95 Mi­­nuten. Zu bestellen auf www.climaterefugees.com

 



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