greenpeace magazin 2.12

Aus Neu mach Alt

Ob Handys, Flachbildfernseher oder elektrische Zahnbürsten – 
Hersteller überschwemmen mit immer neuen Modellen den Markt. 
Um den Umsatz zu steigern, nutzen einige eine besonders perfide 
Strategie: Sie bauen ihren Produkten Sollbruchstellen ein, 
damit diese schneller kaputtgehen. Die Kunden sind ahnungslos

 

 

Wer Achim Wehbecks Laden in Berlin-Spandau betritt, macht eine Reise durch die Zeit: In den Regalen drängen sich alte Röhrenradios neben CD- und DVD-Playern, Schwarz-Weiß-Fernseher stehen Seite an Seite mit Videorekordern, Grammofone neben Plattenspielern, Tonbandgeräte neben Kassettenrekordern – ein faszinierendes Sammelsurium an Unterhaltungselektronik der vergangenen 70 Jahre. Inmitten der Gerätestapel huscht -Wehbeck in seinem weißen Kittel umher und kümmert sich rührend um die alten Patienten. 
„Die Jugend von heute, ach komm, schmeißen allet nur noch wech“, schimpft er und winkt ab. Wehbeck, gelernter Radio- und TV-Techniker, repariert seit 1964 alles, was ihm unter den Lötkolben kommt.


„Hier, ick zeich Ihnen ma wat.“ Der 62-Jährige springt auf und geht auf ein Röhrenradio von Telefunken zu. Eine imposante Box aus glänzendem Holzfurnier, der Lautsprecher sieht aus wie der Kühlergrill eines alten Cadillacs, -darunter elfenbeinfarbene Tasten, links und rechts große Drehknöpfe. „Ditte hier funktioniert immer noch.“ Wehbeck drückt auf eine der Tasten – nichts passiert. Er grinst und schaut über den Brillenrand: „Keene Sorje, die Röhren brauchen een, zwee Minuten“, sagt er. Tatsächlich, nach einer Weile formen sich zaghaft Töne, werden lauter und schließlich zu Musik: „Billy Jean“ von Michael Jackson. Ein Anachronismus: Auf einem Radio aus den Fünfzigern läuft ein Lied aus den Achtzigern. Telefunken gibt es nicht mehr, Michael Jackson auch nicht – aber dieses Radio spielt immer noch.


Es bimmelt. Ein Mann mit einem DVD-Rekorder von Philips unter dem Arm tritt ein. -Wehbeck schaut ahnungsvoll und fragt: „Na, wat hat der Jute denn?“ – „Der Rekorder geht nicht mehr an, dabei ist er erst ein Jahr alt“, erzählt der Kunde empört. „Na, da haste doch noch Jarantie druff!“ – „Nein, der Bon ist weg.“ Wehbeck schüttelt den Kopf: „Det schmeißen se immer zuerst wech.“ Er seufzt, ein typischer Fall. Viele neuere Geräte geben kurz nach Ablauf der Garantie ihren Geist auf. LG- und Medion-Produkte bekomme er besonders häufig zur Reparatur, sagt Wehbeck. Ob Flachbildfernseher, DVD-Rekorder oder Laptops – fast immer sei das Netzteil der Grund, „die meisten Jeräte sterben beim Einschalten“. Und sie sterben immer schneller, meint er. Früher seien Fernseher frühestens nach fünfzehn Jahren kaputtgegangen. Moderne 
Flachbildfernseher seien schon nach fünf Jahren hinü-ber. Danach spielt sich das immer gleiche Drama ab: Entweder lohnt sich die Reparatur nicht, weil sie teurer wäre als ein neues Gerät. Oder Wehbeck kann nicht reparieren, weil die Hersteller es unmöglich machen: Es gibt keine Schaltpläne und Ersatzteile, die Geräte lassen sich nicht oder nur mit Spezialwerkzeug öffnen. „Denn kannste die Jeräte nur noch wegwerfen.“ 
Er schüttelt den Kopf: „Det macht keen Spaß mehr.“


Flachbildfernseher sind Hightech-Geräte, haben riesige Bildschirme, ultrascharfe HD-Auflösung und einen brillanten Sound. Sogar im Internet kann man mit ihnen surfen. Und dann versagen sie wegen eines simplen Netzteils – soll das technischer Fortschritt sein? Zu einigen Herstellern hat Wehbeck eine klare 
Meinung: „Det is pure Absicht. Die Firmen wollen mehr verkoofen, is doch logo!“ Geplante Obsoleszenz nennt sich diese Praxis. Netzteile sind nur ein Beispiel für eingebaute Schwachstellen, mit denen die Lebensdauer von Produkten kurz gehalten wird.


Seit Jahrzehnten geht das schon so. Und die Konsumenten sind ahnungslos. Wir finden es heute normal, wenn Autos, Fernseher und Handys nur noch wenige Jahre halten, wenn wir nach zwei Jahren gezwungen sind, eine neue elektrische Zahnbürste kaufen zu müssen, weil man ihren Akku nicht wechseln kann. In seinem Buch „Auswege aus dem Kapitalismus“ schreibt der französische Sozialphilosoph André Gorz: „Die Haltbarkeit der Produkte wurde künstlich verkürzt. Bei sogenannten dauerhaften Gütern wird dafür gesorgt, dass sie nicht länger als sieben Jahre halten, und viele Geräte werden so konzipiert, dass sie sich nicht reparieren lassen.“


Den Preis für die Profitgier der Hersteller zahlen die Verbraucher und die Umwelt. Die unnötig hohe Produktion verbraucht Energie, erzeugt CO2 und produziert Müll. Laut UNEP, dem Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen, fallen jedes Jahr viele Millionen Tonnen Elektroschrott an.

Eine Glühbirne für die Ewigkeit
Der berühmteste Beleg dafür, dass geplante Obsoleszenz existiert, befindet sich im kleinen Ort Livermore, im US-Bundesstaat Kalifornien. An der Decke der Feuerwache des 70.000-Einwohner-Ortes hängt einsam eine staubige Glühbirne. Sie leuchtet nicht mehr hell, aber sie brennt Tag und Nacht. Als sie das allererste Mal angeschaltet wurde, hieß der Präsident der Vereinigten Staaten noch William -McKinley. Das war im Jahr 1901. Seitdem erleuchtet die 60-Watt-Glühbirne der Firma Shelby Electric die Feuerwache – ununterbrochen. Mit 110 Jahren Betriebsdauer ist die „Centennial Light Bulb“, die Jahrhundertbirne, die älteste funktionierende Glühlampe der Welt. In all den Jahren war sie nur wenige Male aus, zuletzt 1976, als die Feuerwache umziehen musste. 2001 wurde ihr Hundertjähriges gefeiert, 2011 ihr Hundertzehnjähriges, für 2021 steht die nächste Party an. Die Birne ist 
mittlerweile weltbekannt, sie hat sogar eine eigene Webseite und eine Webcam.


So gut wie die Jahrhundertbirne waren anfangs alle. Zu gut, dachten sich 1924 die führenden Hersteller, unter ihnen Osram und Philips. Solche Birnen verkaufen wir nur einmal. Also traf man eine heimliche Absprache: 1000 Stunden lang sollten sie fortan nur noch brennen dürfen. Die Firmen wiesen ihre Wissenschaftler an, die Lampen nicht besser, sondern schlechter zu machen. Der Glühdraht wurde zur Sollbruchstelle umfunktioniert, technischer Rückschritt ergab wirtschaftlichen Fortschritt. 1941 flog der geheime Pakt auf und ging als „Phöbuskartell“ in die Geschichtsbücher ein. Die begrenzte Lebensdauer aber blieb bis heute.


Achim Wehbeck kramt in seinen Schubladen und holt einen kleinen Zylinder mit zwei abstehenden Hartdrähten heraus, das Ding ähnelt einem Bonbon. Es ist ein elektrischer Widerstand, ein simples Bauteil, in Elektronikprodukten allgegenwärtig. Daneben legt er einen zweiten, der weiß und winzig ist, so groß wie ein Stecknadelkopf. „Der Kleene is ein SMD-Widerstand.“ SMD steht für surface-mounted device, ein oberflächenmontiertes Bauelement. Widerstände sollen den Stromfluss durch die Leiterbahnen begrenzen. Dabei werden sie heiß und brennen auch mal durch. Früher lötete Achim Wehbeck dann einfach einen neuen auf. Doch die winzigen SMDs sitzen direkt auf den Platinen, man kann sie nur schwer austauschen, wenn überhaupt: „Meist kriejen Se keen neuen mehr.“ SMDs ermöglichten zwar immer kleinere Geräte. Aber sie halten nicht so lange wie die alten, großen Widerstände.


Wehbeck kramt weiter: Er legt zwei Platinen mit Mikrochips auf den Tisch, bei ihnen gibt es das gleiche Dilemma. Der eine ist so groß wie ein Kaugummistreifen, der andere hat die Ausmaße einer Briefmarke. Erst bei näherem Hinsehen bemerkt man den Unterschied: Der große ist aufgesteckt, der kleine mit seinen unzähligen Füßchen fest mit der Platine verbunden. Fällt er aus, ist eine Reparatur zwecklos. „Denn müssen Se gleich die janze Platine auswechseln.“

Verschwendung als Prinzip
Geplante Obsoleszenz ist ein Grundprinzip des Kapitalismus. Am 24. Oktober 1929 taumelt er das erste Mal. An der Wall Street in New York herrscht Panik, die Aktienkurse brechen ein, eine riesige Spekulationsblase ist geplatzt. Der legendäre Börsencrash wird als „Schwarzer Freitag“ in die Geschichte eingehen, die USA und mit ihr die ganze industrialisierte Welt in den wirtschaftlichen Abgrund stürzen. Jahrelang wird das Land in der Großen Depression gefangen sein. Dabei hatte man in den zwei Jahrzehnten zuvor einen sensationellen Wirtschaftsboom erlebt: Elektrifizierung und Massenfertigung hatten immer weitere Produktionssteigerungen ermöglicht. Die ersten Wegwerfartikel entstanden: Kronkorken, -Taschentücher, Hemdkragen aus Papier. Wegwerfen statt Erhalten galt als modern und als Zeichen von Wohlstand. Die Hersteller heizten die Konsumstimmung zusätzlich an: „Geiz ist abscheulich, Dinge zu horten ist vulgär“, lautete ein Slogan, der während der Jahre des Ersten Weltkriegs die Runde machte. André Gorz bringt es auf den Punkt: „Der Konsument steht im Dienst der Produktion und muss die von ihr verlangten Absatzmärkte garantieren.“


Während der Großen Depression aber geriet das System ins Wanken. Die Leute sparten, die Nachfrage erlosch – eine existenzielle Bedrohung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität der USA. Verzweifelt suchte man nach Lösungen. Giles Slade beschreibt in seinem Buch „Made to Break“, wie der New Yorker 
Immobilienmakler Bernard London 1932 einen drastischen Vorschlag formulierte: Alle Dinge sollten zu Wegwerfartikeln gemacht werden – per Gesetz. Ob Schuhe, Autos oder Häuser, alles sollte ein staatliches Verfallsdatum erhalten und nach Ablauf der vorgeschriebenen Lebensdauer vernichtet werden. Für Autos schlug London fünf Jahre vor, Gebäude 
sollten nach maximal 25 Jahren abgerissen werden.

Verborgene Schwachstellen
So weit kam es nicht, aber viele Hersteller begannen tatsächlich, ihren Waren Lebensuhren einzubauen. Nie wieder sollten Absatzmärkte und Profite versiegen. Sie hatten Erfolg: Märkte wuchsen, Gewinne vervielfachten sich. Diese Verschwendung, so André Gorz, erhöhte Konsum und Produktion in fantastischem Ausmaß.


Dass geplante Obsoleszenz charakteristisch für den Kapitalismus ist, zeigt sich im Vergleich mit anderen Wirtschaftssystemen. Achim Wehbeck greift in sein Regal und holt einen kleinen Karton hervor. Narva steht darauf, ein Ost-Berliner Glühbirnen-Hersteller, der aus der Firma Osram hervorgegangen war. Diese Glühbirnen, schwärmt er, hielten ewig. Ebenso die DDR-Fernseher. Kein Wunder, in der Planwirtschaft ergab Verschwendung keinen Sinn.


Dagegen nimmt sie in Industriestaaten an Fahrt auf. Sven Struzyna ist Systemadministrator und beobachtet die rasante Entwicklung im Computerbereich seit Jahren. Eines Tages wollte sein Tintenstrahldrucker nicht mehr drucken und blinkte nur noch: „Wartung notwendig“ lautete der Fehlercode. Ein Anruf beim Hersteller Hewlett-Packard ergab die gleiche Antwort. Der Drucker war aber noch nicht alt, Struzyna wurde misstrauisch. Er wühlte im Internet und wurde fündig: „Ich stieß auf einen ehemaligen HP-Mitarbeiter, der lange Zeit die Drucker gewartet hatte.“ Der verriet das Geheimnis: HP hatte den Druckern einen Seitenzähler eingebaut, der das Gerät nach einer bestimmten Anzahl lahmlegt. Der Mann verriet auch, wie man ihn wieder auf Null setzen konnte. „Man musste nur eine ganz bestimmte Tastenkombination drücken“, erzählt Struzyna. Auch Geräte anderer Hersteller besitzen solche Sperren, Struzyna veröffentlichte die Codes auf seiner Webseite. Was HP mit dieser Sperre bezwecken wollte? Eine Anfrage des Greenpeace Magazins dazu blieb vom Konzern unbeantwortet.


Bei Computern und Handys sind eingebaute Schwachstellen verbreitet, weil in den 90er-Jahren und kurz nach der Jahrtausendwende der Markt schnell gesättigt war. In solch komplexen Produkten sind sie schwer aufzuspüren. „Bei Notebooks sind die Schwachstellen das Netzteil, der Kühler, die Scharniere und das Display“, erzählt Struzyna. Nach drei Jahren geben viele Rechner entweder den Geist auf oder bekommen Pixel-fehler. Dann muss das Display ausgetauscht werden – „bei einem Notebook ist das wirtschaftlicher Totalschaden“. Auch Handys leben nicht lange. „Ich hatte dreimal hintereinander das gleiche Gerät von Siemens. Alle gingen exakt nach zwei Jahren kaputt.“ Zufall oder Absicht?


Auch Apple legt Wert darauf, dass seine Geräte ausgetauscht statt repariert werden. Als der mittlerweile verstorbene Firmenchef Steve Jobs vor wenigen Jahren das neue Wunderhandy iPhone auf den Markt brachte, gab es einen gewaltigen Hype. So benutzerfreundlich, so schick, so cool war kein anderes Mobiltelefon zuvor gewesen. Was dabei kaum einer bemerkte: Man hatte dem iPhone nicht nur die Tasten wegdesignt, sondern auch die Batterieklappe. Die Folge: Der Akku ließ sich nicht mehr herausnehmen und austauschen – so wie es zuvor Standard gewesen war. Das iPhone ist versiegelt wie eine elektrische Zahnbürste.


Nach zwei bis drei Jahren offenbart das schöne Gerät seine hässliche Seite: Will man eine altersschwache Batterie austauschen, muss man iPhone und iPod bei Apple einsenden. Und dann wird es teuer: Rund 90 Euro kostet der Batterie-wechsel, halb so viel, wie das Gerät dann noch wert ist. Aber damit nicht genug: Der Kunde erhält noch nicht einmal sein eigenes Handy zurück, sondern ein „Ersatzgerät“ ohne seine persönlichen Daten. Völlig absurd wird es beim kleinen iPod Shuffle. Der kostet neu rund 50 Euro, für den Batteriewechsel verlangt Apple jedoch 56 Euro. Wie man diese Preise rechtfertigt, wollte das Greenpeace Magazin wissen, aber Apple antwortete nicht. Offenbar will der Konzern gar nicht, dass man seinem alten iPod oder iPhone eine neue Batterie spendiert. Die implizite Botschaft lautet: „Kauf ein neues Gerät!“


Andere Hersteller greifen zu noch perfideren Methoden: Sie bauen ihren Handys einen Mechanismus ein, der fremde Akkus erkennt und sie sabotiert. Legt der Kunde dann solch einen Akku ein, wird dessen Leistung künstlich verschlechtert. Der Kunde wird so zum Kauf des – viel teureren – Originalakkus gezwungen.

Unterhaltungselektronik ist schick geworden
Wie kann sich der Verbraucher dagegen wehren? Und ist geplante Obsoleszenz überhaupt legal? „Aus rechtlicher Sicht hat man wenig Handhabe“, sagt die auf Verbraucherrecht spezialisierte Hamburger Anwältin Daniela Kirf-Busenbender. Zwar ist der Hersteller laut Bürgerlichem Gesetzbuch verpflichtet, eine Sache „mittlerer Art und Güte“ zu liefern. Doch die Beweispflicht liegt beim Konsumenten, er muss dem Hersteller eine sogenannte Schlechtleistung nachweisen. Und hier liegt die Krux: Denn ob eine Leistung schlecht ist oder nicht, bemisst sich an der durchschnittlichen Lebensdauer. Wenn aber alle gleich schlecht sind, wird der Mangel zum Standard. Beispiel Flachbildfernseher: Da die Mehrzahl dieser Geräte nach etwa fünf Jahren kaputtgeht, gilt dieser Zeitraum als normale Lebensdauer für dieses Produkt und nicht als Schlechtleistung. Schlechte Karten hat der Verbraucher auch beim Nachweis einer Sollbruchstelle. „Die Produzenten werden sich immer auf Verschleiß berufen“, so Kirf-Busenbender. Und auch 
wegen mangelnder Ersatzteile könne man einen Hersteller nicht angreifen, weil es dessen wirtschaftliche Entscheidung sei, ob und wie lange er sie vorhält.


Sieht wenigstens die Politik Handlungsbedarf? Drei Bundesministerien – Verbraucherschutz, Wirtschaft sowie Arbeit und Soziales – konnten oder wollten zur geplanten Obsoleszenz nichts sagen. Und die Verbraucherzentralen? Beschwerden über Produkte mit Sollbruchstellen lägen derzeit nicht vor, heißt es dort. Überhaupt sehe man sich gar nicht zuständig für das Thema. „Fragen Sie mal die Stiftung Warentest“, so der Rat vieler Verbraucherzentralen. Doch auch dort kann man „in Multimedia-Artikeln keine geplante Obsoleszenz“ feststellen. Im Gegenteil: Es sei ratsam, Drucker nach einer gewissen Seitenzahl zur Wartung zu geben. Und die Akku-Praxis von Apple? Die sei „ärgerlich“, man habe sie auch schlecht bewertet, als geplante Alterung aber möchte man sie nicht einstufen. Außerdem lägen Beschwerden zu Apple-Produkten nicht vor.


Das verwundert kaum, weil nur wenige dessen überteuerten Akkuservice in Anspruch nehmen dürften: Alle 18 bis 24 Monate ersetzt ein durchschnittlicher Deutscher laut Statistik sein funktionierendes Handy durch ein neues, ein Amerikaner sogar schon nach 18 Monaten, ein Japaner jährlich. Der Grund dafür ist psychologische Obsoleszenz, oder anders gesagt: Mode. Der Hersteller erweckt beim Konsumenten das Gefühl, dass das alte Produkt nicht mehr zeitgemäß ist. Nichts ist uncooler als die vorletzte Handygeneration. Auch hierin ist Apple ein Meister. Dieses Prinzip hatten auch schon die Automobil-Pioniere erkannt. Henry Fords legendäres Modell T, auch liebevoll „Tin Lizzy“ oder auf deutsch „Blechliesel“ genannt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das erste seriengefertigte Auto. Ein zuverlässiges Stück Technik und ein Beststeller: 15 Millionen Stück wurden zwischen 1908 und 1927 verkauft. Fords Credo: Qualität, Verlässlichkeit und Haltbarkeit. In dieser Hinsicht waren seine Autos denen des Hauptkonkurrenten General Motors überlegen. Doch die Blechliesel hatte eine große Schwäche: Sie war nicht so schick wie GMs Autos, die jährlich in verschiedenen Modellen und Farben auf den Markt kamen, technisch aber kaum Fortschritt brachten.


Am Ende hatte GM die Nase vorn. 1955 gab deren Chefdesigner Harley Earl offen zu: „Unsere große Aufgabe ist es, die Obsoleszenz zu beschleunigen. 1934 lag die durchschnittliche Besitzdauer eines Autos bei fünf Jahren. Nun liegt sie bei zwei. Wenn es ein Jahr sein wird, haben wir den perfekten Wert erreicht.“ 
Da kann selbst die Abwrackprämie nicht mithalten.

Wachsende Müllberge
Ein Teil des Problems sind also wir Konsumenten. Die Folgen der Ex-und-hopp-Mentalität sind dramatisch: Berge abgewrackter PCs, Fernseher und Handys 
türmen sich in immer schwindelerregendere Höhen. Genaue Zahlen sind rar, aber die UNEP schätzt den jährlich angehäuften Elektroschrott der Industrie-länder auf 40 Millionen Tonnen. Nummer eins sind, wenig überraschend, die USA, an zweiter Stelle steht schon China. Auch Indien schließt auf. Für diese Boom-Länder erwartet die UNEP bis 2020 eine Verfünffachung des E-Mülls.


Großen Anteil daran hat der Smartphone-Wahn: Eine Umfrage des Herstellers Nokia von 2008 ergab, dass nur drei Prozent der Mobiltelefone fachgerecht recycelt werden. Der überwiegende Teil landet als Schrott früher oder später in Schwellenländern. Das Ende der „Verwertungskette“ sind brennende Müllberge in ghanaischen, indischen oder pakistanischen Slums. Die Ärmsten der Armen, meist Kinder ohne Schutzkleidung, isolieren durch Verbrennen Kupfer und Stahl aus den Platinen. Dabei entsteht giftiger Rauch, der viele Menschen krank macht.


Wie kann man diese Fehlentwicklung stoppen? Als Maßnahme schlägt Gorz eine reduzierte Mehrwertsteuer auf besonders haltbare Produkte vor. Weiter-hin sollte neben dem Preis auch die Lebensdauer angegeben werden und in der Gebrauchsanweisung auch die gängigsten Reparaturen, ihre Kosten und ihre Dauer beschrieben sein. Erhalten statt Abwracken muss zur Devise werden. Dafür braucht es 
Leute wie Achim Wehbeck. Oder man repariert selbst, 
das Internet ist da hilfreich. Auf der Webseite Ifixit.com gibt es zahlreiche Anleitungen – zum -Beispiel dafür, wie man den iPod-Akku wechselt.


Aber auch wir Konsumenten dürfen den zerstörerischen Modewahn nicht länger mitmachen und müssen verantwortungsvolle Hersteller unterstützen. „Wir können nicht begreifen“, schrieb Henry Ford 1922, „wie wir dem Kunden dienen können, wenn wir ihm nicht etwas herstellen, das – soweit das in unseren Möglichkeiten liegt – für immer hält.“ Es hätte ihn sicher gefreut zu erfahren, dass es heute noch 150.000 Exemplare der Blechliesel gibt. Manche davon fahren noch immer.

 

Text: Jens Lubbadeh

Illustrationen: Christoph Niemann

 

Mehr zum Thema


FILMTIPP

In ihrer Fernseh-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ aus dem Jahr 2010 erzählt Cosima Dannoritzer die Geschichte der geplanten Obsoleszenz und wirft einen kritischen Blick auf unsere Wegwerf­gesellschaft mit ihren verheerenden Folgen. Drei Jahre lang hat sie für ihren 75-minütigen Film recherchiert. Die Dokumentation wurde auf „arte“ ausgestrahlt und kann im Netz angeschaut werden:

www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/3714270.htmlwww.videogold.de/kaufen-fuer-die-muellhalde-
die-wegwerf-gesellschaft-arte-2011

 

LINKTIPP

Achim Wehbecks Homepage

www.altgeraete-reparatur.de

 

Webseite der Jahrhundertbirne

www.centennialbulb.org

 

Sven Struzynas Entsperrcodes für Drucker

www.struzyna.de/6203/7003.html

 

Seitenzähler-Entsperrsoftware für Epson-Stylus-Drucker

www.ssclg.com/epsone.shtml

 

Reparatur-Community mit vielen Anleitungen für Unterhaltungselektronik

www.ifixit.com

 

Facebook-Gruppe gegen geplante Obsoleszenz www.facebook.com/Gegen.geplante.Obsoleszenz

 

BUCHTIPP

In seinem Buch beschreibt Giles Slade sehr umfassend anhand vieler historischer Beispiele die 
Entwicklung der geplanten Obsoleszenz in den USA.

 

Giles Slade: Made to Break: Technology and Obsolescence in America.

Harvard University Press 2007, 
336 Seiten, 16,20 Euro 

 

André Gorz: Auswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie. Rotpunktverlag Zürich 2009, 128 Seiten, 16 Euro



greenpeace magazin.
Große Elbstraße 145d . 22767 Hamburg . Tel: 040/808 12 80 80 . Fax: 040/808 12 80 99 . gpm@greenpeace-magazin.de . www.greenpeace-magazin.de