lügendetektor

17. Februar 2014

Schweinerei, jeden Tag

Die Fleischbranche steht in den Augen der Deutschen nicht gut da. Laut einer Umfrage der Verbraucherzentralen machen sich 68 Prozent von ihnen große bis sehr große Sorgen um die „nicht artgerechte Tierhaltung“ in den Ställen, 91 Prozent befürworten eine „verschärfte gesetzliche Regulierung und Kontrolle der Tierhaltungsverfahren“, und drei Viertel der Befragten fänden es „sinnvoll“, selbst weniger Fleisch zu essen – was einige auch tatsächlich tun: Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verzehr sank im vergangenen Jahr immerhin um zwei Kilo. 

Der Bauernverband will nun raus aus der Schmuddelecke und ließ zur Grünen Woche in Zügen das „Meat Magazin“ aushängen. Auf 40 Seiten präsentierte er gelangweilten Bahnreisenden viel rot-weiß Marmoriertes in Großaufnahme, dazu einige rosa Schweinerüssel und ein paar Rezepttipps. Die Aufmacher-Geschichte warb in „Beef“-artiger Naturburschenoptik für einen Trend, auf den das Land gewartet hat: „Wintergrillen“.

Interessanter als das, was im „Meat Magazin“ steht, ist aber das, was alles nicht drin steht. So wird in einem Beitrag erklärt, das Wort Massentierhaltung sei „eher ein ideologischer Begriff denn Realität“, deutsche Tierbestände seien in Europa schließlich nur Mittelmaß. Belegen sollen das Zahlen von Schweinen und Rindern – doch Masthühner, die standardmäßig in 40.000er-Ställen leben, werden einfach weggelassen.

An anderer Stelle heißt es unter der suggestiven Überschrift „Fleischlose Welt, bessere Welt?“, Wiederkäuer seien Weidetiere, „die über Jahrmillionen nie in Nahrungskonkurrenz zum Menschen standen, im Gegenteil: Rinder, Schafe, Yaks, Zebus, Büffel, Antilopen und Ziegen fressen, was wir Menschen nicht nutzen können.“ Aber was ist mit all den Schweinen, Hühnern und Turborindern, die mit Soja aus südamerikanischen Ex-Regenwäldern gemästet werden? Leider fehlt in dem Artikel die Information, wie viele der in Deutschland geschlachteten Tiere auch nur einen Tag ihres Lebens an die frische Luft durften.

Schließlich stellt die große Reportage „Schwein haben, jeden Tag“ einen Betrieb mit knapp 6000 Mastschweinen und 300 Zuchtsauen vor, dort, „wo der hohe Norden Deutschlands kaum malerischer sein könnte“. Ein sympathischer Landwirt berichtet von seiner Arbeit, von der Verantwortung „für jedes einzelne Mastschwein“. „Entgegen der landläufigen Meinung, dass Tierschutz im Schweinestall mit höheren Kosten verbunden ist, die letztendlich der Verbraucher tragen müsse“, zeige der Betrieb, „dass der pflegliche Umgang mit Tieren rentabel ist.“

Nur: Auf den Fotos ist zu sehen, dass er seinen Ferkeln die Schwänze kürzt. Das ist zwar eigentlich nur in Ausnahmefällen erlaubt, wird aber trotzdem routinemäßig gemacht, weil Schweine, die auf pflegeleichten Spaltenböden leben müssen, einander sonst vor Langweile die Schwänze blutig knabbern.

Kein Wort steht im „Meat Magazin“ darüber, dass sich die Beißereien weitgehend verhindern lassen und das Kupieren der Schwänze überflüssig wird, wenn man den Schweinen genügend Platz und die Möglichkeit gibt, im Stroh zu wühlen. Kein Wort findet sich über Bio- und Neuland-Bauern darin, die ihre Säue – anders als der Landwirt im Meat Magazin – nicht in enge Abferkelboxen sperren, in denen sich die Tiere nicht einmal umdrehen können, geschweige denn ihren Nestbautrieb ausleben.

Nicht mal einen kleinen Hinweis auf das Tierschutzlabel gibt es, das zumindest etwas mehr Tierwohl in die Ställe bringen will – durch bescheidene, aber wissenschaftlich fundierte Mindeststandards. Der Landwirt aus dem hohen Norden mit seinen 6000 Mastplätzen könnte daran aber sowieso nicht teilnehmen, weil sein Betrieb viel zu groß ist.

Dass Tierschutz im Schweinestall nicht mit höheren Kosten verbunden ist, wie der Mann behauptet, ist natürlich Unsinn. Je mehr Platz die Tiere haben, je strukturierter der Stall ist und je kleiner der Bestand, desto höher ist der Aufwand. Deshalb ist ja Bio-Fleisch auch teurer und die Leute greifen am liebsten zu Dumpingpreis-Produkten. Das weiß natürlich jeder Landwirt – auch der aus dem hohen Norden.

Schlagworte: Fleisch, Schweine, Massentierhaltung, Schwänzekupieren, Spaltenböden
11. Oktober 2013

„Der Spiegel“: Alter schwedischer Hut

Die Illustration mit dem goldenen Kabel war schon das Beste an der Titelgeschichte, mit der der „Spiegel“ kürzlich erklären wollte, warum die Energiewende „missraten“ sei und Strom „immer teurer“ werde. Die überforderte Politik sei eingekeilt zwischen den Stromkonzernen und „einer Lobby grünen Stroms, die sich als Weltretter tarnt“, so das Blatt. Der milliardenteure Ökostromausbau richte „Kollateralschäden“ im System an, Deutschlands Emissionen seien 2012 gar gestiegen, weil bei Flaute und Dunkelheit „alte Schweröl- und Kohlekraftwerke ranmüssen, um die Lücke zu schließen“. Naja – der CO2-Ausstoß stieg ja, weil viele Kohlemeiler einfach durchliefen und massenhaft Strom exportierten. Aber sei’s drum.


Als Lösung der Probleme und besten Ersatz für das reformbedürftige Erneuerbare-Energien-Gesetz präsentierte der Spiegel das auch von der FDP favorisierte „Quotenmodell“. Den Versorgern würden politische Ökostrom-Ziele gesetzt; die Vergütung je nach Art des eingespeisten Ökostroms fiele weg. In Schweden lägen die Extrakosten pro Kilowattstunde Ökostrom dadurch zehnmal niedriger.


Tatsächlich zeigt der Blick ins Ausland aber die Nachteile der Quote: Der Ausbau ver­­läuft zäh, konzen­triert sich auf wenige große Konzerne, In­no­­­va­tio­nen bleiben aus und am Ende wird alles auch noch teurer. Das schwedische Mo­dell ist ein alter Hut: Dort wird nun viel Holz aus den weiten Wäldern des Landes ver­feuert – in konventionellen Kraftwerken.

Schlagworte:
12. August 2013

Eon, RWE und Co: Böse Erneuerbare

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es heißt „Stromlücke“ und war schon so oft da, dass sich niemand mehr gruselt. Mitte Juli ließ die Strombranche vermeintliche Interna an die Kollegen der Süddeutschen Zeitung durchsickern. Demnach überprüfen die „Konzerne und Stadtwerke die Wirtschaftlichkeit Dutzender ihrer Kraftwerke“. Die Versorgungssicherheit gerate „in Gefahr“. Denn vielen Kohle-, Gas- und auch Atomkraftwerken drohe ein vorzeitiges Aus.

Von etwa 90 Gigawatt konventioneller Kraftwerkskapazitäten stünden etwa 20 Prozent, also 18 Gigawatt, zur Disposition. Eon hat bereits 6,5 Gigawatt abgeschaltet und erwägt weitere 4,5 dranzugeben, allerdings in ganz Europa – zum Beispiel die alten Blöcke des Kohlekraftwerks Datteln. RWE hat heute seine Pläne präzisiert: 3100 Megawatt (3,1 Gigawatt) will der Essener Konzern in Deutschland und den Niederlanden insgesamt „aus dem Markt nehmen“.

Und schuld ist der böse Ökostrom! Der wird nämlich immer erfolgreicher und läuft den Atomkraftwerken schon den Rang ab. (Ist ja auch logisch und gesetzlich so gewollt. Eingeweihte nennen es „Energiewende“.) Ausgerechnet mittags, wenn RWE und Co. früher in der „Kochspitze“ für besonders gutes Geld ihren dreckigen Strom losschlugen, verstopft an sonnigen Tagen mit seiner eingebauten Vorfahrt nun Solarstrom die Netze. Fossile und nukleare Giganten müssen immer öfter gedrosselt werden und lohnen sich nicht mehr. Denn die Erneuerbaren senken die Preise an der Strombörse.

Dabei stabilisieren Kohle, Atom und Gas doch das Netz, wenn die Erneuerbaren Pause machen. Wie ungerecht! Mutti, die Neuen wollen uns nicht mehr mitspielen lassen, petzt die Branche nach Berlin, wo die Stilllegungspläne nach Angaben der Süddeutschen „ernste Sorgen“ auslösen.

Man reibt sich die Augen. Sind das dieselben Firmen, die den Ökostrom jahrelang verschlafen haben? Dieselben Manager, die gerade acht neue Kohlekraftwerke bauen lassen und sechs weitere planen? Zum Beispiel auch einen höchst umstrittenen Block IV in Datteln? Die bis vor kurzem noch wie die Löwen für längere AKW-Laufzeiten gekämpft haben? Rufen die jetzt wirklich „Abschalten“? Herrlich! Dass dieser Tag so schnell kommen würde...

Hintergrund ist wohl das Ansinnen der konventionellen Versorger, in Zukunft zwei Rechnungen zu schicken: Eine für Strom und eine nur dafür, dass die Kraftwerke als Ökostromreserve in der Landschaft herumstehen. Entsprechende Verhandlungen mit dem Wirtschaftsministerium laufen. Doch nach Spiegel-Informationen warnt die EU-Kommission vor Erpressung durch die Betreiber und vor Subventionen für unrentable Kraftwerke.

Das Umweltbundesamt konterte nur trocken, es bestehe „keine Gefahr, dass in Deutschland die Lichter ausgehen“. Der Leiter der Abteilung Klimaschutz und Energie, Klaus Müschen, sagt: „Wenn die Energieversorger einige ihrer Kraftwerke wegen Überkapazitäten vom Netz nehmen wollen, kann das marktwirtschaftlich sinnvoll sein.“ Es seien genügend Kraftwerkskapazitäten vorhanden, und wegen des europäischen Netzverbunds könnten auch andere einspringen, um die Lücke zu füllen.

Selbst in harten Wintern braucht Deutschland maximal 85 Gigawatt Spitzenlast. Rein rechnerisch ist nach Statistiken der Bundesnetzagentur mit 183 Gigawatt sogar mehr als das Doppelte installiert, wobei dazu auch vorübergehend stillgelegte Kraftwerke zählen und solche, die – wie Windräder und Fotovoltaikanlagen – nicht immer laufen.

Auch sonst ist das Drohpotenzial eher begrenzt: Laut Reservekraftwerksverordnung (ResKV) dürfen systemrelevante Meiler sowieso nicht einfach so ohne staatliche Genehmigung vom Netz.

Schlagworte: Energiewende, erneuerbare Energien, RWE, Eon, EnBW, Stromlücke
12. Juni 2013

Geflügelwirtschaft: Gelebtes Gelaber

Nach der eher altbackenen „Gestatten...“-Kampagne im Holzbretterlook legt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft jetzt ganz modern nach: In veilchenfarbenen, grafisch reduzierten Zeitungsanzeigen werden den staunenden Lesern 10 „Thesen“ zur deutschen Geflügelwirtschaft unterbreitet. Das Besondere: Man wird dazu aufgerufen, im Internet selbst seine Meinung kundzutun. Dort prangt, wohin man auch klickt, in großen Buchstaben die Botschaft: „Die deutsche Geflügelwirtschaft lebt den offenen Dialog“.

Wer sich durch die 10 Thesen klickt, erfährt, was die Branche zur Kritik an ihren Methoden so denkt. These 03 etwa lautet:


Ganz raffiniert wurde als Symbol für die Tierwohl-These ein Dach gewählt – obwohl gesunde Hühner bekanntermaßen gern auch mal draußen rumlaufen. „Die Tiere können sich in den Ställen frei bewegen und natürlichen Verhaltensweisen wie Scharren, Picken und Staubbaden nachgehen“, steht im Text, sie hätten „mehr Platz als europäische Vorgaben verlangen“, und in der Zucht spiele „der Aspekt des Tierwohls eine deutlich stärkere Rolle als früher“. Naja, es ist alles relativ: „Staubbaden“ können die Hühner in der Einstreu, die während der gesamten Mast nicht ausgewechselt wird. In den Standard-40.000er-Ställen drängen sich bis zu 22 Tiere auf einem Quadratmeter. Und die veränderte Zuchtausrichtung arbeitet mit nur partiellem Erfolg daran, die schlimmsten Folgen der Hochleistungszucht – Beinfehlstellungen, Gehbehinderung, Krankheiten – abzumildern, ohne beim Turbo-Fleischansatz Abstriche machen zu müssen.

Unter These 05

schwurbeln die Werbetexter herum: Die deutschen Verbraucher fragten „zu Recht nur hochwertige Hähnchen- und Putenerzeugnisse“ nach, jedoch sei zugleich „eine hohe Preissensibilität zu verzeichnen“, was aber kein Problem sei, weil die Geflügelwirtschaft „diese beiden Verbraucherwünsche durch eine effiziente Qualitätsorientierung in Einklang“ bringe. Man kann das auch so ausdrücken: Um die Geiz-ist-geil-Mentalität der Deutschen zu befriedigen, treibt die Branche die Industrialisierung der Fleischerzeugung auf die Spitze.

Durch alle Thesen zieht sich die Vorstellung, mit dem Drehen an ein paar Stellschrauben und totaler Durchrationalisierung könne die Branche ihre Probleme in den Griff bekommen, ohne sich grundlegend zu verändern. Zur These 07

heißt es etwa: „Dank eines hohen Technisierungsgrades kann sich der Halter ausschließlich auf die Tiere konzentrieren und so auch größere Bestände tiergerecht aufziehen.“

Aber wenn alles so super ist, warum nur wurden dann für das neue Tierschutzlabel – das übrigens Wissenschaftler, Tierschützer und Geflügelfirmen wie Wiesenhof gemeinsam erarbeitet haben – genau für die angesprochenen Punkte schärfere Regeln vorgeschrieben? Kleinere Besatzdichten und Stallgrößen, langsamer wachsende Rassen sowie Wintergärten mit frischer Luft, am besten sogar Auslauf im Freien werden dort verlangt. Komischerweise kommt aber das Wort „Tierschutzlabel“, dessen Erfolg der Branche angeblich am Herzen liegt, in der Kampagne gar nicht vor.

Bei mehreren „Thesen“ führen die Geflügelwerber die Leser geschickt in die Irre. These 08 etwa lautet: „Antibiotika dienen der notwendigen Behandlung erkrankter Tiere (...).“ Verschleiert wird mit dieser Formulierung, dass in der Praxis allen 40.000 Hühnern übers Tränkewasser Antibiotika verabreicht werden, wenn im Stall Husten auftritt – und eben nicht nur den erkrankten Tieren. Weiter heißt es, es sei „erklärtes Ziel der Branche“, den Medikamenteneinsatz in fünf Jahren um 30 Prozent zu reduzieren „und hierfür umfassende Maßnahmen zu ergreifen“. Ja wie wär’s denn, wenn man die Maßnahmen erst ergreift – und mit dem Erfolg dann wirbt, wenn er sich eingestellt hat? Übrigens: Verschwiegen wird, von welch schockierend hohem Niveau die angekündigte Reduzierung startet: Laut Untersuchungen in verschiedenen Bundesländern bekamen bisher mehr als 80 beziehungsweise 90 Prozent der Hühner in ihrem fünfwöchigen Turboleben Antibiotika.

Die abschließende These 10 lautet:

Das ist schlicht falsch: Der Tod von mehr als tausend Tieren pro Mastdurchgang ist in einem 40.000er-Stall einkalkuliert. Und es gibt eindeutige Zahlen, die belegen, dass sich durch die im Tierschutzlabel festgelegte geringfügige Entschleunigung im Stall Krankheiten, Mortalitätsraten und Antibiotikaeinsatz deutlich verringern lassen.

Das Kalkül der Kampagne ist klar: Sollen sich doch ein paar Leute in der Internet-Diskussion austoben, das Interesse wird sich in Grenzen halten – aber Millionen sehen unsere schönen Anzeigen. Dabei bringen viele Diskussionsbeiträge die Sache auf den Punkt – wie etwa Wolfram Beer, der bei uns das letzte Wort haben soll:

PS: Noch was Schönes aus der Geflügelthesen-Diskussion: Am 5. Juni beendet Sabine Weber ihre Kritik am „austauschbaren Blabla“ unter These 02 mit dem Hinweis: „Bitte diesmal entweder nicht antworten, oder keine Floskel, die ich mir nicht auch selbst zusammenschleimen kann.“ Was tut die „Deutsche Geflügelwirtschaft“? Sie antwortet Frau Weber „trotz Ihrer Skepsis unseren Argumenten gegenüber“, indem sie aus ihrem eigenen Text zu These 08 folgenden Satz herauskopiert: „Eine pauschale Betrachtung nach dem Motto ‘Klein ist gut und groß ist schlecht‘ greift in der Diskussion um die sensible Thematik der Tierhaltung aus unserer Sicht zu kurz.“

Schlagworte: Deutsche Geflügelwirtschaft, Tierschutzlabel, Wiesenhof, Auslauf, 10 Thesen, Dialog
20. Februar 2013

Bild: Der Irrsinn mit den Schlagzeilen

Seit einer Woche liefert der Pferdefleisch-Skandal den Medien täglich Schlagzeilen, weil immer mehr betroffene Produkte und immer neue Details über die kriminellen Methoden der Fleischpanscher bekannt werden.

Um sich da von der Konkurrenz noch abzuheben, hat sich die Bild-Zeitung am Mittwoch eine Variante ausgedacht: „Der Irrsinn mit den Gütesiegeln!“ titelte sie in grüner Optik und gab sich aufklärerisch: „Jetzt kommt raus: Auch Produkte, die Pferdefleisch enthielten, waren mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet.“

Fünfzig verschiedene Lebensmittel-Label druckte das Blatt auf Seite eins ab, größtenteils die Siegel der Bioverbände und Bio-Markenembleme. Das sah gut aus und vermittelte den Eindruck, die Biobranche sei in den Pferdefleischskandal irgendwie verstrickt.

Erst auf der zweiten Seite erfuhr man dann, was „der Pferdefleisch-Skandal“ beziehungsweise die Bild-Zeitung tatsächlich aufgedeckt hatten: „Die Tortelloni Marke Combino enthielt Pferdefleisch – und war gleichzeitig mit dem Gütesiegel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ausgezeichnet.“ Hier stellte die Zeitung plötzlich auch die richtigen Fragen: „Was nützt ein Gütesiegel, wenn nicht drin ist, was draufsteht?“

Das DLG-Siegel, das auf Seite eins zwischen 49 anderen Siegeln kaum auffiel, steht seit langem in der Kritik, weil es fast gar nichts aussagt: Es wird an konventionelle Lebensmittel verliehen, nicht staatlich überprüft und prangt auf zahllosen Produkten zweifelhafter Qualität. Der Bild-Zeitung erklärte ein DLG-Sprecher, die Siegelvergabe erfolge vor allem aufgrund von Aussehen, Konsistenz, Geruch und Geschmack. Im Jahr 2011, kurz bevor die katastrophalen hygienischen Zustände bei „Müller-Brot“ bekannt wurden, erhielten 14 Produkte dieser Marke DLG Gold.

Auf Seite zwei zeigte die Bild-Zeitung auch noch ein paar Siegel, denen man vertrauen könne: das deutsche Bio-Sechseck, das „Ohne Gentechnik“-Logo, das „Regional-Fenster“ und die Siegel von drei großen Bioverbänden. Dass die meisten der anderen abgedruckten „Label“ sehr wohl ihre Berechtigung haben, ob nun als Hinweis auf den veganen oder glutenfreien Inhalt oder einfach als Bio-Marke, war da schon wieder zu kompliziert. Nach einem Hinweis, dass Pferdefleisch bisher in keinem einzigen Bioprodukt gefunden wurde, suchte man vergeblich.

„Wer blickt da noch durch?“, fragte Bild auf dem Titel. Ganz klar: Nur derjenige, der sich bis ins Kleingedruckte auf Seite zwei überhaupt durchkämpfte.

Schlagworte: Bild-Zeitung, Pferdefleisch, Bio-Siegel, DLG
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